Gewalt an Schulen
Nicht hilflos: Mobbing-Opfern müssen sich Unterstützung suchen | Foto: Thinkstock/kieferpix
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23. Nov 2015

Christina Scholten

Mobbing

Gewalt an Schulen

Rund eine halbe Millionen Kinder sind betroffen

Gewalt an Schulen ist keine Seltenheit

Erst waren es nur Beleidigungen. Dann kam der Tag, an dem Linda* in die Jungs-Toilette eingesperrt wurde, mit Tritten und Schlägen. Sie dachte: Jetzt muss es doch endlich aufhören. Aber die Mädchen in ihrer Klasse wollen nicht damit aufhören, sie zu schikanieren. Morgens in der Schule, nachmittags im Internet.

Dies ist eine von sehr vielen Leidensgeschichten, die man in Onlineforen für Mobbing-Opfer findet. Dort schreiben Schüler von ihren größten Ängsten und Problemen – in der Anonymität lässt es sich gut von der Seele reden.

Die Einträge sind zahlreich. Gewalt an der Schule ist ein Thema, das überall präsent ist. Das es schon immer gab und wahrscheinlich immer geben wird. In den Medien wird es nur präsent, wenn etwas "außergewöhnlich" Schreckliches passiert ist. Dabei schätzen Experten, dass rund eine halbe Millionen Kinder in Deutschland von Gewalt in der Schule betroffen sind.

Von verbaler Gewalt zu Sprengsätzen

Laut einer Statistik sind im Bundesland Berlin die Gewaltvorfälle im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gestiegen sind: Insgesamt meldeten die Schulen dort 3.221 Gewaltvorfälle für das Schuljahr 2014/2015. Das hört sich erst einmal nicht nach sonderlich viel an. Doch muss man dazu wissen, dass einerseits nicht alle Schulen an der Befragung teilgenommen haben und, das ist der wichtige Punkt, die "gemeldeten Fälle" nur die schlimmsten Übergriffe sind: Dabei geht es um schwere körperliche Gewalt, Androhungen von Amokläufen, dem Einsatz von Waffen oder, wie in zwei Fällen, sogar dem Einsatz von Sprengsätzen.

Gewalt hat jedoch viele Gesichter. Sie muss nicht körperlich sein. Auch verbal kann Gewalt die Opfer schmerzlich verletzen.

Wenn Gewalt regelmäßig wird, spricht man von Mobbing, erklärt Prof. Dr. Mechthild Schäfer vom Institut für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters und Beratungspsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München und definiert genauer: "Mobbing ist die Degradierung und soziale Isolierung einer Person aus einer Gruppe – regelmäßig und systematisch."

Es sei ein Gruppenphänomen, erklärt die Psychologin. Gerade dort, wo ein hierarchisches System herrsche, wie zum Beispiel in der Schule, und wo man zudem aus seinen Gruppen, wie eben den Schulklassen, nicht mehr herauskomme, sei der Boden für Mobbing unmittelbar bereitet.

Doch das alleine ist es nicht: "Auf der anderen Seite braucht es ein System, das nicht darauf schaut, ob einige degradiert werden." Das passiert in der Schule leider immer wieder, weil Lehrer nicht mitbekommen, was zwischen den Schülern in einer Klasse passiert. "Drittens muss es jemanden in der Gruppe geben, der nach Dominanz strebt. Und den gibt es fast immer", erklärt Mechthild Schäfer weiter.


Gewalt Schule


Kein Unterschied zwischen Schulformen

Dabei spielt es keine große Rolle, um welche Schulform es sich handelt. Oder ob es auf dem Land geschieht oder in der Stadt. Unterschiedliche Formen von Gewalt gibt es überall, sogar an Grundschulen.

Wie die Gewalt aussieht, hängt von der kognitiven, also der geistigen Leistungsfähigkeit der Täter ab. So nehmen körperliche Aggressionen auf den weiterführenden Schulen irgendwann ab, weil die Täter verstehen, dass sie dafür eher bestraft werden. "Dann geht es über in soziale Aggressionen", meint die Mobbing-Expertin. Ganz nach dem Motto: Je cleverer der Täter, desto ausgeklügelter die Gewaltform.

