Erfahrungspunkte für Schulnoten
Vorbild "World of Warcraft": Die Note muss nicht der Endboss sein | Foto: Blizzard Entertainment
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05. Aug 2015

Simon Sperl

News

World of Warcraft im Unterricht: XP statt Noten

Wenn das Klassenzimmer zu Azeroth wird

"Achievement Hausaufgabe" abgeschlossen: 15 XP

Informatiklehrer Christian Haschek war kein guter Schüler, dafür spielte er leidenschaftlich gerne Computer-Games. Denn anders als den Unterricht fand er es begeisternd, in Online-Rollenspielen wie "World of Warcraft" Aufgaben zu lösen, Erfahrungspunkte (XPs) zu sammeln und sich so hoch zu leveln. "Die Regeln sind ganz klar gesetzt und die Belohnung wird ausgeschrieben. Ein Spieler weiß genau, wofür er kämpft", schildert er sein Empfinden heute. Daraus entstand die Überlegung, dass es doch möglich sein müsste, dieses Modell auf die Schule zu übertragen.

Im Gegensatz zum bestehenden Benotungssystem sollte das neue einfach, übersichtlich, motivierend und transparent sein. Denn Schüler können oftmals gar nicht nachvollziehen, wie ein Lehrer auf eine gute oder schlechte Note kommt. Genau das ist nun in Hascheks Modell anders. Zu Beginn des Schuljahres definiert er Themenbereiche, die dann bearbeitet werden müssen. Jede dieser Sektionen bekommt gleichzeitig ein "Level Cap" – also eine maximal zu erreichende Erfahrungspunkteanzahl.

Im laufenden Unterricht belohnt er seine Schüler am Luise-Meitner-Realgymnasium seit 2011 mit XPs. So erhalten sie für

  • ihre Anwesenheit oder die Abgabe einer Entschuldigung 5 XP,
  • eine sinnvolle Meldung 10 XP,
  • das Erledigen der Hausaufgaben 15 XP,
  • das Erstellen und Präsentieren eines Projektes mit Unterrichtsbezug sogar 30 XP.

Das Besondere ist, dass jeder Schüler seinen Punktestand auf einer Webseite live verfolgen kann. Das ist möglich, weil Haschek die vergebenen Erfahrungspunkte noch im Unterricht in einer von ihm programmierten Software einträgt. Dort steht dann auch genau, wie viele Punkte noch zur nächst besseren Note fehlen. Denn die XPs werden immer automatisch in die entsprechende Schulnote umgewandelt.

Höhere Motivation und aktivere Mitarbeit

Hat einer seiner Schüler einmal eine Note erreicht, kann er nicht mehr schlechter werden. Denn es ist so gut wie unmöglich wieder Punkte zu verlieren. Christian Haschek vertritt die Meinung, "dass Bestrafung gerade bei schlechten Schülern zu Desinteresse am Unterricht führen kann". Deswegen zieht er vergebene Punkte nur ab, wenn jemand eine Leistung vorgetäuscht hat.

Jetzt könnte man denken, dass Schüler sich auf einer bereits ausreichenden Note ausruhen und nicht mehr mitarbeiten. Doch die Erfahrungen des Informatiklehrers zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Schüler, die bereits eine positive Note hatten, waren auf einmal viel engagierter im Unterricht als im alten System. Sie zeigen viel mehr Interesse am Unterricht, halfen sogar den schlechteren und machten weiterhin ihre Hausaufgaben – schließlich kann ihnen nichts Negatives mehr passieren. Vielmehr kann die Note sogar nur besser werden.

Ein System für junge Lehrer

Vielleicht auch aus diesem Grund erlaubte das österreichische Schulministerium Christian Haschek diese Art der Notenvergabe. Seine jüngeren Lehrerkollegen signalisieren bereits Interesse, das System zu übernehmen. Erstens trifft es den Nerv der Schüler und zweitens kennen sie sich mit der Technologie aus.

Ältere Kollegen haben hingegen Angst vor dem Mehraufwand. Dabei bringt Hascheks Technik sogar eine Zeitersparnis mit sich: "Während andere Kollegen ihre Noten mühsam aus ihren Aufzeichnungen berechnen, öffne ich einfach die Webseite und lese die Noten ab." So profitieren letztendlich alle: Schüler von fairen und oftmals besseren Noten und Lehrer nicht nur von begeisterten Schülern, sondern auch von weniger Arbeit.


Drei Fragen an Christian Haschek

UNICUM: Herr Haschek, was störte Sie besonders am Modell der Leistungsbewertung?
Christian Haschek: Das herkömmliche Benotungssystem ist sehr intransparent. In Österreich ist durch die LBVO (Leistungsbeurteilungsverordnung) genau geregelt, wie ein Lehrer einen Schüler zu benoten hat. In der Praxis fließen aber viel mehr Faktoren in eine Note ein, als man denkt. Ich hatte als Schüler oft das Gefühl, unfair benotet worden zu sein.Christian Haschek im Interview

Der Lehrer macht sich Aufzeichnungen über die Leistungen der Schüler und am Ende kommt dann eine Note heraus. Ich habe mir den "Open Source"-Gedanken zu Herzen genommen und gedacht, dass die Schüler ja eigentlich meine Aufzeichnungen sehen dürften. Diese Transparenz ist ein sehr wichtiger Aspekt von meinem Benotungssystem.

Wo können dann Ihre Schüler den Punktestand einsehen?
Die Schüler haben alle einen Zugang zu einer Webseite, wo sie ihren Punktestand live verfolgen können. Alle sehen jeweils nur ihre eigenen Daten, aber auch eine Grafik, die ihre eigene Leistung in Relation zum Durchschnitt der Klasse stellt. Dort steht genau, wie viele XP sie noch zur nächsten Note brauchen.

Das heißt auch, dass sich Schüler errechnen können, wie viele Hausaufgaben sie noch benötigen, um eine positive Note zu bekommen. Das motiviert vor allem die schlechteren Schüler, die sonst in den "Egal was ich mache, ich schaffe das Jahr nicht mehr"-Status verfallen können.

Ist der Vergleich mit den Mitschülern ein zusätzlicher Faktor, sich mehr im Unterricht zu engagieren?
Die Vergleichbarkeit der Noten ist ein zweischneidiges Schwert. Sie kann bei besseren Schülern durchaus helfen, das sieht man in Videospielen besonders gut. Aber ich habe eher die Sorge, dass es auch sehr demotivieren kann, weil manche Schüler einfach eine Begabung für manche Themen haben, und andere sich sehr bemühen, das Niveau der Begabten aber nie erreichen.

Darum habe ich keine "Highscore-Listen" gemacht, sondern nur eine anonymisierte Grafik, die jedem Schüler die eigene Leistung in Relation zum Durchschnitt der Klasse anzeigt.

Blogger, CEO und Lehrer in einer Person

Der gebürtige Amerikaner Christian Haschek ist ein Computer-Nerd. Schon mit zwölf Jahren lernte er zu programmieren, zockt on- und offline Computerspiele und bloggt noch dazu. Kein Wunder, dass er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Bereits 2005 gründete er in Wien mit "Haschek Solutions" sein eigenes IT-Unternehmen, das Softwarelösungen für Schulen entwickelt. Lehrer wurde er erst 2011 und das auch nur als Hobby, wie er auf seinem Blog schreibt.  Bei "World of Warcraft" findest du ihn übrigens unter dem Spielernamen "Askobi" auf dem Server "Un-Goro".

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