Das Reich des Himmels: Magonia
In Magonia entdeckt Aza Ray ihre wahre Kraft | Foto: heyne>fliegt
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21. Apr 2017

Wiebke Mönning

Bücher

Magonia: Zwischen Himmel und Erde

Ein ständiger Kampf um Leben und Tod

Aza Ray Boyles Leben besteht hauptsächlich aus Krankenhäusern. Die Ärzte hätten nie erwartet, dass sie überhaupt 15 Jahre alt wird, denn seit ihrem ersten Geburtstag leidet sie an einer nie dagewesenen Lungenkrankheit – dem Azaray-Syndrom, nach ihr benannt. Genau wie jeder, der sie kennt, weiß Aza, dass sie bald sterben wird. Doch sie weigert sich, schon wie eine Tote zu leben. Dass für sie andere Regeln gelten, nutzt sie gerne aus.

Eine Botschaft aus dem Himmel

Genauso rebellisch und anders wie Aza ist Jason. In der Schule passen beide nicht auf, sondern führen einen langjährigen Besserwisser-Battle mit Nerd-Wissen aus. Aza behauptet, das einzige, was an ihr normal ist, sei ihr Hirn. Doch auch an dem zweifelt sie kurz, als sie mitten im Unterricht ein riesiges Schiff zwischen den Sturmwolken erblickt. Es ruft nach ihr! Niemand sonst kann es hören…

Ab da nimmt ihr Leben eine seltsame Wende. Im Krankenhaus wird eine Feder in ihrer Lunge entdeckt. Niemand kann sich erklären, wie diese dahin gekommen ist. Wieder Zuhause spricht ein Vogel mit ihr, bevor er ihr in den Mund fliegt. Was?! Aza erwacht im Krankenwagen, kann nicht atmen – und stirbt ...

Eine schöne neue Welt

... und wacht wieder auf – auf einem Schiff im Himmel, in Magonia. Das legendäre Himmelsreich, bewohnt von vogelartigen Menschen, gibt es wirklich! Magonia ist Azas Heimat, denn sie ist die Tochter von Kapitänin Zal Quel. Als Baby wurde sie wegen ihrer besonderen Fähigkeiten aus Magonia entführt.

Diese Fähigkeiten muss sie schnell wieder erlernen, denn Zal hat einen Plan, der ganz Magonia verändern soll und den Verrat der magonischen Hauptstadt Maganwetar bedeutet. Aza möchte helfen, aber wie? Wenn sie ihre Familie nur nicht so vermissen würde. Und Jason…

Boyle oder Quel? Zwischen den Welten

Es ist unschwer zu erkennen, dass "Magonia" ein Fantasy-Roman ist. Trotzdem geht es nur nebensächlich um die Entdeckung dieser neuen Welt. Wichtig ist Azas innerer Kampf: Aza fühlt sich in Magonia Zuhause, als würde sie dorthin gehören und am richtigen Ort sein. Sie findet neue Freunde und will ihrer Mutter und Kapitänin treue Dienste leisten, weil sie damit die Zukunft Magonias entscheidend verändern kann. Andererseits kann sie ihr Leben auf der Erde nicht loslassen – und will es auch gar nicht. Sie sehnt sich zurück.

Dadurch, dass sie auf der Erde aufgewachsen ist, kennt sie das magonische Leben nicht. Aza ist immer noch eine Außenseiterin, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, zu helfen, und nach Hause zurückzukehren. Am Ende muss sie sich entscheiden zwischen einem Leben im Himmel, wo sie atmen kann und magische Kräfte hat, und einem Leben auf der Erde, wo sie schwach ist, aber ihre Familie und Jason bei ihr sind.

Diesen Zwiespalt kann man sehr gut an Azas Gefühlen ablesen, denn auf dem Schiff lernt sie Dai kennen, der ihre magischen Fähigkeiten ergänzt. Aber dass sie Dai mag und attraktiv findet, löst sofort ein schlechtes Gewissen in Aza aus, so als würde sie Jason verraten.

