AnnenMayKantereit Interview
Auf Erfolgskurs: AnnenMayKantereit | Foto: Fabien J Raclet
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01. Apr 2016

Christina Scholten

Musik

AnnenMayKantereit: Selbsttherapie zwischen Akkorden

Die deutschen Durchstarter des Jahres im Interview

Harte Arbeit statt Hype

UNICUM: Macht ihr noch Straßenmusik?
Severin: Kaum noch. Die Zeit dazu fehlt uns und es ist auch echt anstrengend. Wir werden oft in Interviews darauf angesprochen, irgendwie haben die Medien sich das zum Thema gemacht. Aber wir machen schon seit gut drei Jahren keine Straßenmusik mehr. Wir haben da zwar angefangen, das war wichtig, aber das ist jetzt nicht mehr so.

Ein Freund von euch hat in der Straßenmusikzeit damit angefangen, für euch Musikvideos zu machen und auf YouTube zu stellen. Kam der Erfolg dann so über Nacht?
Severin: Das hat schon seine Zeit gebraucht.

Henning: Der Begriff "Hype", der oft in dem Zusammenhang aufkommt, bedeutet ja, dass das Phänomen eigentlich nicht zu erklären ist. Deshalb stören wir uns daran: Für uns ist es sehr erklärbar und nachvollziehbar, wie es bei uns gelaufen ist. Wir machen jetzt seit fünf Jahren Musik und reißen uns den Arsch auf – und dann kommen Leute und sagen: "Wie aus dem Nichts." Das stimmt aber nicht.

Nervt es euch, dass ihr in den Medien dann als so jung dargestellt werdet?
Henning: Ich finde es okay, wenn Leute uns in diese junge Ecke stellen, denn wir sind ja auch jung. Aber es amüsiert einen manchmal schon, wenn beispielsweise jemand unsere Musik hört und einen – unberechtigten – Vergleich mit Rio Reiser macht, der sehr politisch war und dann fragt: "Wann zeigt ihr den Leuten da draußen eure politische Seite?" Wir sind zwar gerne politisch und reden viel darüber, aber das ist nichts, was wir fokussiert in die Musik einbauen wollen. Und wir werden es auch nicht machen, weil es von uns erwartet wird.

Statt Musik: Was hätten die Bandmitglieder studiert?

Viele Leute stellen sich das Leben als Musiker so vor, dass man morgens ausschlafen kann, abends Konzerte hat und danach Party machen kann …
Malte: Sie haben sicherlich Recht damit, dass es ein krasses Privileg ist, wenn man mit Musik seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Aber wir sind nicht die Band, die bis morgens durchmacht. Unser Produzent hat das mal so gesagt: Wenn einer von uns ins Bett geht, denkt der andere sich: "Oh man, jetzt muss ich aber auch mal langsam schlafen."

Was haben eure Eltern gesagt, als ihr nach dem Abi meintet, dass ihr jetzt Musiker werdet?
Henning: Das war ja nicht sofort klar. Wir haben unseren Eltern nach dem Abi erst einmal gesagt, dass wir noch darüber nachdenken müssen, was wir machen wollen und haben nebenbei Straßenmusik gemacht. Nach einiger Zeit kam dann mehr oder weniger Druck seitens der Eltern, einige mussten auch ein paar Mal zur Uni gehen und was machen, weil der Vater für die Versicherung die Creditpoints brauchte. Als sich das mit der Band entwickelt hat, habe ich zu meinem Vater gesagt: "Wenn du mir keinen Unterhalt mehr zahlen willst, ist das okay für mich. Das ist der Preis, den ich dann dafür zahlen muss."

Was hättet ihr denn studiert?
Chris: Ich hatte eigentlich vor, klassische Gitarre zu spielen, habe dann aber noch für ein paar Wochen mit Psychologie angefangen. An der Fern-Uni.

Henning: Ich wollte immer Lehrer werden und bin nicht in den Studiengang reingekommen. Ich glaube, hätte ich einen Studienplatz bekommen, wäre das mit der Band auch alles ein bisschen anders gelaufen.

Severin: Ich wollte Schlagzeug im Studiengang "Musik und Medien" studieren.

