Ich-Erzähler in erzählenden Texten
Durch den Ich-Erzähler erlebst du die Geschichte aus einer ganz persönlichen Sicht. | Foto: Sjale / Getty Images
Autor

12. Mär 2022

Elena Weber

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Der Ich-Erzähler: alle Infos im Überblick

Der Ich-Erzähler: maximale Identifikation

"Ich spürte, wie mir ein kalter Schauer den Rücken hinauf kroch. Angst. Ich hatte Angst. Und ich wusste, ich hatte nur eine Möglichkeit: Ich musste rennen. So schnell ich konnte." Wenn du diese Sätze liest, ist sofort klar: Du bist mitten im Geschehen, kannst dich sofort mit der Figur, aus deren Sicht erzählt wird, identifizieren. Das liegt am Ich-Erzähler. Beim Ich-Erzähler handelt es sich um eine Erzählperspektive. Sie brauchst du, wenn du zum Beispiel eine Kurzgeschichte interpretierst oder beim Interpretation schreiben über eine Novelle. Als Basiswissen über epische Texte musst du die Erzählperspektiven außerdem für Deutsch im Abitur kennen. Wir stellen dir hier den Ich-Erzähler vor und erklären dir alles, was du über dessen Merkmale und Wirkung wissen solltest.


Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Merkmale
  3. Wirkung
  4. Beispiele
  5. Häufige Fragen
  6. Überblick

Definition: Was ist ein Ich-Erzähler?

Der Ich-Erzähler ist eine bestimmte Erzählperspektive, die dir in Texten begegnet, die zur literarischen Gattung der Epik gehören. Sie umfasst sämtliche erzählende Texte wie Kurzgeschichten, Romane und Novellen. Typisch für epische Texte ist, dass sie immer einen Erzähler haben. Er ist ein Merkmal, dass du nur in der Epik findest. Der Erzähler kann verschiedene Erzählperspektiven einnehmen, auch Erzählverhalten genannt.

Es gibt den auktorialen Erzähler, den neutralen Erzähler, den personalen Er/Sie-Erzähler und den Ich-Erzähler. Jede Erzählweise hat eine bestimmte Sicht auf die Geschichte und erzählt sie aus einem bestimmten Blickwinkel. Dies hat entscheidenden Einfluss darauf, wie du als Leser /-in die Geschichte erlebst. 


Literaturverzeichnis Hinweis Der Autor oder die Autorin ist nicht der Erzähler. Er/Sie erschafft den Erzähler, ist es aber nicht selbst.


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Merkmale des Ich-Erzählers

Der Ich-Erzähler ist eine besondere Form des personalen Erzählers. Typisch für den personalen Erzähler ist, dass er die Sicht einer bestimmten Person in der Geschichte einnimmt und schildert, was diese Person denkt, fühlt und erlebt. Was in den Köpfen anderer Personen vorgeht, erfährst du allerdings nicht, da der personale Erzähler auf die Wahrnehmung und das Wissen der Figur beschränkt ist, aus deren Sicht er gerade erzählt.

Der Ich-Erzähler schildert die Geschichte ebenfalls aus der Sicht einer bestimmten Figur, nämlich aus der Sicht der Figur, die die Geschichte erlebt. Meist ist das der/die Protagonist /-in der Geschichte, also der Hauptcharakter. Dazu nutzt er die Ich-Form.

Typisch für einen Ich-Erzähler ist, dass er…

  • eine subjektive und persönliche Sicht einnimmt.
  • auf die Gedanken und Gefühle der Figur beschränkt ist, aus deren Sicht er erzählt.
  • die Ich-Form verwendet.

Den Ich-Erzähler zu erkennen, ist durch die verwendete Ich-Form ziemlich einfach. Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler führt dich der Ich-Erzähler nicht mit Wertungen oder Kommentaren durch die Geschichte, die außerhalb des von ihm Erlebten liegen. Du als Leser /-in kannst somit nur das wahrnehmen, was die Person, deren Perspektive der Ich-Erzähler einnimmt, denkt oder fühlt.


