Nachhaltigkeits-Manager
Der Beruf des Nachhaltigkeits-Managers hat viele Aspekte | Foto: Thinkstock/anyaberkut
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04. Jan 2016

Barbara Kotzulla

Studium

Wie wird man ... Nachhaltigkeitsmanager?

Arbeiten und Gutes tun: Einblicke in den Beruf

Kurz & kompakt: Nachhaltigkeitsmanagement

  • Nachhaltigkeitsmanager sind für die Einbindung und Umsetzung von sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekten in einem Unternehmen oder einer Organisation zuständig.
     
  • Nachhaltigkeit kann man studieren! In Deutschland kannst du dich u.a. für die Bachelor-Studiengänge Nachhaltigkeitsökonomik an der Uni Oldenburg, Nachhaltigkeitswissenschaften (als Nebenfach) an der Leuphana Universität Lüneburg oder Nachhaltige Entwicklung an der Ruhr-Universität Bochum einschreiben. Mehr dazu unter UNICHECK.de
     
  • Der Einstieg ins Nachhaltigkeitsmanagement kann aber auch über den Quereinstieg oder in Folge einer grünen Ausbildung gelingen. Wichtig sind hierbei Engagement, ein großes Interesse an Nachhaltigkeitsthemen und die Bereitschaft, sich weiterzubilden.

Interview: Einblick in den Beruf des Nachhaltigkeitsmanagers

Nachhaltigkeitsmanager Ulf Wenzig von IKEAUNICUM Abi: Herr Wenzig, was macht ein Nachhaltigkeitsmanager eigentlich genau?
Ulf Wenzig: Die Antwort fällt mir ein wenig schwer. Aber wenn mich einer fragt, was ich den ganzen Tag mache, dann sage ich: kommunizieren. Ich bin ein Netzwerker und transportiere die Idee der Nachhaltigkeit in das Unternehmen hinein. Ich verstehe mich als jemand, der als Coach für das Thema fungiert. Gemeinsam mit meinem Team werde ich dabei in den meisten Fällen nicht selber operativ tätig – wir sind eher "Anleiter" und Sparringspartner für die verschiedenen Abteilungen vom Verkauf bis zum Marketing.

Haben Sie denn ein Spezialgebiet, in dem Sie tätig sind?
Ich bin als Sustainability Manager für die deutsche Verkaufsorganisation zuständig. Aber es gibt in allen Bereichen bei uns mittlerweile eine Heerschar von Experten für Nachhaltigkeit. Selbst in der obersten Chef-Etage sitzt ein Nachhaltigkeitsverantwortlicher. Eines meiner Hauptthemen ist Energie. Ich setzte mich da zum Beispiel mit den Kollegen von der Bauabteilung zusammen und überlege: Was sind die energiesparendsten Varianten, wenn wir ein neues Einrichtungshaus bauen? Wie können wir die Abfalltrennung noch besser gestalten? Was brauchen wir für eine Ausstattung, um eine möglichst effiziente Betriebsweise sicherzustellen?

Wie bringen Sie den Nachhaltigkeitsgedanken konkret den Mitarbeitern näher?
Ich bin natürlich oft in unseren Einrichtungshäusern, aber ich wirke zuerst in unserer Hauptzentrale und spreche dort mit Fachbereichen wie Logistik, Kommunikation oder Recovery über die Nachhaltigkeitserfordernisse. Wie andere Manager sitze ich deswegen häufig in Meetings. Wichtig ist aber auch der direkte Kontakt zu den Mitarbeitern. Im letzten Sommer hatten wir beispielsweise ein zweiwöchiges Trainingsprogramm mit 2.000 Kolleginnen und Kollegen, denen mein Team und ich an einigen Tagen auf unterhaltsame Weise die verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekte bei IKEA schmackhaft gemacht haben. 

Nachhaltigkeit – das bedeutet ja nicht nur, dass man Strom sparen und den Wasserhahn zudrehen sollte.
IKEA hat seit 2012 eine globale Nachhaltigkeitsstrategie namens "People & Planet Positive". Viele verwechseln Nachhaltigkeit mit Umweltschutz, doch in der akademischen Definition werden ja drei Themenfelder definiert: Ökologie, Soziales und – ganz wichtig, das wird gerne vergessen – die ökonomische Dimension. Ein Punkt ist allerdings wirklich der klassische betriebliche Umweltschutz.

