Prinz Pi Interview
"Scheiß auf die Likes" rappt Prinz Pi auf "Nichts war umsonst". | Foto: Keine Liebe Records
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08. Nov 2017

Anna Lenja Hartfiel

Musik

Prinz Pi: "Instagram macht uns zu Lügnern"

Der Berliner Rapper im Interview zu "Nichts war umsonst"

"Es ist wichtig, Fehler zu machen."

UNICUM: Im Pressetext zu deinem Album steht als erstes "Drei Nummer-eins-Alben in Folge" – spürst du da nicht einen krassen Erfolgsdruck?
Prinz Pi: Das sind doch alles nur Zahlen. Man sollte sich niemals über Zahlen definieren. Für mich hat das immer einen negativen Beigeschmack, wenn man Menschen an Zahlen festmacht.

Wie gehst du mit Misserfolgen um? Die sind in unserer Gesellschaft ja schon sehr stigmatisiert.
Ich habe in meinem Leben viele Misserfolge erlebt. Aber wie ja auch der Album-Titel aussagt –"Nichts war umsonst". Auch die Fehler bringen einem etwas, nämlich, dass man daraus lernt, was man falsch gemacht hat. Das ist etwas ganz Wichtiges. Ohne die Fehler hätte man gar keine Möglichkeit und keinen Grund, sich zu verbessern.

Ist es also deine Überzeugung, dass alles im Leben seinen Sinn hat?
Nein. Denn das würde implizieren, dass es, auch wenn etwas ganz Schlimmes oder Ungerechtes passiert, einen Sinn gibt. Wenn zum Beispiel ein Kind stirbt, oder es irgendwo einen Krieg gibt, oder einen schlimmen Autounfall – das hat keinen Sinn. Es macht einen aber stärker, diese Sinnlosigkeit zu verkraften.



"Wir trainieren unser Gehirn zu wenig."

Du hast mal gesagt, dass du im Studium starken Leistungsdruck erlebt hast. Die Tendenz geht momentan dahin, dass wir immer schneller mit Schule und Studium fertig werden sollen und möglichst jung in den Arbeitsmarkt eintreten sollen. Siehst du das kritisch?
Ich habe mein Abitur nur gemacht, weil meine Eltern mich dazu gedrängt haben. Ich wollte schon viel früher anfangen, zu arbeiten. Von daher sehe ich das nicht kritisch. Mein Studium hatte eine Regelstudienzeit von zehn Semestern, da war es eher so, dass es schwierig war, in den Studiengang reinzukommen. Es gab 2000 Bewerber auf 16 Studienplätze – das war eine sehr kleine Uni. Viele Leute bewerben sich zwei bis drei Mal, bis sie dort angenommen werden. Der Leistungsdruck ist also eher dadurch entstanden, dass es eine hohe Konkurrenzsituation gab.

Spielt mentale Gesundheit in unserer Gesellschaft eine zu kleine Rolle? Du selbst gehst sehr offensiv mit dem Thema Depressionen um.
Das Thema spielt definitiv eine zu kleine Rolle. Wenn man schaut, wie viel Geld und Zeit wir investieren, um unseren Körper in Schuss zu bringen – das hat sich ja in den letzten Jahren extrem gewandelt. Die Leute haben ihre Ernährung und Fitness zu einer Art Ersatzreligion gemacht. Es wird super viel Zeit, Energie und Geld verwendet, um den Körper fit zu halten. Dabei sind unsere Körper und unsere Muskulatur der von den meisten spezialisierten Tieren ja total unterlegen. Die meisten Tiere sind komplett gesund und stark, obwohl sie keinen Sport machen. Wenn du dir den Löwen als König der Savanne anschaust – der liegt den ganzen Tag auf der faulen Haut und wenn eine Antilope vorbei kommt, dann rennt der los, zerfleischt die, zieht sich das gute Fleisch rein und kann dann wieder ein, zwei Tage chillen. Wir Menschen glauben, dass es notwendig ist, ständig ins Fitnessstudio zu gehen. Und für das Einzige, was uns von diesen Tieren unterscheidet – nämlich unser Gehirn – tun wir relativ wenig. Es liegt ja auf der Hand, dass das eigentlich beknackt ist. Wir trainieren unser Gehirn zu wenig. Nach dem Ende der Ausbildung hören viele Leute auf, sich weiterzubilden, wenn sie nicht mehr dazu gezwungen sind, Bücher zu lesen.

