Kurzgeschichten interpretieren: Darauf kommt es bei deiner Analyse an

Elena Weber - 25.07.2019

Kurzgeschichten interpretieren

Um Kurzgeschichten zu interpretieren, musst du ihre Merkmale kennen. | Foto: undefined undefined/Getty Images

So kannst du Kurzgeschichten interpretieren

In Deutsch in der Oberstufe macht man eigentlich nur eines: analysieren und interpretieren. Ob Gedichte, Romane oder Sachtexte – egal, welches Thema gerade auf dem Lehrplan steht, an einer Textanalyse mit Interpretation schreiben kommst du im Unterricht und erst recht in deiner Klausur nicht vorbei. Eine Textsorte, die dich dabei von der Unterstufe bis zum Abitur verfolgt, ist die Kurzgeschichte.

Eine Kurzgeschichte zu interpretieren scheint auf den ersten Blick einfacher zu sein als beispielsweise eine Gedichtanalyse, weil sie in Prosa verfasst sind und die Sprache dadurch verständlicher ist und das Lesen leichter fällt. Doch gerade bei der Interpretation von Kurzgeschichten besteht die Gefahr, in eine ausführliche Inhaltsangabe abzudriften und formale wie sprachliche Aspekte zu vernachlässigen. Damit dir das nicht passiert und deine Analyse gelingt, erklären wir dir, wie du Kurzgeschichten interpretieren kannst.

Merkmale einer Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte ist eine moderne literarische Form und gehört zur literarischen Gattung der Epik, also der erzählenden Literatur. Der Name ist hier Programm: Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist ihre Kürze. Darüber hinaus gibt es noch weitere Merkmale, die typisch für eine Kurzgeschichte sind:

  • Offener Anfang: Kurzgeschichten haben keine Einleitung, sondern beginnen unmittelbar. Das heißt, dass du als Leser direkt ins Geschehen hineingeworfen wirst, also sofort in der Geschichte drin bist.
  • Offenes oder halboffenes Ende: Kurzgeschichten wollen zum Nachdenken anregen. Deswegen haben sie kein richtiges Ende, sondern überlassen es ihren Leserinnen und Lesern, darüber nachzudenken, wie die Geschichte weiter- oder ausgehen könnte. Bei einem halboffenen Ende wird eine Richtung angedeutet.
  • Keine Exposition: Es gibt keine ausführliche Vorstellung von Figuren oder Orten.
  • Wenige Figuren: In Kurzgeschichten kommen nur wenige Figuren vor, meist nur eine Haupt- und sehr wenige Nebenfiguren. Viele dieser Figuren bleiben zudem anonym und haben meist nicht mal einen Namen.
  • Alltäglichkeit: Die Handlung ist kurz und erzählt aus dem Alltag der Protagonisten. Auch bei den in der Geschichte auftretenden Personen selbst handelt es sich um Alltagspersonen, nicht um Helden.
  • Es wird ein Konflikt thematisiert.
  • Es gibt einen meist überraschenden Wendepunkt.
  • Die Geschichte wird aus der Perspektive eines personalen Erzählers, meist Er-/Sie-Erzählers, erzählt.
  • Kurzgeschichten verwenden eine einfache, alltägliche Sprache.

Die Kurzgeschichte ist eine noch vergleichsweise junge Literaturform. Als "Short Story"entwickelte sie sich im 19. Jahrhundert im englischsprachigen Raum, wo sie in Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht wurde. Als erste Short Story überhaupt gilt die Geschichte "Metzengerstein" des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe aus dem Jahr 1832. In Deutschland entwickelte sich die Kurzgeschichte vor allem im Zusammenhang mit der als "Trümmerliteratur" bezeichneten Nachkriegsliteratur nach 1945.

Kurzgeschichten interpretieren: Erstmal lesen

Am Beginn einer jeden Analyse steht das Lesen. Klingt logisch, ist aber trotzdem einen Erwähnung wert. Denn auch wenn Kurzgeschichten wegen ihrer alltäglichen Sprache erstmal leicht zu lesen sind, heißt das nicht automatisch, dass du sie auch sofort verstehst. Dadurch, dass Kurzgeschichten ihre Leserinnen und Leser unmittelbar in das Geschehen werfen und auf einleitende und erklärende Elemente verzichten, kann es dir passieren, dass du am Anfang erstmal gar keine Ahnung hast, worum es in der Geschichte eigentlich geht. Nicht selten klärt sich das erst mit dem Wendepunkt.

Auch rhetorische Mittel wirst du nicht in der Dichte finden, wie du es etwa aus klassischen Gedichten kennst. Natürlich verwenden auch Kurzgeschichten sprachliche Stilmittel. Häufig springen diese dich aber nicht direkt an und du musst etwas genauer hinschauen. Lies den Text also auf jeden Fall mehrmals durch und notiere dir Auffälligkeiten. Vieles entdeckt man zwar auch beim Schreiben, aber eine gründliche Vorarbeit spart auf jeden Fall Zeit und erleichtert dir den Einstieg in deine Analyse.

