Schülerstreik Organisatorin Luisa Neubauer
Luisa Neubauer organisiert die "Fridays for Future"-Demos. | Foto: Jörg Farys / Fridays for Future
Autor

01. Mär 2019

Elena Weber

Zündstoff

Schülerstreik: Organisatorin Luisa Neubauer im Interview

"Wir sind nicht mehr zu übersehen"

Luisa Neubauer über den Schülerstreik: "Wir bilden eine Massenbewegung"

UNICUM ABI: Als Mitorganisatorin des Schülerstreiks bist du inzwischen das Gesicht der Fridays for Future-Bewegung hier in Deutschland. Bist du die deutsche Greta Thunberg?
Luisa Neubauer: Das sagen auf jeden Fall einige. Ich finde aber, dieser Vergleich hinkt enorm. Einerseits bin ich ja nur eine von ganz ganz vielen in Deutschland, andererseits ist das, was wir hier machen auch ganz anders, als das, was Greta macht.

Inwiefern ist es anders?
Wir bilden eine riesengroße Massenbewegung und gehen ganz groß in die Breite in der Art und Weise, wie wir uns mobilisieren und uns Gehör verschaffen. Was Greta macht ist unheimlich inspirierend und beeindruckend, aber tatsächlich doch relativ weit davon entfernt.

Greta Thunberg wird für ihr Engagement auch scharf kritisiert. Geht dir das auch so?
Ja, na klar, ich werde auch und sogar relativ heftig kritisiert. Ich glaube, das ist so ein bisschen der digitalen Kommunikation geschuldet. Ich kriege das nur ganz punktuell mit, denn ich verbringe meinen Tag ja nicht auf Twitter. Aber was viele Menschen anscheinend nicht verstehen oder kritisieren ist, dass ich keine perfekte Klimaschützerin bin. Ein häufiger Kritikpunkt ist zum Beispiel, dass ich mal geflogen bin. Schülerstreik-Organisatorin Luisa Neubauer

Was entgegnest du deinen Kritikern?
Es ist ja kein neues Phänomen, dass im Internet so Hate-Wellen losgetreten werden. Ganz viel kommt aus dem rechten Spektrum und da bringt es nichts, wenn ich was dazu sage. Die meisten schreiben ja keine persönlichen Kommentare und sagen "Hey Luisa, ich hab‘ mir darüber Gedanken gemacht. Können wir mal darüber sprechen?", sondern es ist ja mehr eine Hate-Kommunikation, wo Gegenargumente wirkungslos sind. In den meisten Fällen ist die Kritik, die da geäußert wird, auch so absurd und so weit von dem entfernt, was ich tatsächlich mache und wofür ich tatsächlich einstehe, dass ich das Gefühl habe, ich kann das so stehen lassen.

Fällt dir das denn leicht, diese Hasskommentare zu ignorieren?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sowas irgendwen gar nicht berührt. Das macht natürlich immer irgendwas. Aber ich bin ehrlich gesagt ganz gut beschäftigt und habe gar nicht die Zeit, mir Twitter-Kommentare von irgendwelchen Hatern durchzulesen. Dadurch, dass ich so aktiv bin, habe ich da gerade etwas Abstand zu. Aber mit Kritik setze ich mich natürlich auseinander. Das gehört dazu und ist auch wichtig.

Wie ist es überhaupt, plötzlich so viel Aufmerksamkeit zu bekommen?
Das ist ungewohnt. Ich glaube, keiner hätte erwarten können, dass wir so schnell als Bewegung wachsen. Und auch diese persönliche Rolle, die ich dabei jetzt irgendwie spiele, ist alles andere als abzusehen gewesen.

"Wir stehen kurz vor dem ökologischen Kollaps"

Warum ist die Fridays for Future-Bewegung so wichtig?
Weil die letzten 40 Jahre klimapolitisch so viel verschlafen wurde, dass wir kurz davor stehen, weltweit einen ökologischen Kollaps zu erleben. Und all das, was verschlafen wurde, wird auf unsere Kosten gehen und auf die Kosten des Planeten. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein für unseren Planeten, für die Erde. Ich weiß nicht, ob den Menschen bewusst ist, wie unglaublich dringend es ist, jetzt zu handeln. Anscheinend sind wir aber immerhin schon genug Leute, denen auffällt, dass es ein riesen Skandal ist, was da gerade passiert.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich junge Menschen zunehmend politisch engagieren. Sind sie politisch engagierter als früher?
Ich habe schon in den letzten Jahren erlebt, wie sehr sich junge Menschen überall eingebracht haben. Dieser Gedanke, dass die Jugend unpolitisch ist, rührt glaube ich vor allem daher, dass Menschen nicht gut genug hingeguckt haben. Jetzt sind wir aber nicht mehr zu übersehen.


