Billie Eilish Interview
Ist gerne gruselig: Sängerin Billie Eilish. | Foto: Universal Music/Kenneth Capello
Autor

08. Apr 2019

Steffen Rüth

Promis

Billie Eilish im Interview

"Meine Träume sind ein bisschen wie ein Computerspiel"

Billie Eilish braucht mindestens 40 Minuten zum Einschlafen

UNICUM: Billie, bist du eine gute Schläferin?
Billie Eilish: Nein, überhaupt nicht. Ich brauche immer mindestens 40 Minuten zum Einschlafen. Letztens habe ich es zum ersten Mal in meinem Leben geschafft, in einem Flugzeug zu schlafen, im Sitzen. Und dann bin ich dreimal mit schlimmen Krämpfen aufgewacht und dachte, ich wäre gelähmt. Der Horror.

Im Video zu "Bury A Friend" sieht man dich als dämonenhaftes Monster mit schwarzen Augen, das unter anderem mit Injektionsnadeln traktiert wird. Wie kommst du auf solche Ideen?
Durch meine Alpträume. Ich genieße die nicht besonders, wenn sie passieren, aber sie versorgen mich tonnenweise mit Ideen. Ohne meinen Schlafterror hätte ich viele Lieder niemals geschrieben.

Hast du Angst vor deinen Träumen?
Vor meinen Träumen nicht, aber in meinen Träumen. Die quälen mich oft die ganze Nacht und dann ist meistens auch der nächste Tag komplett im Eimer. Die Träume beschäftigen mich auch tagsüber, ich fühle mich super unwohl, wenn ich an sie denke. So, als ob etwas mit mir nicht stimmt. Ich hatte jetzt zwei Monate am Stück denselben Alptraum. Der war so abartig und extrem, dass ich nicht sagen möchte, worum es ging. Das Komische ist auch: Im Traum weiß ich, dass ich träume. Wenn ich also sterbe, ist mir klar, dass ich in Wirklichkeit weiterleben kann. Meine Träume sind ein bisschen wie ein Computerspiel.

Der Sound von "Bury A Friend" sowie auch von einigen anderen neuen Songs auf deinem Album ist härter, harscher und dunkler als etwa deine Hit-Single "When The Party’s Over". Ist das eine bewusste Entwicklung?
Ja. Grundsätzlich wollte ich eine Menge von allem Möglichen auf diesem Album haben. Jeder Song sollte anders klingen. Das ist ja auch der Sinn eines Albums, wenn sich alles gleich anhört, kann man es ja lassen. Und gerade in letzter Zeit liebe ich tatsächlich dieses düstere Zeug. Gruselig zu wirken, finde ich geil. Ein paar meiner Videos sind echt unheimlich, die Leute kriegen teilweise richtig Angst vor mir. Und auch um mich.

Manche deiner Fans fragen sich in den sozialen Medien, ob es dir gut geht.
Ach, die Leute sollen sich entspannen (lacht). Wirklich, macht euch mal locker! Es ist nur Kunst. Nicht alles, worüber ich singe oder was ich in meinen Videos zeige, habe ich wirklich erlebt. Ich bin kreativ, ich drücke meine Gefühle aus, doch vieles ist einfach auch Fiktion.

"All The Good Girls Go To Hell" heißt eines der Stücke. Bist du ein gutes Mädchen?
Tja, das müssen andere beurteilen. In dem Song spreche ich aus der Perspektive von Satan. Ich bin darin nicht nur ein böses Mädchen, sondern das Böseste. Der Teufel (lacht). Ich finde das super lustig.


Billie Eilish erstes Album


Billie Eilish liebt Horrorfilme

Stehst du auf Horrorfilme?
Mann, und wie. Ich liebe Horrorfilme. Mein Lieblingsfilm überhaupt ist "Der Babadook". Ich würde sagen, das sieht man meinen Videos auch an.

Was für Musik hörst du?
Da bin ich sehr offen. Aufgewachsen bin ich mit Avril Lavigne, Green Day und den Beatles. Ich stehe auf Rapper wie Childish Gambino oder Tyler The Creator, auch Lana del Rey finde ich toll. Ich hasse es nur, wenn Musiker in ihren Texten Scheiße und Lügen erzählen. Viele Rapper labern von ihren Häusern, ihrem Geld, ihren Knarren, ihren Mädchen. Das ist oft alles Schwachsinn und so leicht zu durchschauen. Diese Idioten sind nur miese Angeber. Kein Mensch, der wirklich viel Geld hat, würde über sein vieles Geld sprechen. Und kein Mädchen, das eine Schlampe ist, würde von sich behaupten, eine Schlampe zu sein.

