Wert Abitur
Was passiert, wenn jeder Schüler zum Einser-König wird? | Foto: Thinkstock/Daniel Yost
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17. Jun 2015

Simon Sperl

Zündstoff

Das Abitur und die Einser-Inflation

Ein Kommentar zum Wert des Abis

Nicht so viel, wie du denkst oder dir wünschst. Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes bezweifelt, dass "heute noch in vielen Fällen hinter der durch das Abitur verliehenen Studienberechtigung auch eine Studienbefähigung steht". 

Ein Viertel aller Abiturienten mit Einser-Abitur

Fakt ist – und da besteht kein Deutungsspielraum: Nicht nur die Anzahl der Abiturienten hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, auch die Anzahl der Einser-Abiturzeugnisse liegt deutlich höher. Bundesweit stand im Jahr 2013 bei 23 Prozent der Abiturienten auf ihrem Abschlusszeugnis eine Eins vor dem Komma. Spitzenreiter waren Thüringens Abiturienten, dort schafften es sogar 38 Prozent.

Sind Deutschlands Schüler etwa in den letzten zehn Jahren intelligenter geworden? Nein, zumindest aus Sicht Meidingers: "Die nachweisbare massive Zunahme von Einser-Schnitten liegt mit Sicherheit nicht daran, dass in Deutschland bei Abiturienten plötzlich eine Leistungsexplosion stattgefunden hat." Wenn Deutschlands Schüler keine Intelligenzbestien sind, wieso werden dann die Abschlüsse immer besser?

Das Zentralabitur führt zur Best-Noten-Inflation

Angefangen hat der Anstieg der sehr guten Abitur-Schnitte mit der Einführung des Zentralabiturs. Um zu gewährleisten, dass auch wirklich jeder Schüler die Aufgaben lösen konnte, wurden

  • die Wahloptionen der Fächer schülerfreundlicher
  • die mündlichen Noten gestärkt
  • die Abituraufgaben angepasst und zwar auf einem niedrigeren Niveau

Kein Wunder also, dass es einfacher wurde, eine Top-Note im Abitur zu erreichen. Jetzt plant die Kultusministerkonferenz für das Jahr 2017 sogar einen Abituraufgabenpool für alle Bundesländer zu erstellen. Da die Lerninhalte immer noch von den einzelnen Länderregierungen festgelegt werden, steht zu befürchten, dass das Abitur noch leichter wird. Denn das Ziel, möglichst alle Schüler zum Abitur zu bringen, funktioniert nur über eine Leistungssenkung. Die wiederum würde zu einer Best-Noten-Inflation führen.

Ein sinkendes Niveau bringt niemandem Vorteile

Genau das kann kein erstrebenswertes Ziel sein – so toll ein Superabschluss ist! Schon jetzt beschweren sich viele Universitätsprofessoren und auch Arbeitgeber über eine zu geringe (Allgemein-)Bildung der Studierenden und Azubis. Die Klagen würden sicherlich nicht weniger werden.

Und auch für die zukünftigen Abiturienten wäre es kein Vorteil, wenn das Niveau weiter sinkt. Erstens sind schon jetzt viele Studienfächer mit einem hohen NC belegt, so dass sich noch mehr Bewerber um die gleiche Anzahl an Studienplätzen bewerben würden. Und zweitens werden die schwächeren aber trotzdem gut benoteten Schüler spätestens im Studium ihre Probleme bekommen.

NEIN zur Top-Note für alle!

Letztendlich müssen sich die Bundesländer die Frage stellen: Muss jeder Schüler ein (sehr gutes) Abitur haben? Die Antwort kann nur NEIN lauten. Der höchste deutsche Schulabschluss darf nicht weiter abgewertet werden, nur um jedem Schüler ein möglichst gutes Abitur zu ermöglichen.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 25. Jun 2015 um 13:47 Uhr von Thomas Roth
Seit vielen Jahren bemerken wir eine schleichende, aber konsequente Nivellierung der Ausbildungsniveaus nach unten: es geht überhaupt nicht mehr um Chancengerechtigkeit, sondern nur noch um Gleichheit. Und da man nicht alle auf ein sehr hohes Niveau ziehen kann, muss man die Spitzenleistungen und Spitzenleister bei der Notengebung eliminieren. Noch Ende der 1980er Jahre war ein Abitur mit einer "3" ein befriedigendes Abitur, und 2,7 war wirklich gut. Und wirkliche Spitzenleistungen konnten auch als solche kenntlich gemacht werden. Doch die Eliminierung der Spitzen tut keiner Gesellschaft gut. das ist den Politikern aber egal.
Veröffentlicht am 18. Nov 2015 um 15:29 Uhr von Hartmann dartmann
Wie kann man nur so naiv sein und die steigende Zahl der Abiturienten einfach mit einer Absenkung des Niveaus erklären? Wenn ich sehe was mein 12jähriger Neffe jetzt schon in der 7. Klasse auf dem Gymnasium an Leistung bringen muss, dann kann ich nur sagen, der Autor weiß nicht wovon er hier redet. Und das Zentralabi senkt das Niveau?! Ich habe im Saarland mein ach so leichtes Zentralabi absolviert und die Schüler, die bei uns Probleme hatten sind nach Rheinland Pfalz! Wir wussten nicht was im Abi an Fragen kommt, die Pfälzer aber ganz genau! Dieser Artikel ist einfach nur konservatives gelabber.