Der Historiker-Film-Check
Kann man scheinbar historischen Filme glauben? | Foto: Thinkstock/katkov
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18. Mai 2015

Christina Scholten

Filme

Der Historiker-Film-Check

Stimmt das wirklich alles?

300 (2007) | Mit u.a.: Gerard Butler & Lena Headey

Die Szene:

Im Film wird dargestellt, wie 300 Spartiaten gegen ein Großheer von Persern kämpfen und damit anfangs sogar Erfolg hatten. Ist das wirklich so passiert?

Das sagt der Experte:

Wir wissen, dass aus Sparta tatsächlich nur 300 Vollbürger anwesend waren. Jedoch waren noch andere Griechen dabei, man geht insgesamt von 7 000 auf dieser Seite und 300 000 auf der persischen Seite aus. Allerdings waren es tatsächlich die Spartiaten, die als Krieger ausgebildet wurden und nichts anderes zu tun hatten als zu kämpfen. So kann man sagen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. 300 Historiker-Film-Check Aber "300" basiert auf einem Comic von Frank Miller, was man in der Ausgestaltung merkt. Vieles wird absolut überhöht dargestellt. Zum Beispiel laufen alle halb nackt rum, was vielleicht ganz interessant für den Zuschauer ist - jedoch haben die Spartiaten sicherlich Brustpanzer zum Schutz getragen. Aber viele markante Sprüche wie: "Kommt und holt sie euch", als die griechischen Kämpfer aufgefordert werden, ihre Waffenabzulegen, stimmen. Das gilt aber nicht für den Ausruf: "Wahnsinn? Das ist Sparta!".


Dr. Kresimir Matijevic ist Akademischer Rat an der Universität Trierfür den Fachbereich "Alte Geschichte".


Merry Christmas (2005) | Mit u.a.: Diane Kruger & Benno Fürmann

Die Szene:

In dem Film Merry Christmas wird dargestellt, wie sich die Soldaten im Ersten Weltkrieg zu Weihnachten verbrüdern. Entspricht das der Wahrheit?

Das sagt der Experte:

Merry ChristmasEs steht fest, dass es diese Frontverbrüderung im ersten Jahr des Krieges 1914 gegeben hat, vor allem zwischen Deutschen und Engländern. Zu dieser Zeit waren die Soldaten noch geprägt von den Werten und den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, es gab den totalen Krieg noch nicht. Und der Hass zwischen Deutschen und Engländern war auch noch nicht so groß wie die Ressentiments bei den Franzosen. Da gab es solche Verbrüderungen, aber es bricht innerhalb der folgenden Jahre im Krieg ab. Dazu haben wir nur relativ grobe Angaben, durch Kriegstagebücher oder durch Fotos, die das beweisen. Was aber im Detail passiert ist, ist dann dichterische Freiheit.

Dr. Christian Hartmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München, ist als historischer Berater für Filme tätig.


Die Päpstin (2009) | Mit u.a.: Johanna Wokalek & David Wenham

Die Szene:
Der Film, nach dem gleichnamigen Roman von Donna W. Cross, brachte die Legende eines weiblichen Kirchenoberhaupts 200 auf die Kinoleinwände. Gab es einst eine Päpstin?

Das sagt der Experte:
Nach allem, was wir sagen können, hat es eine weibliche Päpstin in der Mitte des 9. Jahrhunderts nicht gegeben. Jedoch hat es ihre Legende gegeben – und genauso bedeutsam wie die Frage der historischen Existenz ist die Tatsache, dass die Geschichte der Päpstin immer wieder erzählt worden ist und aus einer römischen Lokalsage ein historischer Bericht geworden ist. Das ist nämlich erst 400 Jahre später passiert, als der Dominikaner-Mönch Martin von Troppau Johanna in seine Papst-Chronik aufnahm. Meine These ist, dass er damit den Kult um den Wunsch zur Verlängerung des eigenen Lebens kritisieren wollte, der damals vom Papst Johannes 21. gefeiert worden ist. Denn wenn jemand sein eigenes Leben verlängern kann, dann ist es eine Frau: Nur sie kann Kinder gebären.

