Sexismus Medien
Lasst euch nicht von Sexismus schocken – wehrt euch! | Foto: Thinkstock/golubovy
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28. Jul 2015

Kristina Lunz

Zündstoff

Mehr als nur "hübsch": Ein Aufruf gegen Sexismus

Mädchen, wehrt euch! Ein Gastbeitrag

Frauen? Müssen nur gut aussehen!

Beim Anblick und Durchblättern der gängigen "Frauenzeitschriften", TV-Shows wie "Germany’s Next Topmodel", der Werbung im Allgemeinen oder des Jugendmagazins "Bravo" sowie Europas einflussreichster Tageszeitung, der BILD, bekommen wir vor allem einen Eindruck vermittelt: Mädchen und Frauen haben scheinbar keine andere Daseinsberechtigung als die, neben ihrem Partner gut auszusehen, unterwürfig und "sexy" zu sein. Die Medien sowie die Werbung – Spiegel und Beeinflusser unserer Gesellschaft – reduzieren Mädchen und Frauen auf Körbchengröße, Hintern und Sexiness.

Allein die BILD redet in ihrer Printausgabe täglich 11 Millionen Menschen ein, dass an Frauen nichts anderes wertzuschätzen sei. Es wird so getan, als hätten Mädchen und Frauen keine Träume, Talente und Fähigkeiten – denn alles woran sie gemessen werden ist ihr Aussehen. Entspricht eine nicht dem Standard, muss sie mit den Sanktionen der Gesellschaft leben: Beleidigungen und Diffamierungen. Welche Ausmaße das annehmen kann, sieht man im Video des Beautyblogs "My Pale Skin":

Sexismus fängt in der Schule an

Dieser Sexismus, das heißt die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund des Geschlechts, findet schon in unseren Schulen statt. Ein Artikel der Frankfurter Rundschau verdeutlichte jüngst, wie sehr Mädchen dort wegen ihres Aussehens und ihres Geschlechts ver- und beurteilt werden. Auch in meinem Gymnasium in der Fränkischen Schweiz war dies Alltag, ebenso später in meinem Studium in Mainz: Dort gaben zum Beispiel Kommilitonen in den Vorlesungen Studentinnen Noten für deren Aussehen. Das haben sie sogar ziemlich offen gemacht, denn sie mussten schließlich kaum etwas befürchten – wer sich dagegen ausspricht, verstehe ja nur keinen Spaß!

Welche Konsequenzen die Reduzierung auf das Äußere mit der gleichzeitigen Sexualisierung des weiblichen Körpers nach sich ziehen kann, sieht man unter anderem an dem Hotpants-Verbot, das seit Kurzem in deutschen Schulen die Runde macht: Mädchen wird die Schuld dafür gegeben, wenn andere den weiblichen Körper sexualisieren und die eigenen Lüste nicht unter Kontrolle haben.

Die Forderung: Gleichberechtigung und Respekt

Diese und viele andere Dinge, die in unserer Gesellschaft fürchterlich falsch laufen, werden, wie bereits erwähnt, unter anderem signifikant von Medien beeinflusst. Frauen werden nach ihrem Aussehen bewertet, Männer nach ihren Eigenschaften. Wenn die BILD, die einflussreichste deutschsprachige Zeitung, täglich Frauen nur im Kontext von Sex und Aussehen darstellt, ihnen jegliche Talente und Würde abspricht und ihnen dann Männer als erfolgreiche Sportler, Politiker und Macher entgegenstellt, ist das höchst gefährlich.

Die Wissenschaft hat bewiesen, dass eine solche Darstellung nicht nur zur Verfestigung eines schädlichen wie irrsinnigen Schönheitsideals und folglich zu Essstörungen bei Mädchen und Frauen führt. Es kommt dadurch auch zu Alltagssexismus, zu Beleidigungen, zum Grapschen, zu sexueller Belästigung – und zu sexueller Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen.

Die Zahlen in Deutschland sind erschütternd: Jede dritte Frau erlebt psychische und/oder sexuelle Gewalt und mehr als die Hälfte ist von sexueller Belästigung betroffen. Falls wir jedoch wahre Gleichberechtigung – von der wir 2015 noch sehr weit entfernt sind –, mehr Frauen in Führungspositionen sowie weniger Opfer sexueller Gewalt wollen, dann müssen Frauen und Männer in unseren Medien endlich respektvoll auf Augenhöhe dargestellt werden.

Ihr habt die Zukunft in der Hand!

Auch wenn an den Schulen und Universitäten sexuelle Gewalt sowie Medien- und Alltagssexismus noch Tabuthemen sind, gibt es Hoffnung. Immer mehr Organisationen und einflussreiche Persönlichkeiten sprechen sich gegen Sexismus und die Degradierung von Frauen in unseren Medien aus – darunter Sandra Bullock, John Legend, Beyonce, Taylor Swift und Carolin Kebekus. Es tut sich was. Immer mehr, vor allem junge Männer und Frauen, setzen sich für gegenseitigen Respekt und Gleichberechtigung ein.