Das gehört in die Einleitung

Deine Analyse beginnst du mit einer Einleitung. Die umfasst nicht mehr als ein bis zwei Sätze und muss folgende Aspekte beinhalten: Textart, Titel, Autor oder Autorin, Erscheinungsjahr und das Thema. Ein klassischer Einleitungssatz beginnt beispielsweise so: "Die Kurzgeschichte 'Das Brot' von Wolfgang Borchert aus dem Jahr 1947 handelt von..."

Entscheidend ist, dass du das Thema nicht mit der Handlung gleichsetzt. Die Handlung meint das Geschehen in der Geschichte. Das Thema wiederum ist das, wofür die Handlung steht. Übertragen auf das Beispiel bedeutet das: In der Kurzgeschichte "Das Brot" geht es um einen Mann, der nachts heimlich aufsteht, um Brot zu essen und dabei von seiner Frau erwischt wird. Das ist die Handlung. Die Geschichte spielt in der Nachkriegszeit und thematisiert das Elend der Bevölkerung. Das ist das Thema. Die Handlung verweist also immer auf ein größeres, allgemeingültiges Thema, das du allerdings nicht beim ersten Lesen herausfinden musst. Du kannst es auch einfach in der Einleitung ergänzen, wenn du mit deiner Analyse fertig bist.

So schreibst du den Hauptteil

Im Hauptteil geht es darum, sich den Text und seine Deutung zu erarbeiten. Dazu zerlegst du den Text in seine Einzelteile und arbeitest dich vom Allgemeinen zu den Details vor. Beginne mit einer kurzen Inhaltsangabe.

Inhaltsangabe

Achte bei der Inhaltsangabe darauf, die Handlung der Geschichte kurz und chronologisch in deinen eigenen Worten wiederzugeben. Verzichte dabei auf die direkte Rede und konzentriere dich auf die wichtigsten Aspekte der Geschichte, einschließlich des Wendepunkts und des Endes.

Figurenkonstellation

Du solltest darauf eingehen, welche Figuren in der Geschichte vorkommen und vor allem den Protagonisten kurz charakterisieren. Dies wird nicht besonders ausführlich möglich sein, da Kurzgeschichten nur wenige Informationen zu ihren Figuren geben. Wichtig ist aber, dass du ihre Gedanken und Motive sowie ihren Konflikt schilderst und kurz darlegst, in was für einem Verhältnis sie zu den, falls vorhanden, anderen Figuren in der Geschichte stehen.

Hintergrundinformationen

Je nachdem, aus welchem Jahr die Kurzgeschichte stammt, kann es sinnvoll seine, eine kurze zeitliche Einordnung zu geben und kurz zu erläutern, warum es sich bei dieser Geschichte um eine Alltagssituation aus eben dieser Zeit handelt.

Erzählverhalten

Das Erzählverhalten zu bestimmen ist ein Muss, wenn du Kurzgeschichten interpretierst. Grundsätzlich gibt es vier Erzählverhalten: den auktorialen (= allwissenden) Erzähler, den neutralen Erzähler, den personalen Er-/Sie-Erzähler und den Ich-Erzähler. Kurzgeschichten haben meist ein personales Erzählverhalten, meist in der Er-/Sie-, manchmal auch in der Ich-Perspektive. Dieses Erzählverhalten ermöglicht dem Leser oder der Leserin die Identifikation mit dem Protagonisten oder der Protagonistin.

Erzählperspektive

Neben dem Erzählverhalten gibt es noch die Erzählperspektive.Sie unterscheidet zwischen der Innen- und der Außenperspektive und beschreibt die Perspketive des Lesers zum Geschehen. Sie ist abhängig vom Erzählverhalten. Bei der Innenperspektive liegt der Standort, von dem der Leser oder dieLeserin die Handlung miterlebt in einer Figur selbst. Das ist bei einem eprsonalen Erzählverhalten, als bei einem Er-/Sie-Erzähler oder einem Ich-Erzähler der Fall. Die Außenperspektive nimmst du ein, wenn die Geschichte aus der Sicht eines allwissenden Erzählers erzählt wird. Dann ist auch deine Perspektive dem Geschehen übergeordnet, weil du mehr weißt, als die Figuren.

Erzähltechnik

Ebenso solltest du das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit benennen. Die Erzählzeit meint die Zeitspanne, die du brauchst, um den Text zu lesen. Die erzählte Zeit ist die Zeit, über die sich die Handlung erstreckt. Aus dem Zusammenhang von Erzählzeit und erzählter Zeit ergibt sich das Erzähltempo.

Erstreckt sich die erzählte Zeit beispielsweise über zwei Tage, ist sie bei einer Kurzgeschichte länger als die Zeit, die du brauchst, um die Geschichte zu lesen. Somit handelt es sich um eine Zeitraffung. Erzählt die Geschichte beispielsweise nur einen kurzen Augenblick, du brauchst aber für das Lesen zehn Minuten, handelt es sich um eine Zeitdehnung. Sind Erzählzeit und erzählte Zeit ungefähr gleich lang, spricht man von einem zeitdeckenden Erzählen.

