Postmoderne Literatur Epoche
Die Postmoderne verarbeitet den Gedanken, dass der Mensch keinen Platz in der Welt hat. | Foto: Maia Habegger /Unsplash
Autor

04. Mär 2020

Elena Weber

Abitur lernen

Postmoderne Literatur: Das sind die wichtigsten Merkmale

Pluralität, Intertextualität und Rückgriff auf die Moderne

Postmoderne Literatur: Die Epoche nach der Moderne

Wenn etwas modern ist, geht man eigentlich davon aus, dass es aktuell ist und in der Gegenwart stattfindet. In der Literaturgeschichte gibt es aber nicht nur einen Zeitabschnitt, der als Moderne bezeichnet wird. Die deutsche Literaturgeschichte kennt auch eine Literaturepoche, die nach der Moderne kommt: die Postmoderne. Falls dir das jetzt etwas verwirrend erscheint: Wir erklären dir, was es mit postmoderner Literatur auf sich hat.


"Ich glaube indessen, daß 'postmodern' keine zeitlich begrenzbare Strömung ist, sondern eine Geisteshaltung oder, genauer gesagt, eine Vorgehensweise, ein Kunstwollen. Man könnte geradezu sagen, daß jede Epoche ihre eigene Postmoderne hat." (Umberto Eco, Schriftsteller)


 Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Zeitgeschichtliche Einordnung
  3. Merkmale
  4. Literatur
  5. Überblick
  6. Quiz

Definition: Das ist postmoderne Literatur

Die Postmoderne gehört zu den jüngsten Literaturepochen der deutschen Literaturgeschichte. Der Begriff entstand Ende der 1950er Jahre und setzt sich aus den Wortbestandteilen "post" ("nach") und "modern" zusammen. Somit ist die Postmoderne die Epoche nach der Moderne. Die Postmoderne fand ihren Anfang in Frankreich und wurde maßgeblich von den drei Franzosen Jean Francois Lyotard ("Das postmoderne Wissen", 1979), Michel Foucault ("Die Archäologie des Wissens", 1969) und Jacques Derrida ("Grammatologie", 1968) geprägt.

Jede Literaturepoche hat ein bestimmtes Menschen- und Weltbild sowie Theorien und Ideen, aus und mit denen sie sich entwickelt. Der Barock (1600–1720) war beispielsweise von einer starken Todessehnsucht geprägt, die Aufklärung (1720–1800) strebte nach Freiheit und Vernunft und der Vormärz (1815–1848) war hochpolitisch. Die Postmoderne legte sich nicht auf bestimmte Ideen fest. Auch deswegen ist ihr Begriff als Epochenbezeichnung umstritten. Eine konkrete postmoderne Theorie gibt es nicht. Der deutsche Philosoph Markus Gabriel erklärte die Postmoderne 2011 als beendet und rief den Neuen Realismus aus.

Zeitgeschichtliche Einordnung

Da die Postmoderne insgesamt schwer zu fassen ist, findest du unterschiedliche zeitliche Einteilungen. Manchmal wird ihr die Zeit von 1968 bis 2000 zugewiesen, womit ihre Anfänge in der Neuen Subjektivität liegen. In anderen Definitionen beginnt sie im Jahr 1989. Das war ein Jahr, in dem sich die Welt neu ordnete: Der Kalte Krieg war beendet, Deutschland wiedervereint. Ideologien und Weltanschauungen wie etwa der Kommunismus waren gescheitert. 

Gleichzeitig wurde die Welt immer vielschichtiger. Deswegen ist Pluralität der Schlüsselbegriff der Postmoderne. Es gab keine typischen, idealisierten Rollen oder Lebensmodelle mehr. Medien und Technik rückten zunehmend in den Mittelpunkt, es herrschte künstlerische und kulturelle Freiheit. All das gab den Menschen die Möglichkeit, so zu sein, wie sie sein wollten und sich selbst als Individuum zu verwirklichen. 

Merkmale postmoderner Literatur

Die Literaten und Literatinnen der Postmoderne hatten die Freiheit, schreiben zu können, was sie wollten. Jedoch litten sie an einem Sinnverlust. Sie hatten das Gefühl, der Mensch habe keinen Platz mehr in der modernen Welt, die so vielschichtig geworden war, dass es schwer war, sich darin zu orientieren. Im Gegensatz zu anderen Epochen, die stets einer gewissen Überzeugung oder einem bestimmten Leitgedanken folgten, kennt die Postmoderne nicht mehr die eine Wahrheit sowie klare Werte, an denen sie festhielt. Die Autorinnen und Autoren der Postmoderne versuchten, die heterogenen Entwicklungen in Kultur und Gesellschaft zu erfassen und in ihren Werken zu verarbeiten.