Nun mein Aufruf an euch, liebe Leserinnen und Leser: Nehmt nicht hin, was unsere Gesellschaft euch als "OK" verkaufen will! Lehnt euch auf gegen Ungerechtigkeit – akzeptiert nicht länger frauenfeindliche Witze und respektloses Verhalten euch gegenüber sowie den Frauen und Mädchen in eurer Umgebung. Ihr seid die Generation, die unsere Zukunft in der Hand hat. Wir haben ein gravierendes Problem mit dem Umgang mit Mädchen und Frauen in unserer Gesellschaft: zu viele Opfer, zu wenige Macherinnen. Ihr könnt das ändern: Bildet euch, lest, schreibt, bloggt, erhebt euch, wenn ihr Ungerechtigkeiten seht! Unsere Gesellschaft braucht junge Rebell_innen. Lasst euch nicht von der Sinnlosigkeit unserer stupiden Massenmedien einvernehmen. Gestaltet unsere Gesellschaft mit! Denn wir brauchen euch alle.


"StopBildSexism"

Auch ich wollte diesen sexistischen Zustand nicht länger hinnehmen und habe im Herbst 2014 eine Petition online gestellt, die von BILD-Herausgeber Kai Diekmann verlangt, das BILD-Girl abzuschaffen und auf Sexismus in der BILD-Zeitung zu verzichten. Denn es geht nicht nur "um ein paar Brüste in einer Boulevardzeitung" – es geht um Respekt und Gewalt. Knapp 36.000 Menschen haben bereits unterschrieben und aus der Petition hat sich nun eine Kampagne mit 20 ehrenamtlichen Campaignerinnen und Campaignern entwickelt: "StopBildSexism".

Die Kampagne wird inzwischen von mehr als 65 Prominenten, Bundestags- und Europaparlamentsabgeordneten, Aktivist_innen und Organisationen unterstützt. Wir kämpfen unermüdlich dafür, dass Frauen ebenso respektvoll wie Männer dargestellt werden, damit Mädchen und Jungen im Leben dieselben Chancen bekommen.

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3.29 von 5 Sternen bei 203 Bewertungen.

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 06. Aug 2015 um 11:02 Uhr von Luzie
Sehr schöner Kommentar zur aktuellen Lage! Weiter so!
Veröffentlicht am 15. Aug 2015 um 13:04 Uhr von Marlene Margolis
"Unsere Gesellschaft braucht junge Rebell_innen. " Warum nur junge? Vielleicht können ja ein paar feministische Seniorinnen / ältere Feministinnen (Männer sind mitgemeint) auch noch einen wertvollen Beitrag leisten. Oder sind die schon abgeschrieben? Ansonsten: vollkommen d'accord!
Veröffentlicht am 07. Sep 2015 um 21:51 Uhr von Andrusch
Ich bin 52 Jahre alt, männlich. Für mich ist das eines der ganz zentralen Themen in unserer Gesellschaft. Man könnte hunderte Beispiele anführen für Sexismus. Er ist tief verwurzelt in den Köpfen. Er ist schädlich, respektlos und erniedrigend. Jede/r von uns kann Spuren davon in sich selber aufstöbern, wenn wir ehrlich sind. Die Einen mehr, die Anderen weniger. Oder nehmen wir Familienfeiern: Überall sitzt ein Onkel Sowieso dabei, der besonders 'lustige' Sprüche anbringt - und die Runde lacht. So haben wir das gelernt. Wer etwas sagt, ist ein Spielverderber und versteht keinen Spaß. Wer nichts sagt und betreten wegschaut, ist ebenfalls ein Miesepeter. Es ist noch ein weiter Weg. Aber einer, der sich enorm lohnt. Denn eigentlich gefällt es den meisten nicht, glaube ich jedenfalls. Wir haben es so gelernt, sind so aufgewachsen - aber es fühlt sich nicht gut an. Und ist unwürdig für aufgeklärte Menschen. Ich habe großen Respekt vor Kristina Lunz und ihrem Team. Sie leisten eine Aufklärungsarbeit, die gar nicht hoch genug zu bewerten ist. Oder kann sich jemand vorstellen, z.B. täglich BILD und BILD online durchzublättern, um die größten Unglaublichkeiten herauszusuchen? Ich könnte es jedenfalls nicht ...
Veröffentlicht am 15. Aug 2016 um 09:50 Uhr von Ouranon
"Hotpants-Verbot....Mädchen wird die Schuld dafür gegeben, wenn andere den weiblichen Körper sexualisieren und die eigenen Lüste nicht unter Kontrolle haben." Diese Sichtweise ist ein schönes Beispiel für die verschiedene Wahrnehmung: Hotpants, wie viele andere Kleidung, auch eine sexuelle Reaktion des Mannes ab - die Mädchen sexualisieren sich also selbst, wenn sie dieses Spiel mitspielen. Wenn man das als Frau nicht erkennt, dann lebt man wirklich noch mit geschlossen Augen in der Maschinerie, ohne überhaupt zu erkennen, warum man wie handelt. Es kann ja jeder frei entscheiden, aber man kann nicht Kleidung tragen, die einem ein schönes Egoschmeicheln vermittelt aufgrund der sexuellen Komponente - welche immer mehr "ausgeblendet" wird, obgleich sie offensichtlich ist - und sich gleichzeitig über sexuelle Reaktionen und ein bestimmtes Bild beschweren. Kein Mann zieht auf der Straße Leggings an die seine Geschlechtsteile präsentieren. Es hilft wirklich, im Leben ganz simple "Warum"-Fragen zu stellen, und diese wirklich ehrlich zu beantworten.