"Der Nachhaltigkeits-Manager sollte ein Generalist sein"

Ein weiterer Punkt ist das soziale Engagement …
Das bedeutet für uns: Wie wollen wir als Unternehmen von den Kunden wahrgenommen werden? Sind wir einfach nur da und bieten ein paar Arbeitsplätze oder haben wir weitergehende Ambitionen? IKEA will zum Beispiel ein guter Nachbar sein, sich einbringen und sozial engagieren. Uns beschäftigt derzeit stark die Flüchtlingssituation. Wir haben viele Rückfragen von motivierten Mitarbeitern bekommen und kurzfristig das Geld – insgesamt 1,5 Millionen Euro – für bislang über 300 Einzelprojekte zur Verfügung gestellt. Wir haben gesagt: Es ist dein Einsatz und unsere Produkte – geh in die Unterkünfte, frag nach dem Bedarf, mach eine Einkaufsliste und dann kauf am besten gemeinsam mit den Flüchtlingen ein. Auch das ist konkret gelebter Berufsalltag. Da ist viel Kreativität gefragt. So etwas ist nichts, was vor einem Monat auf der Agenda stand, das ist auf einmal da. Dann heißt es: agieren. Und nicht sagen, dass es nun absolut nicht in die Planung passt.

Finanzen sind ein gutes Stichwort.
Die dritte Säule ist wirklich das Thema Geschäft. Nachhaltigkeitsmanager müssen sich darum kümmern, dass das Unternehmen geschäftsfähig bleibt. Das wird häufig vergessen. Nachhaltigkeitsmanager werden immer mit den Gutmenschen im Unternehmen verwechselt. Aber es geht nicht nur darum, ein wenig Strom zu sparen, Müll zu trennen und ansonsten einfach so weiter zu machen. Zur Nachhaltigkeit gehört die Absicherung des Geschäftsbetriebs. In diesem Punkt geht es dann unter anderem darum, zu analysieren, welche Produkte wir brauchen können, welche für die Kunden interessant sind. Wir machen Marktstudien, sprechen mit den Kollegen.  

Nachhaltigkeit im Unternehmen scheint eine Teamleistung zu sein.
Der Nachhaltigkeits-Manager sollte ein Generalist sein. Durch die schon beschriebene "Dreifaltigkeit" genügt es nicht, "nur" Ingenieur zu sein, "nur" Sozialarbeiter oder "nur" Vertriebsprofi. Das ist allerdings eine Gratwanderung. Nachhaltigkeit ist ein so großes Themenfeld, da kann man eigentlich nie Spezialist für alles sein. Dafür hat man seine Kollegen, alle mit einer anderen Expertise ausgestattet. Ich werde etwa von einem vierköpfigen Team unterstützt. Während ich mich auf strategischer Ebene etwa um globale Projekte im Energiebereich kümmere, bearbeitet eine Kollegin mit einem technischen Studiengang im Background stärker konkrete Energiefragen des Einrichtungshausbetriebes, ein anderer Kollege beschäftigt sich als Kommunikationsprofi mit dem Bereich Mitarbeiter und soziales Engagement. Als Einzelkämpfer ist man einfach nicht so erfolgreich wie im Team.


Im Video: Nachhaltigkeit als globales Unternehmensziel

Steve Howard, der oberste Nachhaltigkeitsmanager (Chief Sustainability Officer) des IKEA Konzerns, über das Ziel, bis 2020 einen positiven Wandel für Mensch und Umwelt zu bewirken.

 


Die Grundvoraussetzungen für den Beruf

Ein technisches Studium ist also keine Voraussetzung für die Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit?
Ein Interesse an der ganzen Thematik ist eine Grundvoraussetzung für den Beruf. Ebenso die Neugier, sich immer wieder in neue Dinge hineinzudenken. Für Menschen, die sehr fokussiert auf einen Themenbereich sind, kann ich das Spielfeld Nachhaltigkeit nicht empfehlen. Ich selber habe in Aachen Energie- und Umwelttechnik studiert und später berufsbegleitend meinen Wirtschafts-Ingenieur draufgesattelt, um auch in der Geschäftsleitungsebene mitsprechen zu können. Dieser Hintergrund ist aber nicht zwangsläufig Einstiegsvoraussetzung: Ein anderes Beispiel ist ein Kollege, der englische Literaturwissenschaft studiert hat, in meinem Team aber bis vor Kurzem und über viele Jahre als Sustainability Coordinator gearbeitet hat. IKEA ist ein sehr kultur- und wertegetriebenes Unternehmen – bei uns steht der Mensch im Vordergrund. Wir schauen neben der notwendigen Qualifikation vor allem auch auf die Werteorientierung der Bewerber. "Passt der Kandidat zu uns?" ist eine wichtigere Frage als der Notenspiegel. Klar ist aber auch: wenn die Finanzbuchhaltung einen Controller benötigt, dann wird sicherlich kein Musikstudent eingestellt.

