Justin Bieber Purpose
Justin Bieber wirkt nicht nur musikalisch erwachsener | Foto: Universal Music
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16. Nov 2015

Steffen Rüth

Musik

Justin Bieber: Abbitte

Auf der Suche nach einem besseren Ich

Fremdschämen a lá Bieber

Als Justin Bieber vor einigen Wochen in Köln war, nahm er sich am Nachmittag kurz Zeit für den Besuch im Zoo, sein besonderes Augenmerk galt dabei dem Affenfelsen. Vielleicht suchte Bieber sein Kapuzineräffchen Mally, das 2013 bei der Einreise vom Münchner Zoll aufgrund fehlender Ausweispapiere konfisziert wurde. Wir erinnern uns noch gut: Mit Mally, die jedoch nicht in Köln, sondern inzwischen im niedersächsischen Serengeti-Park lebt, fing das ganze Theater damals vor gut zwei Jahren an.

Danach baute der Junge einen Bockmist nach dem anderen. Es war amüsant bis schmerzhaft mitanzusehen, wie er sich abwechselnd zum Trottel und zum Vollidioten machte. Bieber besoffen bei einem illegalen Autorennen in Miami, in dessen Folge er eine Nacht im Gefängnis verbringen musste. Bieber in einem Bordell in Rio de Janeiro. Bieber, der in aller Öffentlichkeit in einen Eimer pinkelte. Bieber, der zu viel kiffte und eine Art Hustensaftsucht zu entwickeln schien. Schließlich – gewissermaßen als Höhepunkt des Fremdschämfestivals –  Bieber, der die Hauswand seines Nachbarn in Calabasas bei Los Angeles mit Eiern bewarf, weil diese sich über die ständigen Partys bei ihm beklagt hatten.

Was immer er auch verbockte, stets sah Justin Bieber dabei aus wie eine peinliche Wurst. Wie ein Vollhorst. Oder wie ein verzogener, arroganter, flegelhafter Bengel, der zum einen – verständlicherweise – die verlorene Jugend nachholt, dem zum anderen aber auch ein kräftiger Arschtritt mal gut getan hätte. Doch Bieber bockte. Selbst Manager und Entdecker Scooter Braun, Biebers Quasi-Zweitvater, sagte, er sei anderthalb Jahre lang nicht an seinen Schützling herangekommen und habe Angst um ihn gehabt.


Justin Bieber 2015

Kinderstar: "Der härteste Job der Welt"

Musikalisch hörte man derweil von dem in Kanada (die Eltern waren selbst noch Teenager) geborenen Bieber, der mit seichten Kinderpopliedchen ("Baby") und dem Aussehen eines kleinen Hundes vor fünf, sechs Jahren zum größten Mädchenstar seiner Generation wurde: nichts. "Ich kann niemandem empfehlen, ein Kinderstar zu werden", sagt Bieber jetzt im Interview mit dem amerikanischen Magazin "Billboard". "Denn es ist der härteste Job der Welt."

Da ist was dran: Permanent sind Menschen mit Kameras in deiner Nähe, jeder Schritt steht unter Beobachtung, die freie, ungestörte Entfaltung der Persönlichkeit, zu der auch ein jugendlicher Superstar jedes Recht hat, kann man vergessen. So toll das auch ist, wenn du zu den Menschen mit den meisten Twitter-Followern und Facebook-Freunden der Welt gehörst: Wenn alle nur noch Spott und Häme für dich übrig haben, dich der Lächerlichkeit preisgeben und zur Witzfigur degradieren, dann kann der Spaßfaktor selbst dann nicht mehr sehr groß sein, wenn du Justin Bieber bist.

