Fluglotse werden
Fluglotse Stephan und "sein" Tower | Fotos: DFS, Thinkstock/Top Photo Corporation, Nina Weidlich
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27. Feb 2018

Ann-Christin Kieter

Ausbildung

Wie wird man eigentlich ... Fluglotse?

Fluglotse werden: Extrem hohe Anforderungen – nicht bloß ein Gerücht!

95 Prozent Durchfallquote beim Auswahlverfahren – Klingt hart, dient aber dem Selbstschutz und hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Auch jemand mit 1,0er-Abi kann als Fluglotse völlig unbrauchbar sein. Für den megaanspruchsvollen Job braucht man ein bestimmtes, angeborenes Persönlichkeitsprofil, muss viele Dinge gleichzeitig wahrnehmen können. Ebenfalls gefragt: Merkfähigkeit, Konzentration, räumliches Vorstellungsvermögen und Stressresistenz.

Unser Interviewpartner Stephan Winkler (32), wollte eigentlich Sport- und Mathelehrer werden, hat aber kurz vor Ende seines Studiums zufällig die Radio-Werbung der Deutschen Flugsicherung gehört, die Bewerbung einfach mal probiert – und es geschafft! Jetzt ist er seit fast sechs Jahren Fluglotse in Düsseldorf.

Totenstille im Tower? Von wegen!

UNICUM ABI: Stephan, hier geht es ja zu wie in einem normalen Büro, alle reden durcheinander, machen Scherze. Ich dachte eigentlich es herrscht Totenstille – volle Konzentration eben.
Stephan: Konzentration schon, das heißt aber nicht, dass es totenstill hier oben ist. Wir sind es gewohnt, viele Dinge gleichzeitig zu verarbeiten, daher ist es kein Problem, wenn man sich auch unterhält. Unser Augenmerk liegt aber immer auf der Arbeit.

Hat sich dein Talent für den Job schon in der Kindheit bemerkbar gemacht? Konntest du dich besser konzentrieren?
Nein, eigentlich nicht. Und wenn man meine Mutter fragt, wahrscheinlich erst recht nicht (lacht). Ich war als Kind übrigens auch nicht besonders fasziniert von Flugzeugen oder wollte Pilot werden, wie einige Kollegen. Das Interesse hat sich bei mir erst später entwickelt.

Wie ist das heute so? Fällst du bei Spieleabenden mit Freunden irgendwie auf? 
Oh, das könnte jetzt leicht ins Überhebliche abrutschen (lacht). Also in Exit-Games bin ich ganz gut, aber die interessieren mich einfach. Genauso wie solche Logik-Trainer wie vom P.M. Magazin.

"Egal, was heute passiert, ich finde eine Lösung!"

Bist du im Alltag auch mal total im Stress? Zum Beispiel beim Kochen, wenn plötzlich was überkocht?
Ich koche tatsächlich sehr gerne. Und da bin ich kein Teamplayer wie oben im Tower. Klar bin ich auch mal gestresst, wenn ich zuhause die Woche über viele Aufgaben habe. Wir bauen gerade, das ist eine völlig neue Situation für mich. Auf der Arbeit herrscht eher momentaner Stress, auf den man während der Ausbildung vorbereitet wird. Wir werden langsam psychologisch aufgebaut, entwickeln Selbstbewusstsein. Man muss sich jeden Tag denken: Egal, was heute passiert, ich finde eine Lösung!

Was genau machst du als Fluglotse?
Ich kümmere mich um die Sicherheit im Flugverkehr in Düsseldorf – im Nahbereich, um die Pisten. Grob gesprochen: Ich muss Kollisionen vermeiden zwischen zwei Fliegern oder Flugzeugen und Fahrzeugen auf dem Boden. Und das Ganze am besten schnell, effizient und ökologisch. Als Towerlotse erlaube ich den Piloten zum Beispiel das Anlassen der Triebwerke und erteile Start- und Landefreigaben. Wäre ich Centerlotse – was ich auch sehr spannend gefunden hätte – würde ich die Maschinen nach dem Start übernehmen und im Streckenlauf kontrollieren. Das wäre mehr "Schachspiel" – weniger schnelllebig, dafür strategischer.


Fluglotse Ausbildung


Die vier Arbeitsplätze im Tower

Freigabe Delivery: Da erbittet der Pilot das Anlassen der Triebwerke. Stephan checkt mithilfe des Computersystems die Flugplandaten. Sind Fehler drin, gibt er dem Piloten eine Routenänderung mit, damit er den Bordcomputer nachprogrammieren kann.

Ground East und Ground West: Der eine kümmert sich um alles, was im Osten rollt, der andere um das im Westen. Die Maschinen werden vom Pushback – Freigabe zum Abdocken von der Parkposition – über den rollenden Verkehr bis hin zum Pistenkopf geführt. Die, die gelandet sind, kriegen eine Anweisung, wie sie in die Parkposition reinzurollen haben.

"Platzlotse", "PL": Sitzt Stephan oben in der Mitte, ist er derjenige, der "Cleared for take-off, cleared to land" sagt, wie man das aus Filmen kennt. Er kalkuliert den ankommenden und abfliegenden Verkehr und gibt daraufhin die Start- und Landefreigaben und sorgt so für die erforderlichen Sicherheitsabstände.


Fluglosten haben absolute Entscheidungsgewalt

Was macht dir am meisten Spaß an dem Beruf?
Alles! Ich finde auch alle vier Arbeitsplätze (siehe Foto oben) gleich spannend. Mich reizt es total, dass man absolute Entscheidungsgewalt hat und von Beginn an extrem viel Verantwortung trägt. Wir haben hier nur alle den Anspruch, das Maximum rauszuholen. Wenn mal was nicht so läuft, ein Pilot nicht mitspielt oder der Flughafen, dann ärgert uns das.

Dein Arbeitstag hat acht Stunden. Allerdings musst du alle zwei Stunden mindestens 30 Minuten Pause machen. Wie nutzt du diese?
Das ist ganz unterschiedlich und hängt von der Schicht ab. Manchmal gehe ich ins Terminal rüber und esse eine Kleinigkeit oder mache hier im kleinen Park Sport. Morgens schläft man eher eine Runde. Ich habe das Glück, dass ich recht schnell einschlafen kann.

Der Job löst bestimmt ganz schön Fernweh aus. Fliegst du besonders oft in den Urlaub?
Ich persönlich nicht. Dafür bin ich einfach zu gerne zuhause. Aber die Kollegen reisen schon viel. Liegt natürlich auch daran, dass man 32 Urlaubstage hat und durch den Schichtdienst-Rhythmus – 5 Tage arbeiten, 3 Tage frei oder 4-2-4-2 – auch mit wenigen Tagen recht viel frei hat.


In nur zwei Jahren zum Towerlotsen

In der Akademie in Langen (bei Frankfurt) ist zunächst circa ein Jahr lang Theorie angesagt: Meteorologie, Navigation, Aerodynamik, Luftfahrzeug-Technik und Luftrecht. Aber auch Trainings im Simulator

Nach der Abschlussprüfung geht es in die Praxis im eigenen Luftraum. "Training on the job" bedeutet, dass ein Ausbilder hinter einem sitzt und wie in der Fahrschule eingreifen kann. Die Finalprüfung findet nach zwölf bis 14 Monaten statt, wenn an jedem der vier Arbeitsplätze (siehe Foto) eine Lizenz gemacht wurde.

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