Sturm und Drang (1765–1790): Die vier wichtigsten Merkmale

Elena Weber - 11.04.2024

Goethe-Schiller-Denkmal-Weimar

Die zwei wohl bekanntesten deutschen Dichter waren Stürmer und Dränger: Goethe (l.) und Schiller. | Foto: marako85/Getty Images

Die Strömung des Sturm und Drang

Der Sturm und Drang (1765–1790) fällt in die Epoche der Aufklärung und entwickelte sich aus der Empfindsamkeit (1740–1790). Sie steht in engem Zusammenhang mit der Empfindsamkeit. Auch eine Abgrenzung zur frühen Klassik ist nicht immer eindeutig möglich. Daher kannst du an der Strömung des Sturm und Drang sehr anschaulich sehen, wie eng die einzelnen Literaturepochen miteinander verwoben sind. Sie folgen nicht in einem abrupten Wechsel und enden von einem auf den anderen Tag, sondern gehen oft fließend ineinander über, beeinflussen oder bedingen sich gegenseitig und verlaufen parallel zueinander. Um die Gedankenwelt des Sturm und Drang sowie die Sturm und Drang Merkmale zu verstehen, musst du die Epoche also immer im Zusammenhang mit der Aufklärung sehen. So gelingt dir dann auch die Interpretation von Sturm und Drang Gedichten.

"Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit" (Friedrich Schiller, Die Räuber)

Auf einen Blick: Sturm und Drang

  • Zeitraum: 1765–1790
  • Einordnung: verläuft parallel zu Aufklärung und Empfindsamkeit
  • bedeutende Ereignisse: die Französische Revolution
  • Merkmale: Geniekult, tragisches Heldentum, Kritik am Feudalismus
  • Literatur: Drama als zentrale Textsorte
  • Vertreter: Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried von Herder

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Zeitgeschichtliche Einordnung

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte der Geist der Aufklärung das philosophische und literarische Denken im deutschen Sprachraum. Der Verstand war das Ideal der Zeit. Durch seinen freien Einsatz sollte, wie der Philosoph Immanuel Kant es 1784 formulierte, der "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" erreicht werden. Literatur hatte die Aufgabe, ihre Leserschaft moralisch zu bilden und deren Vernunft zu wecken. Folglich strebte man nach einer regelmäßigen Dichtkunst, die klaren Vorgaben folgte. Der Sturm und Drang "stürmte" und "drängte" als Protest- und Jugendbewegung gegen diese aufklärerischen Ideale.

Die Bezeichnung "Sturm und Drang" stammt von der gleichnamigen Komödie des deutschen Dichters Friedrich Maximilian Klinger aus dem Jahr 1777. Die Bewegung  beschränkt sich allein auf den deutschsprachigen Raum. Der von der Vernunft bestimmten Aufklärung setzten die Stürmer und Dränger Gefühle und Fantasie entgegen. Sie rebellierten gegen die Ideale der Aufklärung. Die überwiegend jungen Autoren lehnten die Vernunft als höchstes Gut ab. Mit ihrer Protestbewegung richteten sie sich außerdem gegen

  • die absolutistischen Obrigkeiten.
  • das Bürgertum mit seinen veralteten Moralvorstellungen.
  • die Literaturtradition.

Weitere Literaturepochen

Die Merkmale des Sturm und Drang

Die Stürmer und Dränger lehnten sich gegen ihre Vätergeneration auf, wandten sich gegen Autorität und Tradition und betrachteten den Einzelnen als gottähnliches Wesen. Diese Denkweise äußerte sich in verschiedenen Merkmalen, die sich in den drei literarischen Gattungen inhaltlich wie sprachlich bemerkbar machen.

Geniekult

Das Originalgenie war das Leitbild des Sturm und Drang. Die Stürmer und Dränger sahen darin einen Menschen, der nach seinen eigenen Wünschen und Regeln lebt und sich nicht irgendwelchen Autoritäten unterordnet. Die freie Selbstentfaltung ist sein oberstes Ziel, immer aber mit Rücksicht auf andere Daseinsformen. Dadurch ergibt sich der starke Ich-Bezug der Stürmer und Dränger. Das Individuum und seine Emotionen, nicht die Rationalität, stehen im Mittelpunkt.

