Emilia Schüle im Interview
Emilia Schüle spielt in ihrem neuen Film ein Instagram-Model. | Foto: Warner Bros.
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22. Okt 2020

Sherin El Safty

Filme

Emilia Schüle im Interview

"Ich rate jeder Frau, sich mal die Haare abzurasieren"

Emilia Schüle will auf Instagram Haltung zeigen

UNICUM: In deinem neuen Film "Wunderschön“ spielst du das Instagram-Model Julie. Du selbst hast auf deinem Instagram-Account 230 Tausend Follower/-innen. Würdest du dich auch als Influencerin bezeichnen? 

Emilia Schüle: Das hängt natürlich davon ab, wie man den Begriff "Influencer" definiert. Nach meinem Verständnis besteht der Berufsalltag von hauptberuflichen Influencern/-innen darin, Werbung für verschiedene Marken zu machen. Sie posten eher selten politische oder andere Inhalte, die ihnen wichtig sind und losgelöst von monetären Einnahmen. Für mich ist Instagram ein Tool, über das ich Haltung zeigen und auch für politische und gesellschaftliche Themen mobilisieren kann. So nutze ich Instagram gerne. Ich finde, dass man ab einer gewissen Reichweite dafür auch eine gewisse Verantwortung hat. 

Im Film wird das moderne Schönheitsideal als "noch nie so perfektioniert und detailliert wie heute“ beschrieben. Wie beeinflussen deiner Meinung nach Influencer/-innen und Plattformen wie Instagram aktuelle Schönheitsideale? 

Auch Influencer/-innen selbst sind geprägt durch Schönheits- und Körperideale, die diesen Personen in ihrem reellen Leben, in Werbung und Medien entgegentreten. Die Schönheitsideale denken sich Influencer/-innen ja nicht aus, sondern sie kommen von dem System, in dem wir leben. Seitdem es Instagram gibt, ist die Präsenz von diesen eigentlich widersinnigen Körperbildern einfach noch viel größer geworden als vorher. Früher wurden dir in Filmen, Serien oder auf Werbeplakaten die vermeintlich idealen Körper präsentiert. Heute bist du bereits direkt nach dem Aufwachen mit ihnen konfrontiert. Du hast gar keinen geschützten Raum mehr. Natürlich ist Instagram nicht nur schlecht. Es gibt Menschen, die versuchen das Soziale in die Sozialen Netzwerke zurückzubringen, zum Beispiel feministische und politisch aktivistische Profile. Um auf diese Seiten zu kommen, musst du aber natürlich auch erstmal bewusst aus deinem Algorithmus rauskommen. Die Möglichkeit, seinen Körper auf Instagram selbst zu inszenieren, kann einerseits die Body-Positivity-Bewegung fördern, da sich Personen und Körper zeigen können, die in herkömmlichen Medienformaten selten abgebildet werden. Auf der anderen Seite können ein potenziell ständiger Vergleich mit Influencer/-innen sowie Body Shaming auf der Plattform auch das Gefühl vermitteln, einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen.  



Welche Seite überwiegt deiner Meinung nach? Wie können Jugendliche hiermit einen gesunden Umgang finden? 

Ich sehe minimale Ansätze von Body-Positivity-Entwicklungen in den sozialen Netzwerken. Ich weiß aber auch, dass es Body-Positivity-Aktivistinnen teilweise sehr viel Kraft und Mut kostet, sich im Internet darzustellen und einer Öffentlichkeit preiszugeben. Ich finde trotzdem, dass dieses Label "Body Positivity“ bisher auch noch etwas heuchlerisch ist. Viele Mädchen, die nach wie vor als schlank gelten, sich aber in vermeintlich unvorteilhaften Posen zeigen, die der Realität entsprechen, nennen allein das schon Body Positivity. Es gibt allerdings so viele andere Formen unseres Körpers. Diese Formen, von beispielsweise Mehrgewichtigen, bleiben immer noch mehrheitlich unsichtbar. Die Body-Positivity-Bewegung ist noch nicht da, wo sie sein kann, sie bildet also immer noch kein realistisches diverses Körperbild ab. Ich finde es sehr schwierig, hierfür eine Universallösung zu nennen. Es ist eine Industrie, die uns von klein auf lehrt, dass wir uns als Frauen, optimieren und verschönern müssen. Das Schlimme daran ist, dass wir diese Doktrin so verinnerlicht haben, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen und für unsere eigene Stimme halten. Mit dem Alter habe ich zum Glück gelernt, dass ein gutes Körpergefühl nichts mit dem Äußeren zu tun hat, sondern mit einem gesunden Lifestyle, mit Schlaf, mit Ernährung, mit Bewegung – all das führt letztendlich zu mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz.  

