Moderne Kunst
Wie die moderne Kunst so brach auch die moderne Literatur mit Konventionen. | Foto: Steve Johnson / Unsplash
Autor

17. Apr 2020

Elena Weber

Abitur lernen

Auf einen Blick: die Literaturepoche der Moderne (1880–1920)

Ende und Neuanfang

Moderne: Alles anders

Die Literaturepoche der Moderne liegt schon eine Weile zurück: Sie begann in Deutschland im Jahr 1890 und endete ungefähr 1920 mit der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Republik. Wir erklären dir, warum diese Zeit aus literarischer Sicht so neu und modern war und was du über diese Epoche für Deutsch im Abitur wissen solltest.


"Jede Zeit erscheint sich ausweglos neuzeitig. Das 'Moderne' aber ist genau in dem Sinne verschieden wie die verschiedenen Aspekte ein und desselben Kaleidoskops." (Walter Benjamin, deutscher Philosoph und Literaturkritiker)


 Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Zeitgeschichtliche Einordnung
  3. Merkmale
  4. Literatur
  5. Überblick
  6. Quiz

Definition: Die Literaturepoche der Moderne

Du kannst dir die Literaturepoche der Moderne als eine Art "Überepoche" vorstellen. In ihre Zeit fallen viele andere Epochen und Strömungen, beispielsweise der Expressionismus, der Impressionismus, der Symbolismus sowie Dekadenz, Jugendstil und Ästhetizismus. Damit ist die Moderne eine Art Sammelbegriff für eine literarisch sehr vielseitige und kreative Zeit. Auch gibt es regionale Unterteilungen wie die Wiener Moderne oder die Berliner Moderne.

Datiert ist die Epoche der Moderne auf die Zeit von 1880 bis 1920. Sie war eine Gegenbewegung zu Realismus (1848–1890) und Naturalismus (1880–1900) und von großen technischen Fortschritten geprägt. Neue Erkenntnisse und Entwicklungen sorgten für einen kompletten Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen. 

Zeitgeschichtliche Einordnung

Die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert war nicht nur kalendarisch der Beginn einer neuen Zeit. Sie war auch ein Bruch mit der Tradition. Mit ihr begann etwas völlig Neues. Grund dafür waren vor allem große wissenschaftliche Theorien, die das Welt- und Menschenbild grundlegend veränderten. Dazu gehörten beispielsweise das Strahlungsgesetz und die Quantenformel von Max Planck (1900), die Psychoanalyse von Sigmund Freud (1901) sowie Albert Einsteins Relativitätstheorie (1905). 

Auch die fortschreitende Industrialisierung sowie die Säkularisierung, also das Loslösen von der Religion, hatten Einfluss auf die neue Denkweise: Die steigenden Anforderungen an die Arbeiter und Arbeiterinnen schränkten die persönliche Entfaltung des nach Individualität strebenden Menschen ein. An die Stelle religiöser Ideen trat, ähnlich wie zur Zeit der Aufklärung (1720–1800), die Vorstellung eines autonomen Menschen mit Verstand. Insgesamt ist die Moderne damit sowohl ein Ende als auch ein Neuanfang.

Merkmale der Moderne

Der wissenschaftliche Fortschritt und der damit einhergehende Umbruch im Leben und Denken der Menschen macht sich sehr deutlich in der Literatur der Moderne bemerkbar. Erstmals in der Literaturgeschichte hatte die Literatur kein klares Ziel. Bis dahin hatten die Vertreterinnen und Vertreter mit ihrem schriftstellerischen Schaffen stets ein bestimmtes Ziel verfolgt, sei es ein erzieherisches wie in der Aufklärung (1720–1800) oder ein politisches wie im Vormärz (1815–1848). Die Vorgängerepoche, der Naturalismus (1880–1900), hatte Kunst und Natur gleichgesetzt und versucht, naturwissenschaftliche Prinzipien auf die Literatur zu übertragen. In der Moderne hingegen gab es zahlreiche neue Stilrichtungen, die die Neuerungen um die Jahrhundertwende literarisch verarbeiteten. Gemeinsam haben sie, dass sie sich alle vom Naturalismus und seiner objektiven Beschreibung der (hässlichen) Wirklichkeit abwandten.

