Erzählzeit und erzählte Zeit: So erkennst du den Unterschied

Elena Weber - 16.08.2022

Erzählzeit Schüler /-innen

Die Erzählzeit begegnet dir in jeder Geschichte, die du liest. | Foto: seb_ra / Getty Images

Erzählzeit und erzählte Zeit: Merkmale der Epik

Wenn du epische Texte wie Kurzgeschichten, Novellen oder Fabeln analysierst, weißt du, dass es ein ganz wichtiges Epik Merkmal gibt, auf das du beim Interpretation schreiben achten musst: den Erzähler. Ihn kannst du entsprechend seines Erzählverhaltens bzw. der Erzählperspektive in auktorialen Erzähler, personalen Erzähler, neutralen Erzähler und Ich-Erzähler unterscheiden. Aus der Tatsache, dass die literarische Gattung der Epik immer einen Erzähler hat, ergibt sich aber noch ein weiteres spezifisches Charakteristikum, das du bei der Analyse epischer Texte berücksichtigen musst: die Erzählzeit. Zum Verwechseln ähnlich klingt die "erzählte Zeit", ein weiteres Merkmal, das du in erzählenden Texten findest. Inhaltlich gibt es zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit aber eindeutige Unterschiede. Welche das sind und wieso du sie kennen solltest, haben wir dir hier zusammengestellt.

Definition: Erzählzeit und erzählte Zeit 

Mit der Erzählzeit und der erzählten Zeit kannst du die Länge einer Geschichte messen. Dabei ist die Erzählzeit die Zeitspanne, die du benötigst, um die Geschichte zu vermitteln. Sie bezieht sich also auf die Zeit, die in der Realität vergeht. Die erzählte Zeit wiederum ist die Zeit, über die sich die Geschichte erstreckt. Sie beschreibt somit die Zeit, die von Anfang bis Ende der Geschichte vergeht. Das können wenige Stunden oder Tage, aber auch Wochen, Jahre oder Jahrzehnte sein.

MERKE:

Erzählzeit = Dauer des Erzähl- oder Lesevorgangs in der Realität 
Erzählte Zeit = Dauer des Geschehens in der Geschichte

 

Die Erzählzeit bestimmen

Die Erzählzeit gibt dir Informationen darüber, wie lange es dauert, die Geschichte zu erzählen. Die entscheidende Frage, um die Erzählzeit zu bestimmen, ist also:

  • Wie lange brauche ich, um die Geschichte zu erzählen / zu lesen?

Bei einem Film oder Theaterstück ist das ziemlich leicht, denn hier kannst du einfach die Dauer der Vorstellung in Minuten angeben. Wie lange du aber brauchst, um ein Buch zu lesen, ist ganz individuell und kann je nach Lesetempo ganz unterschiedlich ausfallen. Aus diesem Grund wird die Erzählzeit meist in Seiten angegeben. Zum Beispiel ist J.K. Rowlings "Harry Potter und der Stein der Weisen" in der Taschenbuchausgabe vom Carlsen Verlag 336 Seiten lang und entspricht damit einer Erzählzeit von eben diesen 336 Seiten. 

Dabei handelt es sich allerdings um eine sehr ungenaue Angabe. Denn die Größe der Buchstaben und Seiten ist nicht einheitlich, sodass du für zwei Bücher der gleichen Länge trotzdem unterschiedlich lang brauchen kannst. Und wenn du zum Beispiel an die komplizierte Sprache in Dramentexten wie "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt oder Sophokles’ "Antigone" denkst, ist klar, dass sich auch solche Aspekte auf dein Lesetempo auswirken. Bei der Erzählzeit handelt es sich somit um eine recht ungenaue Angabe.

Die erzählte Zeit bestimmen

Um die erzählte Zeit zu bestimmen, bist du auf die Angaben des Buches oder Textes angewiesen, denn die erzählte Zeit bezieht sich ja auf die Zeit, die erzählt wird. Die entscheidende Frage hier lautet somit:

  • Von wann bis wann spielt die Geschichte?

Folglich brauchst du entsprechende Zeitangaben in der Geschichte, um die erzählte Zeit präzise festlegen zu können. Ist das nicht der Fall, kannst du nur Vermutungen darüber anstellen, wie lange die erzählte Zeit ungefähr ist. Hierbei kannst du dich neben dem Inhalt auch ein wenig an der Textsorte orientieren: Eine Kurzgeschichte zum Beispiel deckt immer nur einen sehr kleinen Zeitraum ab und ereignet sich oft innerhalb eines Tages oder sogar innerhalb weniger Stunden oder Minuten. Ein Roman umfasst in der Regel einen längeren Zeitraum, in ihm können sogar Jahrzehnte vergehen. Wichtig ist, dass du deine Angaben immer mit den entsprechenden Textstellen belegst. 

