Barock Merkmale
Die barocken Dichter trugen viel zur Entwicklung der deutschen Literatur bei. | Foto: cristianoalessandro/Getty Images
Autor

14. Aug 2019

Elena Weber

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Die wichtigsten Merkmale des Barock

Todessehnsucht, Carpe diem und Dreißigjähriger Krieg

Barock: Eine Epoche der Gegensätze

Der Barock ist eine Epoche der Gegensätze. Einer überbordenden Prachtentfaltung und Lebensfreude stehen Todesangst und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit gegenüber. Grund dafür ist der Dreißigjährige Krieg, der diese Epoche und das Denken der Menschen maßgeblich prägte. Was das für die Literatur dieser Zeit bedeutet und welche typischen Merkmale des Barock du in Gedichten finden kannst, erklären wir dir hier.

Inhaltsverzeichnis

  1. Zeitgeschichtliche Einordnung
  2. Dreißigjähriger Krieg
  3. Antithetik
  4. Literarische Motive
  5. Barocklyrik
  6. Literaturformen
  7. Sprache

Zeitgeschichtliche Einordnung

Die deutsche Literaturepoche des Barock folgt auf die Epoche der Renaissance und des Humanismus und umfasst den Zeitraum von circa 1600 bis 1720. Der Begriff leitet sich von dem portugiesischen Wort "barocco" ab, das aus der Juweliersprache stammt und "seltsam geformte, schiefrunde Perle" bedeutet. In der Moderne, die eine völlig andere, schlichtere und geradlinigere Ästhetik entwickelte, ist der Begriff eher negativ gefärbt und wird oft mit überfrachtetem Schwulst und fälschlicherweise auch mit Kitsch gleichgesetzt. Möglicherweise hast du den Begriff "Gelsenkirchener Barock" schon mal gehört? Diese ironisch gemeinte Bezeichnung bezieht sich auf wuchtige, aus der Mode gekommene Möbelstücke, die heute als kitschig gelten.

Die Merkmale dieser Epoche beschränken sich nicht allein auf die Literatur, sondern kommen auch in anderen Bereichen zum Ausdruck, etwa in der Mode, der Architektur, der Malerei, der Musik oder dem Gartenbau. Sie alle zeichnen sich durch einen ausdrucksvollen, aus heutiger Sicht überladenen Stil aus – denk an die pompösen Barockschlösser mit all ihren Schnörkeln und Verzierungen (beispielsweise das Schloss Versailles) oder die ausladenden, mit zahlreichen Rüschen und Schleifen besetzen Kleider (adelige Frauen trugen bis zu zwölf Unterröcke!). Dieser Hang zum überbordenden Zierrat findet sich auch in der Literatur in Form einer üppigen Bildsprache.

Der Dreißigjährige Krieg

Um das Weltbild des Barock und damit die Merkmale dieser Epoche zu verstehen, ist es wichtig, sich den zeitgeschichtlichen Hintergrund anzusehen, vor dem die Barockliteratur entstanden ist. Das prägendste Ereignis dieser Zeit war der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648). Seine Dauer und Brutalität entvölkerte ganze Landstriche und sorgte mit Seuchen, Tod und Hungersnöten für großes Leid in der Bevölkerung.

Ursprünglich war der Dreißigjährige Krieg ein Religionskrieg zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union. Ausgangspunkt war die im Jahre 1517 beginnende Reformation und die damit einhergehende Abspaltung der Protestantischen von der Katholischen Kirche. Sie spaltete Deutschland wie Europa konfessionell. Gleichzeitig entluden sich in diesem Krieg machtpolitische Interessenkonflikte, die größtenteils auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation ausgetragen wurden. In Folge des Krieges schrumpfte die deutsche Bevölkerung um ein Drittel, Regionen verödeten und die bäuerliche Bevölkerung starb praktisch aus.


Barock Merkmale Schloss Versailles


Barock Merkmale: Ein antithetisches Weltbild

Die Erfahrungen mit dem Krieg und seinen Folgen spiegeln sich in einem antithetischen, also gegensätzlichen Weltbild wider, das der damaligen Lebenswirklichkeit der Menschen entspricht: Während an den Fürstenhöfen nach dem Vorbild des französischen Absolutismus Luxus und Verschwendung herrschten, war das Leben der einfachen Bevölkerung geprägt von Armut und Pessimismus. Prunkvolle Bauten sollten die Macht des Adels demonstrieren, während ganze Landstriche ausgestorben waren. Dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit stand der Drang nach Sinnes- und Lebensfreude gegenüber.

 In der Lyrik wird die Verwendung solcher inhaltlichen Gegensätze als Antithetik bezeichnet. Typische Gegensatzpaare, die du als Motive in barocken Gedichten finden kannst, sind:

  • Diesseits und Jenseits
  • irdisches und himmlisches Leben
  • Tugend und Wollust
  • Erotik und Askese
  • Spiel und Ernst
  • Schein und Sein

Literarische Motive im Barock

Die Lyrik des Barock ist im Wesentlichen von drei Leitmotiven geprägt: Vanitas, Memento mori und Carpe diem. Sie beschreiben das Lebensgefühl der Menschen und setzen sich mit der Angst und der Bedrohung vor und durch den Krieg auseinander.

Das Vanitas-Motiv

Das Vanitas-Motiv ist ein bedeutendes Thema in der barocken Kunst. Der lateinische Begriff bedeutet "Vergänglichkeit", "Nichtigkeit", "Eitelkeit" oder "Misserfolg". Entsprechend stellt der Vanitas-Gedanke die Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit des Menschen in den Vordergrund. Darin liegt auch ein religiöser Aspekt: Das irdische Leben ist vergänglich, gemäß dem christlichen Glauben gibt es dafür ein besseres Leben im Jenseits.

