Empfindsamkeit Literaturepoche
Vorlesung aus Goethes Werther: Der Briefroman enthält auch Merkmale der Empfindsamkeit. | Foto: gemeinfrei
Autor

12. Feb 2020

Elena Weber

Abitur lernen

Alles über die Literaturepoche der Empfindsamkeit (1740–1790)

Gefühl vor Verstand

Die Epoche der Empfindsamkeit

Wenn es um geschichtliche und literarische Epochen geht, bringst du das 18. Jahrhundert wahrscheinlich am ehesten mit der Aufklärung in Verbindung. Sie ist nicht nur für Denker wie Jean-Jacques Rosseau oder Immanuel Kant bekannt. Die Aufklärung ist eng mit einem historischen Ereignis verbunden, das auch für unsere heutige Welt noch immer von großer Bedeutung ist: die Französische Revolution.

Doch auch wenn die Ideen der Aufklärung die damalige Zeit dominierten, entwickelten sich parallel zu ihr andere Strömungen, die ebenfalls wichtig für die deutsche Literaturgeschichte sind. Eine dieser Strömungen ist die Empfindsamkeit. Wir erklären dir, was sich hinter diesem Begriff verbirgt und welche Merkmale typisch für die Literaturepoche der Empfindsamkeit sind.


 "Empfindsamkeit ist sonach die Fähigkeit, leicht zu sanften Empfindungen gerührt zu werden." (Deutsches Wörterbuch, 1776)


 Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Zeitgeschichtliche Einordnung
  3. Merkmale
  4. Literatur
  5. Überblick
  6. Quiz

Empfindsamkeit: Definition

Wie der Sturm und Drang so ist auch die Empfindsamkeit eine literarische Strömung, die sich aus der Aufklärung heraus entwickelte. In Deutschland umfasst sie den Zeitraum von 1740 bis 1790. Ihr charakteristisches Merkmal ist die Überhöhung des Gefühls.

Der Begriff der Empfindsamkeit wurde vom deutschen Dichter Gotthold Ephraim Lessing geprägt. Er riet dem Verleger Johann Christoph Bode den Roman "A Sentimental Journey through France and Italy" von Laurence Sterne mit dem Titel "Yoriks empfindsame Reise" zu übersetzen. Das Wort "empfindsam" war damals ein Neologismus, also eine Wortneuschöpfung. Das heißt, den Begriff hatte es bis dahin nicht gegeben. Er verankerte sich erst zu dieser Zeit im deutschen Sprachgebrauch und wurde nachträglich zur Bezeichnung für diese Literaturepoche.

Zeitgeschichtliche Einordnung

Am Beispiel der Empfindsamkeit kannst du sehr anschaulich sehen, dass Epochen niemals unabhängig voneinander verlaufen. Auch enden sie nicht von heute auf morgen, sondern gehen ineinander über und beeinflussen sich gegenseitig: Im 18. Jahrhundert war die Aufklärung (1720–1790) die vorherrschende Epoche. Ab 1765 stellte sich der Sturm und Drang ihren vernunftbetonten Idealen entgegen, ehe die Weimarer Klassik die aufklärerischen Ideen von 1786 bis 1831 wieder aufgriff. Diese wurden von der gefühlsbetonten Welt der Romantik ab 1795 wiederum abgelehnt.

Die Empfindsamkeit verlief zur Zeit von Aufklärung und Sturm und Drang. Während Aufklärung und Sturm und Drang sich als Gegenpole gegenüberstanden, war die Empfindsamkeit beiden Epochen zugewandt. Du kannst sie als Reaktion auf die Dominanz des Rationalismus und Vorläufer des Sturm und Drang verstehen.

Das Weltbild der Aufklärung

Die Empfindsamkeit war durch dieselben gesellschaftlichen und historischen Ereignisse geprägt wie die Aufklärung: Religions- und Bürgerkriege erschütterten Deutschland, das in über 300 souveräne Einzelstaaten zersplittert war. Das Ständesystem bestimmte die gesellschaftliche Ordnung. Gleichzeitig begann der Gedanke des Fortschritts den Absolutismus und die Vormachtstellung des Adels zu hinterfragen. Forderungen nach Toleranz und Gleichheit wurden immer lauter. 

