Großstadtlyrik Frau allein im verrregneten Park
Großstadtlyrik schildert oft die Orientierungslosigkeit und Einsamkeit in der Großstadt. | Foto: Image Source / Getty Images
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28. Apr 2022

Elena Weber

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Großstadtlyrik: Was du für die Interpretation wissen musst

Großstadtlyrik: Ich bau’ ‘ne Stadt für dich

"Ich bau’ ‘ne Stadt für dich. Aus Glas und Gold wird Stein. Und jede Straße, die hinausführt, führt auch wieder rein" – hast du dir bei dem Song von Cassandra Steen aus dem Jahr 2009 schon mal Gedanken darüber gemacht, dass es sich dabei um Großstadtlyrik handelt? Auch Songtexte sind lyrische Texte und das Thema Großstadt wird in vielen Songs vielfältig thematisiert. In Gedichten wird das Thema ebenfalls so häufig verarbeitet, dass es unter dem Begriff Großstadtlyrik quasi eine eigene Kategorie einnimmt. Da dir Großstadtgedichte auch im Deutschunterricht begegnen, erklären wir dir hier, was du darüber wissen solltest, was typisch für sie ist und was du bei deiner Gedichtanalyse beachten solltest.


"Er saß in der großen Stadt Berlin an einem kleinen Tisch. Die Stadt war groß, auch ohne ihn. Er war nicht nötig, wie es schien. Und rund um ihn war Plüsch." (Erich Kästner) 


Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Historischer Hintergrund
  3. Merkmale der Großstadtlyrik
  4. Naturalismus
  5. Expressionismus
  6. Neue Sachlichkeit
  7. Gegenwart
  8. Großstadtlyrik interpretieren
  9. Wichtige Autoren /-innen
  10. Wichtige Fragen
  11. Überblick

Das ist Großstadtlyrik

Großstadtlyrik bezeichnet Gedichte, die vom Leben in der Großstadt erzählen. Sie thematisiert die meist negativen Erfahrungen der Menschen mit dem Leben in der modernen Stadt. Du kannst sie als dichterische Antwort auf die historische Entwicklung nach der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert verstehen. Insbesondere zur Zeit des Expressionismus (1905-1925) war die Großstadt eines der zentralen lyrischen Themen. Aus diesem Grund wird Großstadtlyrik häufig mit den Großstadtgedichten dieser Literaturepoche gleichgesetzt. Tatsächlich kannst du Großstadtgedichte aber noch in anderen Epochen der Moderne (1880-1920) und Postmoderne, wie dem Naturalismus (1880-1900), der Neuen Sachlichkeit (1918-1933) und der Gegenwartsliteratur (ab 1990) finden.


Literaturverzeichnis Vorlage DownloadWusstest du, dass…?

… der Begriff "Großstadtlyrik" während der Jahrhundertwende um 1990 entstand? Die Großstadtlyrik selbst entwickelte sich aber bereits während der 1880er Jahre.


Historischer Hintergrund: Die industrielle Revolution

Die Entstehung der Großstadtlyrik beginnt in der Epoche des Naturalismus. Er ging aus dem Realismus (1848–1890) hervor und fällt in eine Zeit zahlreicher gesellschaftlicher Umbrüche, die mit einer einschneidenden Entwicklung zusammenhängen: der industriellen Revolution. Um Großstadtgedichte interpretieren und sie beim Interpretation schreiben in den richtigen zeitgeschichtlichen Kontext einordnen zu können, solltest du mit den mit der Industrialisierung einhergehenden Veränderungen und ihren Folgen vertraut sein.

Definition: Was ist Industrialisierung?

Der Begriff "Industrialisierung" bezeichnet die technisch-wirtschaftlichen Prozesse eines Staates in der Entwicklung vom Agrar- zum Industriestaat. Das bedeutet, dass Produkte nicht mehr von Hand, sondern mit Maschinen hergestellt werden. Ihren Ursprung hat die Industrialisierung in England im 18. Jahrhundert. Ab dem 19. Jahrhundert verbreitete sie sich über den Rest Europas und die USA.