Memento mori

Auch das Memento-mori-Motiv rückt das Thema Tod und Vergänglichkeit in den Fokus. Übersetzt bedeutet Memento mori "Bedenke, dass du sterben musst" und erinnert an den Tod, der durch den anhaltenden Krieg ja nah war. Der Gedanke an den allgegenwärtigen Tod steht im Gegensatz zur Idee des Carpe diem, das daran appelliert, den Tag zu nutzen.

Carpe diem

"Nutze den Tag": gemäß dem antithetischen Weltbild im Barock ist das Carpe-diem-Motiv der Gegenpart zum Memento mori. Dabei geht es nicht um den Tod, sondern das Leben. Es ruft dazu auf, den Tag bewusst zu leben und zu genießen und den Gedanken an die eigene Vergänglichkeit nicht zu schwerzunehmen.

In barocken Gedichten wirst du immer auf diese Motive treffen, ebenso wie dir in der Barocklyrik immer die typische Antithetik dieser Epoche begegnen wird. In deiner Gedichtanalyse solltest du darauf also auf jeden Fall hinweisen und kurz erklären, was diese Motive bedeuten und warum sie ein Barock Merkmal sind.


Barock Merkmal Vanitas


Barocklyrik

Die Themen des Barock fanden vor allem in der literarischen Gattung der Lyrik ihren Ausdruck. Gedichte waren die bevorzugte Literaturform dieser Epoche. Eine typisch barocke Gedichtform ist das Sonett. Auch Elegie, Epigramm und Ode gehören zu den vorherrschenden Gedichtformen des Barock.

Sonett

Das Sonett besteht aus 14 Verszeilen, die in vier Strophen eingeteilt sind: Auf zwei Quartette folgen zwei Terzette. Als Metrum ist ein sechshebiger Jambus üblich, der sogenannte Alexandriner

Elegie

Die Elegie hat eine wehmütige, resignierende Grundstimmung und besteht nur aus Distichen, also Zweizeilern. Diese Zweizeiler setzen sich in der Regel aus Daktylen zusammen. Der Daktylus ist ein Versmaß.

Epigramm

Das Epigramm ist ein kurzes Sinn- oder Spottgedicht, das in geraffter, zugespitzter Form unterschiedlichste Gedanken ausdrücken kann. Folglich ist es sehr kurz und pointiert. Häufig sind Epigramme antithetisch aufgebaut: Der erste Vers stellt eine Behauptung auf, die in den nachfolgenden verneint wird.

Ode

Die Ode ist eine Gedichtform mit einem besonders feierlichen und erhabenen Stil. Das liegt daran, dass sie ihren Ursprung im antiken Chorgesang hat und deshalb zu einer Melodie gesungen wurde. 

Wichtige deutsche Barockdichter

Zu den bedeutendsten Barocklyrikern zählt Andreas Gryphius (1616 bis 1664). Sein Sonett "Es ist alles eitel" von 1637 wird dir im Deutschunterricht garantiert begegnen, wenn es um die Epoche des Barock geht.
Weitere wichtige Barockdichter, die du kennen solltest, sind:

  • Martin Opitz (1597 bis 1639)
  • Jakob Biedermann (1578 bis 1639)
  • Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (161 bis1679)
  • Christoffel von Grimmelshausen (1622 bis 1676)

Weitere barocke Literaturformen

Auch wenn das Gedicht im Barock die beliebteste literarische Ausdrucksform war, wurden natürlich auch Prosa-, also erzählende Texte verfasst, etwa Romane, Schwank, Satire oder Sprüche. Bekanntestes Werk ist hier der Schelmenroman "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen aus dem Jahr 1668. Er gilt als der erste Abenteuerroman. Ansonsten gab es im Barock viel nicht-fiktionale Literatur: Reisebeschreibungen, Predigten und journalistische wie wissenschaftliche Werke.

Theaterdichtung gab es im deutschsprachigen Raum kaum. Stattdessen waren die Tragödien und Komödien von Shakespeare und Molière beliebt.

Die Sprache des Barock

Da im Barock die äußere Ästhetik und die Sprache eine große Rolle spielten, findest du in Barockgedichten zahlreiche rhetorische Mittel. Die bildhafte Sprache ist, ähnlich wie die Prachtbauten der Fürsten oder die Kleider der adeligen Frauen, so üppig und ausdrucksstark, dass du dich davon beim ersten Lesen regelrecht erschlagen fühlen kannst. Entsprechend sind auch die gängigen Stilmittel die, die ein starke Bildsprache haben: Metaphern, Personifikationen, Antithesen, Allegorien, Repetitio (Wiederholungen), Symbole und Hyperbolik (Übertreibungen).

Generell folgten die barocken Literaten einem klar festgelegten Muster. So war die Sprache der Dichtung in drei Gattungen unterteilt. Sie spiegeln die Ständegesellschaft – Adel, Bürgertum und Bauern – wider:

  1. Gattung: Hoher Stil = würdevolle Sprache
  2. Gattung: Mittlerer Stil = normale Sprache
  3. Gattung: Niederer Stil = einfache Sprache

Im Barock war es wichtig, die Merkmale der Literatur einzuhalten. Im gegensatz zu vielen anderen, späteren Epochen wie der Romantik (1795 bis 1848) oder der Trümmerliteratur (1945 bis 1950), ging es nicht darum, etwas Neues zu erfinden, sondern den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen in den Werken wiederzufinden. Das wurde dadurch erleichtert, dass Texte erstmals nicht mehr in Latein, sondern in deutscher Sprache verfasst wurden. Die barocken Dichter sind somit maßgeblich für die Entwicklung und Entfaltung der neuhochdeutschen Literatur verantwortlich.


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