Die Merkmale der Moderne im Überblick:

  • Stilpluralismus
  • literarische Experimente
  • pessimistische Weltsicht

Stilpluralismus

Wegen der Vielzahl literarischer Tendenzen spricht man in der Moderne von einem Stilpluralismus. Er umfasst Strömungen wie Expressionismus, Impressionismus, Symbolismus, Dekadenz, Neuromantik, Dadaismus, Jugendstil und Ästhetizismus. Der Stilpluralismus ist ein besonderes Merkmal der Moderne – in den vorherigen Epochen gibt es so etwas nicht. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Epochen stets von einem für sie typischen Stil geprägt. Diesen Stil hatten andere Epochen, die parallel oder nachfolgend verliefen, aufgegriffen und weiterentwickelt. Die Romantik (1795–1835) beispielsweise war mit der Romantisierung von Gefühlen und des Mittelalters eine Reaktion auf die vernunftbetonte Aufklärung (1720–1800) und die Weimarer Klassik (1786–1831), die sich an den Vorbildern und Idealen der Antike orientierte. 

Eine Folge des Stilpluralismus ist außerdem, dass viele Autorinnen und Autoren der Moderne  mehreren Strömungen zugeordnet werden können.


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Literarische Experimente

Ein großes Thema der Jahrhundertwende war die sogenannte Sprachkrise. Sie entstand, weil die Autorinnen und Autoren dieser Zeit die traditionelle Sprache infrage stellten und nach neuen sprachlichen Ausdrucksmitteln suchten. Infolgedessen experimentierten sie mit rhetorischen Mitteln, Erzähltechniken und Darstellungsformen und rückten die Sprache selbst ins Zentrum ihrer Werke. Damit änderte sich auch die Funktion von Literatur. War diese in den vorangegangenen Epochen des 19. Jahrhunderts – Vormärz, Junges Deutschland oder Naturalismus – ein Mittel des politischen Ausdrucks gewesen, entstand sie nun um ihrer selbst willen. In der Moderne spricht man auch von einer experimentellen Literatur.

Ein wichtiges Werk, das die Sprachkrise thematisierte, ist der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahr 1902. Bei diesem Prosatext handelt es sich um einen fiktiven Brief, der kritisiert, dass die Sprache als Ausdrucksmittel nicht ausreicht.

Pessimistische Weltsicht

Der radikale Wandel in vielen Lebensbereichen führte bei den Menschen zu Orientierungslosigkeit und Entfremdung. Diese wiederum äußerten sich in einer pessimistischen Weltsicht und einer apokalyptischen Endzeitstimmung. Die Menschen hatten das Gefühl, Teil einer sterbenden Welt anzugehören und glaubten, mit dieser unterzugehen.

Literatur der Moderne

Die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen führten zu einer völlig neuen Denkweise. Die Literatinnen und Literaten der Moderne griffen die neuen Perspektiven einer individuellen Wahrnehmung der Wirklichkeit auf und wandten sich damit von der realistischen und sachlichen Erzählweise des Naturalismus ab. Sie wollten sich auch literarisch vom Alten, Traditionellen abgrenzen. 

Literarische Themen der Moderne:

  • apokalyptische Endzeitstimmung
  • individuelle Wahrnehmungen 
  • das Unterbewusste
  • Dekadenz, Verfall und Tod
  • Pessimismus
  • Sprachkritik

Moderne Endzeitstimmung


Epik

Insgesamt gab es in der Moderne eine große Vielfalt von literarischen Formen und Inhalten. In der literarischen Gattung der Epik entstanden beispielsweise viele Briefromane, Erzählungen und Novellen. Im Zuge der Neuromantik entwickelte sich das Kunstmärchen

Die Experimentierfreude der Autorinnen und Autoren zeigt sich auch in modernen Romanen. Hier findest du beispielsweise einen häufigen Wechsel der Erzählperspektiven oder innere Monologe. Die Figuren haben meist eine eingeschränkte Weltsicht, die ihnen zum Verhängnis wird. 