Hinzu kommt das Cybermobbing, das sich immer stärker verbreitet. Das findet jedoch nicht ausschließlich im Internet statt: "80 Prozent von Cybermobbing hat eine Entsprechung im realen Leben. Es wird also gleichzeitig auch auf dem Schulhof oder in der Schule gemobbt", erklärt die Professorin.

Das Gefühl von Ohnmacht und Angst

Ob es sich um psychische oder physische Gewalt handelt – das Ziel ist immer die Herabsetzung eines anderen Menschen. Andersherum: Derjenige, der Gewalt ausübt, will zu Macht kommen. Macht habe man nicht, Macht müsse einem erst einmal zugestanden werden, erklärt Mechthild Schäfer. "Das heißt, dass Mobbing ein Gemeinschaftswerk ist. Es braucht einen Kontext, zum Beispiel in einer Klasse."

Für die Opfer macht das den Alltag schwer. Es ist nicht nur die Angst, die sie begleitet – vor potentiellen gewalttätigen Übergriffen oder "nur" vor blöden Sprüchen. Auch das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit kommt hinzu. Die Opfer sehen, dass es explizit sie trifft, keinen anderen aus der Gruppe, und, dass niemand ihnen hilft. Im Gegenteil, die anderen lassen es zu oder unterstützen es.

Erschwerend kommt hinzu, dass, wer einmal regelmäßig einer Form von Gewalt an Schulen ausgesetzt wurde, schwer wieder hinaus kommt. "Von denjenigen, die in der 10. Klasse Opfer waren, waren es 80 Prozent auch schon in der 5. und 6. Klasse – wohlgemerkt in beiden Klassen. Das bedeutet so viel wie: Eine Klasse, die ein Opfer gefunden hat, sucht sich kein neues mehr", sagt Mechthild Schäfer.

Wie werden Schüler zu Opfern?

Klassische "Opfertypen" gibt es nicht. "Wenn es so etwas wie ein Opfermerkmal geben würde, müsste man annehmen, dass dieses Merkmal von der Grundschule zur weiterführenden Schule mitgenommen würde", sagt die Münchener Professorin. "Wir haben jedoch eine Studie dazu durchgeführt und Kinder in der zweiten und dritten Klasse befragt – und sechs Jahre später noch einmal, in ihrer neuen Schule, in einem neuen Kontext. Dort haben wir festgestellt: Eine Opferrolle in der Grundschule erlaubt keine Vorhersage darauf, wie es in der weiterführenden Schule weitergeht."

Vielmehr sind es die Umstände, die ein Opfer in seine Rolle bringen. Täter suchen sich oft diejenigen aus, die sie leicht aus einer Gruppe herausdrängen können. Das heißt, ein Kind muss ein wenig schwächeln oder etwas anders sein – schon kann es passieren, dass es in eine Opferrolle hinein gerät. In einer anderen Schulklasse wäre es für das Kind vielleicht anders laufen, weil die Umstände und die Gruppenteilnehmer nicht dieselben sind.

Was tun als Mobbing-Opfer?

Deshalb sei die beste Mobbing-Prävention diejenige, die aus der Klasse selbst heraus komme. "Es gibt in der Klasse in der Regel immer 50 Prozent Schüler, die Mobbing absolut blöd finden – davon sind 25 Prozent auch bereit, verteidigend zur Seite zu stehen. Dafür müssten nur alle Schüler an einem Strang ziehen", meint Mechthild Schäfer.

Deshalb ist jeder gefragt, wenn es darum geht, sich für andere einzusetzen. Betroffene von schulischer Gewalt sollten sich in jedem Falle jemanden anvertrauen: einem anderen Schüler, Vertrauenslehrern oder auch Sorgentelefonen sowie Online-Communitys. Denn wenn es eins gibt, was Gruppen – auch wenn sie aus zwei Personen bestehen – können, dann es ist vor allem das: Gemeinsam stark sein. 

*Name von der Redaktion geändert

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