Joyce Ilg und Chris Halb12
Joyce Ilg hat zusammen mit Chris Halb12 ein Buch über die wirklich wichtigen Dinge geschrieben. | Foto: Boris Breuer
Autor

05. Dez 2019

Elena Weber

Promis

Joyce Ilg im Interview

"Es ist ganz wichtig, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen"

Joyce Ilg: Das hätte sie gerne früher gewusst

UNICUM: Der Titel deines Buches ist "Hätte ich das mal früher gewusst." Was hättest du denn gerne früher gewusst?
Alles, was wir gerne früher gewusst hätten, haben Chris und ich in unserem Buch zusammengetragen – und ehrlich gesagt hätten wir noch viel mehr Themen mit reinnehmen können. Aber die Basis von all diesen wichtigen Dingen ist für uns das Mindset, also die Ansammlung von Glaubenssätzen, die man aus der Kindheit in sich trägt und die sich später in automatisierten Verhaltensweisen widerspiegeln. Man kennt das ja, dass man sich fragt: "Warum verhalte ich mich immer so, obwohl ich das eigentlich gar nicht möchte?" Herauszufinden, woran das liegt und wie ich negative in positive Glaubenssätze umwandeln kann, damit mir diese Sachen nicht mehr im Weg stehen, ist total wichtig. Ebenso die Macht des Unterbewussten. Das sind so Sachen, die man in der Schule nicht lernt, die mir auch meine Eltern nicht beigebracht haben. Jeder weiß, dass es das Unterbewusstsein gibt, aber wie mächtig es ist und welchen Einfluss es unser ganzes Leben lang auf uns hat, ist vielen nicht bewusst.

Wie seid ihr auf die Idee für das Buch gekommen?
Wir haben uns mit den ganzen Themen in diesem Buch eigentlich schon viele, viele Jahre befasst. Das ist so eine Art Hobby von uns. Wenn andere eine Netflix-Serie geschaut haben, haben wir ein Buch gelesen oder eine Doku geguckt oder recherchiert, weil wir so eine innere Neugier darauf haben. Und in unseren Gesprächen haben Chris und ich dann irgendwann festgestellt, dass wir mittlerweile so viel Wissen haben… Da haben wir uns überlegt: Warum packen wir dieses ganze Wissen, dass wir gerne schon früher gehabt hätten, nicht in ein Buch?

Warum habt ihr euch dazu entschieden, ein Buch zu schreiben und nicht etwa ein Youtube-Video daraus zu machen?
Ehrlich gesagt habe ich mir da noch gar keine Gedanken drüber gemacht. Als wir die Idee hatten, kam gar kein anderer Gedanke auf. Im Nachhinein wollen wir zu vielen Themen aus dem Buch natürlich noch ein Youtube-Video machen, weil man da noch viel drumherum erzählen kann. Die erste Titelidee war ja "Das Schulbuch", weil wir natürlich hoffen, dass ein paar Themen irgendwann doch mal in der Schule landen. Dass vielleicht Lehrer das lesen und das ein oder andere Thema mit in den Unterricht nehmen. Wir lesen privat auch einfach sehr gerne und haben gedacht, dass es bisher ja noch kein Buch gibt, dass die wichtigsten Dinge fürs Leben zusammenfasst und gleichzeitig ein Sachbuch in sehr lockerer Schreibweise ist.

"Warum lerne ich das jetzt?"

Die Schule kommt in eurem Buch ja nicht so gut weg. War denn wirklich alles unwichtig oder hast du doch das ein oder andere aus deiner Schulzeit mitgenommen?
In allen Fächern gibt es wirklich sinnvolle Sachen, die für das Leben von uns allen wichtig sind. Das sind zum Beispiel Grundlagen, wie "Wie ist Deutschland aufgebaut?" in Erdkunde oder "Wie ist unser Körper aufgebaut?" in Biologie. Auch die Prozentrechnung in Mathe gehört zum Beispiel dazu. So bis zur achten Klasse sind in ganz vielen Fächern die Dinge noch sehr sinnvoll. Aber dann fängt es an so sehr in die Tiefe zu gehen, dass sich jeder Schüler fragt: "Warum lerne ich das jetzt?" Wenn mir Mathe zum Beispiel überhaupt nicht liegt und ich genau weiß, dass ich später nichts mit Mathe machen will, warum muss ich mich dann durch diese ganzen Themen quälen, anstatt meine eigenen Talente weiter auszubauen?


