Realismus Epoche
Eine genaue Beobachtung der Wirklichkeit war typisch für die Epoche des Realismus. | Foto: Clarisse Meyer/Unsplash
Autor

21. Jan 2020

Elena Weber

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Realismus: Epoche der schönen Wirklichkeit (1848–1890)

Objektivität, Humor und Ästhetisierung

Realismus: Hinwendung zur Wirklichkeit

Der Realismus war eine Literaturepoche in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die durch die Hinwendung zur Wirklichkeit geprägt war. Diese sollte literarisch aufgearbeitet und in geschönter, ästhetisierter Form dargestellt werden. Realismus heißt also nicht, dass die Wirklichkeit schonungslos abgebildet wurde. Vielmehr ging es darum, die Wahrheit, die in den Dingen steckt, herauszuarbeiten. Um diese Wahrheit zu erkennen, war eine genaue Beobachtung notwendig. Für die Literatur des Realismus bedeutet das: Es wurde geschrieben, wie es sein könnte, nicht, wie es tatsächlich war.


"Poesie der Wirklichkeit, die nackten Stellen des Lebens überblumend […] durch Ausmalung der Stimmung und Beleuchtung des Gewöhnlichsten im Leben mit dem Lichte der Idee." (Otto Ludwig über den Realismus)


 Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Zeitgeschichtliche Einordnung
  3. Merkmale
  4. Literatur
  5. Überblick

Realismus Epoche: Definition

Wie die Epochenbezeichnung schon sagt, stand im Realismus die Realität im Mittelpunkt. Es ging darum, etwas realistisch, also wirklichkeitsgetreu darzustellen. Allerdings kann der Begriff es dir auch erschweren, ein Werk eindeutig dem Realismus zuzuordnen. Denn auch andere Epochen – etwa die Aufklärung (1720–1800) oder die Neue Sachlichkeit (1918–1933) – hatten das Ziel, die Wirklichkeit so realistisch und authentisch wie möglich widerzuspiegeln. Auch der Schelmenroman im Barock (1600–1720) oder die Novellen und Schwänke des Mittelalters und der Renaissance beinhalten etwas Realistisches. Realismus an sich kann also auch ein Merkmal von Werken sein, die in einer ganz anderen Zeit entstanden sind. Auch darfst du dir unter der Literatur der Realismus Epoche kein realistisches Schreiben im eigentlichen Sinn vorstellen. Der Realismus lieferte vor allem in Deutschland kein radikales, ungeschöntes Bild der Realität. Das tat erst der ihm nachfolgende Naturalismus. Stattdessen ging es um eine Verschönerung, eine Verklärung der Wirklichkeit. Theodor Fontane Realismus

Als Epochenbezeichnung geht der Begriff zurück auf eine Aufsatzsammlung des französischen Schriftstellers Jules Champfleury, der den Titel "Le réalisme" trug. Die deutsche Literatur dieser Zeit wird auch als "poetischer Realismus" bezeichnet. Außerdem kann dir auch die Bezeichnung "bürgerlicher Realismus" begegnen, was daran liegt, dass es im Realismus um das Bürgertum und seine Lebenswelt ging.

Zeitgeschichtliche Einordnung

Die Epoche des Realismus umfasst in der deutschen Literaturgeschichte den Zeitraum von 1848 bis 1890. Damit folgt sie der gefühlsbetonten Epoche der Romantik (1795–1848) und geht dem Naturalismus (1880–1900) voraus. Zudem löst der Realismus den Vormärz (1815–1848) und den Biedermeier (1814/15–1848) ab.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technischer Ebene viele Entwicklungen, die die Lebenswelt der Menschen stark veränderten. Diese waren vor allem von der Märzrevolution von 1848 geprägt, die eine Demokratisierung der politischen Herrschaftssysteme, die Schaffung von Nationalstaaten und eine Neuordnung der Sozialverfassungen gefordert hatte. Da die Revolution jedoch gescheitert war und das politische Mitspracherecht, das sich die Bevölkerung erhofft hatte, ausblieb, musste die Rolle des Einzelnen neu definiert werden. Wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse, wie das christliche Weltbild oder die Ständegesellschaft, wurden infrage gestellt. Zudem veränderte die fortschreitende Industrialisierung die Arbeitswelt.

Wichtige Veränderungen im 19. Jahrhundert:

  • Industrialisierung
  • Arbeitslosigkeit
  • Verstädterung
  • Herausbildung einer Arbeiterschicht, dem sogenannten Proletariat
  • Ständegesellschaft und Großfamilie werden unwichtiger.
  • Darwins Evolutionstheorie

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich das Bedürfnis einer sachlich-nüchternen Betrachtung der Gegenwart.


