Nachkriegsliteratur
Die Nachkriegsliteratur in Deutschland weist verschiedene Merkmale auf. | Foto: Demarre/Getty Images
Autor

24. Okt 2019

Elena Weber

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Nachkriegsliteratur: Alles über die Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg

Wiederaufbau, Schuldfrage und geteiltes Deutschland

Nachkriegsliteratur: Zwischen Aufarbeitung und Verdrängung

Die Nachkriegsliteratur wird häufig mit der Trümmerliteratur gleichgesetzt. Das ist aber nur bedingt richtig: Die Trümmerliteratur, die den vergleichsweise kurzen Zeitraum von 1945 bis 1950 umfasst, ist Teil der Nachkriegsliteratur, wird aber häufig auch als eigene Epoche bezeichnet. Die Nachkriegsliteratur selbst reicht in Westdeutschland jedoch bis ins Jahr 1967 und beschäftigt sich thematisch sowohl mit der Aufarbeitung des Krieges als auch mit dessen Verdrängung. Außerdem prägten die Auseinandersetzung mit aus dem Exil zurückkehrenden Autorinnen und Autoren, die Teilung Deutschlands in Ost und West sowie die Frage nach der Schuld am Zweiten Weltkrieg die Literatur im Nachkriegsdeutschland. Wir haben einen Überblick für dich, was du über diese Literaturepoche wissen musst.

Inhaltsverzeichnis

  1. Zeitgeschichtliche Einordnung
  2. Literatur der BRD
  3. Literatur der DDR

Zeitgeschichtliche Einordnung

Auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 beschlossen die Siegermächte die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen: die Sowjetische, die Amerikanische, die Englische und die Französische. Damit einhergehend sollte Deutschland entnazifiziert und demokratisiert werden. Am 7. September 1949 gründete sich die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde am 7. Oktober gegründet. Durch die Teilung Deutschlands erlebte auch die Nachkriegsliteratur zwei unterschiedliche Entwicklungen, es entstanden zwei deutsche Literaturrichtungen.

Unmittelbar nach Ende des Krieges war die Strömung der Trümmerliteratur sehr beliebt. Sie beschäftigte sich mit einer Bestandsaufnahme der in Trümmer liegenden Welt und wurde vor allem von aus Krieg oder Gefangenschaft heimgekehrten Soldaten getragen, die hier selbst zu Autoren wurden. Sie endete bereits 1950 mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik Deutschland. Insgesamt war die Nachkriegsliteratur jedoch auf vielfache Weise gespalten. Das lag zum einen an der Teilung Deutschlands, zum anderen aber auch an den zahlreichen Konflikten, die mit ihr ausgetragen wurden.

Die Literatur der BRD

Obwohl vor allem die Schriftsteller der Trümmerliteratur im als "Stunde Null" bezeichneten Kriegsende die Hoffnung auf einen kompletten Neuanfang sahen und in ihren Werken mit bisherigen literarischen Traditionen brechen wollten, begann die Literatur dieser Zeit nicht komplett neu. Im westlichen Nachkriegsdeutschland dominierten zunächst vor allem Autoren und Autorinnen, die stilistisch an die Zeit zwischen den Weltkriegen oder an noch ältere Traditionen anknüpften, die literarische Entwicklung. Prägend waren hier insbesondere die Autoren und Autorinnen der sogenannten Inneren Emigration. Das waren Literaten und Literatinnen, die in Opposition zum NS-Regime gestanden, Deutschland aber nicht verlassen hatten. Zu ihnen gehörten beispielsweise Erich Kästner, Hans Carossa oder Oskar Loerke.


NAchkriegsliteratur in BRD und DDR


Neben jenen Autoren und Autorinnen, die sich als Repräsentanten und Repräsentantinnen der Inneren Emigration verstanden, gab es auch die Vertreterinnen und Vertreter der Exilliteratur, also Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die aus dem Exil heimkehrten und sich in ihrer alten Heimat nicht mehr wohl fühlten. Als der Schriftsteller Thomas Mann seine Rückkehr nach Deutschland mit der Begründung ablehnte, dass ihm Deutschland fremd geworden sei, entstand eine Kontroverse zwischen Vertretern und Vertreterinnen der Inneren Emigration und den Exilautoren und -autorinnen: "Die Debatte um innere und äußere Emigration.” Dabei ging es um die Frage, wer es denn schwerer habe: die Exilliteraten und -literatinnen oder jene, die in Deutschland geblieben waren. Die daraus entstehende Skepsis den literarischen Emigranten gegenüber führte dazu, dass viele Autoren und Autorinnen im Exil blieben und nicht in die Bundesrepublik zurückkehrten.