Einen komplett anderen Ton schlägst du im langsamen "I Love You" an. Ist es hart, "Ich liebe dich" zu singen?
Gott, der Song hat mich echt zerstört. Das ist das Härteste überhaupt. Die Liebe macht mir so viel Angst. Egal, ob die andere Person dich zurück liebt oder nicht – beides ist voll schlimm und macht dich fertig. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll: In jemanden verliebt zu sein, ist etwas, das die komplette Kontrolle über dich übernimmt. Du hast keinen eigenen Willen mehr, alles ist dieser Liebe untergeordnet. Alle deine Gedanken und Entscheidungen werden vom Verliebtsein diktiert. Es ist so einfach, die Liebe zu leugnen und sich einzureden, dass man sich bloß etwas vormacht. Und so schwer, sich seine Liebe einzugestehen.

Bist du trotzdem gerne verliebt?
Ja. Ich liebe das Gefühl, ich liebe die Liebe. Die Liebe kann dir soviel ruinieren, zugleich ist sie magisch, und man will, dass es für immer ist.

Du bist zu Hause von deinen Eltern unterrichtet worden, die beide unter anderem als Schauspieler arbeiten. War das cool oder hast du eine richtige Schule vermisst?
Nein, Home School hat echt gerockt. Ich habe immer schon gerne das Gegenteil von dem gemacht, was ich machen sollte. Den ganzen Quatsch lernen, den die anderen lernen müssen, das hat mich nie interessiert. Es gab nur ein Jahr, in dem ich gern zur Schule gegangen wäre, ungefähr mit zwölf, und nur deshalb, weil ich auch mal eine Uniform tragen, einen Spind haben und die Mittagspause mit den anderen verbringen wollte. Mir ging es nur um die Gemeinschaft.

Deine erste Single "Ocean Eyes", die du 2015 online veröffentlicht hast, hast du zusammen mit deinem vier Jahre älteren Bruder Finneas geschrieben. Ihr arbeitet praktisch an allen deinen Songs gemeinsam. Wie ist euer Verhältnis?
Wir können in den Kopf des anderen kriechen. Wir denken ganz oft dasselbe, und wir sind uns längst nicht immer einig, es gibt viele Auseinandersetzungen. Aber wir vertrauen uns komplett und können uns aufeinander verlassen. Mein Bruder ist auch auf Tour in meiner Band dabei, er spielt Keyboard und Gitarre. Viele meiner Songs sind in unseren beiden Kinderzimmern entstanden.

Lebst du noch bei deinen Eltern?
Ja. Finneas allerdings nicht mehr. Er ist mit seiner Freundin in ein eigenes Häuschen gezogen. Er ist halt schon ein erwachsener Mann (lacht).



"Ich freue mich seit meiner Geburt darauf, 18 zu werden"

Du selbst wirst im Dezember 18. Freust du dich darauf?
Ich freue mich seit meiner Geburt darauf, 18 zu werden. Ich merke jedoch, dass mir meine Jugend innerhalb dieser seltsamen Musikindustrie eine Art Bonus ermöglicht. Man lässt mich machen und vieles ausprobieren.

Überall liest und hört man, du würdest älter und weiser wirken als du bist. Empfindest du das als Kompliment?
Es ist keine besondere Leistung, jung zu sein. Aber in den Augen der anderen ist es, glaube ich, ganz cool. Und für mich selbst ist das nicht sehr relevant. Ich habe ja nicht gedacht "Wow, ich bin erst 15 und veröffentliche meine erste Single". Sondern ich selbst war nie älter als heute. Andererseits: Ich mag es, jung zu sein.

Teenager in deinem Alter gehen unter anderem für die Umwelt und für Gleichberechtigung auf die Straße, z.B. bei Fridays for Future. Ist deine Generation politisch bewusster und engagierter als frühere?

Definitiv. Wir lassen uns nichts mehr bieten und sprechen offen über Ungerechtigkeiten. Ich finde es unfair, dass die alten Leute alle Entscheidungen treffen. Denn die Alten werden bald sterben und wir müssen mit dem Mist dann leben, den sie uns hinterlassen haben. Ich habe aber keine Lust, das Chaos der älteren Generation aufzuräumen. Es wird Zeit, dass sich was ändert.


Hier kannst du in "When we all fall asleep, where do we go?" von Billie Eilish reinhören:


UNICUM Musik-Tipp

Billie Eilish When we all fall asleep CoverWhen we all fall asleep, where do we go?

Billie Eilish

Universal Music

VÖ: 29.03.2019

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WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?

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