Youtube Interview Kanzlerin
Im Interview mit den YouTubern konnte die Kanzlerin nicht überraschen | Foto: Thinkstock/JaaakWorks
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17. Aug 2017

Nina Weidlich

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#DeineWahl: Das hast du beim YouTube-Interview mit der Kanzlerin verpasst

4 YouTuber, 4 Themen, 1 Kanzlerin

Nachdem LeFloid die Kanzlerin schon vor zwei Jahren vor dem Mikrofon hatte, durften jetzt vier weitere YouTuber ihre Fragen an Angela Merkel loswerden: ItsColeslaw, AlexiBexi, Ischtar Isik und MrWissen2go. Insgesamt haben sie über 3 Millionen Abonnenten, die im Vorfeld Vorschläge für die Interviewfragen machen konnten.

Statt mit Beauty-Tutorials oder Nintendo Switch-Reviews hat jeder YouTuber sich für das Interview mit einem eigenen Themenkomplex beschäftigt. Auf der Agenda standen die Themen Schule und Bildung, Digitalisierung und E-Mobilität, junge Wähler und Feminismus sowie Migration und Flüchtlinge. Wir haben zu jedem Thema das Wichtigste für dich zusammengefasst.

Thema Nr. 1: Schule und Bildung

In Bayern ist das Abitur mehr wert als in NRW: Wir leben in einer Generation, die sich durch unterschiedliche schulische Anforderungen in den einzelnen Bundesländern ungerecht behandelt fühlt. Auch die 22-Jährige YouTuberin ItsColeslaw gehört dazu. Die Kanzlerin sieht ein, dass einheitliche Standards notwendig sind – allerdings macht sie deutlich, dass eine Vereinheitlichung des Schulsystems nicht dazu dienen darf, die Anforderungen insgesamt zu senken. Außerdem sollte man doch froh sein, wenn man im Abitur stärker gefördert würde – immerhin hat man es dann später leichter, einen Einstieg in Studium oder Beruf zu finden.

Welche drei Dinge Merkel in der Schulausbildung für besonders wichtig hält? "Am wichtigsten sind natürlich Rechnen, Schreiben und Lesen," antwortet Merkel halb im Scherz – "vielleicht noch Programmieren" schiebt sie hinterher. Am Wichtigsten findet sie aber, dass die Schüler lernen, sich selbst Wissen zu erarbeiten. In ihrer eigenen Schulzeit hätte es außerdem viel mehr praktischen Unterricht gegeben, in denen Werken und Handarbeit gelehrt wurden. Das würde sie in den Schulen heute gerne wieder häufiger sehen.

Youtuber Interview Merkel

Thema Nr. 2: Digitalisierung und E-Mobilität

In Bezug auf die Abgas-Affäre wollte YouTuber AlexiBexi wissen, wie die Bundesregierung solche Skandale in Zukunft vermeiden will. Statt unter simulierten Umwelteinflüssen sollen Fahrzeuge vor der Zulassung zukünftig im echten Straßenverkehr getestet werden, erklärt Merkel. Außerdem möchte sie auf den Straßen Stichproben für die Fahrzeuge durchführen lassen, die bereits auf unseren Straßen unterwegs sind.

Auf Alex' Frage nach einer flächendeckenden Internetversorgung konnte Merkel leider keine vielversprechende Prognose geben: "Es wird auch in Zukunft nicht in jedem uckermärkischen Dorf einen Breitbandzugang geben." Aber immerhin soll das Internet schneller werden – 5G statt 4G, das würde vor allem für die moderne Medizin und das autonome Fahren wichtig werden. Merkel selbst fährt übrigens noch nicht elektrisch. Der Grund: Ihr Auto ist gepanzert. Gepanzerte Elektro-Fahrzeige werden auf dem Markt bisher noch nicht angeboten.

Thema Nr. 3: Junge Wähler und Feminismus

Die YouTuberin Ischtar Isik darf in diesem Jahr selbst zum ersten Mal bei der Bundestagswahl ihr Kreuzchen setzen. Mit ihren 21 Jahren hat sie außer Angela Merkel keinen anderen Regierungschef an der deutschen Spitze bewusst miterlebt. Deshalb will sie wissen: Bringt meine Stimme überhaupt etwas? "Na klar," meint die Kanzlerin. Bei einer Wahl ginge es ja weniger um die Politiker, als um das Leben jedes einzelnen Wählers.