Veränderungen durch die Industrielle Revolution

Die Industrielle Revolution änderte das Leben der Menschen von Grund auf. Um 1800 sah das Leben der Menschen in Deutschland zum größten Teil so aus: Die Menschen arbeiten das ganze Jahr auf dem Feld oder im Stall und lebten von der Landwirtschaft. Die meisten Dinge wurden mit der Hand hergestellt. Du kannst dir vorstellen, dass das alles ziemlich mühsam und das Leben der arbeitenden Bevölkerung sehr entbehrungsreich und anstrengend war.

Der Einsatz von Maschinen im Zuge der Industrialisierung vereinfachte die Arbeitsprozesse enorm. Güter konnten nun viel schneller und häufiger produziert werden und der technische Fortschritt brachte Erfindungen wie die Dampfmaschine, die Elektrizität und das Entwässerungssystem hervor. Weitere wichtige Fortschritte waren:

  • Verkehr (Straßenbahnen, Autos und Autobusse)
  • fließendes Wasser
  • elektrisches Licht
  • Telefonie und Telegrafie
  • Fotografie, Film und Schallplatte

Folgen der Industriellen Revolution

Die Veränderungen durch die Industrialisierung hatte für das Leben der Menschen massive Folgen. Und diese waren nicht nur positiv. Während die Industrie ausgebaut wurde, wurde die Landwirtschaft stark reduziert. Auf dem Land gab es folglich immer weniger Arbeit und so zogen die Menschen in die Stadt. Diese Landflucht sorgte dafür, dass erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land lebten.

Das Problem daran: Es gab zu wenig Arbeitsplätze, zu wenige Wohnungen und schlechte Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Das führte dazu, dass das Leben in der Stadt dem technischen Fortschritt zum Trotz keineswegs von Wohlstand, sondern vielmehr von Armut, Enge und Überbevölkerung geprägt war. Die Folgen:

  • soziales Elend
  • Kriminalität
  • Alkoholismus
  • Prostitution

Großstadtlyrik Berlin 1912 Menschen


Merkmale der Großstadtlyrik

Die Großstadtlyrik verarbeitete vor allem die Veränderungen und Folgen der industriellen Revolution. Das liegt daran, dass sie in dieser Zeit entstand, vor der Industrialisierung gab es ja keine Großstädte.

Großstadtlyrik im Naturalismus

Die erste Epoche, die sich mit der Großstadt beschäftigte, war der Naturalismus. Der Naturalismus entwickelte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert im Anschluss an den Realismus und macht die moderne Industriegesellschaft und ihre gesellschaftlichen Folgen zum Gegenstand von Kunst und Literatur. Sein Fokus lag auf dem Hässlichen, das er so detailliert und wirklichkeitsgetreu wie möglich darstellen wollte. Dazu gehörte vor allem, das Leben in der Großstadt mit all seinem Elend, seinem Dreck und seiner Ausweglosigkeit zu zeigen. 

So beschreibt beispielsweise auch Arno Holz in seinem 1886 verfassten Gedicht "Großstadtmorgen" das abstoßende Leben in der Großstadt:

Die letzten Sterne flimmerten noch matt,
ein Spatz versuchte früh schon seine Kehle,
da schritt ich müde durch die Friedrichstadt,
bespritzt von ihrem Schmutz bis in die Seele.
Kein Quentchen Ekel war in mir erwacht,
wenn mich die Dirnen schamlos angelacht,
kaum daß ich stumpf davon Notiz genommen,
wenn mir ein Trunkner in den Weg gekommen.
Und doch, ich spürte dumpf, mir war nichts recht.
Selbst die Zigarre schmeckte schlecht.