Malte: Ich habe nie angefangen zu studieren. Das Einzige, was ich in Erwägung gezogen habe, war Journalismus. Aber das war völlig unkonkret.

"Beste Freunde, die gerne über Gefühle reden"

Ihr macht sehr emotionale Musik mit persönlichen Texten. Habt ihr keine Angst davor, euch damit verletzlich zu machen?
Henning: Nein, wir haben schon immer offen über die Dinge geredet, die von anderen vielleicht ein wenig unterdrückt werden. Wenn man sich verletzlich macht und man verletzt wird, ist man nicht unbedingt der Schwächere. Denn eigentlich ist das derjenige, der einen in der Situation verletzt.

Ist es einfacher, Songs über Liebeskummer zu schreiben als Songs über Liebesglück?
Henning: Es ist naheliegender. Wenn du glücklich in einer Beziehung bist, beschäftigt dich das nicht den ganzen Tag. Aber wenn du ein halbes Jahr lang unglücklich bist, ist irgendwann der Drang da, das in eine Form zu packen. Auch, um damit abzuschließen.

Also ist eure Musik auch eine Art Selbsttherapie?
Severin: Ja, auf jeden Fall. So entsteht auch die Musik und der Text: Wir sind vier beste Freunde, die gerne über Gefühle reden. Es ist total schön, dass ich genau weiß, was bei den Jungs passiert, wenn wir ein Lied spielen, und was wer denkt.

Henning: Manchmal ist es auch schwer, bestimmte Lieder auf die Bühne zu bringen, weil sie so persönlich sind. "Pocahontas" ist beispielsweise ein Song, den ich lange nicht live spielen konnte.


AnnenMayKantereit fragen AnnenMayKantereit

Wie gut kennen sich die Jungs? Wir haben sie Fragen über ihre Bandkollegen beantworten lassen.

An Chris: Würde Severin es jemanden sagen, wenn jemand was zwischen den Zähnen hat?
Chris: Kommt auf die Person an. Aber ich denke ja. (Severin bestätigt das)

An Malte: Was denkst du, was Henning richtig aufregt?
Malte: Wo soll ich anfangen? (lacht) Ich glaube am allermeisten, wenn die Leute fragen, ob er sich seine Stimme ersoffen hat. (Henning bestätigt das)

An Severin: Was macht Chris immer, wenn er einen Kater hat?
Severin: Rauchen.

Chris: Falsch. Ich sitz dann eher vor der Glotze und esse was Fettiges.

An Henning: Was denkst du, bei welchem Song Malte der Hass packt?
Henning: Ich würde sagen etwas von Wanda. (Malte bestätigt das)

An Henning: Denkst du Severin steht sofort auf oder snoozt? 
Henning: Snoozen!

Severin: Richtig. Wenn ich nicht wirklich raus muss, stell ich mir den Wecker gerne auch mal auf halb zehn und snooze bis halb zwölf.

An Chris: Welches ist wohl Hennings liebstes Schimpfwort?
Chris: "Der oder die ist eine richtige Nase!" (Henning bestätigt das)

An Malte: Würde Chris eher in der Mitte tanzen oder am Rande parlieren?
Malte: Am Rande parlieren. (Chris bestätigt das)

An Severin: Wenn Henning in einer Badewanne voll mit einem Getränk liegen könnte, welches wäre es?
Severin: Apfelschorle?! (Henning bestätigt das)

An Malte: Wozu kann Henning nie nein sagen?
Malte: Ne Runde Fifa! (Henning bestätigt das)

AnnenMayKantereit sind DIE Band der Stunde


UNICUM Abi-Musiktipp

Alles nix konkretes: Das Debüt-Album von AnnenMayKantereitAnnenMayKantereit haben ursprünglich zu dritt angefangen: Christopher Annen (25), Henning May (24) und Severin Kantereit (23). Nach drei Jahren ist Malte Huck (22) dazu gekommen. Die Jungs haben sich teilweise schon in der Schule kennengelernt, früher hat man sie häufig in Kölns Fußgängerzonen getroffen, wo sie Musik gemacht haben.

Am 18. März 2016 ist mit "Alles Nix Konkretes" das erste Studioalbum von AnnenMayKantereit erschienen.

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