 Literaturverzeichnis HinweisDer Begriff Ich-Erzähler ist auf die literarische Gattung der Epik beschränkt. Er hat nichts mit dem lyrischen Ich zu tun, das du aus Gedichten kennst. Dieses gibt es nämlich nur in der Lyrik.


Erlebtes und erzählendes Ich

Der Ich-Erzähler bietet dir die größtmögliche Identifikation mit einer Figur, da es so gut wie keine erzählerische Distanz zwischen Figur und Erzähler sowie zwischen Figur und Leser /-in gibt, denn du als Leser /-in erlebst die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Gleichzeitig schafft der Ich-Erzähler durch seine extreme Subjektivität aber selbst eine  gewisse Distanz zum Geschehen, sodass du ihn dir wie eine gespaltene Erzählfigur vorstellen kannst. 

Aus diesem Grund wird auch zwischen dem erlebenden und dem erzählenden Ich unterschieden. Das erlebende Ich ist unmittelbar ins Geschehen involviert und erlebt es im Moment des Erzählens selbst. Das erzählende Ich hingegen nimmt die Retrospektive ein, berichtet also im Nachhinein über das Geschehen. In diesem Fall kann er auch wertend oder kommentierend auftreten und an den auktorialen Erzähler erinnern. 


Literaturverzeichnis Hinweis Der Ich-Erzähler ist durch seine eingeschränkte, persönliche Sicht der Erlebnisse dem personalen Er/Sie-Erzähler sehr ähnlich. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass der Er/Sie-Erzähler nicht mit der Figur verschmilzt, sondern diese immer von außen betrachtet. Erzähler und Figur sind hier niemals eins.


Die Retrospektive

Bezüglich der Retrospektive kannst du folgende Unterscheidungen treffen:

  1. Retrospektive mit Zentralstellung: Dabei blickt der Ich-Erzähler auf ein vergangenes Ereignis zurück, er hat also den notwendigen zeitlichen Abstand, um als auktoriales Ich aufzutreten. Weiterhin nimmt er eine Zentralstellung in der Erzählung ein, er hat die Geschichte also selbst erlebt. Das könnte beispielsweise in einer Autobiografie der Fall sein.  
  2. Retrospektive mit Randstellung: Hier hat der Ich-Erzähler einen zeitlichen Abstand zum Geschehen. So kann er werten, kommentieren oder Handlungsstränge vorwegnehmen. Allerdings nimmt er dabei nur eine Randstellung ein, weil er über die Erlebnisse einer anderen Figur spricht, wie etwa in einer Biografie.
  3. Keine ausgeprägte Retrospektive bei Zentralstellung: Das erlebende Ich hat hier keinen zeitlichen Abstand zum Geschehen und erlebt die Situation selbst. Das kann zum Beispiel in einem Roman oder Briefwechsel der Fall sein.
  4. Keine ausgeprägte Retrospektive bei Randstellung: Hierbei nimmt der Ich-Erzähler eine Randstellung in der Geschichte ein. Er erzählt etwas, was ein anderer erlebt. Außerdem gibt es keinen zeitlichen Abstand zum Erzählten, sodass es unmittelbar erlebt wird, wie etwa in einem Bericht oder eine Reportage.

Wirkung des personalen Erzählers

Als Leser /-in bleibst du bei einem Ich-Erzähler auf die Sicht einer Person beschränkt. Das bedeutet folglich, dass du auch die Geschichte, die erzählt wird, aus einer ganz bestimmten, subjektiven Perspektive wahrnimmst. Das führt auch dazu, dass du dich mit dieser Figur besonders intensiv identifizieren kannst.

Der Einsatz eines Ich-Erzählers bietet sich somit immer dann an, wenn  der/die Autor /-in die Gefühle und Gedanken seines /-r Protagonisten /-in besonders eindrücklich darstellen möchte. Der Ich-Erzähler erreicht hier ein hohes Maß an Authentizität, was die Geschichte für den/die Leser /-in sehr lebendig und real macht. Er/Sie hat das Gefühl, dass er/sie ebenfalls Teil der Geschichte ist.