Prof. Dr. Max Kerner ist Emeriti am historischen Institut der RWTH Aachen und hat 2010 zusammen mit Klaus Herbers das Buch "Die Päpstin Johanna: Biographie einer Legende" veröffentlicht.


Django Unchained (2012) | Mit u.a.: Leonardo DiCaprio & Jamie Foxx

Die Szene:
Im Film werden Sklaven im 19. Jahrhundert im Süden der USA dazu genötigt, in sogenannten „Mandingo-Kämpfen” gegeneinander anzutreten, bis einer von beiden stirbt. Gab es solche Kämpfe tatsächlich?

Django UnchainedDas sagt der Experte:
Es gibt in der historischen Forschung zur Sklaverei in den USA keinerlei Hinweise auf solche Kämpfe. Diese hätten aus Sicht der Sklavenhalter auch wenig Sinn ergeben. Für weiße Südstaatler war die Sklaverei in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen, auch wenn diese sich oft rühmten, sich um ihre Sklaven wie Väter um ihre Kinder zu kümmern. Sklaven waren wertvoll und wurden aus diesem Grund oft medizinisch besser versorgt als die weiße Arbeiterschaft. Einen Sklaven in solch einem gefährlichen Kampf zu verlieren, wäre somit ein großer wirtschaftlicher Verlust für den weißen Besitzer gewesen.

Simon Wendt ist Juniorprofessor für American Studies an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.


Im Interview: Dr. Christian Hartmann

Dr. Christian Hartmann ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München als historischer Berater für Filme tätig. Im Interview erzählte er uns von seiner Beratertätigkeit und der Glaubwürdigkeit von historischen Filmen.

"Bei den Details bewegen wir uns oft im Bereich des Spekulativen"

UNICUM: Herr Dr. Hartmann, im Film Merry Christmas wird dargestellt, wie sich Soldaten im Ersten Weltkrieg zu Weihnachten verbrüdern. Entspricht das der Wahrheit?
Dr. Christian Hartmann: Das ist ein grundsätzliches Problem historischer Filme: Was wir wissen, sind die groben Ereignisse; bei den Details bewegen wir uns oft im Bereich des Spekulativen. Dass es Frontverbrüderungen im ersten Jahr des Krieges, also 1914/15 gegeben hat, vor allem zwischen Deutschen und Engländern, steht fest. Damals waren die Soldaten noch geprägt von den Werten und Vorstellungen des 19. Jahrhunderts; so etwas wie der „totale Krieg“ existierte noch nicht. Auch war der Hass zwischen Deutschen und Engländern nicht so groß wie der zwischen Deutschen und Franzosen. Daher gab es damals partiell solche Verbrüderungen, aber dieses Phänomen verschwand dann bezeichnenderweise in den folgenden Kriegsjahren. Was die Verbrüderungen des Jahres 1914 betrifft: Darüber haben wir nur relativ wenige Angaben, etwa durch Kriegstagebücher oder auch Fotos. Die Einzelheiten aber, die sind dann – wie so oft – dichterische Freiheit.

Was ist Ihre Aufgabe als Historischer Berater bei Filmen?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt viele Details wie Kostüme, Dokumente, Pässe, Plakate, Autos, Waffen etc., um die ich mich kümmere. Ich betreue aber auch Drehbücher, wirke also mit bei der Entwicklung von Geschichten und Filmen. Es gibt Drehbuchautoren oder Regisseure, die an der tieferen Essenz der Geschichte interessiert sind, das ist dann für mich als Berater besonders spannend. Natürlich ist auch die Ausstattung enorm wichtig, aber es geht, oder: sollte immer auch um das gehen, was wir den Geist einer Zeit nennen: Wie war die Mentalität einer Gesellschaft; wie haben die Leute gedacht, gesprochen, woran haben sie geglaubt? Um ein Beispiel zu geben: In vielen historischen Filmen spielen religiöse Bindungen kaum mehr eine Rolle, dabei waren sie früher sehr wichtig. Themen wie das Verhältnis zu Gott oder zur Kirche werden weg geschoben, um etwa eine Liebesgeschichte in den Vordergrund zu stellen.

