Emilia Schüle "Tod den Hippies, es lebe der Punk"
Emilia Schüle in "Tod den Hippies, es lebe der Punk" | Alle Bilder: X Verleih
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04. Mär 2015

Ann-Christin Kieter

Filme

"Tod den Hippies, es lebe der Punk": Schauspielerin Emilia Schüle im Interview

Ob "Vaterfreuden" oder "Besser als nix": Die Berlinerin startet jetzt endgültig durch

Eine große Herausforderung für Emilia

UNICUM: Nachdem du im Tatort schon das "Wegwerfmädchen", also eine Zwangsprostituierte, gespielt hast, war deine Familie vom Styling als Peepshow-Girl Sanja wahrscheinlich nicht mehr ganz so geschockt, oder?
Emilia Schüle: Meine Familie war total froh, als ich den Film abgedreht habe. Die mochten irgendwie nicht, wie ich drauf war. Die dachten, es ist total gut, dass ich nichts mehr mit den ganzen Punks zu tun habe.

Was wusstest du vorher schon über die 1980er?
Dass es schreckliche Frisuren gab! Ich kannte aber auch eher die Disco-Musik aus den 80ern. Über diese einmalige Zeit, in der West-Berlin die Insel im ganzen Ostblock war, wusste ich nichts. Das war eine völlig neue Welt. Aber als meine Agentin anrief und meinte, dass sei ein fantastisches Stück Geschichte, was Oskar Roehler da verfilmen möchte, war ich schnell begeistert.

Der Film ist insgesamt ganz schön derb. Was waren deine ersten Eindrücke, als du das Drehbuch gelesen hast?
Ich konnte mir das Endergebnis gar nicht richtig vorstellen. Es ist eben Oskars eigene Art und schwarzer Humor. Aber ich war total aufgeregt, weil es eine Traumrolle für mich ist: eine heroinabhängige Peepshow-Tänzerin, die zur Provokation für Grenzpolizisten am Fenster tanzt und eine ungewöhnliche Liebesbeziehung mit Robert (Anm. der Red.: Tom Schilling) hat. Da hatte ich Bock drauf.

Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?
Ich habe mich viel mit den Subkulturen der Zeit und mit der Party-Szene beschäftigt. Ich hab mich mit "Zeitzeugen" getroffen, die mir erzählt haben, wie es war. Außerdem hat mir eine Ex-Heroinabhängige erklärt, wie ich mir eine Spritze setze, und wie man sich dabei fühlt. Vor der Szene war ich ziemlich aufgeregt. Ich wollte es gut machen, was aber schwierig ist, weil ich keinen Bezug dazu habe. Das ist schließlich etwas, das man nicht ausprobieren kann.

Eine besondere Herausforderung war sicherlich auch der amerikanische Akzent?
Dafür habe ich mit einem Dialog-Coach zusammengearbeitet. Und da man nie weiß, was man letztendlich sagt und spielt, habe ich meine Texte selbst erweitert. Ich wollte einfach ganz viel parat haben, weil Englisch eben nicht meine Muttersprache ist. Manchmal habe ich aus Spaß mit meiner Mutter so gesprochen, das war schon witzig.

"Im Herzen ein Hippie, aber auch ein kleiner Punk"

Dann bist ja jetzt bereit für internationale Produktionen. Aber ich habe gelesen, Hollywood lässt dich eher kalt ...
Ich bin offen für alles. Ich hätte auch Lust auf amerikanisches Kino, es gibt dort auch tolles Independent-Kino. Wenn man mal schaut, was auf der Berlinale lief oder was James Franco so macht. Der europäische Film ist auch total spannend, ich würde gerne mal in Italien drehen oder in Frankreich oder in England oder in Spanien.

Was hätte dir gefallen, wenn du in den 80ern in Berlin gelebt hättest?
Ich glaube, dass in dieser Zeit Geld eine nicht so große Rolle gespielt hat wie heute. Es ist total schade, dass man jetzt überall die Gentrifizierung sieht. Das macht diese eigene Subkultur kaputt. Ich mag außerdem nicht, dass alle Städte gleich aussehen, mit denselben Geschäften überall, mit der ganzen Werbung, das zerstört das Stadtbild.

Hättest du wohl als Punk voll mitgezogen oder wärst du eher Hippie gewesen?
Ich glaube, eine Mischung aus beidem. Im Herzen eigentlich Hippie, aber auch ein kleiner Punk.

An den ekligen Szenen bist du zwar nicht so richtig beteiligt, da muss eher Robert ran. Trotzdem: Wie gut kannst du so etwas ab?
Beim Dreh ist meistens alles sehr technisch, da kann man das ganz gut wegstecken. Aber die Szene mit dem Mann und dem künstlichen Darmausgang hinterher, die ist schon hart. Da gucke ich dann mit einem Auge hin.

"Ich habe russische Großeltern, liebe russische Gerichte"

Du hast selber russische Wurzeln. Hast du eine Erklärung dafür, dass russische Mädels wie Palina Rojinski oder Helene Fischer gerade so erfolgreich sind?
Mein Papa würde jetzt sagen: Na klar, russische Frauen sind toll. Man spricht ja von der russischen Seele und dass das Herz einfach anders schlägt. Aber das sind ja alles nur Redewendungen. Ich kann mir das nicht erklären.

Wie viel von deiner Heimat trägst du noch in dir?
Viel. Ich bin natürlich Deutsche, spreche Deutsch auch viel besser als Russisch und war noch nicht wirklich oft dort. Aber ich habe russische Großeltern, liebe russische Gerichte und mein Schlaflied war immerein russisches.

Apropos russische Gerichte. Was bedeutet Genuss für dich? Schweinebratenwie im Film?
Manchmal ist das ein Tee mit frischer Minze. Manchmal ist es ein gutes Glas Weißwein. Manchmal ist es ein leckeres Steak. Und manchmal ist es das Eis aus der Videothek. Und ich stehe total auf Zitronensorbet, das kann ich einfach in mich hineinschaufeln.


Emilia Schüle kurz & kompakt

  • Emilia Schüle, geboren am 28. November 1992, kam als Kleinkind aus Russland nach Deutschland.
  • Ihr Spitzname "Mila" hat nichts mit der 90er-Anime-Serie "Mila Superstar" zu tun, sondern mit ihrer ersten Kino-Hauptrolle in "Freche Mädchen". Ihr Ding war eher "Sailor Moon"."
  • Sie ist seit 2009 mit Schauspiel-Kollege Jannis Niewöhner zusammen, lebt mit ihm in Berlin.
  • Zu  Emilias Filmen zählen u.a. "Vaterfreuden", "Besser als nix" und "Nemez".
  • Du kannst Emilia bei Facebook und Instagram folgen.

UNICUM ABI Filmtipp

Tod den Hippies, es lebe der Punk FilmplakatRaus aus der Hippie-Provinz, auf nach West-Berlin! Im Jahr 1980 ist der 19-jährige Robert (Tom Schilling) auf der Suche nach Sex, Drugs & Punk. Er jobbt als Sperma-Putzer in der Peepshow seines Kumpels Schwarz (Wilson Gonzales Ochsenknecht) und lernt dabei die Musiker Blixa Bargeld (Alexander Scheer) und Nick Cave sowie vor allem die hübsche New Yorkerin Sanja (Emilia Schüle) kennen. Da Drogen und Bier teuer sind, muss Kohle von seinem verhassten Vater her. Es beginnt eine krasse Jagd durch die wilde Zeit der 80er. Totally crazy, ein bisschen krank – aber 90 Minuten voll kurzweiliger Unterhaltung in Schwarz-Weiß und Farbe.

 

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