Merkmale der Literatur in der BRD

So wie in der Autorenschaft Uneinigkeit herrschte, so uneins waren auch die Themen der Nachkriegsliteratur in der BRD. Ein Teil der Autoren und Autorinnen bemühte sich um eine Verarbeitung des Nationalsozialismus, ein anderer Teil bestand auf dessen Verdrängung.  Wichtige Themen sind daher die Frage nach Schuld und Verantwortung am Holocaust, das Aufgreifen politischer und moralischer Fragen sowie die Darstellung von Einzelschicksalen

Die Gruppe 47

Für die Generation der jungen Nachkriegsautoren und -autorinnen war vor allem die Gruppe 47 von Bedeutung. Als Plattform für junge Literaten und Literatinnen bot sie die Möglichkeit, sich zu mehrtägigen Versammlungen zu treffen und dort neue, unveröffentlichte Texte vorzustellen und gegenseitig zu kritisieren. Ab 1950 verlieh dieser Zusammenschluss von Autoren und Autorinnen den "Preis der Gruppe 47". Dieser wurde zu einem der renommiertesten Literaturpreise der Bundesrepublik.

Eine Vielzahl von Autoren und Autorinnen, die die westliche Nachkriegsliteratur bestimmten, gehörten zumindest eine Zeit lang der Gruppe 47 an. Das waren unter anderem

  • Günther Eich (1907 bis 1972), zum Beispiel "Züge im Nebel”
  • Paul Celan (1920 bis 1970), zum Beispiel "Todesfuge”
  • Günter Grass (1927 bis 2015), zum Beispiel "Die Blechtrommel”
  • Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973), zum Beispiel "Alle Tage”
  • Ilse Aichinger (1921 bis 2016), zum Beispiel "Das Fenstertheater”
  • Heinrich Böll (1917 bis 1985), zum Beispiel "Der Zug war pünktlich”
  • Wolfdietrich Schnurre (1920 bis 1989), zum Beispiel "Das Begräbnis”

Anfangs bestand die Gruppe 47 vor allem aus Trümmerliteraten, die eine Erneuerung der deutschen Literatur bezweckten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Gruppe 47 zu einer einflussreichen Institution im westdeutschen Kulturbetrieb. Als sich in den 60er Jahren mehr und mehr studentische Proteste gegen autoritäre gesellschaftliche Strukturen, Kapitalismus, Imperialismus und gerade vor dem Hintergrund des Vietnam-Kriegs auch gegen den Militarismus wandten, schwand der literarische Einfluss der Gruppe 47. In einer zunehmend politischer werdenden Gesellschaft wurde sie immer schärfer für ihre unpolitische Haltung kritisiert. Im Oktober 1967 kam sie ein letztes Mal zusammen. Mit ihrer Auflösung endet die Nachkriegsliteratur in Deutschland. Ihr folgen die Neue Subjektivität und der Beginn der Postmoderne.

Literatur der DDR

Die Literatur in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR war deutlich homogener als die Nachkriegsliteratur in Westdeutschland. Die ostdeutsche Nachkriegsliteratur stand ganz im Zeichen des Antifaschismus. Ihre antifaschistische und linkspolitische Ausrichtung zog viele Exilschriftsteller und -schriftstellerinnen an. Sie wurden zu Leitfiguren des Sozialismus. Zu diesen Autoren und Autorinnen gehörten unter anderem

  • Bertolt Brecht (1898 bis 1956), zum Beispiel "Der gute Mensch von Sezuan"
  • Bruno Apitz (1900 bis 1979), zum Beispiel "Nackt unter Wölfen"
  • Anna Seghers (1900 bis 1983), zum Beispiel "Transit" und "Das dritte Kreuz"
  • Stefan Heym (1913 bis 2001), zum Beispiel "Schatten und Licht. Geschichten aus einem geteilten Lande"

In der Sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR stand die Literatur zunächst ganz unter dem Einfluss der zurückgekehrten Literaten und Literatinnen. Anders als in Westdeutschland lag der Fokus auf der Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus. Darüber hinaus hatten die Autoren und Autorinnen der DDR einen gesellschaftlichen Auftrag: Sie sollten zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft beitragen. Das bedeutete, dass sie ihre künstlerisch-literarischen Vorstellungen nicht unreglementiert umsetzen konnten. Insgesamt lässt sich die Literatur der DDR in folgende Phasen unterteilen:

  1. Rückkehr (1945 bis 1949)
  2. Aufbau (1949 bis 1961)
  3. Ankunft (1961 bis 1971)
  4. Liberalisierung und Kritik (1971 bis 1990)