"Man lernt selbst sehr viel"

Wenn ein Film-Projekt beginnt, kommen die Verantwortlichen auf Sie zu, oder bewerben Sie sich dort?
Das läuft unterschiedlich. Ich hab mich auch schon beworben, aber die Filmszene ist eine sehr spezielle Szene. Es gibt dort viele Quereinsteiger, und man kennt sich. Mit der Zeit wird man Spezialist für bestimmte Themen, dann läuft das von selbst.

Welches Projekt war denn für Sie das Herausforderndste?
Das war sicherlich „Der Untergang“, weil es für mich auch das größte und aufwendigste Projekt war. Dort ist wahnsinnig viel Stoff umgesetzt worden, was für einen historischen Berater bedeutet, dass er permanent recherchieren muss. Dabei lernt man selbst sehr viel – übrigens auch, die Geschichte aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Es geht dabei nicht nur um das, was die Historiker interessiert – um die intellektuelle Essenz des Geschehens. Es geht zunächst um dessen Abbildung und auch um die Rekonstruktion des Faktischen – und zwar so, dass es wirklich „funktioniert“. Das mag einfach wirken, aber darum drücken sich nicht wenige historische Darstellungen, die sich nur auf die Möglichkeiten der literarischen Darstellung beschränken.

Wie viel ist dabei Fiktion und wie viel Wissenschaft?
Der Film „Der Untergang“ wurde für diese Erzählhaltung kritisiert, doch ist genau das meines Erachtens ehrlich. Der Film will diese Geschichte, diese zentralen Ereignisse des Jahres 1945 abbilden. In diesem Fall haben sich die Macher sehr genau an die historischen Vorgaben gehalten. Es gibt Filme, bei denen es nicht so ist – da sind die Regisseure bestenfalls am äußeren Schein, an einer Kulisse interessiert, die nur den Hintergrund für eine ganz andere Geschichte bildet. Deshalb gab es auch schon Angebote, die ich abgelehnt habe. Das hat nicht viel mit dem zu tun, was ich mache. Für mich gibt es zwei Arten von historischen Filmen: Die einen, die die Geschichte nur ausbeuten und die anderen, die sich der Geschichte unterwerfen. Die Begegnung mit der Geschichte ist letztendlich stets die Begegnung mit dem Fremden, und deshalb kann für mich das erste Modell kaum funktionieren.

"Es geht darum, alte Geschichten immer wieder neu zu erfinden"

Läuft es beim Film nicht Gefahr, dass die Geschichte stark vereinfacht dargestellt wird?
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein Film Ausschnitte der Geschichte zeigt und dass er zudem eine hohe Suggestivkraft hat. Allerdings sollte man nicht vergessen: Auch Klio dichtet. (Anm. der Red.: Klio ist in der Mythologie die Muse der Geschichte). Das bedeutet, dass auch das, was die Geschichtswissenschaft erarbeitet, letztendlich Fiktion ist. Natürlich sind für diese allein die historischen Fakten maßgebend, aber dennoch bleibt jede Rekonstruktion nur eine Annäherung an die Vergangenheit.

Wie kann man als Zuschauer entscheiden, was Fiktion und was wahrhaftig ist?
Das ist sehr schwierig. Ich bemerke immer mehr, wie Filme das Geschichtsbild ersetzt. Das liegt natürlich auch an deren großer Suggestionskraft. Durch ein Buch erlebe ich Geschichte nüchterner und distanzierter. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der einfach weniger gelesen wird. Auf jeden Fall bietet jeder einigermaßen seriöse historische Spielfilm immer auch die Chance der Wissenserweiterung: Erst durch einen Film, da schließe ich mich selbst auch nicht aus, wird man für bestimmte Themen sensibilisiert. Man möchte wissen, wie es „wirklich“ war und beginnt dann, darüber zu lesen. Das ist nicht die einzige Aufgabe historischer Spielfilme: Es geht auch darum, alte Geschichten immer wieder neu zu erfinden, sie immer wieder neu zu erzählen. Genau da kommt die Verantwortung der Filmemacher ins Spiel. Wenn Sie sich einmal klar machen, mit welcher Präzision Engländer und Amerikaner ihre Filme machen, dann sehen Sie, dass die historische Beratung dort einen ganz anderen, besseren Status hat. Das wird bei uns in Deutschland zwar besser, aber wir haben diesen Stand längst noch nicht erreicht.

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