Industrialisierung Realismus


Merkmale des Realismus

Die Rolle des Einzelnen in dieser sich verändernden Welt war Gegenstand des Realismus in Kunst und Literatur. Bezugsrahmen war das Bürgertum in den Städten. Da sich der Realismus ganz auf das Abbild der Wirklichkeit konzentrierte, gab es keine besonders große Themenvielfalt. Anders als in anderen Epochen fand auch keine bewusste Auseinandersetzung mit den politischen oder gesellschaftlichen Hintergründen statt.

Stattdessen rückten die Literaten und Literatinnen den einzelnen Menschen, meist Kaufleute, Bauern oder Handwerker, in den Mittelpunkt und stellten die Auswirkungen der gesellschaftlichen Gegebenheiten auf des Leben des Einzelnen kommentarlos und wertfrei dar. Die großen politischen und gesellschaftlichen Themen und Probleme wurden vermieden. Stattdessen waren zwei Tendenzen besonders ausgeprägt: Der Regionalismus, der sich mit den Menschen und ihrer Heimat beschäftigte, und der Historismus, der sich mit der Vergangenheit befasste und eine wirklichkeitsgetreue Schilderung ermöglichte.

Sprache

So wie die Inhalte nüchtern und sachlich sein sollten, so ist auch die Sprache des Realismus klar und schlicht. Das war wichtig, damit die Menschen die Sprache problemlos verstehen, an der Literatur teilhaben und sich eine eigene Meinung bilden konnten. Gleichzeitig hatte die Sprache die Aufgabe, die Wirklichkeit dichterisch auszugestalten. Deswegen war die Sprache im Realismus durchaus auch poetisch und kunstvoll.

Objektivität

Dem Realismus mit seiner Wirklichkeitsnähe ging es nicht darum, Missstände anzuklagen, wie es in anderen Epochen passierte. Die Vertreterinnen und Vertreter des Realismus verstanden sich eher als distanzierte Beobachter und Beobachterinnen, die nur selten Stellung bezogen und ihre Ansichten und Meinungen außen vor ließen. Die Leserschaft sollte sich selbst ein Urteil bilden. Deswegen war eine größtmögliche Objektivität wichtig. Wenn also Theodor Fontane in "Effi Briest" auf eine wahre Begebenheit zurückgreift und die Geschichte einer arrangierten Ehe erzählt, kritisiert er die gesellschaftliche Norm dieser Zeit nur indirekt.

Verschönerung

Der Realismus wollte die Wirklichkeit literarisch verarbeiten, im Alltag das Besondere finden und es zu etwas Schönem, Künstlerischem machen. Es war die Aufgabe des Autors und der Autorin, die Schönheit aus Dingen herauszuarbeiten. Es fand eine Ästhetisierung des Alltäglichen statt, bei der Details herausgegriffen und verschönert wurden. Dieses Prinzip kannst du sehr gut an dem Schaukelmotiv aus dem Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane aus dem Jahr 1894 nachvollziehen:

"Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen."


Schaukelmotiv Effi Briest Realismus


Die schiefe Schaukel ist eigentlich nur ein kleines Detail in der Beschreibung, veranschaulicht aber sehr gut das Konzept des Realismus. Sie bildet einen Kontrast zu der ansonsten wohlgeordneten Szenerie und wird durch einen Gedankenstrich hervorgehoben. Daran zeigt sich zum einen, dass der Realismus sich alltägliche Details aufgriff und sie aus dem Gewöhnlichen hervorstechen ließ. Zum anderen benutzten Literaten und Literatinnen des Realismus Orts-, Landschafts- oder Wetterbeschreibungen auch als Charakterbeschreibungen. Auf "Effi Briest" bezogen bedeutet das: Die Schaukel steht für Effis unbeschwerte Kindheit sowie ihre kindliche, abenteuerlustige und leichtsinnige Persönlichkeit. Diese passt nicht in ihr geordnetes, klaren Regeln folgendes Umfeld.


Literaturverzeichnis Vorlage DownloadGerade das Merkmal der Verschönerung ist eigentlich ein Widerspruch zu dem nach Objektivität und Wirklichkeitsnähe strebenden Realismus, war aber vor allem in Deutschland sehr verbreitet. Deshalb spricht man hier vom "poetischen Realismus".