Beispiele für einen Ich-Erzähler

Den Ich-Erzähler zu erkennen, ist durch die Ich-Form, die er verwendet, ziemlich leicht. Detailarbeit leistest du, indem du die Retrospektive bestimmst. Um dich dem Ich-Erzähler zu nähern, solltest du dir folgende Fragen stellen:


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 Literaturverzeichnis HinweisIn manchen weiterführenden Aufgaben sollst du einen inneren Monolog verfassen. Dazu kannst du den Ich-Erzähler nutzen.


Beispiel 1:
Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt. Ich strecke die Finger aus und suche nach Prims Wärme, finde aber nur das raue Leinen auf der Matratze. Prim muss schlecht geträumt haben und zu Mutter geklettert sein. Natürlich. Heute ist der Tag der Ernte. ("Die Tribute von Panem - Tödliche Spiele", Kapitel 1 von Suzanne Collins)

Dies sind die ersten Sätze aus dem Buch "Die Tribute von Panem". Es ist ein sehr anschauliches Beispiel für einen Ich-Erzähler, da die gesamte Trilogie aus der Sicht der Protagonistin Katniss Everdeen geschrieben ist. Du als Leser /-in erlebst die Geschichte aus ihrer Sicht, es gibt keine ausgeprägte Retrospektive bei Zentralstellung, denn das erlebende Ich hat keinen zeitlichen Abstand zum Geschehen und erlebt die Situation in dem Moment, in dem sie sie erzählt. 

Beispiel 2:
Es gab drei Dinge, deren ich mir ganz sicher war: Erstens, Edward war ein Vampir. Zweitens, ein Teil von ihm - und ich wusste nicht, wie mächtig dieser Teil war - dürstete nach meinem Blut. Und drittens, ich war bedingungslos und unwiderruflich in ihn verliebt. ("Biss zum Morgengrauen", Stephanie Meyer)

Auch an diesem Auszug aus dem ersten Band der berühmten Twilight-Reihe erkennst du sofort: Hier wird aus der Ich-Perspektive erzählt, du erlebst die Geschichte aus Sicht der Protagonistin Bella und weißt nur das, was sie weiß bzw. nicht weiß: Ihre Gedanken und Gefühle für Edward, aber nicht, wie groß die Gefahr ist, die für sie von ihm ausgeht. 

Wichtige Fragen

Wie nennt man den Ich-Erzähler?

Der Ich-Erzähler heißt Ich-Erzähler. Verwechsle ihn nicht mit dem lyrischen Ich. Dieses gibt es nur in lyrischen Texten, also Balladen und Gedichten. Ein Ich-Erzähler hingegen taucht nur in epischen Texten auf.

Welche vier Erzählperspektiven gibt es?

Es gibt den auktorialen Erzähler, den personalen Erzähler, den Ich-Erzähler und den neutralen Erzähler.

Was bewirkt der Ich-Erzähler?

Der Ich-Erzähler ermöglicht eine starke Identifikation mit der Person, aus deren Sicht erzählt wird. Zwischen Leser /-in und Ich-Erzähler sowie zwischen Ich-Erzähler und Protagonisten gibt es keine Distanz.

Was ist der Er-Erzähler?

Der Er/Sie-Erzähler ist ein personaler Erzähler. Das bedeutet, er kennt nur die Perspektive der Person, aus deren Sicht er erzählt. Er verwendet die Personalpronomen er oder sie.

Der Ich-Erzähler im Überblick

  • Du erkennst den Ich-Erzähler daran, dass du die Geschichte aus der Sicht einer einzelnen Figur erzählt bekommst.
  • Er ähnelt dem personalen Erzähler.
  • Der Ich-Erzähler verwendet die Ich-Form. Folglich findest du im Text Pronomen wie ich, mich oder mein.
  • Der Ich-Erzähler ermöglicht eine hohe Identifikation mit der Figur.
  • Erzählt der Ich-Erzähler die Geschichte aus großem zeitlichen Abstand, kann er auch auktoriale Züge annehmen.
  • Autor /-in und Ich-Erzähler sind nicht identisch.

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