Im Sinne der Aufklärung sollte der Mensch sich mithilfe seines Verstandes von seiner Unmündigkeit befreien und sein Recht auf Emanzipation, Bürgerrechte und Bildung einfordern. Der Verstand war das höchste Ideal der Aufklärung, entsprechend rational war der Charakter dieser Epoche. Um die Merkmale der Empfindsamkeit nachvollziehen zu können, solltest du diese wesentlichen Inhalte der Aufklärung im Hinterkopf behalten.

Merkmale der Empfindsamkeit

Der Begriff verrät bereits, worum es in der Empfindsamkeit ging: um Gefühle. Das macht sie jedoch keineswegs zum Gegenteil der rationalen Aufklärung. Vielmehr hat sie den aufklärerischen Rationalismus um den Aspekt des Gefühls erweitert und individuelle Empfindungen zum Ideal erhoben. Neben ihrer Gefühlsbetontheit sind eine starke Naturverbundenheit und Frömmigkeit typische Merkmale der Empfindsamkeit.

Die Merkmale im Überblick:

  • Gefühlsbetontheit
  • Frömmigkeit
  • Naturverbundenheit

Betonung des Gefühls

Das intensive Erleben und Empfinden von Gefühlen ist das zentrale Merkmal der Empfindsamkeit. Es äußerte sich in Schwärmerei und einem regelrechten Überschwang an Gefühlen. Typisch sind auch eine sentimental-enthusiastische, von Gefühlen getragene Weltsicht und eine Sensibilität für seelische Vorgänge.

Der Rückzug in Gefühlswelten war für das Bildungsbürgertum eine Flucht vor ihrer gesellschaftlichen und politischen Unterdrückung. Die eigenen Gefühle und der Blick auf das Innere waren den Vertreterinnen und Vertretern dieser Strömung so wichtig, dass das Gefühl ihr Maßstab für Handlungen und Persönlichkeit war. Gefühle waren menschlich und sollten nicht länger versteckt werden. Typisch sind deshalb Motive wie Lebensgenuss, Freundschaft, das Beobachten seelischer Regungen und die Ergriffenheit in Hinblick auf Anmut und Tugend.

Typische Gefühle der Empfindsamkeit: 

  • Freundschaft
  • Nächstenliebe
  • Geschwisterliebe
  • Naturliebe
  • Trauer

Wie du siehst, handelt es sich dabei um Gefühle, denen eine Gewisse Rührseligkeit und Ergriffenheit zugrunde liegt. Temperamentvolle, negative Gefühlsregungen wie Zorn, Raserei oder Begierde zählten nicht zu den Idealen der Empfindsamkeit.


Empfindsamkeit Freundschaft


Frömmigkeit

Frömmigkeit ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt der Empfindsamkeit. Das liegt daran, dass sie vom sogenannten Pietismus beeinflusst war. Der Pietismus war eine religiöse Bewegung  innerhalb des deutschen Protestantismus und richtete sich gegen den Dogmatismus der Kirche. Diese hielt starr an ihren Anschauungen und Lehrmeinungen fest und verweigerte sich dem Fortschrittsdenken der damaligen Zeit.

Dem Pietismus ging es um eine subjektive Wahrnehmung des Göttlichen. Der Mensch sollte selbst einen Zugang zur Religiosität finden und nicht bloß den Lehren der Bibel folgen. Die Pietisten setzten auf eine persönliche, gefühlsbetonte Frömmigkeit. Die Idee einer individuellen, subjektiven Frömmigkeit findest du auch in der Empfindsamkeit.

Naturverbundenheit

Im Zusammenhang mit der Betonung subjektiver Gefühle war in der Empfindsamkeit auch das Entdecken und Erleben der Natur von Bedeutung. Die Natur war ein Raum, der individuelles Erleben und Empfinden sowie eine Rückkehr in sich selbst ermöglichte. Gleichzeitig weckte sie jene sentimental-schwärmerischen Gefühle, die die Vertreter und Vertreterinnen so verehrten. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht "Abendlied" von Matthias Claudius aus dem Jahr 1779. Es beschreibt den Wald bei Nacht. Du kennst es wahrscheinlich als Schlaflied "Der Mond ist aufgegangen": 

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.

