Depression Stress
Depressionen bei Schülern: Immer mehr Kinder und Jugendliche sind überfordert und gestresst. | Foto: Isophoto/Getty Images
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26. Nov 2018

Elena Weber

Zündstoff

Depressionen: Ursachen & Warnsignale, die jeder kennen sollte

Immer mehr junge Menschen erkranken

Schule, Stress, Leistungsdruck – manchmal wird uns einfach alles zu viel. Manchmal sogar so viel, dass wir krank werden. Über fünf Millionen Deutsche erkranken mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression, zunehmend sind auch junge Erwachsene betroffen. Und Schüler. Laut einer aktuellen Datenerhebung der KKH Kaufmännischen Krankenkasse leiden immer mehr Schülerinnen und Schüler zwischen sechs bis 18 Jahren an psychischen Erkrankungen und klagen mit Kopfschmerzen, Magendrücken und Erschöpfung über Beschwerden, die keine organischen Ursachen haben.

Der Stress nimmt zu

Wie die Erhebung ermittelte, litten 2017 rund 8.300 6- bis 18-Jährige unter sogenannten Anpassungsstörungen, also unter depressiven Reaktionen aufgrund körperlicher oder seelischer Belastungen. Den größten Anstieg im Vergleich zu 2007 gab es mit 90 Prozent bei den 13- bis 18-Jährigen. Ein Grund dafür ist, dass der Stress – eine Ursache für psychische Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern – im Laufe der Schulzeit zunimmt, weil die Anforderungen und der Leistungsdruck steigen. Auch Angststörungen und Panikattacken haben in dieser Altersgruppe mit 76 Prozent am stärksten zugenommen. Insgesamt waren davon 3.400 Schülerinnen und Schüler betroffen.

Depressionen: Ursachen sind häufig Stress und Mobbing

Doch was sind die Gründe für einen derart deutlichen Anstieg von psychischen Erkrankungen bei so jungen Leuten? Ein ganz zentraler Auslöser dafür ist der Stress, der durch einen hohen Leistungs- und Konkurrenzdruck durch Schule, Eltern und eine dauerbeschleunigte Gesellschaft, digitale Reizüberflutung sowie Versagensängste entsteht. Mobbing-Erfahrungen, sowohl in der Schule als auch in sozialen Netzwerken, können ebenfalls in einer Depression münden. In der Altersgruppe der 13- bis 18-jährigen Schüler verzeichnete die Erhebung bei Depressionen von 2007 auf 2017 den größten Anstieg überhaupt – um fast 120 Prozent.

Nach Angaben der Krankenkasse stellen Ärzte zudem immer häufiger schon im Schulalter die Diagnose Burnout. Statistisch betrifft dies zwar bisher nur eine vergleichsweise kleine Gruppe von rund 1.000 jungen Versicherten, doch der drastische Anstieg der Fälle zeigt laut KKH, dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihres Alltags haben, zunimmt.

Keine Frage der Belastbarkeit

Doch sind diese Zahlen wirklich so alarmierend oder sind die jungen Leute von heute, wie dir vielleicht auch schon mal unterstellt wurde, einfach nicht mehr so belastbar wie früher? "Ich glaube nicht, dass junge Menschen heute weniger belastbar sind als früher", sagt KKH-Psychologin Franziska Klemm. "Man kann aber davon ausgehen, dass psychische Erkrankungen inzwischen besser erkannt werden." Das Elternhaus, das schulische Umfeld, aber auch die Gesellschaft insgesamt seien aufmerksamer geworden und schauten besser hin. "Es ist inzwischen selbstverständlich, dass auch Kinder und Jugendliche psychisch erkranken können", erklärt die Expertin. "Früher galt das als etwas, das nur Erwachsene haben können.


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Warnsignale erkennen und ernst nehmen

Bevor es zu schwerwiegenden psychischen Erkrankungen wie einer Depression kommt, kommt es häufig zu körperlichen Beschwerden, die keine organischen Ursachen haben und unbedingt als Warnsignale ernst genommen werden sollten. Das können sein:

  • Schmerzen
  • Herz-Kreislauf-Probleme
  • Magen-Darm-Probleme

"Meistens gibt es überfordernde Ereignisse, die nicht bewältigt oder verarbeitet werden können", erklärt die Psychologin. Auslöser seien auch hier emotionaler Stress und Konflikte. Unter den 13- bis 18-Jährigen verzeichnet die Auswertung einen Anstieg dieser Beschwerden von 21 Prozent. Doch keine Sorge: Nur weil du mal Kopf- oder Bauchschmerzen hast, bist du nicht direkt psychisch krank. Gerade in Drucksituationen wie vor einer Klausur oder wichtigen Prüfung kann sich die Anspannung auch körperlich bemerkbar machen. Allerdings darf dies nicht zum Dauerzustand werden. "Deshalb ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche lernen, mit Herausforderungen und Belastungen umzugehen", sagt Franziska Klemm. "Dabei spielt die Unterstützung aus dem gesamten Umfeld eine entscheidende Rolle. Deshalb sollte Stress-Prävention nicht nur in der Schule, sondern auch Zuhause stattfinden."

Stressfaktor Nummer Eins: Die Schule

Doch was empfindet ihr eigentlich als Stress? Laut einer Forsa-Umfrage, die die KKH im Rahmen ihrer Erhebung in Auftrag gegeben hat, sind das vor allem permanenter Leistungsdruck in der Schule, Mobbing sowie gesellschaftlicher Druck durch Medien, Idole und Influencer. Vor allem in der Altersgruppe von zehn bis 18 Jahren steht klar der Konkurrenz- und Leistungsdruck in der Schule an erster Stelle (31 Prozent). Laut Expertenmeinung liegt das aber nicht daran, dass die Schule an sich schwerer geworden ist. Vielmehr werden immer bessere Leistungen erwartet. Durchschnittliche Leistungen würden hingegen oft abgewertet und problematisiert.