Schülerstreik Fridays for Future Klimaschutz


Fridays for Future: Bewirken Schülerstreiks nachhaltige Veränderung?

Glaubst du, Fridays for Future wird auch nachhaltig etwas bewirken oder in Vergessenheit geraten, sobald sich die Aufregung etwas gelegt hat?
Die Klimakrise wird uns in den nächsten zehn Jahren mehr beschäftigen als alles andere, ob wir das wollen oder nicht. Deswegen sind wir keine Protestbewegung wie jede andere. Wir sind eine Protestbewegung, die an ganz klare zeitliche Limits gebunden ist, nämlich an die physikalischen Grundsätze, die unser Weltklima bestimmen. Das heißt, es wir ein Thema bleiben. In welcher Weise ist glaube ich nicht abzusehen. Aber wir politisieren gerade eine ganze Generation. Und die wird nicht von den einen auf den anderen Tag verstummen.

Was wünscht du dir denn für eine Reaktion? Was muss passieren?
Wir brauchen einen Plan, wie Deutschland massiv Emissionen einsparen und das im besten Fall international auch noch so verteidigen kann, dass sich andere Länder anschließen.

Viele werfen der Bewegung ja vor, dass sich ihr nur deshalb so viele Schülerinnen und Schüler anschließen, weil sie dafür die Schule schwänzen können. Was sagst du dazu?
Ich sage dazu: Kommt mal dazu und guckt euch an, was wir da wirklich machen. Was wir da machen ist nicht Schule schwänzen, sondern in erster Linie ein riesengroßer organisatorischer Aufwand, ganz viel kalte Füße haben, viel viel Freizeit investieren, damit wir diese Demos organisieren können und viele Diskussionen führen mit Lehrern, Eltern und Schulleitung, um das zu verteidigen. Das hat nichts mit Schule schwänzen zu tun. Wir bereichern das Leben zigmal mehr als so ein Vormittag in der Schule. Und wir lernen gerade alle, eine Stimme zu haben in einem politischen Deutschland. Abgesehen davon, dass wir mit dem Ziel auf die Straße gehen, die Klimakrise aufzuhalten, ist das auch persönlich wahnsinnig bereichernd für alle. Deswegen würde ich allen empfehlen, mit jemandem im Kontakt zu treten, der schon involviert ist und erzählen kann, wie es läuft.

Was bedeutet Klimaschutz für dich?
Es gibt so ein Schild, auf dem steht "Bitte verlassen sie den Planeten so, wie sie ihn vorfinden möchten." Ich finde, das fasst das ganz gut zusammen.

Warum ist es so wichtig, dass wir und insbesondere auch die Jugend sich für den Klimaschutz engagieren?
Weil wir diejenigen sind, die nichts davon haben, wenn der Planet zerstört wird. Wir bezahlen für diese Zerstörung.

Luisa Neubauer: "Wir wollen sie dazu bringen, dass sie ihre Arbeit machen!"

Wie reagieren Politiker auf dich?
Das ist divers. Manche finden es toll, aber ich glaube manche hoffen auch ein bisschen, dass wir ihnen die Arbeit abnehmen. Das tun wir natürlich nicht! Im Gegenteil, wir wollen sie ja dazu bringen, dass sie ihre Arbeit machen. Viele finden es kritisch, was wir machen, weil wir sehr unbequeme Fragen aufwerfen und ihnen vorhalten, dass sie lange ihren Job nicht richtig gemacht haben. Das heißt, sie sind natürlich nicht wahnsinnig glücklich darüber, dass wir sie in ein so schräges Licht stellen.

Wie ist das denn, einem Politiker gegenüber zu stehen und ihm die Meinung zu sagen?
Bei Politikern ist das wirklich schwierig, denn die reden ja den lieben langen Tag über die gleichen Dinge und sind sehr sehr gut darin, ihre Statements zu positionieren. Sie sind es nicht so recht gewohnt, dass man ihnen so klar widerspricht. Da muss man schon ein bisschen mutig sein und auch mal auf den Tisch hauen. Wir haben einfach gar keine Zeit mehr, uns in solchen Gesprächen mit irgendwelchen Floskeln aufzuhalten. Das ist genau unser Job: Den Leuten zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Hast du Angst vor der Zukunft?
Ich habe Angst vor einer möglichen Zukunft, die kommen könnte, wenn wir nicht jetzt schnell handeln.

In was für einer Welt möchtest du einmal leben?
In einer Welt, in der Entscheidungen getroffen werden, weil sie richtig sind, und nicht, weil sie finanziell gut abgesichert sind. In einer Welt, in der wir uns selbst lieben und uns gegenseitig lieben und den Planeten lieben.

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