Die Merkmale der Postmoderne:

  • Rückgriff auf die Moderne
  • Intertextualität
  • fragmentarische Erzählweise
  • Sprachexperimente

Rückgriff auf die Moderne

Der Postmoderne ging es nicht darum, mit ihrer Kunst etwas komplett Neues zu schaffen. Vielmehr ist die Postmoderne als eine Absage an die Innovationsbestrebungen der Moderne zu verstehen: Die postmodernen Autoren und Autorinnen gingen davon aus, dass es nichts wirklich Neues mehr geben könne, worüber sie schreiben könnten. Deswegen spielten sie mit der literarischen Tradition und schufen neue Kombinationen von Altem, bereits Vorhandenem.


Literaturverzeichnis Vorlage DownloadDie Moderne bezeichnet eine historische Zeitspanne, in der es zahlreiche technische und wissenschaftliche Fortschritte gab. Als Literaturepoche beginnt sie um 1890 als Gegen- und Folgebewegung des Naturalismus. Die Moderne umfasst viele andere Epochen und Strömungen wie den Expressionismus (1905–1925), den Impressionismus (1890–1920) oder den Symbolismus (1890–1920). Auch Jugendstil, Dadaismus und Ästhetizismus fallen in die Zeit der Moderne. Wegen dieser Vielschichtigkeit ist eine genaue Epocheneinteilung auch hier nicht eindeutig möglich. Fest steht aber: Die Moderne unterschied sich grundlegend von dem, was es zuvor gegeben hatte.


Intertextualität

In postmodernen Werken finden sich häufig Verweise auf historische Ereignisse oder Bezüge zu anderen Werken. Das wird als Intertextualität bezeichnet und ist ein typisches Merkmal postmoderner Literatur. Es passt zum Selbstverständnis der Postmoderne: Nichts Neues schaffen, sondern mit dem arbeiten, was schon da ist. Formen von Intertextualität sind:

  • Zitate: Wörtliche oder sinngemäße Übernahme einer Aussage oder eines Textes.
  • Collagen oder Montagen:  Im Text kommen Anspielungen oder Zitate anderer Autoren vor. 
  • Parodie oder Travestie: Ein bekanntes und geachtetes Werk wird verspottet und verzerrt. Die Parodie behält dabei die Form bei und ändert den Inhalt. Die Travestie behält umgekehrt den Inhalt bei und ändert die Form.
  • Pastiche: Der Stil eines Autors oder einer Autorin wird genau nachgeahmt. 

Ein anschauliches Beispiel für die Intertextualität in der postmodernen Literatur ist der Roman "Der Name der Rose" von Umberto Eco aus dem Jahr 1980. Darin findest du zahlreiche Fremdtexte, die in den Roman eingearbeitet wurden, etwa das Johannes Evangelium, das Hohelied Salomons, die Apokalypse des Johannes oder "Herbst des Mittelalters" von Johan Huizinga. Auch Patrick Süskind hat in seinem berühmten Roman "Das Parfüm" zahlreiche Verweise auf andere Werke der Literaturgeschichte eingebaut, beispielsweise Josef Eichendorffs Gedicht "Mondnacht" (1835), das "Abendlied" von Matthias Claudius (1779) oder Goethes "Willkommen und Abschied" (1775).

Fragmentarische Erzählweise

Postmoderne Literatur hat eine ganz charakteristische Erzählweise. Diese ist nicht mehr linear, sondern fragmentarisch. Das bedeutet, der Leser oder die Leserin muss die Handlung selbst rekonstruieren. Außerdem typisch für postmoderne Literatur sind

  • die Fremdbestimmtheit der Figuren
  • die fehlende Identität der Figuren
  • keine einheitliche und verbindliche Weltsicht
  • komplexe Handlungen
  • exotische Spielorte

Sprachexperimente

Die Autorinnen und Autoren postmoderner Literatur legten viel Wert auf die sprachliche Gestaltung ihrer Werke. Die Schönheit und Ästhetik einer effektvollen Sprache waren ihnen sehr wichtig und so experimentierten sie viel mit rhetorischen Mitteln.

Wie solche sprachlichen Experimente aussehen können, zeigt zum Beispiel "Zahlenre4e" von Hans Manz:

"Ich bin 2fellos größer als du",
sprach zum Einer der Zweier.
"3ster Kerl, prahle nicht so!"
knurrte der größere Dreier.
"Und ich!" rief der Einer, "bin zwar der kl1te,
aber dafür bestimmt auch der f1te."
"Nein, mir gibt man sogar noch den Sch0ller",
piepste der Nuller.