Humor

Ein weiteres wichtiges stilistisches Mittel in den Werken des Realismus ist der Humor. Durch Humor, der sich auch in Ironie und Satire äußerte, sollte eine Distanz zur Wirklichkeit geschaffen werden. Humor war auch eine Möglichkeit, Kritik zu verpacken und die negativen Seiten des Lebens, wie Elend, Tod oder Krankheit, darzustellen. Humorvolle oder ironische Einschübe stellten zudem eine Distanz zum Erzählten her. Ein gutes Beispiel für eine humorvolle Erzählung ist "Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen” von Wilhelm Busch.



Die Literatur des Realismus

Die Literatinnen und Literaten der Zeit hatten die Aufgabe, das Alltägliche besonders zu machen, indem sie es poetisierten und ästhetisierten. Wie in den meisten anderen Literaturepochen auch, gab es Literaturformen, mit denen sich die Ideen der Zeit besonders gut umsetzen ließen.

Epik

Die Epik war die wichtigste literarische Gattung des Realismus. Beliebte epische Literaturformen waren vor allem Romane und Novellen, da sie einerseits den Raum boten, die Lebensumstände der Figuren ausführlich darzustellen, andererseits aber auch eine erzählerische Distanz möglich machten. Es gab:

  • Entwicklungsromane
  • Gesellschaftsromane
  • Historische Romane

Ein bekanntes Beispiel für einen Gesellschaftsroman ist "Irrungen und Wirrungen” aus dem Jahr 1888. Der Roman von Theodor Fontane thematisiert die nicht standesgemäße Liebe zwischen dem Baron und Offizier Botho von Rienäcker und der kleinbürgerlichen Schneiderin Magdalene Nimptsch, die ganz im Sinne des Realismus, die Unmöglichkeit ihrer Liebe erkennen.

Darüber hinaus waren auch die Reiseliteratur und die Dorfgeschichte verbreitete epische Literaturformen zur Zeit des Realismus. Die Reiseliteratur schilderte Orte möglichst objektiv, die Dorfgeschichte lenkte den Fokus auf das Individuum und seine Probleme. All diese epischen Formen auf eine überschaubare Anzahl von Figuren beschränkt, um das Individuum und seine Probleme in den Vordergrund zu stellen. Die Erzählperspektive war meist ein auktorialer Erzähler. Ebenfalls typisch waren ein festgelegter Ort und Zeitpunkt, an und zu dem die Geschichte spielte.

Lyrik

Insgesamt löste sich die Lyrik des Realismus von der überladenen Metaphorik der Romantik und des Biedermeier, um sich der Alltagssprache anzunähern. Folglich verwendeten die Dichterinnen und Dichter dieser Zeit eine zwar künstlerische, aber schlichte Sprache.

Verbreitet war vor allem das Dinggedicht, das einen Gegenstand beschreibt, etwa das Gedicht "Der Panther" von Rainer Maria Rilke, eines der bekanntesten Dinggedichte:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Dramatik

Auch wenn in der Epoche des Realismus einige bedeutende Dramen entstanden sind, etwa "Maria Magdalene" (heute meist "Maria Magdalena") und "Judith" von Friedrich Hebbel, spielte die literarische Gattung der Dramatik in dieser Zeit insgesamt nur eine kleine Rolle. Die Dramen stellten nicht so sehr den Einzelnen in den Vordergrund, sondern eher die Beziehung des Menschen zur Gesellschaft, was eigentlich nicht der Idee des Realismus entsprach.

 Wichtige Autoren und Werke:

  • Theodor Fontane (1819–1898), z.B. "Effi Briest" oder "Die Brück am Tay"
  • Wilhelm Busch (1832–1908), z.B. "Max und Moritz"
  • Gottfried Keller (1819–1890), z.B. "Der grüne Heinrich"
  • Theodor Storm (1817–1888), z.B. "Der Schimmelreiter"
  • Gustav Freytag (1816–1895), z.B. "Soll und Haben"
  • Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), z.B. "Das Gemeindekind"

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Der Realismus im Überblick:

  • Mit dem Realismus wandte man sich wieder der Wirklichkeit zu.
  • Die Wirklichkeit sollte sachlich, objektiv und distanziert beschrieben werden, aber nicht eins zu eins, sondern verklärt.
  • Aufgabe der Literaten und Literatinnen war es, zu ästhetisieren. Deswegen entstand in Deutschland der Begriff "poetischer Realismus."
  • Der Bürger als Individuum stand im Mittelpunkt, weshalb man auch vom "bürgerlichen Realismus" spricht.
  • Romane, Novellen und Balladen waren die wichtigsten Literaturformen des Realismus.

Weitere Literaturepochen:


Bildnachweise: Theodor Fontane: Carl Breitbach (1833–1904), Theodor Fontane w, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Max und Moritz (Video): anonym, MaxMoritz, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

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