Wird es Ihrer Meinung nach in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt eine höhere Nachfrage nach Nachhaltigkeitsmanagern geben?
Es gibt nach wie vor unfassbar viele Firmen, die von Nachhaltigkeit keinen blassen Schimmer haben. Ich bin mir sicher, dass in Zukunft vermehrt Experten benötigt werden. Es wird einen Übergangszeitraum geben, aber irgendwann wird es selbst in mittelständischen Unternehmen so selbstverständlich einen Nachhaltigkeitsverantwortlichen wie eine Buchhaltung oder einen Betriebsleiter geben.

Also ein Beruf mit Zukunft …
Das spürbarste Ergebnis meiner Arbeit wäre es, wenn ich bzw. meine Funktion irgendwann nicht mehr benötigt werden würde. Wenn Nachhaltigkeit einfach ein völlig normaler Bestandteil eines jeden Unternehmens ist. In der Wirtschaft denkt niemand mehr darüber nach, warum er einen Jahresabschluss machen muss. Ich bin überzeugt, dass wir uns einem solchen Verhalten auch im Bereich Nachhaltigkeit zumindest idealtypisch annähern können. Aber bis dahin werden in diesem Job noch wesentlich mehr Menschen benötigt.

"Immobilität ist für mich das größte Problem der jungen Generation"

Können Sie eigentlich noch einkaufen gehen, ohne zu denken: "Oh, das hier könnte aber alles nachhaltiger gestaltet sein!"
Ich beobachte vieles mit einer gewissen Faszination, bei einigen Sachen kann ich aber nur den Kopf schütteln. Ein Beispiel: Ich habe für einige Jahre in Indonesien gelebt und erlebt, was es für die Menschen dort bedeutet, dass wir hier eine Hose für 15 Euro kaufen können. Bei uns heißt es oft nur: "Hauptsache billig". Diese Entwicklung finde ich äußerst schwierig. Aber ich achte weniger wegen meines Berufes auf das Thema Nachhaltigkeit. Eher andersherum: Ich habe den Beruf ja ergriffen, weil ich das Thema so spannend finde.

War es für Sie schon zu Schulzeiten klar, dass Sie in der Branche arbeiten wollen?
Ich hatte früher einen Biologie-Leistungskurs. Außerdem habe ich mit 16 Jahren das Unglück von Tschernobyl live mitbekommen. An dem Tag, als der Kernreaktor in die Luft geflogen ist, war ich mit ein paar Freunden an der Erft River-Surfen. Es hat irgendwann geregnet. Hinterher haben wir erfahren, dass an diesem Tag ein Stück Tschernobyl vom Himmel fiel. Es gibt so Augenblicke im Leben, die einen in eine bestimmte Richtung lenken – für mich war dieser Moment prägend.

Sie haben bereits Ihren Aufenthalt in Indonesien erwähnt. Würden Sie jungen Menschen denn ebenfalls zu einem Auslandsaufenthalt raten?
Ich würde es auf jeden Fall machen. Ich finde Leute gut, die einen eigenen Antrieb zeigen. Dann können auch drei, vier Knicke im Lebenslauf sein. Allerdings reagiere ich allergisch, wenn ich merke, dass Bewerber einen Auslandsaufenthalt mit einem verlängerten Urlaub verwechseln. Dann lieber eine richtige Auszeit nehmen und das auch so in die Unterlagen schreiben. Immobilität ist für mich das größte Problem der jungen Generation. Sich in eine andere Stadt oder ein anderes Land zu bewegen, ist für viele unvorstellbar – außer es handelt sich vielleicht um Australien, wo man cool surfen kann. Aber vielleicht mal ein Jahr nach Rumänien oder die Slowakei? Das macht keiner.

Zum Schluss noch eine Frage: Was ist für Sie das Beste an Ihrem Job als Nachhaltigkeitsmanager?
Nachhaltigkeit ist ein so vielfältiges Thema, dass einem nie langweilig wird. Ich habe dabei das Gefühl, etwas zu machen, was sinnvoll ist.


Zur Person: Nachhaltigkeitsmanager Ulf Wenzig

Ulf Wenzig (*1970) ist seit 2011 bei IKEA Deutschland als Nachhaltigkeitsmanager tätig. Als studierter Energie- und Umweltschutzingenieur sowie Wirtschaftsingenieur ist er seit 1996 im Umwelt- und Nachhaltigkeitsgeschäft unterwegs. Sein Beruf führte in bereits u.a. nach Brasilien und Indonesien. Mehr über die Arbeit von Ulf Wenzig erfährst du auf www.ikea.de/nachhaltigkeit, Einstiegsmöglichkeiten findest du unter www.ikea.de/jobs

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