In dieser ersten Strophe des Gedichtes zeigt sich deutlich die Abneigung des lyrischen Ichs gegen die Großstadt, die es als trostlosen, dreckigen Ort beschreibt. Die Dirnen (V. 6) und der Betrunkene (V. 8), die den Weg des lyrischen Ichs kreuzen, stehen für die Prostitution und den Alkoholismus, die das ärmliche Leben in der Stadt prägen. Der Schmutz der Stadt spritzt nicht nur an seine Kleidung und seinen Körper, sondern dringt auch in seine Seele (V. 4). Und das macht sich an der Stimmung des lyrischen Ichs bemerkbar: Es ist müde (V.3), abgestumpft gegenüber anderen Menschen und interessiert sich nicht für sie (V.6-7). Auch kann es nicht mal mehr "ein Quentchen", also wenigstens ein bisschen Ekel empfinden, so gleichgültig ist es bereits (V. 5). Nur "dumpf" spürt das lyrische Ich, dass ihm nichts recht ist und nicht mal mehr die Zigarette schmeckt. Der Verfasser Arno Holz entwirft hier somit ein sehr trostloses Bild vom Leben in der Großstadt, das die Menschen gefühllos und leer macht.

Großstadtlyrik im Expressionismus

Ähnlich trostlos wird das Großstadtleben in der Großstadtlyrik des Expressionismus beschrieben. Diese Epoche markiert den Höhepunkt der Großstadtlyrik. Sie umfasst den Zeitraum von 1905 bis 1925. In diese Zeit fallen folgende Ereignisse, die das Leben in der Großstadt vor allem für die Arbeiterschicht weiter verschlechtert haben:

  • fortschreitende Industrialisierung und Urbanisierung
  • der Erste Weltkrieg
  • das Ende des Kaiserreichs
  • der Beginn der Weimarer Republik

Die Armut hatte zugenommen, der Mensch sah sich nur noch als Produktionsmaschine der großen Fabriken, in denen noch immer schlechte und gefährliche Arbeitsbedingungen herrschten. Die elendigen Armenviertel förderten die Entwertung des Menschen, ebenso die Folgen des Ersten Weltkriegs, der nicht nur zahlreiche Tote forderte, sondern eine Vielzahl traumatisiert, verkrüppelt und verarmt zurückließ.

Die Autoren /-innen des Expressionismus schilderten diese Zuständen in ihren Gedichten und wollten dabei vor allem Gefühle zum Ausdruck bringen. Das taten sie mit einer ausdrucksstarken Sprache und dem Bruch mit dichterischen Konventionen. Das bedeutet, dass sie viel experimentieren und neue Formen fanden, sich dichterisch auszudrücken. Typische Themen der expressionistischen Großstadtlyrik sind:

  • Orientierungslosigkeit und Isolation
  • Verlust des Individuums
  • Krieg
  • Das Ende der Welt
  • Erneuerung
  • Verlust der Natur

Ein bekanntes Beispiel für ein Expressionismus Gedicht, das Kritik an der Großstadt übt, ist "Die Stadt" von Georg Heym aus dem Jahr 1911:

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

Heym beschreibt in diesem Gedicht das düstere, gefährliche Leben in der Großstadt, deren Szenerie sich von einer dunklen, bewölkten Mondnacht in Strophe eins zu einem lodernden, bedrohlichen Feuer steigert. Besonders auffällig ist, dass der lyrische Sprecher die Stadt mit einem menschlichen Körper vergleicht (V. 4, V 5) und die Stadt sehr lebendig wirkt, während der Mensch als Individuum stumpf und anonym in der Masse untergeht (V. 9-11).


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Großstadtlyrik der Neuen Sachlichkeit

Auch wenn die Großstadtlyrik ihre Hochzeit während des Expressionismus erlebte, spielte sie auch in der auf ihn folgenden Neuen Sachlichkeit eine Rolle. Als Reaktion auf den ausdrucksstarken Expressionismus fokussierte sie eine sachliche Betrachtung der politischen und gesellschaftlichen Situation. Typisch für die Literatur der neuen Sachlichkeit war ein an den der journalistischen Schreibweise orientierten Ausdrucksweise mit nüchterner, leicht verständlicher Alltagssprache, einer ebenso reduzierten wie präzisen Ausdrucksweise und einer distanzierten, beobachtenden Haltung. Die Großstadt blieb weiterhin ein wichtiges Thema der Lyrik.

