Hate Speech
Ganz schön laut: Hassrede im Netz sollten wir nicht einfach hinnehmen. | Foto: zoljo/Thinkstock
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10. Jan 2018

Sissy Hertneck

Zündstoff

Hate Speech: Schluss mit Hass im Netz?

Mit harten Strafen gegen Hate Speech

Im Jahr 2018 soll Hass im Netz eine Grenze gesetzt werden. Das zumindest ist die Hoffnung, die hinter dem frisch in Kraft getretenen Netzwerkdurchsuchungsgesetz (NetzDG) steht. Hasskommentare sollen schneller und effektiver gelöscht werden, sonst drohen den Netzbetreibern harte Strafen. Die zugrundeliegende Idee setzt das richtige Signal: Kein Platz für Hass im Netz.

Ganz allgemein wird Hate Speech, zu Deutsch Hassrede, als ein Oberbegriff für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Volksverhetzung benutzt. Oft haben die Kommentare Menschen mit bestimmter Abstammung, religiösem Hintergrund, geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung im Blick. Das Problem: Finden sich im Internet vermehrt menschenverachtende Äußerungen, kann ein Klima entstehen, durch das Gewalt gegen bestimmte Gruppen rechtmäßig erscheint.

Keine Chance für Hass im Netz

Hannes Ley hat das Problem schon früh erkannt. Er hat sich ein Ziel gesetzt: Hass im Netz keine Chance zu geben. Die Facebookgruppe #ichbinhier folgt einem schwedischen Vorbild und hat mittlerweile über 36.600 Mitglieder. Wie die Initiative funktioniert und welche Schritte gegen Hassrede unternommen werden können, erklärt er UNICUM im Interview:

UNICUM: Ende 2016 hast du die Facebookgruppe #ichbinhier gegründet. Wie funktioniert die Gruppe?
Hannes Ley: Man kann sich eine Aktionsgruppe vorstellen, die stark im Team arbeitet: Wir suchen nach Brandherden von Hate Speech und kopieren den jeweiligen Link in unsere Facebook-Gruppe. Unsere Gruppenmitglieder gehen in die Kommentarspalte, schreiben positive Kommentare und versuchen damit die negativen Hasskommentare zu verdrängen. Das funktioniert so: Wir schreiben den Hashtag #ichbinhier vor unseren Kommentar. So können wir uns erkennen, um dann den Kommentar gegenseitig zu liken. Durch die Anzahl der Likes werden unsere Kommentare ganz oben in der Kommentarspalte aufgelistet. Das ist dem Mechanismus von Facebook geschuldet: Der zeigt immer den Kommentar als erstes an, der am relevantesten ist.

Welches Vorgehen wird bei der Beantwortung der Fragen verfolgt? Gibt es gruppenintern Richtlinien?
Inhaltlich kannst du das schreiben, was du denkst. Es gibt bei uns nur eine goldene Regel: Höflich und sachlich bleiben. Das ist ja genau das, was die Hasskommentatoren meistens nicht machen. Wenn man eine Meinung hat, darf man diese auch vertreten. Ein Extremfall: Man darf auch äußern, dass man gegen den Plan ist, Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Diese Meinung muss dann aber sachlich formuliert und begründet sein.

Ein weiterer Vorwurf, der häufig in Kommentarspalten gepostet wird, ist, dass Hate Speech von links ignoriert wird. Inwiefern gibt es eine Verbindung zwischen Hate Speech und politischer Orientierung?
Natürlich gibt es auch Hasskommentare von links. Als Frauke Petry damals schwanger wurde, gab es Kommentare wie: "Schlitzt ihr den Bauch auf." Das ist natürlich ganz klar Hass von Links. Aber in Gewichtung ist es tatsächlich so, dass wesentlich mehr Hass von rechts kommt. Die Neue Rechte und die Identitäre Bewegung sind extrem umtriebig im Netz und versuchen, Stimmung zu machen. In der Regel sind deshalb zu 100 Prozent Hasskommentare von rechts.

Warum wird gerade eine Plattform wie Facebook genutzt, um Hasskommentare zu verbreiten?
Facebook ist das reichweitenstärkste soziale Medium. Das sind 30 Millionen User allein in Deutschland. Politisch Motivierte wissen, dass Facebook ein Werbekanal ist. Ein Beispiel ist die AfD und ihr Wahlkampf. Die Erkenntnis: Viele Leute konsumieren Nachrichten auf Facebook. Die Artikel werden eher auf der Facebook-Chronik, als auf den Webseiten der Medien gelesen. Das hat die AfD erkannt und betreibt in den Kommentarspalten Meinungsbildung. Was leider immer mehr passiert: Es kommt zu einer Verhärtung der Fronten. Es gibt die Hasskommentatoren und dann gibt es die Leute, die sich dagegen auflehnen. Dadurch entwickeln sich zwei Lager. Es gibt überhaupt kein aufeinander zugehen mehr.