Chris Halb12 und Joyce Ilg


Hattest du denn ein Lieblingsfach?
Witzigerweise waren meine Lieblingsfächer auch meine Abifächer. Und Mathe gehörte bei mir dazu. Das lag aber auch viel am Lehrer. Ich hatte nen coolen Lehrer und ich habe Mathe immer ganz gut verstanden. Das andere war Kunst – die Kombi ist eigentlich ganz witzig. Und Englisch habe ich auch total gerne gemacht, weil ich da einfach wusste, wofür ich das später brauchen kann.

Du hast ja auch studiert. Hast du da mehr gelernt?
Ich habe Fotoingenieurwesen studiert, wo ich den kreativen Teil mit dem technischen verbinden konnte. Ich habe also im Studium genau das verbunden, was mir liegt. Das Studium hat mir mehr gebracht als die Schule, weil ich mir mein Studienfach ja selber ausgesucht habe. Aber innerhalb dieses Studiengangs gab es auch noch viele Dinge, die man hätte verbessern können. Aber grundsätzlich habe ich lieber studiert als dass ich zur Schule gegangen bin.

Joyce Ilg: "Man sollte die Schüler entsprechend ihrer Stärken und Talente fördern"

Was ist für dich denn das Hauptproblem an Schule?
Die Inhalte! Die Schule macht uns fit fürs Leben? Nein! Ich würde also lebensnahe Fächer rein nehmen, die jeder von uns brauchen kann im Leben und nicht nur ein Prozent der Schüler. Selbstfindung und -reflektion, sozialer Umgang und Kommunikation, Glück, bewusster Umgang mit Social Media, Finanzen ... Die wichtigen Basics aus den aktuell unterrichteten Fächern, die auch für alle im Leben eine Rolle spielen, sollen natürlich drinbleiben. In Bio "Wie ist der Körper aufgebaut", in Mathe Prozentrechnung, in Erdkunde, wie die Welt aussieht. Aber bevor man dann weiter und zu sehr in die Tiefe geht, sollte man die Schüler entsprechend ihrer Stärken und Talente fördern. Das würde motivieren und auch Raum schaffen für neue Fächer. Und in denen könnte man dann all solche Themen lehren, wie oben genannt und wie Chris und ich sie in unserem Buch aufgreifen.

Wenn du das Schulsystem ändern dürftest: Was wären die wichtigsten Sachen, die du direkt umstürzen würdest?
Tja, wo würde ich da anfangen? Da habe ich in letzter Zeit viel mit anderen Leuten drüber diskutiert. Ich glaube, das, was wirklich viele betrifft, neben den Inhalten natürlich, ist, dass viele Schülerinnen und Schüler sagen, sie hätten zu viele schlechte Lehrerinnen und Lehrer. Natürlich gibt es auch gute Lehrerinnen und Lehrer, die total engagiert sind, aber die schlechten ziehen die Schüler teilweise sehr runter und erhöhen zudem den Leistungsdruck extrem. Was man da zum Beispiel einführen könnte – und was es ja auch an vielen Unis gibt – ist, dass auch die Lehrer bewertet werden und nicht nur die Schüler. So ein anonymes Bewertungssystem, bei dem die Lehrweise der Lehrer reflektiert wird. Das wäre ein erster Schritt und auch nicht so schwer einzuführen.

"Wenn man glücklich ist, ist man gut in den Dingen, die man tut"

Alles soll ja möglichst schnell passieren: Abitur, Studium, Berufseinstieg. Und es wird schon von 15-Jährigen erwartet, dass sie genau wissen, was sie wollen. Wie kann ich denn überhaupt rausfinden, was ich will und wo meine Stärken liegen?
Ich glaube, ich wusste das bis nach dem Abi auch nicht genau. Ich habe auch das Gefühl, dass der Leistungsdruck, der auf den Schülerinnen und Schülern lastet, ihnen ein bisschen die Kindheit klaut. Ich kriege ganz viele Nachrichten von meinen Zuschauerinnen und Zuschauern, die sagen: "Wir haben gar keine Zeit zu leben. Wenn wir nicht in der Schule sind, müssen wir Hausaufgaben machen und sogar in den Ferien werden uns richtig krasse Bergen an Hausarbeiten aufgegeben." Viele kommen da einfach nicht hinterher. Und ganz ehrlich: Ich glaube, sie könnten effizienter und besser lernen, wenn sie nicht so überlastet wären. Dann könnten sie die Dinge, die sie lernen, auch besser abspeichern, als wenn da so eine Flut über sie hereinbricht. Und: Dann hätten sie mehr Zeit, um auszuprobieren, wo ihre Stärken und Interessen liegen, und für Reflektion.