Auch Emilia hatte als Jugendliche Probleme mit ihrem Aussehen  

Im Film wird vor allem der Schönheitsdruck auf Frauen thematisiert. Betrifft dieses Problem auch Männer? Wenn ja, in welchem Verhältnis?

Ich kann natürlich nur schwer für Männer sprechen, jedoch gehe ich davon aus, dass es dieses Problem ähnlich auch für Männer gibt. Männer fühlen denselben Druck und dieselbe Scham, wenn sie nicht einem supersexy Männerideal entsprechen. Auch deine Rolle Julie gerät zunehmend immer mehr unter Druck ein vermeintlich "natürlich schönes“ Schönheitsdeal zu verkörpern.

Erinnerst du dich, ob es bei dir auch Phasen gab, in denen du das Gefühl hattest, mit deinem Körper nicht zufrieden sein zu können? Wie bist du damit umgegangen?

Als Jugendliche fand ich mich alles andere als schön. Rückblickend kann ich sagen, dass ich durch die medialen Bilder, die mich umringt haben, sehr geprägt war. Es hat mich gestört, dass ich sehr klein bin, nicht 90-60-90 und mich als "einfach nur normal“ wahrgenommen habe. Darunter habe ich gelitten. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich einfach als Frau gefühlt habe und auch bemerkt habe, dass andere Dinge eine viel größere Rolle spielen, sodass ich diese Phase überwinden konnte.

Was würdest du Jugendlichen raten, die bemerken, dass ein Freund oder eine Freundin anfängt eine ähnliche Entwicklung zu durchlaufen?

Es liegt auf der Hand, dass man das Gespräch mit dem Freund oder der Freundin suchen sollte. Ich denke allerdings auch, dass das sehr schwierig verlaufen kann. Es ist bei Julie so, dass sie sich niemals selbst eingestehen würde, dass sie sich gesundheitlich gefährdet und eine Essstörung hat. Da reagieren Betroffene oft erstmal abwehrend. Deswegen denke ich, dass man in jedem Fall auch mit dem Umfeld der betroffenen Person sprechen sollte. Gemeinsam kann man dann auch versuchen, denjenigen oder diejenige in eine Therapie zu begleiten.

In einer Szene im Film sollen Schülerinnen und Schüler einen Gegenstand mit in den Unterricht bringen, der sie neben ihrem Äußeren als Person ausmacht. Welchen Gegenstand hättest du mitgebracht?

Ganz spontan denke ich gerade an meine Leica Fotokamera. Ich habe schon immer gerne fotografiert und liebe generell das Visuelle sehr. Mein halbes Leben trage ich immer eine Fotokamera mit mir. Lange habe ich nach einer Kamera gesucht, die am besten die reale Atmosphäre einer Szenerie einfangen kann, auch wenn es dämmert oder bereits dunkel ist. Das ist mir bisher am besten mit der Leica Kamera gelungen. Für die Rolle der Julie hast du dir vor laufender Kamera die Haare abrasiert.  


Emilia Schüle im Film  "Wunderschön"


Für die Rolle der Julie hast du dir vor laufender Kamera die Haare abrasiert. Wie hast du dich beim Dreh dieser Szene gefühlt?

Beim Dreh war ich sehr klar. Ich wusste, dass ich es jetzt einfach machen muss und es kein Zurück mehr gibt. Die Szene konnte ja auch nur einmal gedreht werden. Deswegen musste direkt alles funktionieren und professionell sein. Die Monate vorher waren immer wieder nervenaufreibend, weil ich wusste, dass es mir noch bevorsteht. Als es dann aber tatsächlich getan war, war ich sehr erleichtert. Es war sehr befreiend, es endlich hinter mir zu haben. Besonders schön ist, dass mir der neue Haarschnitt auch richtig gut gefällt.

Wie hat dein persönliches und berufliches Umfeld auf deine äußerliche Veränderung reagiert?

Durchweg positiv. Alle fanden es cool. Für meine Mutter war es sehr schwer. Sie war beim Dreh der Szene auch mit am Set und hat die ganze Zeit geweint. Dadurch habe ich nochmal bemerkt, wie sehr sie an alten Stereotypen hängt, dass für sie ein Mädchen oder eine Frau eben einfach lange Haare haben soll. Bis heute ist das für sie auch immer noch ein Prozess, da ich die Haare noch nicht wieder nachwachsen lasse. Sie findet zwar mittlerweile auch, dass es mir steht, wünscht sich dann aber doch eigentlich das typische Frauenbild an mir.

Wie hat sich deine Eigenwahrnehmung dadurch verändert?

