LARP
Auf sie mit Gebrüll! Kampfszene beim Finale des LARPS "Felder der Ehre" | Foto: Privat
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18. Mai 2015

Mark Heywinkel

Freizeittipps

LARP: Live-Rollenspiele – ein Hobby mit Zukunft

UNICUM taucht ein in die Welt des Live Action Role Playing – kurz LARP

Die Schlacht um Selbion

Nur noch wenige Augenblicke, bis die Schlacht beginnt. Ein letztes Mal lässt Midgar den Blick durch seine Reihen fahren: Neben dem 1,88 Meter großen Waldläufer warten etwa hundert andere junge Menschen, Elfen, Zauberer und sogar Orks darauf, einer Horde untoter Widersacher tapfer die Stirn zu bieten. Für ihre Heimat Selbion. Für das Gute.

Als das Signal ertönt, stürmen Midgar und seine Verbündeten grölend und ihre Waffen schwingend auf die Untoten zu. Doch so echt der Kampf auf den ersten Blick auch aussehen mag, ist all das natürlich bloß ein Schauspiel. Die Schlacht um Selbion ist das große Finale des sechstägigen Live Action Role Playing Games (kurz LARP) "Felder der Ehre", das einmal im Jahr im bayerischen Morschreuth stattfindet.

Rund 200 Jugendliche zwischen acht und 27 Jahren kommen dabei wie im Ferienlager zusammen. Unter der Anleitung von Teamern stellen sie Kostüme her, bestreiten Freiluft-Abenteuer und verteidigen am letzten Tag ihre fantastische Zweitheimat in einem großen Schaukampf gegen das fiktive Böse.

Erwachsen werden – und weiterspielen

Midgar hat Selbion inzwischen vier Mal gerettet. Im echten Leben heißt der Waldläufer Davide, ist 17 Jahre alt und geht in die elfte Klasse des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Oberasbach. Auf Live-Rollenspiele ist er durch seinen Bruder aufmerksam geworden. "Wir haben uns früher schon mit Kindern in unserer Nachbarschaft verkleidet und sind im Wald herumgelaufen", erzählt Davide. "Irgendwann ist mein Bruder dann im Internet auf Live-Rollenspiele gestoßen. Darüber haben wir uns sehr gefreut, weil wir durch diese Events unser Hobby auch noch fortführen können, selbst wenn wir erwachsen sind."

An LARPs faszinieren Davide vor allem die liebevoll hergestellten Kostüme, die Zelte auf dem weitläufigen Gelände und die Hingabe, mit der viele Rollenspieler ihre Charaktere in Szene setzen. "Am Anfang ist es mir manchmal sehr schwergefallen, den Menschen von seiner Rolle zu trennen", sagt der Schüler. "Wenn du plötzlich von jemandem angeschrien wirst, ist das schon sehr merkwürdig, daran musste ich mich gewöhnen.

Aber diese Authentizität macht LARPs auch erst richtig spannend." Damit auch sein Charakter Midgar möglichst echt rüberkommt, hat sich Davide von mittelalterlichen Lederstiefeln bis zur buchsbaumfarbenen Robe nicht nur ein aufwendiges Kostüm zusammengestellt. Er hat für seinen Waldläufer auch einen fiktiven Lebenslauf erdacht, den er mit jedem weiteren LARP-Event fortspinnt.

Bei einem LARP fürs Leben lernen

Bei Live-Rollenspielen geht es aber nicht nur darum, sich wie eine Figur aus Fantasy-Epen à la "Der Herr der Ringe" zu fühlen. Die Veranstaltungen haben auch pädagogischen Charakter, wie Bruno Wissenz betont. Der 35-Jährige ist Mitgründer des ECW e. V. und richtet Rollenspiele wie das "Felder der Ehre" professionell aus. "Dabei lassen sich hervorragend Werte wie Teamplay, Zivilcourage oder Verantwortungsbewusstsein vermitteln", sagt Wissenz.

Zum Beispiel entwerfen er und sein Team Abenteuer, die die LARP-Teilnehmer nur lösen können, wenn sie als Gruppe zusammenhalten. Manchmal müssen die Spieler im Wald nach Pflanzen suchen, um einen Heiltrank herstellen zu können. "Dann erklären wir ihnen, wo welche Pflanzen wachsen", sagt Wissenz. Und selbst die Vorbereitungen für die große Schlacht besitzen einen Lerneffekt. "Dafür durchlaufen die Rekruten eine Fallschule, wie es sie auch beim Judo oder Aikido gibt."

So viele Lerneffekte Live-Rollenspiele auch haben mögen, die Skepsis gegenüber den Events sei trotzdem sehr hoch, so Wissenz: "Die Pfadfinder kennt jeder, LARPs sind hingegen noch relativ unbekannt", sagt der Veranstalter. "Wir müssen viel Aufklärungsarbeit leisten, zumal wir ja auch mit Waffen arbeiten. Das sind zwar Schaumstoffwaffen, aber die sehen täuschend echt aus. Und wenn man 50 Meter von einem Kampf entfernt steht, dann sieht das sehr brutal aus, obwohl alles ganz sicher ist. Gerade in Bayern neigen viele Leute dazu, das zu verurteilen oder uns mit rechtsextremen Wehrsportgruppen über einen Kamm zu scheren – von denen sich die LARP-Gemeinde und ECW-Event im Speziellen ganz entschieden distanzieren. Live-Rollenspiel ist eine rein fantastische Angelegenheit, in welcher reale Politik, Diskriminierung, Intoleranz oder Religion nichts zu suchen hat."

"Das ist wie im Film"

Inzwischen kämen immer mal wieder Leute vorbei, um die unterschiedlichen Kostüme zu bestaunen. Von denen gibt es auch von Jahr zu Jahr mehr. 2009 bespaßte Wissenz' Team noch 60 Teilnehmer – für das diesjährige "Felder der Ehre"-Event rechnen die Organisatoren mit über 250 Rollenspielern, die sogaraus Österreich, der Schweiz, Frankreich und Polen anreisen. Damit zählt die Veranstaltung zu den größten für Jugendliche in Deutschland.

Der Deutsche Live-Rollenspiele-Verband gibt an, dass hierzulande jährlich etwa 900 öffentliche LARPs unterschiedlicher Ausrichtung stattfinden. Das größte Event ist das "Mythodea" mit circa 8 000 Teilnehmern.

Davide alias Midgar gestaltet inzwischen das "Felder der Ehre"-Event aktiv mit. Er ist als Teamer beim ECW e. V. eingestiegen und erweitert die Kenntnisse der Spieler in Natur-Themen. "Ich habe Biologie als Abi-Fach gewählt und bringe mein Wissen ins Spiel mit ein", sagt er. Am meisten Spaß mache es ihm aber immer noch, als einer von vielen in die Schlacht zu stürmen und Selbion zu retten. "Das ist wie im Film. Das muss man mal erlebt haben."


LARP-Links

Mehr Infos zu Live Action Role Playing findet ihr natürlich im Netz, etwa beim Deutschen Liverollenspiele Verband e.V. unter www.dlrv.eu oder beim Veranstalter von u.a. "Felder der Ehre", dem ECW e.V. unter www.ecw-event.de

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