Die Bieber-Auferstehung

Justin Bieber, der sich während des Tumults auch noch von seiner Freundin, der Kollegin Selena Gomez, trennte, brauchte also ein neues Image, ja fast eine neue Identität, um seine Karriere nicht komplett zu ruinieren. Das Bemerkenswerteste am Großprojekt der Bieber-Auferstehung ist nun, dass es tatsächlich funktioniert hat. Zum ersten Mal bekommt der Kerl, mittlerweile mit 21 Jahren kein Kind mehr und doch keineswegs erwachsen, so etwas wie Respekt. Sein Team, vielleicht auch er selbst, ging strategisch klug vor.

Man brachte ihn mit Skrillex und Diplo zusammen, zwei führenden Vertretern der Electronic Dance Music (EDM), gemeinsam mit den beiden hippen Gesellen nahm Justin im Sommer erst den coolen, recht minimalistischen Song "Where are Ü now" auf, das gleiche Duo bastelte ihm anschließend auch die offizielle Comebacksingle "What do you mean", die mit ihrem karibischen House-Einflüssen fast überall auf der Welt einen der vordersten Chartränge erreichte.



"Purpose" geht ins Ohr

"Purpose" ("Zweck") ist das erste Bieber-Album, das man sich tatsächlich anhören kann. Die Songs sind geschickt produziert, sie klingen clubtauglich und sehr zeitgemäß. Ins Ohr gehen sie auch. Gäste wie Ed Sheeran, der das griffig-gefällige "Love yourself" komponierte und auch mitsingt, Alternative-Pop-Hoffnung Halsey ("The Feeling") oder Rapper Big Sean ("No Pressure") steigern die Substanz dieses Albums zusätzlich. Nein, "Purpose" ist kein Schrott, sondern ein frisches, unterhaltsames und recht stringentes Popalbum.

Auch inhaltlich ergibt das alles einen Sinn. "My reputation’s on the line / So I'm working on a better me" ("Mein Ruf steht auf dem Spiel, also arbeite ich an einem besseren Ich”), singt Justin Bieber im relativ langsamen "I’ll show you”, und auch: "Don’t forget that I’m human" – vergesst nicht, dass auch ich nur ein Mensch bin.

Die Botschaft ist klar: Der Bieber schämt sich. Er bittet um Entschuldigung, um Wiedergutmachung und Verzeihung, er leistet Abbitte, gibt sich geläutert und mitunter kleinlaut. "Sorry" etwa, die aktuelle Single, ist eine vierminütige Entschuldigung, die in erster Linie an Ex-Freundin Gomez, doch auch ans Gesamtpublikum gerichtet ist. Aber er will auch nach vorne schauen, die vielen Skandale und Idiotien hinter sich lassen, sich nicht auf alle Ewigkeit in den Medien das Fell über die Ohren ziehen lasse. "Ich habe mich langsam genug entschuldigt", sagte er jüngst in einem Radio-Interview.

Justins Schwachstellen

Sicher, der Gesang von Justin Bieber, der immer noch etwas stimmbrüchig wirkt, bleibt ein Schwachpunkt, wie nicht auch jener Auftritt bei "Schlag den Raab" Ende Oktober bewies, der am Abend nach dem Affenbesuch auf dem Plan stand. Auch wirkt er immer noch bisweilen überfordert und etwas unprofessionell, etwa bei einem Fan-Konzert in Oslo, wo er nach einem Song die Bühne verließ, weil ihn das Gekreische der Mädchen nervte, ausgerechnet.

Sehr lässig hingegen war sein Umgang mit der Schniedelfoto-Affäre. Auch, wenn er es nicht guthieß, dass Paparazzi ihn nackt im Südsee-Urlaub abschossen, so reagierte Justin Bieber doch deutlich reifer als sein eigener Vater. "Was gibst du deinem Teil zu fressen", so lautete der Twitter-Kommentar von #proud Daddy Jeremy Bieber. Sieht ganz so aus als sei der wirklich peinliche Bieber nicht länger der Sohn.


UNICUM Abi-Musiktipp

Album Cover Purpose Justin BieberPurpose

Justin Bieber

Universal Music

VÖ: 13. November 2015

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