Kinderarbeit Nepal
Viele Nepalesinnen müssen schon als Kinder für Fremde arbeiten | Foto: Nathalie Klüver
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01. Okt 2015

Nathalie Klüver

Zündstoff

Gekauft, um zu arbeiten

Mutiger Kampf gegen Kinderarbeit in Nepal

Stundenlang musste Bishnu Chaudhary als Kind arbeiten

Sie ist 20 Jahre alt, frisch geschieden und sie strahlt übers ganze Gesicht: Bishnu Chaudhary ist stolz auf sich. Sie ist eine freie Frau und fühlt sich, als ob das ganze Leben vor ihr liegt. Sie bereitet sich momentan auf ihren Bachelorabschluss vor. Gerade erst war sie in München, um bei der Veranstaltung "United against Poverty" anlässlich des G7-Gipfels auf die Situation in ihrem Heimatland aufmerksam zu machen.

Das ist keine Selbstverständlichkeit für eine junge Frau aus dem Süden Nepals. Als Kind musste Bishnu schon im Alter von sieben Jahren für umgerechnet 13 Euro im Jahr für einen Großgrundbesitzer arbeiten: Mindestens zwölf Stunden am Tag feudelte sie den Fußboden, schnippelte Gemüse und kochte in der Küche oder kümmerte sich um die Wäsche ihrer Besitzer. Denn nichts anderes war es: eine Form von Sklaverei. Eine jahrhundertealte Tradition in Nepal, gegen die Bishnu heute mit anderen ehemaligen Kamalari*-Mädchen ankämpft.

Bishnu ist eine starke junge Frau, die heute selbstbewusst für die Rechte der Frauen und Mädchen in ihrem Land eintritt. Doch wenn sie wortgewandt in Englisch von ihrer Kindheit erzählt, die Vergangenheit sie einholt, dann bricht ihre Stimme, wenn sie sich erinnert, wie ihre drei älteren Schwestern und sie auf dem gepachteten Stück Land ihrer Eltern, selbst ehemalige Zwangsarbeiter und Tagelöhner, helfen mussten. Ihr jüngerer Bruder durfte zur Schule – etwas, wovon Bishnu immer träumte. Doch immer, wenn sie ihren Vater darum bat, sagte er: "Du bist ein Mädchen, Mädchen heiraten und helfen im Haushalt. Sie müssen nicht zur Schule gehen. Das ist Verschwendung." Bishnu schaut auf ihre Hände: "Ich wollte nur einmal saubere Hände haben, eine saubere Schuluniform anziehen, etwas lernen. Mehr wollte ich doch gar nicht."

Männer mit Motorrad nahmen sie einfach mit

Doch sie hoffte umsonst. Ihre Eltern kauften für einen kleinen Kredit eine einfache Hütte. Einige schlechte Ernten später konnte der Vater die Raten nicht mehr zahlen. Und so kam es, dass eines Tages, als Bishnu von der Feldarbeit kam, Männer mit einem Motorrad vor der Lehmhütte standen. Sie nahmen das Mädchen mit. Von nun an musste sie im Hause der Großgrundbesitzerfamilie arbeiten. Frühmorgens, wenn es noch dunkel war, begann der Tag, und abends, wenn alle schon schliefen, war sie noch dabei, das Geschirr vom Abendessen zu waschen.

Zufrieden war die Familie indes nie. Zu essen gab es das, was übrig blieb, manchmal nur eine Handvoll Linsen. Geschubst und drangsaliert wurde sie dafür fast täglich. Bishnus Mutter, selbst eine Ex-Kamalari, wehrte sich dagegen, ihre Tochter fortzugeben. Erst das Versprechen, Bishnu könnte die Schule besuchen und nur nachmittags arbeiten, überzeugte sie. Bishnu wartete vergeblich auf den Schulanfang. "Ich habe dich gekauft, damit du arbeitest", war alles, was der Großgrundbesitzer sagte, als sie sich nach einer Weile traute, nachzufragen.