"Musik ist ein Allheilmittel" – das hast du mal im Zusammenhang mit Depressionen gesagt. Welches Album sollte sich jeder, der dieses Interview liest, unbedingt anhören?
Das letzte Album von Johnny Cash. (Anm. der Redaktion: American VI: Ain't No Grave)

Prinz Pi über Social Media und sozialen Druck

In einigen Tracks auf deinem Album äußerst du dich negativ über Social Media. Hast du das Gefühl, dass soziale Netzwerke uns verändern?
Soziale Netzwerke verändern unsere Gesellschaft so tiefgreifend, wie kein Medium jemals zuvor. Vor allem Instagram – eine Plattform, die ihre Nutzer dazu anhält, zu lügen und das Leben als möglichst schön zu präsentieren. Wenn du eine Zeitschrift wie die Vogue in der Hand hast, weißt du, dass die Fotos darin alle professionell sind. Da waren Stylisten am Start, die Bilder wurden retuschiert, es sind professionelle Models zu sehen. Bei diesen Bildern ist dir als Rezipient klar, dass du an dieses Ideal, das da dargestellt wird, niemals rankommst. Auf Instagram ist es so, dass die meisten Leute, die sich da darstellen, eigentlich Amateure sind, von denen sich aber einige so professionalisiert haben, dass sie das als Beruf machen – ihr Privatleben auf Instagram zu inszenieren und damit zu Geld und Berühmtheit kommen. Viele denken dann "was die können, könnte ich auch, denn die sind ja auch nicht anders als ich". Dadurch entsteht ein krasser sozialer Druck, der sehr stark auf die Gesellschaft und vor allem Frauen in der Gesellschaft wirkt.

Du bist als Künstler aber auch auf soziale Netzwerke angewiesen – wie gehst du damit um?
Ich mache das sehr bewusst. Ich nutze diese Plattformen als Informationskanal, um beispielsweise auf Konzerte oder ein neues Album hinzuweisen. Aber ich dokumentiere da nicht mein Privatleben, oder glorifiziere nicht mein Abendessen, meine Garderobe, oder so.

 

Vielen Dank nochmal für alle Glückwünsche! Mein größtes Geschenk sind meine beiden Kinder

Ein Beitrag geteilt von Prinz Pi / Keine Liebe Records (@prinzpi23) am

Wo sind für dich die Grenzen? Du postest ja auch ab und zu mal Bilder mit deinen Kindern…
Ich achte immer darauf, dass man sie nicht richtig sieht. Ich werde oft auch auf der Straße angesprochen, von Leuten, die gerne ein Bild machen möchten, oder gerne ein Autogramm hätten. Das mache ich auch meistens. Aber wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, sage ich immer "Sorry, aber das geht gerade nicht".



Prinz Pi in der Schnellfragerunde

Würdest du lieber in die Zukunft reisen können oder die Vergangenheit?
Definitiv in die Vergangenheit.

Würdest du lieber viel zu spät zu einem Konzert kommen oder einen Song auf der Bühne total verkacken?
Lieber zu spät zu einem Konzert kommen – dann freuen sich die Leute noch ein bisschen mehr, dann ist die Stimmung noch geiler.

Würdest du lieber für einen Tag eine Frau sein oder einen Tag lang wieder Kind sein?
Ich wäre total gerne mal eine Frau. Ich habe so viele Fragen!

Würdest du lieber auf Computer oder Telefon verzichten?
Telefon.

Würdest du lieber nur noch in Clubs oder nur noch auf Festivals spielen?
Nur noch auf Festivals.

Würdest du lieber nur noch Publikumswünsche spielen oder nie wieder live auftreten?
Nur noch Publikumswünsche spielen.


Prinz Pi Nichts war umsonst Album CoverUNICUM Musik-Tipp

Nichts war umsonst

Prinz Pi

Keine Liebe Records

VÖ: 3. November 2017

Artikel-Bewertung:

3.75 von 5 Sternen bei 8 Bewertungen.

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