Wie kann ich mich freimachen vom Erwartungsdruck, den ja oft nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Eltern oder Freunde ausüben?
Ich hatte das damals auch, als ich meinen Berufsweg einschlagen wollte, dass mein Papa sich Sorgen um mich gemacht hat. Im Endeffekt meinen es ja gerade die Eltern nicht böse. Die wollen ja ihre Kinder nur sicher wissen. Deswegen ist es wichtig, dass man als Eltern eine offene Kommunikation mit den Kindern sucht. Dass man eben nicht sagt: "So, das ist der Weg, der für dich am besten ist", sondern dass man sich mit den Kindern vernünftig austauscht und dass es wirklich darum geht, dass das eigene Kind glücklich wird. Wenn man glücklich ist, ist man meistens auch gut in den Dingen, die man tut – und mit diesen Dingen dann auch erfolgreich.

Ihr sagt ja in eurem Buch auch: "Ihr müsst euer Glück und euer Leben selbst in die Hand nehmen." Das klingt immer so schön. Aber wie stelle ich das an?
Dieser Fokus auf sich selbst und nicht auf das Außen ist natürlich immer schwer, gerade in der heutigen Zeit. Vor allem durch Plattformen wie Instagram schaut man immer wieder auf das Leben von anderen und eben nicht auf das eigene. Die Eltern wollen, dass man den Weg geht, den sie einem vorschlagen… Es ist wirklich super schwierig. Deswegen ist es ganz wichtig, sich Zeit zu nehmen und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das heißt, sich selber zu reflektieren, das Verhalten von anderen um einen herum zu reflektieren und das wirklich zu hinterfragen und sich dann eine Meinung zu bilden, ob das gerechtfertigt ist, was der andere sagt. Sich fragen, ob mich das wirklich glücklich machen würde. Sich selber kennenzulernen ist ganz wichtig – und das ist auch Arbeit. Trotzdem sollte man nie aufhören, sich mit sich selbst zu befassen und sich generell mit menschlichem Verhalten auseinanderzusetzen. So bekommt man immer mehr ein Bewusstsein für wichtige und unwichtige Dinge und je bewusster man ist, desto weniger lässt man sich automatisiert von außen steuern.

Auch Joyce Ilg zweifelt manchmal

Wie sieht es denn bei dir aus? Hast du das alles schon super gut umgesetzt oder zweifelst du auch manchmal an dem Weg, auf dem du jetzt gerade bist?
Auf jeden Fall. Wir sind ja Menschen und keine Computer, die man so einfach umprogrammieren kann. Auch in mir sitzen noch Dinge. An vielen Dingen habe ich schon gearbeitet, vieles konnte ich schon ins Positive umkehren. Aber viele Dinge fallen mir auch heute noch schwer. Ich muss mich dann auch ganz bewusst und diszipliniert hinter gewisse Sachen klemmen. Und man ist im Leben ja auch nicht vor gewissen Schicksalsschlägen gefeilt. Es gab eine Zeit, in der ich tatsächlich überlegt habe, ob es mir nicht besser gehen würde, wenn ich mit Youtube aufhören würde. Einerseits gibt mir mein Job ja sehr viel Freiheit, weil ich da sehr selbstständig und unabhängig arbeiten kann. Andererseits verliert man aber auch ein Stück weit Privatsphäre und damit ebenso Freiheit. Und da musste ich mich dann wieder neu mit diesem Thema auseinandersetzen. Und so kommen, glaube ich, immer wieder Themen auf, bei denen man sich neu hinterfragen muss.