Mit steigendem Konkurrenz- und Leistungsdruck und zunehmendem Alter nehmen auch die Symptome zu: So klagen ein Drittel der 16- bis 18-Jährigen über Müdigkeit und Erschöpfung, jeder Vierte leidet unter stressbedingten Kopfschmerzen. Dies kann Unkonzentriertheit, Rückzug, Traurigkeit, Angst aber auch Aggressivität zur Folge haben.

Du musst nicht mit allem allein klar kommen

Was aber kannst du tun, wenn du merkst, dass dir alles zu viel wird oder du dich komplett überfordert fühlst? Ganz wichtig: Suche die Schuld nicht bei dir! "Du solltest nicht davon ausgehen, dass es an dir liegt, weil du nicht so belastbar bist", sagt auch die Psychologin. Meistens kämen viele äußere Umstände zusammen, die dazu führten, dass man überfordert sei. "Kein Mensch ist eine Insel und das gilt besonders für Kinder und Jugendliche", betont Franziska Klemm. "Ihr müsst nicht mit allem selbst klar kommen und fertig werden. Deswegen ist es völlig in Ordnung, sich Hilfe zu holen, etwa bei Eltern, Lehrern oder Freunden." Sie rät: "Wendet euch an jemandem, bei dem ihr euch wohlfühlt und dem ihr euch anvertrauen mögt, mit dem ihr über euer Befinden reden könnt." Denn sich Hilfe zu suchen ist ein ganz wichtiger erster Schritt und absolut nichts Schlimmes. Außerdem empfiehlt die Expertin, bei Ereignissen, die sich hochschaukeln können, beispielsweise Mobbing, schon frühzeitig um Unterstützung zu bitten. "Wichtig ist es, Dinge, die einen bedrücken, frühzeitig anzusprechen und nicht zu denken, dass man damit allein klar kommen muss."

Hilfe suchen ist nichts Schlimmes

Die Hemmungen, über die eigene Überforderung oder das eigene psychische Unwohlsein zu sprechen, kommen daher, dass psychische Erkrankungen noch immer mit einem Stigma verbunden sind. "Der Begriff 'Burnout' ist leicht positiv unterlegt", erläutert Franziska Klemm. "Mit ihm wird ein 'Ich hab mich so verausgabt, bis ich ausgebrannt bin' assoziiert. Depressionen hingegen werden eher negativ mit einem 'Du bist einfach nicht stark genug, um damit umzugehen' in Verbindung gebracht." Wegen dieser Vorurteile sei es einmal mehr wichtig, dass man jungen Menschen beibringe, dass psychische Erkrankungen nichts sind, was einen Menschen vollständig definiere. Und: "Es gibt Hilfe, sie zu bewältigen."

Die Behandlungsmöglichkeiten bei psychischen Erkrankungen sind vielfältig. "Die meisten Therapieverfahren sind sehr handlungsorientiert", weiß Franziska Klemm. "Es wird versucht, gemeinsam mit dem Patienten Lösungen zu finden, auch das soziale Umfeld ist da oft involviert. Die Behandlung wird individuell an die Probleme des Einzelnen angepasst."

Das Gespräch mit Freunden suchen

Wenn du merkst, dass es einem Freund nicht gut geht, ist es am besten, einfach in einer ruhigen Minute das Gespräch mit ihm zu suchen und zu formulieren, was dir aufgefallen ist: Dass du den Eindruck hast, dass es ihm nicht gut geht, dass er traurig oder niedergeschlagen wirkt. Nicht immer verbirgt sich dahinter direkt ein ernstes Problem oder eine psychische Erkrankung. Die Aufmerksamkeit füreinander ist aber wichtig. Denn du freust dich ja auch, wenn du dich einfach mal bei jemandem darüber ausquatschen kannst, was dir gerade auf die Nerven geht, oder?

Solltest du jedoch den Eindruck haben, dass jemand ernstere Probleme hat, vertraue dich einem Erwachsenem, beispielsweise deinen Eltern oder einem Lehrer an. "Die Verantwortung von Kindern und Jugendlichen ist da einfach zu Ende", sagt Franziska Klemm. Deshalb sei es auch hier wichtig und vor allem völlig in Ordnung, Hilfe zu suchen. "Stressbewältigungskompetenzen, sprich die Fähigkeit, Stress auszuhalten, müssen sich Schülerinnen und Schüler erst aneignen", sagt die Psychologin. "Leben lernen ist eine Kompetenz, die man erst erlernen muss."

Burnout oder Depression? Das sind die Unterschiede:

  • Burnout (engl. "to burn" = ausbrennen) steht für den Zustand völliger körperlicher und geistiger Erschöpfung. Ein Burnout gilt nicht als eigenständige Krankheit, sondern als Vorstufe zur Depression und wird bisher als Zusatzdiagnose im Zuge anderer, meist auch psychischer Erkrankungen gestellt
  • Eine Depression ist eine psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen.

Hier findest du Hilfe:

  • Telefonseelsorge, bundeseinheitliche Nummer: 0800 – 111 0 111
  • Kinder- und Jugendtelefon der "Nummer gegen Kummer", bundeseinheitliche Nummer: 11 6 111
  • Beratungsstellen 
  • Vertraute Personen

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