Was wünscht du dir von Politik und Plattformbetreibern um Hate Speech effektiv zu bekämpfen?
Es wäre wichtig, dass Facebook harte Emotionen nicht unbedingt belohnt. Die Hasskommentatoren bringen heftige Aussagen, bekommen dadurch auch heftige Aufmerksamkeit und Facebook platziert diese Kommentare sehr prominent. Da müsste sich Facebook etwas einfallen lassen. Zweiter Punkt: An den Schulen muss das Thema aufgegriffen werden, Bildungseinrichtungen müssen aufmerksam werden. Drittens: Medien wie Focus und Bild sollten endlich anfangen, ihre Kommentarspalten zu moderieren. Du merkst es gibt viele Stellschrauben. Auch rechtlich muss mehr gemacht werden, in der Strafverfolgung.

Hate Speech Hannes Ley

Durch eine Verhärtung der Meinung kommt es nicht zum Meinungsaustausch sondern nur zu Meinungsgegensätzen. Wie willst du diese Internetkultur in Zukunft  auch mithilfe von #ichbinhier verändern?
Wir haben über unsere Tätigkeit ziemlich viel Medienaufmerksamkeit bekommen. Deswegen glaube ich, dass gerade ein Bewusstsein wächst. Trotzdem muss man sagen: Das Problem ist so groß, dass es nicht nur auf Facebook präsent ist. Wir sind immer noch ein Tropfen auf dem heißen Stein. Da muss man viel früher anfangen: Schule, Uni, Medien. Wie diskutiert man eigentlich in den sozialen Medien aus der Anonymität heraus? Wir haben nicht gelernt, wie wir respektvoll aus einer Distanz heraus mit anderen Leuten diskutieren. Das ist das Kernproblem, das gelöst werden muss.

Was ist die Zukunft von #ichbinhier?
Wir haben einen Verein gegründet, mit dem wir jetzt Bildungsprojekte starten. Im nächsten Jahr sind wir an drei Schulen und wollen Online-Diskussionskultur üben. Wir wollen aufklären: Was ist Hassrede? Wie geht man damit um? Wie diskutiert man vernünftig im Netz? Dann wollen wir die Medien in die Öffentlichkeit zerren und deren Verantwortung in den Fokus stellen. Außerdem schreibe ich gerade an einem Buch, das das Thema im Februar noch einmal beleuchten soll.


Tipps HasskommentareHannes' Tipps zum Umgang mit Hasskommentaren:

Anzeige erstatten

"Wenn der Kommentar besonders schlimm ist, kannst du Strafanzeige erstatten. Es gibt Online-Meldestellen für jedes Bundesland. Da kann man sich schnell durchklicken, das ist relativ einfach. Du musst einen Screenshot machen und den Link angeben und dann muss das bearbeitet werden."

Kommentare melden

"Du kannst den Kommentar bei Facebook melden, da gibt es einen Menüpunkt. Da kann man angeben, warum man den Kommentar schlimm findet. Und dann muss Facebook den prüfen. Die Regularien sind durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wesentlich schärfer geworden. Also wird jetzt auch tatsächlich mehr gelöscht."

Unterstützung suchen

"Wenn es gegen dich geht, kannst du dich auch an Gruppen wie unsere werden, wir helfen auch Shitstorm-Opfern. Es gibt auch die Organisation wie fearlessdemocracy.org, bei denen du dich melden kannst. Auch No-Hate-Speech.de hat auch eine Hotline."

Auf jeden Fall aktiv werden

"Wichtig ist aber: Auf jeden Fall gegen die Kommentare vorgehen. Viele meiner Freunde fragen: 'Warum machst du das überhaupt? Warum verschwendest du deine Zeit damit? Das nervt mich total, mich mit diesen Spacken abzugeben.' Das heißt aber, dass man den öffentlichen Raum im Netz den Idiotien übergibt. Die Leute, die Hass verbreiten, kriegen das Geschenk, dass sie auf Facebook auf der Bühne stehen dürfen und ihren Mist verbreiten. Das finde ich aber nicht okay. Wir müssen dem den Riegel vorschieben und sagen: Das geht zu weit. Zivilcourage im Netz!"

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