Das Erzähltempo

Die Bezeichnungen "Erzählzeit" und "erzählte Zeit" klingen nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sie stehen auch in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Dieses Verhältnis wird als "Erzähltempo" bezeichnet. Es gibt die Geschwindigkeit an, in der die Geschichte erzählt wird.

Das Erzähltempo kann in drei Formen auftreten:

  • Zeitraffung,
  • Zeitdeckung oder
  • Zeitdehnung.

MERKE:

Erzählzeit + erzählte Zeit = Erzähltempo

Zeitraffung

Bei der Zeitraffung ist die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit. Du liest das Buch also schneller, als Zeit im Leben der Figuren vergeht.

Beispiel: Sie hatte sich kaum auf ihr Bett fallen lassen, als sie schon in einen tiefen Schlaf fiel. Erst drei Stunden später schreckte sie, geweckt durch ein knarrendes Geräusch, hoch.

Um diese zwei Sätze zu lesen, benötigst du nur wenige Sekunden (= Erzählzeit). Im Leben der Protagonistin vergehen hingegen ganze drei Stunden (=erzählte Zeit). Die Zeit in der Geschichte vergeht somit viel langsamer als die Zeit, die du zum Lesen brauchst. Das Erzähltempo ist also gerafft. Andere Beispiele für Zeitraffungen findest du zum Beispiel bei Tolkiens "Der Herr der Ringe" oder George R.R. Martins "Das Lied von Eis und Feuer".

Wusstest du, dass…?

… bei den meisten Geschichten eine Zeitraffung vorliegt? Das liegt daran, dass zeitdeckende oder zeitdehnende Erklärungen schnell langweilig werden. Und stell dir vor, du schreibst eine Geschichte, die zehn Jahre umfasst. Sie ohne Zeitraffung zu erzählen, ist nahezu unmöglich, das Buch wäre zehntausende Seiten dick.

MERKE:

Erzählzeit < erzählte Zeit = Zeitraffung

Zeitdeckung

Es gibt auch den Fall, dass Erzählzeit und erzählte Zeit übereinstimmen. Dann liegt ein zeitdeckendes Erzählen vor, eine sogenannte Zeitdeckung. Sie ist daran zu erkennen, dass du zum Lesen genauso viel Zeit brauchst, wie im Leben der Figur vergeht.

Beispiel: Ich setzte mich auf den Stuhl und tippte vier Wörter auf der Tastatur. 

Wenn die Figur beim Tippen nicht gerade eine Minute pro Wort braucht (oder du eine Minute zum Lesen eines Wortes), ist die Zeit, die du zum Lesen benötigst, in etwa so lang wie die Zeit, die die Figur zum Hinsetzen und Tippen braucht. Zeitdeckendes Erzählen ist allerdings sehr selten, da es schwer ist zu bestimmen, ob Erzählzeit und erzählte Zeit übereinstimmen. Du findest eine Zeitdeckung zum Beispiel beim Film "Lola rennt" oder der Serie "24", die in Echtzeit erzählt wird.

Wusstest du, dass…?

… bei einem Gedankenstrom immer eine Zeitdeckung vorliegt? Bei einem Gedankenstrom werden die Gedanken einer Figur lückenlos geschildert. Das kann beispielsweise bei einem inneren Monolog der Fall sein. Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" ist durchgehend als Monolog verfasst. Die erzählte Zeit umfasst nur wenige Stunden. Zum Lesen der 108-seitigen Reclam-Ausgabe brauchst du auch nicht länger.

MERKE:

Erzählzeit < erzählte Zeit = Zeitraffung

Zeitdehnung

Die Zeitdehnung kannst du dir als Gegenteil zur Zeitraffung merken. Nicht nur, dass es sich dabei um ein zeitdehnendes Erzählen handelt. Erzählzeit und erzählte Zeit haben hier genau die gegensätzliche Funktion: Die Erzählzeit ist länger als die erzählte Zeit. Die Zeit in der Geschichte vergeht also schneller als die Zeit, die du zum Lesen brauchst.