Literatur DDR


Aufbauliteratur

Die Entwicklung der Literatur der DDR wurde maßgeblich durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) gesteuert, sodass man von einer zentralistisch organisierten Literaturszene sprechen kann. Ziel dieser Literaturpolitik war es, im Rahmen des sogenannten "Sozialistischen Realismus" die gesellschaftlichen Veränderungen zu beschreiben. Deutlich zeigt sich das an den Themen und Merkmalen, der als Aufbauliteratur bezeichneten Literatur der 50er Jahre:

  • Thematisch schilderte die Aufbauliteratur die neuen Produktionsverhältnisse nach sowjetischem Vorbild.
  • Die Literatur lieferte positive Beispiele des sozialistischen Realismus.
  • Literatur hatte einen Erziehungsauftrag: Die Bürgerinnen und Bürger der DDR sollten zum Sozialismus erzogen werden.
  • Optimistische Zukunftsperspektive
  • Arbeiter sind Helden
  • einfache und leicht verständliche Sprache

In seiner Aufbauphase fanden der Sozialismus und mit ihm die Ziele der DDR-Führung Unterstützung bei den Autoren und Autorinnen. Viele von ihnen waren selbst im antifaschistischen Widerstand tätig.

Ankunftsliteratur

Ähnlich wie die Literatur in Westdeutschland, trat das Thema Zweiter Weltkrieg in den 50er Jahren auch in Ostdeutschland zunehmend in den Hintergrund. Das Jahr 1961 markiert einen tiefen Einschnitt in der DDR-Geschichte: Die Mauer wird gebaut. Gleichzeitig galt der Aufbau des Sozialismus als abgeschlossen. Die Menschen sollten sich in der sozialistischen Gesellschaft einrichten. Das spiegelt sich auch in der Literatur wider:

  • Das alltägliche Leben in der DDR rückte in den Fokus.
  • Es gab immer mehr junge Autoren und Autorinnen, die in der DDR aufgewachsen waren.
  • Charakteristisch ist ein rebellischer Held, der mit der sozialistischen Lebenswirklichkeit im Konflikt steht, sich letztlich aber doch der sozialistischen Gesellschaft zuwendet und im Sozialismus ankommt.
  • Bevorzugte Themen: Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, Probleme bei der Erziehung einer sozialistischen Persönlichkeit, das Verhältnis von Mensch und Natur, der Mauerbau und die Liebe.

Liberalisierung und das Ende der DDR

Mit der Wahl Erich Honeckers zum Ersten Sekretär der SED im Jahr 1971 war die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft abgeschlossen, die Autoren und Autorinnen bekamen mehr Freiheiten. Das zeigt sich an ihrer Themenwahl: In ihren Werken ging es nicht mehr um den Triumph des Sozialismus, sondern um die Konflikte des Individuums in der Gesellschaft. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, der 1976 nach einer Tournee durch die BRD nicht mehr in die DDR zurückkehren durfte, sorgte dafür, dass zahlreiche Künstlerinnen und Künstler protestierten. Viele Autoren und Autorinnen distanzierten sich von der SED und forderten einen humanen Sozialismus. Es entwickelte sich eine Untergrundliteratur. Viele Werke wurden in der BRD veröffentlicht. Bis zur Wende siedelten rund 100 DDR-Schriftsteller und -Schriftstellerinnen nach Westdeutschland über.

Insgesamt durchläuft die Literatur der DDR eine starke Entwicklung: Sie beginnt als Nachkriegsliteratur, die versucht, Holocaust und Faschismus zu verarbeiten, steht nach der Gründung der DDR zunächst im Dienste von Staat und Sozialismus ehe sie sich mehr und mehr von der Partei distanziert und sich der westdeutschen Literatur annähert. Einschneidende Ereignisse für diese Entwicklungen sind der Mauerbau, der Amtsantritt Honeckers und die Ausbürgerung Wolf Biermanns.

Nachkriegsliteratur: Zwei eigenständige Literaturrichtungen

Die Nachkriegsliteratur fällt in die historische Periode der Literatur von BRD und DDR. Diese beginnt 1949 mit Gründung der BRD und endet 1990. Das Ende der Nachkriegsliteratur kann in Westdeutschland an dem Zerfall der Gruppe 47 im Jahr 1967 festgemacht werden. Eine klare Abgrenzung zwischen Nachkriegsliteratur, Trümmerliteratur und der Literatur von BRD und DDR ist nicht immer eindeutig möglich.

Ob es sich bei der Literatur der DDR um eine eigenständige Literatur handelt, war lange umstritten. Erst im Laufe der 1960er Jahre hat man auf westlicher Seite die DDR-Literatur als eine sich von der westlichen Literatur abgrenzenden wahrgenommen. Denn gerade zu Beginn sind die Unterschiede zwischen der ostdeutschen und der westdeutschen Literatur groß, da die DDR-Literatur auf einer eigenen Realität und Thematik beruht.


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