Ein Beispiel für die Großstadtlyrik der Neuen Sachlichkeit ist das Gedicht "Großstadtliebe" von Mascha Kaléko. In diesem Gedicht beschreibt Mascha Kaléko die Oberflächlichkeit der menschlichen Beziehungen in der Anonymität des Großstadtlebens. Außerdem findest du weitere Motive, die auch in anderen Epochen in der Großstadtlyrik auftauchen, beispielsweise das "Grau der Tage" (V. 6), das für den monotonen Alltag in der Großstadt steht, sowie "Gewühl der Großstadtstraßen" (V.11), das auf die Enge und die Menschenmenge in der Stadt verweist. Auch menschliche Nähe beschränkt sich auf ein "dann und wann" (V. 16), Sexualität nur auf Sonntage (V. 18). Auffällig ist zudem, dass die Stadt hier voller Reize ist, diese aber den Menschen so zu überfluten scheinen, dass er selbst zu einer emotionslosen, oberflächlichen Maschine wird. So verwendet Kaléko lediglich das Pronomen "man", das distanziert und unpersönlich wirkt und keinerlei Individualität zum Ausdruck bringt.

Großstadtlyrik der Gegenwart

Auch in der Literatur der Gegenwart kannst du immer wieder das Großstadtmotiv finden. Zwar wird die Großstadt nicht mehr ausschließlich so negativ dargestellt wie in der Großstadtlyrik der vorangegangenen Epochen. Dennoch sind es oft ambivalente Reaktionen, die in lyrischen Texten zu diesem Thema verarbeitet werden. Zudem geht es oft darum, das bestimmte Lebensgefühl dieser Stadt einzufangen.

Ein Beispiel dafür ist der Song "Schwarz und blau" des Musikers Peter Fox aus dem Jahr 2008, in dem er mit "Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau" seine Hassliebe zur Großstadt Berlin besingt. Gerade in Musiktexten findest du zahlreiche Bezüge zu Großstädten: von Frank Sinatras berühmten "New York, New York" über "Barcelona" (1987) von Rocksänger Freddie Mercury und Opernsängerin Montserrat Caballé oder "Moskau" von Dschingis Khan bis zu "Bochum" von Herbert Grönemeyer oder "Westerland" von den Ärzten.


Großstadtlyrik moderne Großstadt


Großstadtlyrik interpretieren

Großstadtgedichte zu interpretieren, ist mit dem entsprechenden Hintergrundwissen gar nicht so schwierig. Um Großstadtlyrik zu interpretieren, kannst du folgendermaßen vorgehen:

  1. Zeitgeschichtliche Einordnung
  2. Themen und Motive
  3. Formale Auffälligkeiten
  4. Interpretation schreiben

1.  Zeitgeschichtliche Einordnung

Bevor du mit dem Interpretationschreiben loslegst, ist es wichtig, dass du das zu analysierende Gedicht in seinen zeitgeschichtlichen Kontext einordnest. Das bedeutet, du schaust dir an, in welchem Jahr das Gedicht erschienen ist. Daraus kannst du ableiten, welcher Epoche es zuzuordnen ist.

Wie du weißt, hat jede Epoche typische Themen und Merkmale, die sich aus den historischen Begebenheiten der Zeit ableiten. Stellst du also zum Beispiel fest, dass das Gedicht aus der Epoche des Naturalismus stammt, solltest du wissen, dass sich die Literatur dieser Zeit mit der modernen Industriegesellschaft und ihren gesellschaftlichen Folgen auseinandersetze und dabei das Hässliche so realistisch wie möglich darstellen wollte. Mit diesem Hintergrundwissen hast du dann eine Basis, auf die du deine Analyse aufbauen kannst. Zudem erleichtert dir dieses Wissen die Interpretation des Gedichtes, da es dadurch viel leichter verständlich ist und du direkt weißt, was dich inhaltlich erwartet.