Youtuberin Joyce Ilg


Du bist ja nicht nur Youtuberin, sondern auch Schauspielerin. Das sind ja beides Jobs, bei denen man sehr krass und ständig von anderen beurteilt wird.
Bei der Schauspielerei bin ich ja komplett davon abhängig, dass andere mich nicht mögen oder mich nicht gut genug finden. Caster, Regisseure, Producer und Sender die da die Türsteher und Entscheider, ob ich überhaupt eine oder welche Rollen ich bekomme. Das hat mich lange Zeit sehr unzufrieden gemacht, dass man da in so einer Abhängigkeit ist. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch und da war Youtube für mich natürlich die perfekte Möglichkeit. Aber wie du sagst, auch da wird man mit extrem vielen Bewertungen konfrontiert und so kleine Shitstorms hatte ich ja auch schon mal. Am Anfang hat mich das eher nicht so berührt. Aber als ich dann mal in einer emotional schlechteren Phase war, habe ich schon gemerkt, dass ich viel sensibler war, was Hate-Kommentare angeht. Im Endeffekt war es für mich aber immer wieder sehr hilfreich darüber nachzudenken, dass es nicht wichtig ist, dass einen jeder mag. Es ist viel wichtiger, dass die Menschen, die mich mögen, mich dafür mögen, wie ich bin, als dass ich mich anpasse, um irgendwie allen zu gefallen. Dann kann mich ja keiner wirklich mögen, weil keiner weiß, wie ich wirklich bin. Das war für mich eine sehr wichtige Erkenntnis.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien, wenn es darum geht, sich selbst zu finden?
Meinst du für Creator wie mich oder für User wie meine Zuschauer?

Beides. Für dich sind soziale Medien ja wahrscheinlich ein Mittel zur Selbstverwirklichung.
Total. Für mich war es halt richtig cool, weil man in der Schauspielerei ja anderen gefallen muss, um einen Job zu bekommen. Und da neigt man schon mal dazu, sich doch ein bisschen anzupassen. Man braucht ja nun mal Jobs, um sich über Wasser zu halten. Das hat mich immer unglücklich gemacht. Bei Youtube bin ich mit dem, wie ich bin und was ich liebe erfolgreich geworden. Das ist total schön gewesen, weil ich mich nicht mehr verstellen musste. Ich glaube aber, für die User ist es nicht so einfach. Die kriegen ja immer wieder das Leben anderer vor Augen geführt. Mit Instagram können manche inzwischen ja auch richtig viel Geld verdienen. Und wenn man das jeden Tag sieht, macht es das, glaube ich, sehr schwer, sich nicht mit anderen zu vergleichen und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Deswegen ist ja auch ein bewusster Umgang mit diesen Medien so wichtig. Das sollte eigentlich auch in der Schule gelehrt werden.

Kurz gefasst: Was sind deine Tipps, um herauszufinden, was man will?
Man sollte gucken und ausprobieren, wo die eigenen Stärken und Talente liegen und dann daraus das auswählen, an dem man wahrscheinlich am meisten Spaß hat. Es gibt so viele Dinge in dieser Welt, es hilft auch, auf das innere Kind zu hören. Viele vergessen, was ihnen als Kind Spaß gemacht hat. Oft sind aber genau das die Sachen, an denen man heute eigentlich immer noch Spaß hätte, wenn man sich mehr damit befassen würde.


UNICUM Buchtipp

Joyce Ilg "hätte ich das mal früher gewusst""Hätte ich das mal früher gewusst"

von Joyce Ilg und Chris Halb12

seit 19. November 2019

Rowohlt Verlag

Online kaufen (Amazon): Hätte ich das mal früher gewusst!: Was man wirklich im Leben braucht, aber in der Schule nicht lernt

Artikel-Bewertung:

3.21 von 5 Sternen bei 214 Bewertungen.

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Veröffentlicht am 17. Dez 2019 um 09:02 Uhr von Martin Bauer
Der werten Dame wünscht man einmal dringend eine Lektüre des Buchs "Ist die Schule zu dumm für unsere Kinder?" von Jürgen Kaube – da sieht man dann, wohin es führt, wenn in der Schule Wert auf "lebensnahe" Kompetenzen gelegt wird und nicht darauf, dass Kinder zunächst einmal... Lernen lernen. Irre, diese Betroffenheitslyrik hier!
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