Am deutlichsten zeigt sich der Geniekult des Sturm und Drang in Goethes Hymne "Prometheus" von 1774. Sie verherrlicht das Genie, das sich trotzig von Autoritäten abwendet und selbstbewusst eigene Schöpfungen hervorbringt. Darin heißt es:

Ich kenn nichts Ärmeres    
unter der Sonn als euch, Götter     
[...]    
Hier sitz ich, forme Menschen    
Nach meinem Bilde,    
Ein Geschlecht das mir gleich sei,    
Zu leiden, zu weinen,    
Zu genießen und zu freuen sich    
Und dein nicht zu achten,    
Wie ich!

Ausdrucksstarke Sprache

Die Betonung der Gefühle spiegelt sich in einer ausdrucksvollen Sprache wider. Halbsätze, Ausrufe und Kraftausdrücke bringen die emotionsbetonte Grundhaltung der Stürmer und Dränger sprachlich zum Ausdruck. Gleichzeitig zeigt sich an dieser Form der sprachlichen Gestaltung auch die Jugendsprache, die in die Werke der ja überwiegend jungen Literaten einfloss. An die Stelle einer hochgestochenen Sprache, die den von den Protestlern abgelehnten adeligen Obrigkeiten zugeschrieben wurde, trat die Sprache des Volkes.

Tragisches Heldentum

Ob antike Helden wie Prometheus oder die Tragödien von Shakespeares Protagonisten – die Stürmer und Dränger verehrten und bewunderten tragische Helden. Oft übernahmen sie sie in ihre eigenen Werke, wie du beispielsweise an Goethes Hymne "Prometheus" sehen kannst.

Kritik am Feudalismus

So sehr sich der Sturm und Drang auch gegen die Aufklärung wandte, eine Gemeinsamkeit verband sie: die Kritik am Feudalismus. Das von adeligen Autoritäten dominierte Gesellschaftssystem dieser Zeit wurde von Sturm und Drang und Aufklärung gleichermaßen abgelehnt. 

Auf einen Blick: die Merkmale des Sturm und Drang

Merkmal Bedeutung äußert sich in
Geniekult Der Mensch soll sich frei entfalten. starkem Ich-Bezug
ausdrucksstarke Sprache Betonung der Gefühle Verwendung von Halbsätzen, Ausrufen, Kraftausdrücken und Sprache des Volkes
tragisches Heldentum Bewunderung tragischer Helden Übernahme antiker Helden in eigene Werke
Kritik am Feudalismus Der Mensch soll nicht nach den Regeln der Obrigkeit leben. Ablehnung der vom Adel dominierten Gesellschaftsordnung

Die Literatur des Sturm und Drang

Viele Epochen haben eine bevorzugte Literaturgattung. Die gefühlsbetonten Ideale der Romantik oder des Barock kamen beispielsweise besonders gut in der Lyrik zum Ausdruck, das Drama spielte im Barock hingegen keine Rolle. Im Sturm und Drang ist das Drama das zentrale Genre der Strömung. Aber auch in den anderen Gattungen experimentierten die Stürmer und Dränger mit unterschiedlichen Formen und Elementen.

Die Epik des Sturm und Drang

Das bekannteste Werk aus der Gattung der Epik und wohl das bekannteste Werk der gesamten Epoche ist "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1774. Das liegt zum einen an der Form: Als Briefroman vermittelte diese neue Art der erzählenden Prosa Echtheit sowie die Möglichkeit, durch den Briefwechsel tief in die Gefühlswelt des Protagonisten einzutauchen. Zum anderen thematisiert das Werk mit Werthers Selbstmord ein absolutes Tabuthema. Bereits 1775 wurde Goethes Briefroman wegen des sogenannten Werther-Effekts verboten. Denn der Roman war nicht nur ein großer Erfolg. Er zog auch zahlreiche Selbstmorde nach sich, die nach dem Vorbild Werthers begangen wurden. Die Stürmer und Dränger sahen in dem Briefroman einen Protest gegen die Normen und Zwänge der Gesellschaft und verstanden ihn als Rebellion gegen die Unterdrückung des Individuums. Der Freitod wurde verherrlicht als der letzte Ausweg eines nach Freiheit strebenden Ichs.

Goethes Werther gilt als Schlüsselroman des Sturm und Drang und war der erste weltweite Bestseller der deutschen Literatur. Noch heute spricht man vom Werther-Effekt, wenn man davon ausgeht, dass in Medien dargestellte Inhalte zu einer erhöhten Suizidrate führen. So sorgt beispielsweise die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" wegen des befürchteten Werther-Effekts nach wie vor für Diskussionen, weil hier Selbstmord nicht nur thematisiert, sondern in der ursprünglichen Version auch explizit gezeigt wurde. Inzwischen hat Netflix die Szene aus der Serie entfernt. 