Zwei Jahre lang ging es so, zwei Jahre, in denen Bishnu viel weinte. Das änderte sich erst, als sie ihre Familie beim Neujahrsfest wiedersah, wo Mitarbeiter der NGO Plan International ihre Eltern im Rahmen einer großen Kampagne überzeugten, ihre Tochter zur Schule statt zum Arbeiten zu schicken. Aber auch wenn Bishnu nicht mehr als Kamalari arbeiten musste, brauchte ihr Vater ihre Hilfe auf dem heimischen Feld.

Bishnu Chaudhary

Bishnu schloss die Schule als Beste ab

Bishnu lernte heimlich. Morgens verließ sie mit ihren Schwestern das Haus, die Bücher im Essensbündel versteckt, zog sich auf dem Feld heimlich die Schuluniform an und ging zum Unterricht. Zunächst wurde sie von Plan-Mitarbeitern in einer Übergangsschule vorbereitet. Bishnu lernte schnell, bald schon konnte sie in Klasse 5 einsteigen. "Damit mein Vater es nicht mitbekommt, habe ich nachts im Mondschein gelernt", erinnert sich die 20-Jährige. Ihr Vater erfuhr davon erst, als sie von ihrem Schulleiter als Schulbeste gekürt wurde. Und er war stolz auf sie.

Von nun an war Schluss mit den Heimlichkeiten. Die zehnte Klasse schloss sie mit einem so guten Abschluss ab, wie ihn noch nie zuvor ein Mädchen in ihrer Region gemacht hatte, erzählt sie stolz. Sie arbeitete als Moderatorin eines Radiosenders. Sie engagierte sich in verschiedenen Gruppen gegen die Kamalari-Praxis, kam so sogar noch London und Spanien. Neben alldem begann Bishnu ein Studium der Erziehungswissenschaften.

"Ich dachte, ich könnte ihn lieben"

Die Welt stand ihr offen – dachte sie. Bis eines Tages ein junger Mann bei ihren Eltern auftauchte und um Bishnus Hand anhielt. Arrangierte Ehen sind in Nepal die Normalität. Eine gute Partie, dachten ihre Eltern. Bishnu hatte ihre Zweifel. Doch ihr Zukünftiger lobte ihr Engagement, versprach: "Du kannst weiterstudieren und arbeiten." Sie stimmte der Heirat zu. "Ich dachte, ich könnte ihn lieben. Ich habe wirklich geglaubt, es könnte funktionieren", sagt sie heute, zwei Jahre später.

Sein wahres Gesicht zeigte ihr heutiger Ex-Mann schon kurz nach der Hochzeit: Er verbat ihr, zu arbeiten, zu studieren, sich für die Kamalari-Projekte zu engagieren. Sie musste zuhause bleiben, ihr Gesicht bedecken, wenn sie das Haus verließ. Er schlug sie, viermal musste sie ihre Verletzungen im Krankenhaus behandeln lassen. Sie zog sich zurück, wurde depressiv, wusste nicht mehr weiter. Dass Bishnu heute eine frisch geschiedene Frau ist, ist keine Selbstverständlichkeit. "Geschiedene Frauen sind in Nepal geächtet. Scheidungen sind gesellschaftlich nicht akzeptiert." Aber alles war besser, als weiter verheiratet zu sein.

Und so steht sie heute selbstbewusst vor einem, nimmt die modische Hornbrille ab und lacht, wenn sie davon erzählt, dass sie kurz vor ihrem Bachelor steht. Ihre Prüfungen liegen vor ihr, wenn sie aus Deutschland zurückkommt. Nach ihrem Abschluss will sie ein Jura-Studium in Kathmandu anschließen. Denn Bishnu will Anwältin werden, für die Rechte anderer Mädchen eintreten, für sie Scheidungen erkämpfen und die Kamalari-Praxis endgültig abschaffen.


*Kamalari-Tradition

Kamalari, "hart arbeitendes Mädchen", nennt man diese Art der Sklaverei, In Nepal ist sie seit 2000 offiziell verboten, wird aber nur selten verfolgt. Seit 2006 setzt sich das Kinderhilfswerk Plan International dagegen ein, 3.700 Mädchen wurden bereits befreit.

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