Die Ärzte 30 Jahre
Die Ärzte blicken auf 30 Jahre Bandgeschichte zurück | Foto: Jörg Steinmetz
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28. Jun 2012

Ann-Christin Kieter

Musik

30 Jahre "Die Ärzte"

-ARCHIV-

Das Jubiläums-Interview

"Ist das noch Punkrock?"

UNICUM: So, pass auf, ich werde jetzt zum ersten Mal ein Interview mit den Worten "Fick dich" eröffnen.
Rod: Na, das ist doch mal ein schöner Einstieg.

"Fick dich und deine Schwestern!" ist der erste Satz auf eurem neuen Album "auch". Wieso gleich so harte Worte zu Beginn?
Rod: Wie gesagt, das ist einfach ein schönes Entree. Keine Floskel-Austauscherei, sondern der Hörer hört das und weiß sofort: Ah, Die Ärzte sind wieder da.

"Ist das noch Punkrock?" – so heißt der Song. Und? Wie lautet die Antwort?
Rod: Das ist eigentlich eine Frage, die sich komplett erübrigt. Wir waren nie so eine Schubladen-Band. Trotzdem wurden wir spätestens seit dem "Planet Punk"-Album 1995 ständig damit konfrontiert. Das ist ein Lied, um gewisse Dogmatiker vorzuführen und ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

"auch" ist euer 13. Studioalbum. Woher nehmt ihr bloß die ganzen Ideen?
Bela: Farin Urlaub sagt gerne, dass ihm die Sachen zufliegen.
Rod: Na ja, eigentlich zuwandern, müsste man bei ihm sagen. Er wandert immer sehr viel …
Bela: … in der Sächsischen Schweiz (lacht). Es gibt so viele Sachen, die dich inspirieren können. Das kann eine blöde Schlagzeile sein, hier zum Beispiel aus der UNICUM.
Rod (nimmt die April-Ausgabe in die Hand): Die Top 20 des Studentenlebens …
Bela: … das wäre ein schöner Album-Titel.

"Der erhobene Zeigefinger ist nicht so unser Ding"

Ja, bitte schön, könnt ihr gerne nehmen. Aber meint ihr wirklich, ihr könntet gute Ratschläge geben, obwohl ihr selbst nie studiert habt?
Bela: Ich wollte Farin raten, doch endlich – wo er doch ein relativ gutes Abitur gemacht hat – sein Studium durchzuziehen. Er hat es ja immerhin geschafft, sich anzumelden bei der Uni. Aber war nur einen Tag da. Und einmal war ich mit ihm in der Mensa und habe seinen Studentenausweis genutzt, um mich satt zu essen. Generell ist der erhobene Zeigefinger nicht so unser Ding. 

Aber eine richtige Spaßgesellschaft wollt ihr auch nicht sein. Immerhin hat Farin "Männer sind Schweine" mal das missratene Kind genannt, weil es zum Ballermann- Hit wurde.
Bela: Na ja, in erster Linie ist das ein guter Song – auch textlich. Und missraten … wenn überhaupt, eher auf den falschen Pfad geraten. Es ist annektiert worden von einer Funner-Spaß-Balla-Balla-Gesellschaft. Insgeheim hat es mich gefreut, dass Die Ärzte auch auf der Wiesn beim Oktoberfest zwei, drei Jahre lang das meistgespielte Lied hatten. Auf der anderen Seite sind wir das nicht. Auf der Tour zum "13"-Album haben wir es siebenmal gespielt und dann aufgehört, weil wir keine Polonäse im Publikum wollten. Die Leute haben das akzeptiert. Wer zu uns kommt, erwartet den Song nicht.

Ja gut, statt Bierzelt dann doch eher Festivalwiese. Habt ihr Überlebenstipps?
Bela: Es gibt ein ganz tolles Buch von Oliver Uschmann. Das werde ich mitnehmen auf Tour. Es ist wirklich wahnsinnig gut beobachtet. Auch so die unterschiedlichen Festivalgänger, dann können wir gucken, ob wir die entdecken im Publikum. Aber selber Tipps geben … Rod, wie sieht das bei dir aus?
Rod: Ich weiß nicht, ich müsste wahrscheinlich ganz viel Alkohol trinken, damit ich das überhaupt ertragen kann, ein ganzes Wochenende im Schlamm zu liegen und schlechtes Dosenfutter zu essen.

In diesem Jahr steht euer 30-jähriges Bandjubiläum an. Wie habt ihr euch in der Zeit verändert?
Rod: Vor 30 Jahren, da war ich 13. Uah. Was der UNICUM Leser jetzt nicht sehen kann, aber es fließen gerade ein paar Tränen bei Bela B. und Rod.
Bela: Ich bin auf jeden Fall fitter geworden. Weil ich einfach mehr checke und fokussiere, was ich mache, wenn ich auf Tour bin. Ich hätte in den 80ern bestimmt keine drei Stunden spielen können. Aber der Preis dafür war schon hoch – kein Jack Daniel’s mehr.

Wie stellt ihr euch das Leben nach der Musikkarriere vor?
Bela: Also ich will auf jeden Fall weiter Musik machen. Noch viel mehr als früher klammere ich mich an diese eine Sache. Aber das kann ich dann ja auch ohne Die Ärzte. Und wenn es nur als schäbiger Schnulzensänger in einer Spielbank in Baden-Baden ist.

Es wird Zeit fürs Abschluss-Plädoyer. Warum ist es doch keine "zeiDverschwÄndung", Die Ärzte zu hören?
Rod: Na, weil es einfach nichts Besseres gibt.
Bela: 52 Minuten und ein paar Sekunden Die Ärzte, das ist die "auch"-Spielzeit, die halten dich davon ab, dich durch das schlimmste Fernsehprogramm der Geschichte des Fernsehens zu zappen oder mit fiktiven, viralen Freunden auf Facebook zu chatten. Es gibt viel mehr Zeitverschwendung, als uns zu hören, das ist nun mal leider so.


UNICUM Abi Musik-Tipp "auch"

  • Nach der Pizza-Karton-Idee des Albums "Jazz ist anders" ist die Hülle diesmal ein Spiel à la Flaschendrehen.
  • Das Cover soll absichtlich so aussehen, als wäre es Ende der 1960er, Anfang der 70er hergestellt (Rod: "Punkrock ist eben ein alter Scheiß aus den 70er-Jahren").
  • Eine Rezension findet ihr unter unicum.de/die-aerzte-auch

Die Ärzte kurz & kompakt

  • Ihr erstes Konzert gaben Die Ärzte 1982 in einem besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg.
  • Nach einer Trennung 1989 folgte 1993 das Comeback mit Rodrigo (Rod) González als Bassist.
  • Alle drei Bandmitglieder spielen zusätzlich noch in anderen Bands.
  • Die Ärzte tauchen in Perry-Rhodan-Romanen auf, weil ein Redakteur totaler Fan war.
  • Getrennte Konzerte für Männer und Frauen oder eine Tour unter dem Namen "Laternen Joe" – solche Ideen entstehen "aus Scheiß".
  • Die offizielle Homepage der Band heißt www.bademeister.com

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