Die Lyrik des Sturm und Drang

Da die Autoren und Autorinnen des Sturm und Drang eine Poesie ablehnten, die starren Vorgaben folgen, verfolgten sie das Konzept einer freien Poetik. Auch hier war Goethes Schaffen prägend. Mit der Erlebnislyrik rückten persönliche Erlebnisse in den Mittelpunkt literarischer Werke, die zu allgemeinen Aussagen erweitert wurden. Erlebnislyrik sollte den Eindruck erwecken, als würde der Leser oder die Leserin sie gerade erleben. Das zentrale Motiv dieser Art der Lyrik ist die Natur. In ihr spiegeln sich die Empfindungen und Stimmungen des lyrischen Ichs. Sehr anschauliche Beispiele dafür sind Goethes "Willkommen und Abschied" oder seine Ballade "Der Erlkönig".

Tipp

Sturm und Drang Gedichte interpretieren

Im Sturm und Drang verschmelzen die Einflüsse verschiedener Literaturepochen miteinander. Was das für die Epoche bedeutet und wie du Sturm und Drang Gedichte richtig analysieren kannst, verraten wir dir hier.

Mehr Infos >>

Die Dramatik des Sturm und Drang

Die Dramatik war im Sturm und Drang die verbreitetste Literaturgattung. Typisch für die Dramen dieser Zeit war der tragische Held, der seinem Scheitern nur durch Selbstmord, Mord oder Selbstverstümmelung entkommen kann. Weitere Merkmale dramatischer Texte im Sturm und Drang sind:

  • die Behandlung aktueller gesellschaftlicher Probleme.
  • Konflikte mit der bestehenden Weltordnung.
  • Forderung des Individuums nach Freiheit und Selbstbestimmung.
  • das aufbegehrende Naturgenie.

Damit einhergehend forderten die Autoren und Autorinnen auch hier freie Formen und pochten auf ihre künstlerische Freiheit. Das hatte zur Folge, dass viele Dramentexte nur schwer aufführbar waren. Aber auch darin kannst du das Denken des Sturm und Drang erkennen: Nicht nur wurden gängige Techniken und Einheiten dieser Gattung abgelehnt. Die Schaffenskraft, das Genie des Dichters, setzte sich sogar über das hinweg, wofür dramatische Texte eigentlich geschrieben werden: um auf der Bühne gespielt zu werden.

Autor lebte von berühmte Werke
Johann Wolfgang von Goethe 1749–1832 Die Leiden des jungen Werther" (1774), "Willkommen und Abschied" (1771) oder "Prometheus" (1774)
Friedrich Schiller  1759–1805 "Die Räuber" (1781) oder "Kabale und Liebe" (1784)
Friedrich Maximilian Klinger 1752–1831 "Sturm und Drang" (1776)
Gottfried August Bürger 1747–1794 "Leonore" (1773) oder "Der Bauer an seinen durchlauchigen Tyrannen (1744)
Johann Gottfried von Herder 1744–1803 "Fragmente über die neuere deutsche Literatur" (1767/68) oder "Volkslieder" (1778/79)

FAQ: Häufige Fragen

Was ist typisch für Sturm und Drang?

Typisch für den Sturm und Drang sind eine ausdrucksstarke Sprache, ein tragischer Held, Kritik am Feudalismus, eine schwärmerische Auffassung der Natur und der Geniekult.

Wie erkenne ich ein Sturm und Drang Gedicht?

Im Sturm und Drang steht das Individuum mit seinen subjektiven Gefühlen im Mittelpunkt. Außerdem zeichnet sich ein Gedicht des Sturm und Drang durch seine ausdrucksstarke, gefühlsbetonte Sprache aus.

Welche Stilmittel sind typisch für Sturm und Drang?

Typisch sind vor allem Stilmittel, die eine starke Bildsprache schaffen, etwa Metaphern und Personifikationen sowie Ausrufe, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Der Sturm und Drang im Überblick

  • Der Sturm und Drang ist eine Protestbewegung zur Zeit der Aufklärung.
  • Er richtete sich gegen die vernunftbetonten Ideale der Aufklärung.
  • Geniekult, tragisches Heldentum und Kritik am Feudalismus sind die typischen Merkmale des Sturm und Drang.
  • Typisch für die literarischen Werke dieser Strömung ist eine ausdrucksstarke Sprache.
  • Das bekannteste Werk dieser Zeit ist Goethes "Die Leiden des jungen Werther". 

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