Lyrik

Typisch für die moderne Literatur ist die Großstadtlyrik. Sie war ein Gegenentwurf zu den romantischen Naturdarstellungen zuvor und thematisiert meist die negativen Erfahrungen des Individuums in der modernen Großstadt. Insgesamt ist die Großstadtlyrik eine poetische Antwort auf die Veränderungen durch die industrielle Revolution. Die Großstadtlyrik kennst du wahrscheinlich vor allem aus der Literaturepoche des Expressionismus (1905–1925). 

Ein Beispiel für Großstadtlyrik ist das expressionistische Gedicht "Städter" von Alfred Wolfenstein aus dem Jahr 1914:

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Es veranschaulicht die trostlose Enge der Stadt. Ebenfalls aus dem Deutschunterricht bekannt könnte dir das Gedicht "Gott der Stadt" von Georg Heym sein. Es entstand im Jahr 1910 und fällt damit ebenfalls in die Zeit des Expressionismus, für den die Verstädterung und die damit empfundene Enthumanisierung des Menschen ein großes Thema war:

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.

Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn. 

Stilistisch ist bei der modernen Lyrik vor allem das enge Zusammenspiel von Form und Aussage typisch. Die Gedichte sind so konzipiert, dass die Aussage nur in Kombination mit der Form den gewünschten Sinn ergibt. Außerdem wurden häufig Chiffren verwendet. Das sind verschlüsselte Metaphern. Anders als das Symbol, das in der Regel allgemein bekannt ist (z.B. die Taube als Symbol des Friedens), muss eine Chiffre aus dem Zusammenhang des Gedichtes erschlossen werden. Chiffren sind somit nicht beim ersten Lesen verständlich. Ein Beispiel, das zwar nicht aus der Epoche der Moderne stammt, aber eine sehr bekannte Chiffre ist, ist die "Schwarze Milch der Frühe" aus dem Gedicht "Die Todesfuge"(1945) von Paul Celan.

Dramatik

Eine Veränderung erlebte auch das Drama. Statt weiterhin von "Drama"oder "Tragödie" zu sprechen, sprach man nun vom "Stück". Das lag daran, dass es in den Stücken keine Heldenfiguren mehr gab. In der Moderne begriff man den Mensch als fremdbestimmtes Individuum.

Ein bekanntes Werk ist das Stück "Frühlingserwachen" von Frank Wedekind, in dem der Autor 1891 die bürgerliche Sexualmoral kritisierte. Das Stück löste einen wahren Skandal aus und wurde wegen seines als obszön empfundenen Inhalts jahrelang verboten.

Wichtige Autoren und Werke

  • Max Frisch (1911–1991), z.B. "Homo Faber"oder "Andorra"
  • Franz Kafka (1883–1924), "Die Verwandlung"
  • Frank Wedekind (1864–1918), z.B. "Frühlings Erwachen"
  • Virginia Woolf (1883–1924), z.B. "Mrs. Dalloway"
  • Thomas Mann (1875–1955), z.B. "Die Buddenbrocks"

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 Die Moderne im Überblick:

  • Die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert brachte viele Veränderungen mit sich.
  • Die Moderne ist ein Sammelbegriff für viele literarische Strömungen.
  • Sie war eine Gegenbewegung zu Realismus und Naturalismus.
  • Typisch war ein pessimistisches Weltbild.
  • Das komplexe individuelle Seelenleben und das Unterbewusste standen im Fokus.
  • Die Sprachkrise führte zu einer experimentellen Literatur.

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