Deichkind Remmidemmi
Im Interview so schräg wie auf der Bühne: Deichkind | Foto: Universal Music/Nikolaus Brade
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27. Feb 2012

Merel Neuheuser

Musik

Deichkind: Das Remmidemmi-Interview

-ARCHIV-

Ein Erlebnisbericht

Glücksrad mit Deichkind

Die Kinder vom Deich sind schrecklich weit weg von ihrer Heimat Hamburg. Zum Interview in München haben sie ein persönlich gestaltetes Glücksrad mitgebracht. Bei den Begriffen sackt mir das Herz in die Hose und ich befürchte, dass mir das Glücksrad einen Haarschnitt oder Alkohol, nicht aber Glück verschaffen wird. Da stehen Begriffe wie "Wodkarunde", "Kurzen trinken", "Interview auf Englisch weiter" oder "Haircut". Statt der erwarteten vier Köpfe werde ich herzlich von Porky (Sebastian Dürre) und Phil (Philipp Grütering) begrüßt. "Ferris, die dumme Sau, lässt uns heut hängen. Der spielt lieber Videospiele", lautet Porkys Erklärung, wieso Wuschelkopf Ferris, den viele noch unter seinem früheren Hip-Hop-Künstlernamen Ferris MC kennen, nicht dabei ist. 

"Ist vielleicht nicht schlecht, wenn er nicht dabei ist. Er ist nicht gut drauf und nicht so der Interviewtyp", schiebt Phil hinterher. Lust auf ein klassisches Interview haben die beiden heute nicht. "Wir haben uns was überlegt, wir wollen Glücksrad mit dir spielen", sagt Phil. Abgesehen davon, dass mir bei den meisten Begriffen die Knie schlottern, macht mich vor allem der Punkt „Interviewabbruch“ unruhig. Das ist mir zu gefährlich. Wir verhandeln, erst ein paar Fragen, dann das Glücksrad. Gerade hebe ich zur ersten Frage an, da legt Phil schon los.


Phil: Ich fange an! Ich will was zu unserer Show erzählen! DJ Phono (das vierte Deichkind-Mitglied, Anm. d. Red.) hat sich überlegt, dass wir unsere Show ein wenig erweitern. Wir sind mit unseren Exzessen irgendwann an unsere Grenzen gestoßen. Wir haben dafür all unser Geld zusammengesammelt. Wir haben jetzt mittlerweile drei Trucks für den ganzen Bühnenkram. Rammstein hat ungefähr 19 Trucks und U2 hat, glaube ich, 200 Trucks.

Porky: Für den persönlichen Wal, den Bono adoptiert hat.

Phil: Wir haben fahrbare Dreieckssäulen kreiert, die über Strichcodes auf dem Teppich ferngesteuert werden können. Wir suchen Herausforderungen.

Porky: Wir brauchen das auch, um uns selber zu kicken. Wir sind ja irgendwann auch mal gelangweilt.

Phil: Das wäre so, als wenn man 15 Jahre zur Uni geht und immer wieder das gleiche Seminar besucht. Außerdem verdienen wir am meisten an den Liveshows. Das ist eigentlich unser Geschäft.

UNICUM: Ein Track auf eurem Album heißt "Illegale Fans" und die illegale Musikbeschaffung kommt dabei nicht unbedingt schlecht weg.

Porky: Uns ist es egal, wenn sich wer unsere Lieder runterklaut. Wer hat keine geklaute Musik auf dem MP3-Player? Mich ärgert das, wenn Leute sagen: "Dieses und jenes muss bekämpft werden." Die akzeptieren nicht, dass sich was ändert. Die Leute, die am lautesten bellen, sind doch meist diejenigen, die am meisten verdienen. Wir sind primär Musiker und nicht Wirtschaftler.

Phil: Was illegale Downloads betrifft, ist das einfach ein Ding, wo niemand weiß, was kommt: Wie das jetzt mit dem Copyright abläuft und ob in Zukunft nur noch gestreamt wird? 0b Musik überhaupt noch in der Form gekauft werden kann, wie es vielleicht vor zehn Jahren war? Es ist auch positiv, wie man heute als Band an die Fans rankommt. Über Facebook, Twitter oder so. Das sind Medien, von denen Fans früher geträumt haben. Die Kids von heute sind das gar nicht gewöhnt, dass etwas nicht zugänglich ist. Früher bist du mit deinem Ersparten in einen Tempel gegangen und hast dir Erdöl mit Musik drauf gekauft.

Das passt ja auch zu einigen Ansagen auf eurem Album. Ihr seid ja schon generell ein bisschen "anti" in euren Meinungen, oder?

Phil: Nicht wirklich. Das sind eigentlich keine Meinungen. Das sind eher Aufzählungen, wie der Stand der Dinge ist. Jeder sollte sich seine Meinung selber bilden.

Porky: Genau, alles andere wäre der erste Schritt zur Politik und wir sind keine politische Band. Wir halten einfach den Leuten den Spiegel vor und jeder kann sich selber zerfleischen.

Phil: Wir wollen Leute zum Lachen bringen, dass Leute sich darin selber sehen. Wir begleiten die politischen Geschehen.

Und was genau begleitet ihr in dem Track "Bück dich hoch", in dem Burnout-Kandidaten das Thema sind?

Porky: Wir wollen sagen: "Pass auf dich auf." Die Gesundheit geht vor. Wir sind freie Männer. Die Arbeit, die wir da reinstecken, die machen wir für uns. Und ich sehe es einfach in meinem Bekanntenkreis, dass viele sich verheizen für ein bestimmtes Gehalt. Aber es ist einfach nichts Nachhaltiges dabei. Nichts wie etwa ein Lebenswerk. Du bist einfach ein Bürofreak, der verheizt wird, und wenn du einen Burnout hast, dann wirst du ausgetauscht. Die Leute strampeln im Hamsterrad, als wenn sie nicht klarkommen würden.

Phil: Apropos Rad. Wollen wir jetzt ans Glücksrad?


Wollen wir. Aber es gibt noch etwas nachzuverhandeln – den Punkt "Haircut". Was genau die Deichkinder unter einem Haircut verstehen, will ich wissen. "Haarschnitt", sagt Porky. Als er das genauer definieren soll, kommt "Glatze" raus. Mit Phil handele ich schließlich "Spitzenschneiden" aus. Das ist bei einer Haarlänge von über 30 Zentimetern nicht allzu schmerzlich.

Mit leicht weichen Knien drehe ich schwungvoll am Rad, das sich schließlich nicht ganz zwischen Gästelistenplätzen und „Kurzen trinken“ entscheiden kann. "Das pendelt sich noch ein auf Gästelistelistenplätze", weiß Porky und macht das Rad damit für mich dann doch zum Glücksrad.


Deichkind kurz & kompakt

  • Ihr Album "Befehl von ganz unten" gibt’s seit 10. Februar 2012 im Handel. Das gut gelungene, mittlerweile fünfte Werk bietet gute alte Deichkindtradition.
  • Die schrägen Kostüme der Band sind seit 15 Jahren ebenso Kult wie die Bierduschen ihres Publikums.
  • 2010 brachten die Musiker in Hamburg eine Drei-Stunden-Operette mit Namen "Deichkind in Müll" auf die Bühne.
  • Mehr Infos unter www.deichkind.de

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