2. Themen und Motive

Wie du gesehen hast, sind die Themen der Großstadtlyrik über die Epochen hinweg sehr ähnlich. Grundsätzlich kannst du dir folgende charakteristische Motive merken:

  • Technik und Industrie
  • Anonymität und Einsamkeit
  • Orientierungslosigkeit und Angst
  • Entfremdung und Verlust der Individualität
  • Krankheit und Verfall
  • Hoffnungen und Träume

Bedenke aber, dass nicht in jedem Großstadtgedicht automatisch negative Empfindungen gegenüber der Großstadt geäußert werden. Es gibt durchaus auch Gedichte, die widerspiegeln, dass es Menschen gab, die in der Großstadt die Chance auf ein besseres Leben sahen und Träume und Hoffnungen mit ihr verbanden.

Grundsätzlich solltest du diese Motive einfach auswendig lernen. Denn wenn du Großstadtlyrik direkt mit ihnen in Verbindung bringen kannst, fällt es dir leichter, deine Analyse zu schreiben und auch die sprachlichen und formalen Aspekte des Gedichtes zu verstehen und zueinander in Bezug zu setzen.

3. Formale Auffälligkeiten

Neben den inhaltlichen Elementen geht es bei einer Gedichtinterpretation ebenso darum, formale Auffälligkeiten herauszuarbeiten, sie zu interpretieren und sie mit den inhaltlichen Aspekten zu verknüpfen. Dazu gehört unter anderem, dass du Reimschema und Metrum bestimmst, die Kadenzen benennst und rhetorische Mittel erkennst und interpretierst sowie auf das lyrische Ich verweist. Vor allem die sprachliche Analyse fällt vielen dabei schwer. Hast du das Gedicht aber schon in eine Literaturepoche eingeordnet und weißt, was für diese Zeit typisch war, kennst du neben den charakteristischen Themen und Motiven auch die typischen sprachlichen Merkmale.

Sollst du zum Beispiel ein expressionistisches Gedicht interpretieren, dann weißt du, dass es den Autoren /-innen darum ging, sich von Formzwängen zu befreien und sie Sprache experimentell einsetzten. Das bedeutet, dass sie unter anderem Grammatik und Zeichensetzung missachteten, oft einen abgehackten Sprachstil wählten und bevorzugt sprachliche Stilmittel wie Neologismen (Wortneuschöpfungen), Ellipsen, Personifikationen, Metaphern oder Übertreibungen wählten. Damit hast du also schon konkrete Anhaltspunkte, wonach du suchen kannst und auf welche Aspekte du in deiner Analyse eingehen kannst.

4. Deine Interpretation schreiben

Auch wenn es sich aufwendig anhört: Wenn du mit den Epochen vertraut bist, läuft die eben erläuterte Vorarbeit ganz automatisch ab. Im nächsten Schritt geht es dann darum, deine Interpretation zu schreiben. Sie gliedert sich in Einleitung, Hauptteil und Schluss und folgt damit einem festgelegten Aufbau.

Zur Erinnerung hier noch einmal der Aufbau im Überblick:

  • Einleitung: Titel, Textsorte, Autor, Erscheinungsjahr und Thema – diese Punkte gehören in jede Einleitung. Du kannst sie meist in ein bis zwei Sätzen formulieren, zum Beispiel: Bei dem Gedicht "Die Stadt" von Georg Heym aus dem Jahr 1911 handelt es sich um ein expressionistisches Großstadtgedicht. Es thematisiert das trostlose Leben in der Großstadt und den damit einhergehenden Verlust des Individuums.
  • Hauptteil: Er beginnt mit einer kurzen Inhaltsangabe, gefolgt von formalen Aspekten wie Anzahl der Strophen und Verse, Versmaß und Reimschema. Dann folgt die eigentliche Analyse, in der du nach epochentypischen Motiven und Merkmalen suchst, sprachliche Stilmittel herausarbeitest, diese interpretierst und Form und Inhalt in Bezug zueinander setzt.
  • Schluss: Darin fasst du kurz deine wichtigsten Erkenntnisse zusammen, formulierst die Aussage des Gedichts und bewertest diese in Hinblick auf die Epoche.