Unterschiede zu Aufklärung und Sturm und Drang

Die Empfindsamkeit verlief zeitgleich zu Aufklärung und Sturm und Drang. Sie weist Bezugspunkte zu beiden Epochen auf, lässt sich aber auch recht leicht von ihnen unterscheiden: Der Sturm und Drang war eine Gegenbewegung zur Aufklärung. Dem Verstand, dem höchsten aufklärerischen Ideal, setzten die Stürmer und Dränger Gefühl und Fantasie entgegen. Auch die Empfindsamkeit betonte das Gefühlvolle. Anders als der Sturm und Drang war sie aber keine Protestbewegung gegen die Aufklärung, sondern ergänzten die rationalen Ideen dieser Epoche um das Empfindsame und Sentimentale. Sie begriff Gefühle nicht als Makel, sondern als Möglichkeit der Persönlichkeitsentwicklung. Der Sturm und Drang steigerte die Überhöhung des Gefühls, wie es in der Empfindsamkeit stattfand, in einen regelrechten Gefühlsrausch und ist somit extremer und leidenschaftlicher als die Empfindsamkeit.


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Literatur der Empfindsamkeit

Die Autoren und Autorinnen der Empfindsamkeit waren junge Akademiker aus dem Bildungsbürgertum. Ihre Texte sind durch Schwärmerei und Überschwang gekennzeichnet. Um die inneren Empfindungen nach außen zu kehren, nutzten sie literarische Formen, mit denen sich Gefühle detailliert und nuancenreich darstellen ließen. Ziel war es, auch die Leserschaft zu rühren.

Lyrik

Die literarische Gattung der Lyrik eignet sich durch ihre sprachlichen und formalen Besonderheiten sehr gut dazu, Empfindungen überschwänglich zum Ausdruck zu bringen. So ermöglicht sie einen dichten Einsatz von rhetorischen Mitteln. Auch durch Gestaltungsmittel wie Metrum und Reimschema lassen sich Gefühle kunstvoll ausschmücken.

In der Empfindsamkeit waren besonders Oden, Hymnen, Elegien und Idyllen beliebt – alles Gedichtformen, die in sich schon auf Überschwang angelegt sind. Gefühle stehen im Mittelpunkt. Entsprechend zeigt das empfindsame lyrische Ich starke Gefühlsregungen und offenbart oftmals sein Seelenleben. Häufig findest du in Gedichten der Empfindsamkeit Ausrufe wie "Oh" und "Ah". Das wichtigste Gedicht der Empfindsamkeit ist das Heldengedicht "Messias" von Friedrich Gottlieb Klopstock. Wegen seiner sprachlichen und formalen Gestaltung hatte es einen großen Einfluss auf die zeitgenössischen Dichterinnen und Dichter.

Epik

In der Epik dominierten vor allem Briefroman, Reiseberichte und andere Erlebnisberichte, da sie es ermöglichten, individuelle Empfindungen ausufernd darzustellen. Einen Höhepunkt stellt in diesem Zusammenhang Goethes Briefroman "Die Leiden des Jungen Werther" dar. Es ist nicht nur das wichtigste Werk des Sturm und Drang. Die Schilderung von Werthers tiefsten Empfindungen entspricht auch den Ideen der Empfindsamkeit.

Dramatik

In der Dramatik verdrängte das Empfindsame das Komödiantische, etwa durch weinerliche Lustspiele oder Rührstücke. Das waren Stücke, die Zuschauer zu Tränen rühren sollten. Außerdem gewann das bürgerliche Trauerspiel an Bedeutung. Wichtige Dramatiker waren August von Kotzebue und August Wilhelm Iffland.

Wichtige Autoren und Werke

  • Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803), z.B. "Messias" oder "Die frühen Gräber"
  • Sophie von La Roche (1730–1807), z.B. "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim"
  • Matthias Claudius (1740–1815), z.B. "Abendlied"
  • Ludwig Heinrich Hölty (1748–1776), "Gedichte"

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 Die Empfindsamkeit im Überblick:

  • Die Empfindsamkeit ist eine literarische Strömung zur Zeit der Aufklärung.
  • Sie setzte dem Rationalismus der Aufklärung das Gefühl entgegen.
  • Die Empfindsamkeit ist sehr gefühlsbetont, sentimental, naturverbunden und fromm.
  • Es gab einen richtigen Freundschaftskult.
  • Die Gefühlsschwärmerei der Empfindsamkeit ist der Vorläufer zum leidenschaftlicheren Sturm und Drang.

Teste dein Wissen

Du kannst Empfindsamkeit, Aufklärung und Sturm und Drang perfekt auseinanderhalten und weißt, was für die literarische Strömung der Empfindsamkeit typisch war? Dann teste dein Wissen in unserem Quiz.

 

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Bildnachweise: Wilhelm Amberg artist QS:P170,Q317963, Wilhelm Amberg Vorlesung aus Goethes Werther, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons        

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