Studieren China Leistungsdruck
Gesellschaft und Familie verlangen jungen Chinesen Höchstleistungen ab | Foto: Thinkstock/Tomwang112
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14. Jul 2016

Elena Werner

Zündstoff

Lernen bis zum Umfallen: Ist der Leistungsdruck in China wirklich so krass?

6 chinesische Studierende über ihre Erfahrungen

Zucht und Ordnung für eine bessere Zukunft

Nach den Büchern der "Tiger Mom" und Spitzenwerten im Pisa-Test ist das chinesische Lernverhalten in Europa längst berühmt-berüchtigt. Doch die Erwartungen der Eltern und Vorstellungen über die eigene Zukunft lasten oft schwer auf den Schultern der zukünftigen Arbeitnehmer: Der enorme Leistungsdruck macht der psychischen Verfassung der Schüler und Studierenden zu schaffen. In Europa herrschen fast unerfüllbar hohe Ansprüche an die Lebensläufe und Zeugnisse, die in China durch den Bevölkerungsreichtum und den damit einhergehenden Massen von Schul- und Uniabsolventen auf die Spitze getrieben werden.

Besonders schlimm wird es für die chinesischen Jugendlichen im Juni bei der jährlichen Universitäts-Aufnahmeprüfung, der "Gao Kao". Ein Jahr lang lernen sie fast ununterbrochen für die Chance auf einen Studienplatz – weil das Leben an der Uni eine bessere Zukunft und mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt verspricht. Und wenn der Zeitpunkt der Gao Kao näher rückt, steigen regelmäßig auch die Suizidraten von Jugendlichen in China. Doch wie nehmen die chinesischen Studierenden den Leistungsdruck wahr? Und wie gehen sie damit um?


"Ich weiß genau, dass ich der Beste sein muss"

Chang Xuanxuan

Chang Xuanxuan, 30

"Ich schreibe gerade an meiner Promotion und merke viel vom Leistungsdruck. Besonders stressig sind für viele Studierenden die Prüfungen, mit denen man zum Studium zugelassen wird – ein Jahr lang wird intensiv gelernt, um zu bestehen. Der Druck kommt meiner Meinung nach aber nicht von außen, sondern von mir selbst. Es gibt einfach ein großes Konkurrenzdenken in der Gesellschaft, man möchte der Beste sein – ansonsten hat man keine Chance."


Christian Henakh

Christian Henakh, 21

"Man kann in dieser Gesellschaft nicht der Beste sein, immer ist jemand besser als man selbst. Daher ist es okay, nur besser als irgendjemand zu sein. Der Stress ist viel zu groß, um bei dem Leistungsdruck hinterherzukommen. Ich lehne mich einfach zurück und beobachte das Leistungsdruck-Denken."


Huang Ailing

Huang Ailing, 21

"Ich glaube, der Leistungsdruck ist ziemlich stark und finde ihn sehr anstrengend. Inzwischen gibt es sogar die Tendenz, dass der Leistungsdruck durch erhöhte Forderungen an die Schüler und Studierenden noch stärker wird. Er kommt aus der Gesellschaft, wir alle wollen eine schöne berufliche Aussicht haben. Man hat auf dem Arbeitsmarkt einfach keine Chancen, wenn man nicht so fleißig ist und viele Praktika macht."


Yu Xin

Yu Xin, 25

"Ich glaube, manchmal ist der Druck Alltag für uns. Meine Eltern haben mir keine Forderungen gestellt und ich durfte frei entscheiden, was ich studieren will. Aber hier in Shanghai sind die Lebenshaltungskosten so hoch, dass man dringend der Beste in den Jobinterviews sein muss. Ich denke, ich muss lernen, um hier ein gutes Leben führen zu können und es beruflich zu schaffen."


Douglas Zhang

Douglas Zhang, 21

"Den größten Leistungsdruck gibt es in China bei den Prüfungen für die Zulassung zu den Universitäten. Ich merke aber auch im Studium oft etwas von dem Druck, er kommt unter anderem von der Familie und der Gesellschaft hier. Meine Eltern haben mir nicht klar gesagt, dass sie viel erwarten, aber ich weiß genau, dass ich der Beste sein muss. Das liegt aber auch an dem Herkunftsort – je ärmer die Verhältnisse in der Heimat sind, desto größer ist der Wunsch der Eltern, dass ihr Kind es einmal besser haben wird."


Zhang Xu

Zhang Xu, 27

"Es ist immer jemand besser als du, darum ist es wichtig, für dich persönlich der Beste zu sein – auch wenn du nicht der Beste bist, solltest du es nicht bereuen müssen. In China gibt es sehr viele Eltern, die denken, dass du die besten Noten haben musst – deshalb schicken sie dich in den besten Kindergarten, die beste Schule… Die Eltern denken über deinen Lebensstil nach, du definierst ihn aber."

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 31. Mai 2017 um 09:11 Uhr von Liyang
Hallo, Danke für den tollen Artikel! Ich glaube, dass viele Deutsche wie ich sich nun denken: Puh, haben wir es gut daheim. Dabei regiert auch hier schon längst der Leistungsdruck unser Leben. Egal ob von Seiten der Gesellschaft oder von uns selbst. Ich bin in zwei leistungsorientierten Ländern aufgewachsen. In China wurden wir in der Schule gedrillt, in Deutschland machte ich mein Turbo-Abi. Da vergisst man schnell einmal, wie es eigentlich ist, mal die Zeit hier und jetzt zu genießen und verlernt, wirklich zu leben...Wir leben nur noch, um zu arbeiten. Wir wollen immer mehr, immer besser, immer schneller. Aber wofür arbeiten wir überhaupt? Das scheint ganz vergessen zu werden. Wenn ihr Lust habt, lest doch mal, wie ich es aus der Spirale des Leistungsdrucks entkommen bin: https://nightthinkersdiary.wordpress.com/2017/05/30/sind-wir-am-leben/ Bis dahin, Liebste Grüße aus der Provence! Liyang