Weitere Infos

Das Erzählverhalten ist ein zentraler Punkt in einer Kurzgeschichte und dar in deiner Textanalyse auf keinen Fall fehlen. Hier findest du alle Infos, die du zur Erzählperspektive brauchst.

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Analyse der Sprache

Neben der inhaltlichen Ebene ist bei literarischen Texten immer auch die sprachliche Ebene von Bedeutung. Bei der Interpretation einer Kurzgeschichte solltest du dir folgende Aspekte anschauen:

  • Sprachstil: Ist der Sprachstil sachlich, ironisch oder bildhaft? Gibt es auffallende Formulierungen, Schlüsselwörter oder Wortfelder, die der Autor oder die Autorin verwendet? In Kurzgeschichten wird häufig Alltagssprache verwendet, sodass du in der wörtlichen Rede oft auch Umgangssprache oder Dialekte findest.
  • Satzbau: Ist der Satzbau hypotaktisch, werden also viele Haupt- und Nebensätze verwendet, oder benutzt der Autor oder die Autorin eher kurze Sätze, ist der Satzbau also parataktisch?
  • Sprachliche Besonderheiten: Welche rhetorischen Mittel kommen vor? Welche Wirkung haben sie?

Wichtig ist, dass du Sprache und Inhalt niemals getrennt voneinander betrachtest. Eine Metapher zu erkennen ist gut, nützt aber nichts, wenn du nicht erklärst, was sie bedeutet und wie sie den Inhalt unterstützt.

Die Überschrift

Sie wird tatsächlich häufig überlesen, kann aber entscheidend zum Verständnis des Textes und zu dessen Deutung beitragen. Also Überschrift nicht ignorieren!

Und zum Schluss...

Der Schlussteil deiner Analyse fasst die wichtigsten Erkenntnisse deiner Arbeit zusammen und erläutert die Aussageabsicht des Autors oder der Autorin. Dabei sollst du darlegen, welche Botschaft er oder sie dem Leser oder der Leserin vermitteln möchte und welche Bedeutung diese Botschaft heute hat.

Allgemeine Tipps zum Kurzgeschichten interpretieren

In Klausuren heißt es meistens nicht "Interpretiere die Kurzgeschichte" und du sollst drauflos schreiben. Meist ist eine aspektorientierte Interpretation verlangt, das heißt, die Aufgabenstellung in einer Klausur stellt einen bestimmten Aspekt heraus, auf den du dich in deiner Analyse fokussieren sollst. Das ist ein guter Leitfaden, an dem du dich beim Schreiben orientieren kannst und der dir hilft, dich nicht zu sehr im Detail zu verzetteln.

Und noch ein paar wichtige Tipps zum Abschluss:

  • Eine Analyse wird immer im Präsens geschrieben, auch wenn der Text in der Vergangenheit verfasst ist.
  • Belege jede Aussage mit einem Textbezug (Zeilenangaben und ab und zu ein Zitat).
  • Verwende eine sachliche Sprache

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FAQ: Häufige Fragen zum Thema Kurzgeschichten interpretieren

Wie kann man eine Kurzgeschichte interpretieren?

Am besten kannst du eine Kurzgeschichte interpretieren, indem du mit ihren Merkmalen vertraut bist. Dann hast du direkt Anhaltspunkte, auf die du deine Analyse aufbauen kannst. Achte darauf, deine Analyse in Einleitung, Hauptteil und Schluss zu gliedern.

Wie sieht eine gute Interpretation aus?

Eine gute Interpretation zeichnet sich dadurch aus, dass sie den zu analysierenen Text tiefgreifend erfasst und in Hinblick auf die Merkmale der entsprechenden Textsorte sowie dem zeitgeschichtlichen Kontext des Werkes interpretiert. Darüber hinaus folgt sie einem logischen Aufbau, ist sprachlich klar und präzise sowie im Präsens formuliert und weist kaum Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler auf. Auch die Aufgabenstellung ist berücksichtigt.

Kurzgeschichten interpretieren im Überblick

  • Die Kurzgeschichte ist eine moderne literarische Form und gehört zur literarischen Gattung der Epik.
  • Typische Merkmale sind zum Beispiel der offene Anfang und das offene bzw. halboffene Ende und eine einfache, alltägliche Sprache.
  • Es gibt nur wenige Figuren, die mit einem alltäglichen Konflikt konfrontiert werden.
  • In deiner Interpretation solltest du auf jeden Fall das Erzählverhalten bestimmen und dessen Wirkung erläutern.
  • Deine Textanalyse gliederst du in Einleitung, Hauptteil und Schluss. 
  • Auch die Sprache solltest du analysieren und die rhetorischen Mittel herausarbeiten.
  • Schreibe deine Analyse immer im Präsens.

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