Postmoderne Literatur Moderne


Literatur der Postmoderne

Die Autoren und Autorinnen der Postmoderne waren nicht, wie etwa die Gruppe 47, die sich zur Zeit der deutschen Nachkriegsliteratur zusammenschloss, durch Gruppierungen verbunden. Das bedeutet, dass sie keinen Kontakt und Austausch miteinander hatten. Geeint waren die Anhänger und Anhängerinnen in dem Gedanken, dass alles, was sie schrieben, bloß ein Zitat sei, da bereits darüber geschrieben worden war.

Epik

Der Roman war die bedeutendste Textsorte der postmodernen Literatur. Typisch für den Erzähler in postmodernen epischen Texten ist, dass er in die Erzählung eingreift. Das tut er, indem er ihn bewusst strukturiert und steuert. Die Figuren bieten den Leserinnen und Lesern kaum Identifikationspotenzial. Anders als in anderen Epochen, etwa der Weimarer Klassik oder der Romantik, gibt es keine heldenhaften oder sympathischen Hauptfiguren. In der postmodernen Literatur ist der Protagonist oder die Protagonistin ein gesellschaftlicher Außenseiter oder eine gesellschaftliche Außenseiterin, dem oder der es an positiver Entwicklung fehlt. Meist bleiben die Figuren in ihrem Verhalten statisch. 

Zeitraffungen, Zeitdehnungen, Zeitsprünge und die Darstellung verschiedener Perspektiven sind typische Gestaltungselemente postmoderner Literatur. Daraus folgt, dass die Erzählungen nicht linear verlaufen, sondern in Abschnitten erzählt werden. Charakteristisch ist außerdem der sogenannte unzuverlässige Erzähler. Das bedeutet, dass es einen häufigen Wechsel der Erzählperspektive und des Erzählverhaltens gibt. So kann der Erzähler beispielsweise zwischen Innen- und Außensicht wechseln. 

Lyrik

Die Lyrik war ebenfalls eine beliebte literarische Gattung der Postmoderne. Auch an ihr  kannst du die Idee der Postmoderne – auf Altes zurückgreifen und daraus Neues schaffen – nachvollziehen: Postmoderne Gedichte verzichteten einerseits auf festgelegte Formen wie Reimschema oder Metrum. Zudem verwendeten die Dichterinnen und Dichter in ihren Werken mehr Alltagssprache. Andererseits griffen sie aber auch auf traditionelle Gedichtformen wie Sonett, Elegien oder Oden oder die romantische Erlebnislyrik zurück. 

Typisch für die postmoderne Literatur ist außerdem die hermetische Lyrik. Das sind Gedichte, die nicht unmittelbar verständlich sind. Vielleicht ist dir der Ausdruck "hermetisch abgeriegelt" bekannt. Die Autoren und Autorinnen haben Inhalt und Bedeutung ihrer Lyrik von Leser und Leserin abgeriegelt, also fest verschlossen. Für den Leser oder die Leserin sollte es anstrengend sein, das Gedicht zu entschlüsseln. Dadurch verlieh man dem Werk etwas Geheimnisvolles. Wichtige Verfasser und Verfasserinnen hermetischer Lyrik waren zum Beispiel Ingeborg Bachmann (1926–1973, z.B. "Die gestundete Zeit") oder Paul Celan (1920–1970, z.B. "Die Todesfuge").

Dramatik

Das postmoderne Drama wandte sich vom traditionellen Sprechtheater ab. Der Fokus lag nicht mehr auf den Figuren und ihrem Handeln, die Schauspieler und Schauspielerinnen arbeiteten eher performativ. Inhaltlich reflektiert das postdramatische Theater soziale Themen und gesellschaftliche Ereignisse. Bekannte Autorinnen und Autoren sind zum Beispiel Elfriede Jelinek (z.B. "Die Klavierspielerin") oder Peter Handke (z.B. "Die Unvernünftigen sterben aus").

Wichtige Autoren und Werke

  • Umberto Eco (1932–2016), z.B. "Der Name der Rose"
  • Patrick Süskind (geb. 1949), z.B. "Das Parfüm"
  • Friedrich Dürrenmatt (1921–1990), z.B. "Der Besuch der alten Dame"

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 Postmoderne Literatur im Überblick:

  • Es ist schwierig, einen genauen Zeitraum für die Postmoderne zu definieren.
  • Die Postmoderne schafft nichts Neues, sondern spielt mit literarischen Traditionen.
  • Typisch ist ein Pluralismus an Themen und Motiven.
  • Die Sprache ist sehr effektvoll.
  • Die Texte sind reich an literarischen, historischen und geistesgeschichtlichen Anspielungen (auch Intertextualität genannt). 

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