Beispiel: Zögernd bewegte er sich eine Schritt vor, bemüht, keinen Lärm zu machen. Es war stockdunkel, die Angst aber schärfte seine Sinne. Er hörte das Heulen des Windes, der wütend an den morschen Fensterläden rüttelte. Er spürte die unebenen Stellen in den abgewetzten Holzdielen unter seinen nackten Füßen. Er fühlte den eiskalten Schauer, der langsam seinen Rücken hinauf kroch und eine Gänsehaut hinterließ. Und er hörte seinen eigenen Herzschlag, der donnernd in seinen Ohren wieder hallte.

Hier macht die Figur lediglich einen Schritt, durch die damit verbundenen Sinneseindrücke brauchst du aber länger zum Lesen, als dieser Schritt dauert. Es sind übrigens sehr häufig Sinneseindrücke, Gefühle oder auch ausführliche Beschreibungen, die zeitdehnend erzählt werden.

Ein anschauliches Beispiel für eine Zeitdehnung ist der Roman „Ulysses" von James Joyce. Die erzählte Zeit umfasst nur einen einzigen Tag, nämlich den 16. Juni 1904. Die Erzählzeit ist aber ganze 1015 Seiten (Suhrkamp-Ausgabe 1979) lang. Du musst schon rasend schnell lesen, um das an einem Tag zu schaffen.

MERKE:

Erzählzeit < erzählte Zeit = Zeitraffung

Was du für deine Textanalyse noch wissen solltest

Was du für die Analyse und Interpretation eines epischen Textes unbedingt wissen solltest: Die meisten Texte sind nicht durchgehend in einem Erzähltempo geschrieben. Da der Autor oder die Autorin sie als Stilmittel einsetzt, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, kann er mit der Geschwindigkeit seiner Erzählung beliebig variieren. So wird Unwichtiges meist zeitraffend beschrieben, wichtige Momente hingegen werden eher in die Länge gezogen. Außerdem kann ein Wechsel des Erzähltempos die Spannung erhöhen, die Atmosphäre verändern oder das Gefühl einer Figur unterstreichen. Das sind wichtige Punkte, die du in deiner Analyse erwähnen solltest.

In deiner Analyse gehst du somit wie folgt vor:

  1. Frage dich, wie lange du zum Lesen brauchst, und lege die Erzählzeit fest.
  2. Frage dich, von wann bis wann die Geschichte spielt und bestimme so die erzählte Zeit.
  3. Frage dich, in welchem Verhältnis Erzählzeit und erzählte Zeit im Text stehen und bestimme das Erzähltempo.
  4. Schaue dir an, ob das Erzähltempo in dem Textauszug wechselt.
  5. Interpretiere, welche Wirkung mit dem Erzähltempo erzielt wird und wie das zum Inhalt des Textes passt.
  6. Vergiss nicht, alle deine Aussagen mit Textstellen zu belegen!

FAQ: Häufige Fragen zu Erzählzeit und erzählter Zeit

Welche Erzählzeiten gibt es?

Es gibt die Erzählzeit und die erzählte Zeit. Die Erzählzeit bezeichnet die Zeit, die du brauchst, um die Geschichte zu lesen, die erzählte Zeit meint die Zeit, die erzählt wird, also die in der Geschichte vergeht..

Was ist Zeitraffung und Zeitdehnung?

Zeitraffung und Zeitdehnung ergeben sich aus dem Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit. Ist die Erzählzeit länger als die erzählte Zeit, handelt es sich um eine Zeitdehnung. Liest du schneller, als die Zeit, die in der Geschichte vergeht, handelt es sich um eine Zeitraffung.

Was gibt es für Erzähltechniken?

Erzähltechniken sind zum Beispiel die direkte und indirekte Rede, der Stream of consciousness (Bewusstseinsstrom) und das Erzähltempo, das sich aus dem Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit ergibt.

Erzählzeit und erzählte Zeit im Überblick

  • In einem epischen Text gibt es zwei verschiedene "Zeiten": die Erzählzeit und die erzählte Zeit.
  • Die Erzählzeit bezeichnet die Zeitspanne, die du zum Lesen benötigst. Du gibst sie meist mithilfe der Textmenge an. 
  • Die erzählte Zeit ist die Zeit, die in der Geschichte erzählt wird.
  • Aus dem Verhältnis dieser beiden Ebenen ergibt sich die Geschwindigkeit der Erzählung: das Erzähltempo. 
  • Das Erzähltempo kann zeitraffend, zeitdeckend oder zeitdehnend sein.
  • Das Erzähltempo kann beliebig wechseln, auch innerhalb eines Kapitels oder Abschnittes. Damit verändert sich auch die Wirkung des Textes.

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