Vom Fliegen und Landen

Irgendwie ist es auch eine Geschichte darüber, erwachsen zu werden und zu sich selbst zu finden. Das klingt abgedroschen, ist es im Roman aber nicht. Aza lernt durch ihre Zeit auf dem Himmelsschiff, dass sie nicht einfach Befehle befolgen muss. Als einzige zweifelt sie laut am Plan der Kapitänin.

Die Teenagerin handelt nach ihrem eigenen moralischen Kompass und findet dadurch zu sich selbst. In Magonia merkt sie, dass sie gar nicht schwach ist. Weil sie auf der Erde nie wichtige Entscheidungen treffen musste, begreift sie erst auf dem Schiff, dass ihre Handlungen Wellen schlagen. In Magonia erkennt Aza ihre Stärke.

Aza Ray und Jason

Headley gelingt es ebenfalls, ein gutes Bild der Nebenfiguren wie Azas Familie oder Crew-Mitglied Jik zu zeichnen. Anfangs ist es allerdings etwas schwierig, sich in ihre Hauptfigur hineinzuversetzen. So richtig will man Aza ihre "Ist mir scheißegal, dass ich sterbe"-Haltung nicht abkaufen. Vielleicht soll man das gar nicht, vielleicht soll der Leser verstehen, dass Aza nur sich selbst etwas vormachen kann. Als Teenager mit merkwürdigen Hobbys und Freunden kommt sie jedenfalls glaubhaft rüber. Eine Mischung aus Rebellion und Trotz – eine typisch 15-Jährige. 

Jason ist ein sehr wichtiger Teil von Azas Leben, darum wechselt die Perspektive des Romans zwischen den beiden. Allerdings ist die Teilung keinesfalls gleichwertig; Hauptfigur bleibt durchgehend Aza – selbst in Jasons Kapiteln. Das ist etwas schade, funktioniert in "Magonia" aber, da der Leser trotzdem tiefe Einblicke von Jason bekommt, beginnend mit Azas Tod.

Jasons Anflug von Durchdrehen setzt die Ereignisse im Himmelsreich in eine andere Perspektive. Erst fragt man sich, wer von beiden eigentlich die Wahrheit erzählt. Die Wahrnehmung verschiebt sich im Laufe der Geschichte immer weiter.

Mitten in der Realität

Headley hat die fantastische Welt von "Magonia" sehr schlüssig und mit Liebe für Details in die reale Welt eingearbeitet. Sie greift Legenden und Erzählungen auf und spinnt so eine eigene Welt zusammen, die fern und doch nah ist. Es klingt nahezu logisch, plötzliche Stürme und missratene Ernten mit der Existenz einer magonischen Flotte zu erklären, die von Sturmwalen versteckt wird und ihre Nahrung von der Erde stielt.

Schwieriger sieht es mit den Bewohnern Magonias aus. Die Verbindung von Vogel und Mensch, beides gleichzeitig und doch weder richtig das eine noch das andere, ist nicht ganz leicht. Leider wird Aza und dem Leser beim Verstehen von Magonia und seinen Wesen nicht viel geholfen, denn auf dem Schiff herrscht viel Geheimniskrämerei. So bleibt die Geschichte allerdings bis zum Ende spannend!

Fazit zu "Magonia"

"Magonia" nimmt den Leser mit auf eine fantastische Reise. Gerade der Teil auf der Erde ist sehr berührend geschrieben und fängt uns direkt ein. Im Rahmen der Fantasy-Welt und der heldenhaften Tat, auf die Aza sich vorbereitet, werden allgemeine und lebensnahe Themen wie die Suche nach dem Ich und der persönlichen Moral behandelt.

Der innere Konflikt der hin- und hergerissenen Aza löst sich schließlich so, dass der Leser von einer Woge der Erleichterung gepackt wird. Trotzdem – und das ist sehr gut so – herrscht am Ende keine heile Welt! Das leicht offen gehaltene Ende verspricht vielmehr einen Kompromiss.

"Magonia" ist das richtige für alle, die sich ein anderes Ende für "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" gewünscht haben! 


Die Infos zum Buch

Magonia
Maria Dahvana Headley
heyne>fliegt, April 2017
Preis: 16,99€ (gebundene Ausgabe)
Online bestellen (Amazon): Magonia

Artikel-Bewertung:

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