Es geht in der Gedichtsanalyse also darum, alles zusammenzubringen: Inhalt, Sprache und den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das gilt nicht nur für die Interpretation von Großstadtgedichten, sondern für grundsätzlich jede Interpretation eines literarischen Textes.

Wichtige Autoren /-innen

Wie du gesehen hast, war die Großstadt in einigen Epochen das dominierende Thema der Lyrik. Auf deinem Weg zu Deutsch im Abitur solltest du vor allem folgende wichtige Autoren /-innen im Zusammenhang mit der Großstadtlyrik kennen:

  • Georg Heym (1887–1912), zum Beispiel "Die Stadt" (1911)
  • Rainer Maria Rilke (1875–1926), zum Beispiel "Die Städte aber wollen nur das ihre" (1903)
  • Kurt Tucholsky (1890–1935), zum Beispiel "Augen in der Großstadt" (1932)
  • Mascha Kaléko (1907–1975), zum Beispiel "Großstadtliebe" (1933)
  • Bertolt Brecht (1898–1956), Gedichtsammlung "Aus dem Lesebuch für Städtebewohner" 
  • Joachim Ringelnatz (1883–1934), zum Beispiel "Berlin" (1933)

Wichtige Fragen

Was ist typisch für Großstadtlyrik?

Typisch für die Großstadtlyrik ist, dass sie die Erfahrungen der Menschen in der Großstadt verarbeitete. Dazu gehören Themen wie Ängste, Entfremdung, Anonymität, aber auch Träume und Hoffnungen.

Was ist typisch für den Expressionismus?

Die Großstadt ist ein typisches Thema des Expressionismus. Damit einhergehend sind Anonymität, Isolation, Chaos, Lärm und der Ich-Verlust charakteristische Motive. Außerdem geht es um den Ausdruck innerer Vorgänge und Gefühle. Die Sprache war sehr experimentell und brach mit bisherigen dichterischen Konventionen. Den Autoren /-innen ging es darum, etwas völlig Neues und etwas Ausdrucksstarkes zu schaffen.

Was ist "ameisenemsig" für ein Stilmittel?

"Ameisenemsig" ist ein Adjektiv, das Paul Boldt in seinem expressionistischen Gedicht "Auf der Terrasse des Café Josty" (1912) nutzt, um die Menschen und das große Durcheinander auf dem Potsdamer Platz zu beschreiben.

Großstadtlyrik auf einen Blick

  • Großstadtlyrik bezeichnet Gedichte, die sich mit dem Thema Großstadt beschäftigen.
  • Großstadtlyrik findest du ab der Epoche des Naturalismus bis in die heutige Gegenwartsliteratur.
  • Ihre Hochzeit erlebte die Großstadtlyrik im Expressionismus.
  • Die Großstadtlyrik des Naturalismus und des Expressionismus setzte sich vor allem mit den gesellschaftlichen Folgen der Industrialisierung auseinander.
  • Die Industrialisierung veränderte das Leben der Menschen enorm und führte zu Bildung von Großstädten.
  • Sie brachte jedoch nicht nur technischen Fortschritt, sondern führte zu Armut, Überbevölkerung und schlechten Arbeitsbedingungen in den Städten.
  • Anonymität, der Verlust des Individuums, Orientierungslosigkeit und Entfremdung sind typische Themen der Großstadtlyrik.

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