Auktorialer Erzähler Schüler /-innen
Der auktoriale Erzähler einer Geschichte ist allwissend. | Foto: seb_ra / Getty Images
Autor

22. Mär 2022

Elena Weber

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Auktorialer Erzähler: Woran du diese Erzählperspektive erkennst

Ein auktorialer Erzähler: Mister Allwissend

Er weiß alles und hat den kompletten Durchblick: Der auktoriale Erzähler ist der Checker unter den Erzählperspektiven. Er begegnet dir im Deutschunterricht, wenn es darum geht, das Erzählverhalten eines epischen Textes zu bestimmen, beispielsweise wenn du eine Kurzgeschichte interpretierst. Das Erzählverhalten ist Basiswissen für Deutsch im Abitur und essentiell wichtig, wenn du eine Interpretation über einen erzählenden Text schreiben musst. Hier stellen wir den auktorialen Erzähler ausführlich vor. 


Inhaltsverzeichnis

  1. Definition
  2. Merkmale
  3. Wirkung
  4. Beispiele
  5. Häufige Fragen
  6. Überblick

Definition: Was ist ein auktorialer Erzähler?

Der auktoriale Erzähler gehört zu den Erzählperspektiven, auch Erzählverhalten genannt. Sie bezeichnen die verschiedenen Blickwinkel, aus denen eine Geschichte erzählt werden kann. Erzählperspektiven gibt es nur in Texten, die zur literarischen Gattung der Epik gehören. Das sind erzählende Texte wie Novellen, Kurzgeschichten oder Romane. Insgesamt gibt es drei bzw. vier Erzählperspektiven: den personalen Erzähler, den Ich-Erzähler, den neutralen Erzähler und den auktorialen Erzähler. Sie alle haben eine bestimmte Wirkung auf den Text und lassen dich eine Erzählung auf ganz unterschiedliche Weise erleben.

Der auktoriale Erzähler ist ein allwissender Erzähler. Was das konkret das bedeutet, erklären wir dir im Folgenden.

Merkmale des auktorialen Erzählers

Der auktorialer Erzähler wird auch als allwissender Erzähler bezeichnet, weil er er einen uneingeschränkten Überblick über die Handlung hat. Das bedeutet, er kennt die Gedanken, Gefühle und Hintergründe aller Figuren, kann Aussagen über Zukunft und Vergangenheit machen (z.B. in Form von Rückblenden) oder sich mit Kommentaren, Andeutungen oder Bewertungen in die Handlung einmischen. Ihm ist es sogar möglich, sich direkt an den/die Leser / -in zu wenden.

Darüber hinaus ist typisch für den auktorialen Erzähler, dass er…

  • nicht Teil der Erzählung ist.
  • von außen auf das Geschehen blickt.
  • alle Zusammenhänge kennt.
  • zwischen den Perspektiven einzelner Charaktere wechseln kann.
  • meist in der 3. Person Singular (er/sie) erzählt.

Achtung: Du darfst den auktorialen Erzähler nicht mit dem Autor oder der Autorin gleichsetzen. Der/Die Autor /-in hat sich den Text und damit auch den Erzähler ausgedacht. Er ist genauso Teil seiner Fantasie wie die gesamte Geschichte.


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Wirkung des auktorialen Erzählers

Jede Erzählperspektive hat eine bestimmte Wirkung. So auch der auktoriale Erzähler. Da er alles weiß, hat er den Figuren gegenüber einen Wissensvorsprung – und auch gegenüber dem /-r Leser /-in. Er entscheidet, woran er ihn/sie teilhaben lassen möchte und kann ihn beeinflussen, indem er durch Andeutungen die Spannung erhöht, das Geschehen bewertet oder den/die leser /-in bewusst in die Irre führt. Gleichzeitig befindet er sich mit den Leser /-innen auf Augenhöhe, weil er genauso außerhalb der Geschichte steht wie sie.