Ich kann jeder Frau nur raten, sich mal die Haare abzurasieren. Es ist ein sehr beflügelndes Gefühl. Ich fühle mich mit den kurzen Haaren viel präsenter. Man hat keine Haare mehr, hinter denen man sich verstecken kann. Es gefällt mir, einfach morgens aufzustehen und fertig zu sein, direkt ich zu sein, und nicht die Haare so oder so frisieren zu müssen. Man erlangt einen neuen Zugang zu seiner eigenen Weiblichkeit, weil man versteht, dass man keine tollen Haare braucht, um eine Frau zu sein, sondern so oder so eine ist. Ich habe mich nie weiblicher gefühlt als jetzt.

Im Film werden außerdem die Themen Feminismus und Geschlechterstereotype behandelt. Seit deinem elften Lebensjahr bist du auf der Kinoleinwand zu sehen. Haben sich deine Rollen im Laufe dieser Zeit bezüglich dieser Aspekte verändert?

Seit der #Metoo-Bewegung habe ich eine verstärkte Sensibilisierung dafür, wo Frauen in der Gesellschaft stehen, in welchen Strukturen wir immer noch feststecken und was es noch zu tun gibt. Das hat mich dann auch auf meine bisherigen Filme zurückblicken lassen. Mit Erschrecken musste ich feststellen, dass ich sehr wenig Rollen gespielt habe, die sich nicht nur über Männer definieren, wo es also nicht darum geht, dass ich mich in irgendeinen Mann verliebe oder über einen Mann spreche. Das großartige ist, dass Julie in "Wunderschön“ ein Gegenbeispiel dafür ist. Das ist etwas, was ich an dieser Figur sehr liebe, dass ich einfach eigenständig die Geschichte von Julie erzählen kann. Allgemein merke ich schon, dass es immer mehr Drehbücher für autarke weibliche Rollen gibt, allerdings sieht das in der Filmbranche bei weitem immer noch nicht ausgeglichen aus.

"Der Klimawandel betrifft unser aller Zukunft"

Auf Instagram äußerst dich auch zu aktuellen Themen, wie zum Beispiel dem Klimawandel oder der momentanen Situation in Moria. Hast du dich schon immer politisch positioniert oder gab es hierfür einen konkreten Auslöser?

Als Jugendliche war ich sehr unpolitisch. Ich habe mir immer gewünscht, mich mehr für Politik zu interessieren, aber irgendwie ist es mir nicht gelungen. Ich denke jedoch, dass sich seit 2015 die Dinge geändert haben. Seitdem verstehe ich mehr, dass das gesellschaftliche System, in dem wir leben, Ungleichheiten in der Welt befördert und begünstigt. Außerdem betrifft der Klimawandel unser aller Zukunft. Spätestens da war mir dann klar, dass man sich dafür einsetzen muss, dass wir alle aufwachen.

Einige Captions von dir auf Instagram verraten, dass du dir viele Gedanken machst, wie die Zukunft für deine und zukünftige Generationen aussehen wird. Was meinst du hiermit genau?

Ende letzten Jahres war ich sehr besorgt über die immer stärker werdenden rechten und populistischen Strömungen europaweit. Ich habe mich gefragt, was aus Europa wird, damals war der Brexit auch nochmal präsenter als im Moment. Ich habe außerdem darüber nachgedacht, ob unsere Demokratie in Gefahr ist und wie ein Deutschland aussieht, in dem Parteien wie die AfD immer stärker werden. Auch bezüglich des Klimawandels frage ich mich, wie sich unsere Realität verändern wird.

Was gibt dir Hoffnung, wenn du in die Zukunft schaust?

Natürlich hat Ursula von der Leyen kürzlich neue Vorsätze für den European Green Deal angekündigt. Ich hoffe, dass die Corona-Krise als Chance genutzt wird, um klimagerechter weiterzumachen. Genauso schnell, wie auf die Corona-Krise reagiert wurde, könnte man ja auch auf die Klimakrise reagieren und schnell Maßnahmen ergreifen. Bisher habe ich den Eindruck, dass beim Thema Klima immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird. Viele Forderungen, die pro Klima sind, wurden in letzter Zeit abgelehnt mit der Begründung, man dürfe nicht, in Persönlichkeits- und Unternehmensrechte eingreifen. Anlässlich steigender Infiziertenzahlen an Covid-19 konnten eben diese allerdings zum Schutz der Bevölkerung außer Kraft gesetzt werden. Ich glaube, vielen ist noch nicht bewusst, dass das Klima uns noch große Probleme bringen wird.


UNICUM Film-Tipp

Wunderschön

Regie: Karoline Herfurth

Darsteller u.a.: Emilia Schüle, Karoline Herfurth, Nora Tschirner

Verleih: Warner Bros. Germany

Kinostart: 03.12.2020

Artikel-Bewertung:

2.26 von 5 Sternen bei 78 Bewertungen.

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