Warum Merkel sich selbst nicht als Feministin bezeichnet? Sie wolle sich nicht mit fremden Federn schmücken. Zwar ist sie die erste weibliche Kanzlerin, für die Rechte der Frauen hätten sich andere aber deutlich stärker eingesetzt – Alice Schwarzer zum Beispiel.

Fast schon bemerkenswert ist Merkels Pokerface, als Ischtar ihr wie selbstverständlich den Begriff "Slut Shaming" an den Kopf wirft und fragt, wie sie im Bundestag damit umgehen würde. Merkel erklärt, bei politischen Debatten darauf zu achten, dass die Herren keine anzüglichen Bemerkungen machten. Außerdem setze sie sich dafür ein, dass vermeintliche "Frauenthemen" wie Erziehung und Soziales genauso ernst genommen werden wie der deutsche Finanzhaushalt.

Thema Nr. 4: Migration und Flüchtlinge

"Auch wenn es banal klingt," fragt MrWissen2go die Kanzlerin, "müssen wir Angst vor einem dritten Weltkrieg haben?" Dabei bezieht er sich vor allem auf den politischen Konflikt zwischen den USA und Nordkorea. Merkel beruhigt ihn: "Es gibt keine militärische Lösung für diesen Konflikt." Sie scheint sich ihrer Sache da sehr sicher. 

Auch eine Angst vor Islamisierung teilt die Kanzlerin nicht. Schließlich hätte in unserer Gesellschaft keine Religion die Möglichkeit, über die anderen Glaubensrichtungen zu dominieren. Stattdessen macht sie deutlich, dass es auch in Deutschland nicht verboten ist, seinen Glauben auszuleben. Sie ruft dazu auf, die eigene Religion zu kennen und auch öffentlich dafür einzutreten.

Fazit: Wir brauchen ein Merkel-Moji

Wenn uns auch zu politischen Inhalten nicht viel Neues erwartet hat, wissen wir jetzt immerhin, welches Merkels Lieblings-Emoji ist: Der Smiley. Wenn es richtig gut läuft, dann auch gerne mal der "mit der Schnute". Wait – what? Richtig gruselig wird's aber erst, als die Kanzlerin versucht, das niedliche Grinsegesicht zu imitieren. Und in diesem Moment wissen wir: Wir brauchen ein Merkel-Moji.

Neben viel Lob für das neue Interview-Format gab es in den sozialen Netzwerken auch Kritik: Merkel sei zu steif gewesen und habe sich nicht von ihren Standard-Floskeln abbringen lassen. Einige Twitter-User haben sich nach dem Livestream darüber beschwert, dass die Kanzlerin ihre jungen Gesprächspartner nicht ausreichend ernst genommen hätte. Auf Ischtar Isiks Aussage, dass sie zum ersten Mal ein Interview geführt habe, meint Merkel trocken: "Ach wirklich? Machen Sie sonst immer nur so Selbstdarstellung?" Schnell schiebt sie aber noch ein Lob hinterher: "Ich muss sagen, Sie haben Talent".

Insgesamt kam bei dem YouTube-Talk mit Merkel nicht wirklich viel rum – weder inhaltlich noch menschlich. Wer gehofft hat, dass die Kanzlerin im Gespräch mit den jungen YouTubern plötzlich so richtig den Swag aufdreht, wird enttäuscht. Politik wird halt nicht fancy, nur weil man sie in ein vermeintlich junges Format presst. Zumindest hat die Aktion für viel Aufmerksamkeit in den Medien gesorgt. Wenn das reicht, um zur Bundestagswahl am 24. September mehr junge Leute ins Wahllokal zu locken, hat das YouTube-Interview mit der Kanzlerin seinen Zweck immerhin erfüllt.


InfoHier kannst du dir das YouTube-Interview mit der Kanzlerin noch einmal in voller Länge anschauen: #DeineWahl- YouTuber fragen Angela Merkel

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