Beispiele für einen auktorialen Erzähler

Eine Geschichte muss nicht durchgehend aus ein und derselben Erzählperspektive erzählt werden. Es gibt auch Autoren /-innen, die das Erzählverhalten wechseln. Die verschiedenen Perspektiven zu unterscheiden, ist gar nicht so schwierig, denn sie sind meist sehr deutlich zu erkennen, wie du hier an unseren drei Beispielen zum auktorialen Erzähler sehen kannst.

Beispiel 1: 

Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Mann in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grad erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn noch erinnert werden sollte, daß es seine Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen. (Vgl. Thomas Mann, Der Zauberberg, S. Fischer 1924, S.9)

An diesem Auszug zeigt sich die Besonderheit auktorialen Erzählens: Der Erzähler wirkt einerseits distanziert, ist gleichzeitig aber am Innenleben der Figuren beteiligt. Dann wiederum kommentiert er (etwa durch die Anmerkungen in den Klammern). Zudem spricht er von “wir”, bezieht den/die Leser /-in also mit ein und verbündet sich sozusagen mit ihm.

Beispiel 2:

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich. Im Hause der Oblonski herrscht allgemeine Verwirrung. Die Dame des Hauses hatte in Erfahrung gebracht, dass ihr Gatte mit der im Haus gewesenen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten hatte und ihm erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben. (“Anna Karenina”, Lew Tolstoi, 1877/78)

Hier trifft der auktoriale Erzähler eine allgemeingültige Aussage über Familien und schildert den Zustand im Hause Oblonski. Er zeigt, dass er den Überblick über das Geschehen hat und über Hintergrundwissen verfügt.

Beispiel 3: 

An einem unfreundlichen Novembertag wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen, reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben. (“Kleider machen Leute”, Gottfried Keller, 1874)

Der auktoriale Erzähler zeigt sich hier bereits im ersten Satz: Er weiß, dass das Schneiderlein arm ist und was er in der Tasche hat, ohne dass das Schneiderlin uns als Leser /-in dies durch sein Handeln verrät. Es handelt sich hier um Detailwissen verknüpft mit Eindrücken, die ein personaler oder neutraler Erzähler nicht schildern könnten.

Wichtige Fragen

Welche vier Erzählperspektiven gibt es?

Es gibt die vier Erzählperspektiven auktorial, neutral und personal. Die personale Erzählperspektive kannst du in den personalen Er/Sie-Erzähler und den ich-Erzähler unterteilen.

Was sind die drei Erzählsituationen?

Die drei Erzählsituationen sind auktorial oder allwissend, personal und neutral.

Was ist der personale Ich-Erzähler?

Der Ich-Erzähler ist eine besondere Form des personalen Erzählers. Er beschreibt die Dinge aus der Ich-Perspektive. Erzähler und die Person, die die Geschichte erlebt, sind in dem Fall identisch.

Was ist der Unterschied zwischen auktorial und personal?

Der Unterschied zwischen einem auktorialen und einem personalen Erzähler ist, dass der auktoriale Erzähler allwissend ist, der personale Erzähler hingegen auf die Perspektive einer Person beschränkt. Das bedeutet, er kennt nur die Gedanken und Gefühle einer Figur und kann nicht die Sichtweise mehrerer Figuren gleichzeitig schildern.

Auktorialer Erzähler: ein Überblick

  • Der auktoriale Erzähler ist eine Erzählperspektive.
  • Er wird auch als allwissender Erzähler bezeichnet. 
  • Er kennt die Gedanken, Gefühle und Hintergründe aller Figuren.
  • Typisch für ihn sind Kommentare, Andeutungen oder Wertungen.
  • Er kann den/die Leser /-in beeinflussen.
  • Er steht außerhalb der Geschichte, das heißt, er ist nicht in sie involviert.
  • In der Regel nutzt er die Er/Sie-Form.

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