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Max Herre über sein drittes Album "Hallo Welt!" | Foto: Universal Music Group / Ronald Dick
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24. Aug 2012

Merel Neuheuser

Musik

Track-Check mit Max Herre

Ein Interview zu "Hallo Welt!", dem dritten Album des Erfolgskünstlers

Track 1: Hallo Welt! | Zitat: "Hallo Welt!"

UNICUM: Das Album heißt nicht "Hallo Köln" oder "Hallo Deutschland", sondern "Hallo Welt!". Mit welcher Ansage gehst du da ran?
Max Herre: Es ist 'ne Ansage, wie sie im Radio stattfinden würde. Im Kopf hatte ich ein Bild von einem Weltempfänger – man geht durch das Programm und alle paar Millimeter kommt etwas Neues. Das passt ganz gut, ich zitiere ja relativ viele unterschiedliche Stile in der Musik und den Texten. "Hallo Welt!" war für mich ein Verknappung, aber man könnte da auch ein Fragezeichen dahinterstellen. Dann wäre das so: Hallo Welt? – Was ist hier los? Aber klar, ich wollte mich damit schon melden!

Track 2: Aufruhr | Zitat: "Die Medien lenken, was wir Menschen denken"

Sozialkritik war immer schon Bestandteil deiner Songs – was sind inhaltlich deine größten Baustellen?
Das kann ich gar nicht so einfach oder pauschal beantworten. Klar sind die Kernthemen politische Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, aber die Dinge hängen ja im Einzelnen von vielen Faktoren ab. Man kann zum Beispiel nicht jemandem, der kein Geld hat, sagen: Hey, warum kaufst du nicht alles in Bio?

Track 7: Einstürzen Neubauen | Zitat: "Mach kaputt, was dich kaputt macht"

Das ist ja ein Slogan von Rio Reiser, bekannt von der Punkrock-Band "Ton, Steine, Scherben" – wieso zitierst du einen Slogan aus den 70ern?
Punk und Punkrock hat auch einfach diese unglaubliche Kraft. Nicht nur in der Musik, auch in den Parolen, die es geprägt hat. Ich finde nicht, dass das überholt ist. Auch wenn diese Radikalität und dieses Schwarz-Weiß-Denken vielleicht eher für unsere Elterngeneration steht. Ich mag dieses Bild. "Mach kaputt, was dich kaputt macht" ist, finde ich, auch viel größer als nur der politische Zusammenhang. Im Umkehrschluss heißt das: Tu Dinge, die dir gut tun. Und das kann man sehr persönlich oder auch gesellschaftlich definieren. Und es ist 'ne Ansage, es ist der eine Song, bei dem ich sage: Da wollten wir auf die Kacke hauen.

Track 8: Fühlt sich wie fliegen an | Zitat: "Du weißt ja, wo ich bin"

Seit Facebook weiß ja tatsächlich jeder, wo du bist …
Ja, Wahnsinn! Für mich ist das ein totaler Lernprozess. Man postet die ganze Zeit inhaltliche Sachen, mal ein Song, mal ein Video und dann macht man ein iPhone-Foto mit 'nem Spruch rein und plötzlich ist die Reaktion noch mal ganz anders. Das ist interessant, manchmal auch befremdlich und durchaus auch beängstigend. Diese direkte Ansprache ist auf der einen Seite toll – du brauchst keine Medien mehr, die das bewerten und filtern. Aber es schafft auch eine Begehrlichkeit bei den Leuten. Diese Art von Verfügbarkeit ist ja ein ganz anderes Konzept als das, was wir gelernt haben. "Sei ein Star, mach dich rar" hat sich total verkehrt. Es hat aber auch einen Effekt auf mich. Man liest diese Kommentare und ist ständig involviert und einfach noch näher dran.

Track 9: 1992 | Zitat: "1992"

Da müsstest du 19 gewesen sein. Hattest du da frisch dein Abi in der Tasche?
Nee, so schnell war ich leider nicht. Ich habe zweimal wiederholt und bin erst mit 21 aus der Schule gekommen. Das lag an Chemie und Physik, in der zwölften Klasse konnte ich das abwählen. Ab der zwölften Klasse habe ich dann Geschichte und Englisch in den Leistungskursen gemacht, dann ging es besser. Mit 19 habe ich vor allem viel Musik gemacht. 1992 ist deshalb so interessant, weil ich angefangen habe, auf Deutsch zu schreiben. Das fing in der Schule an – in einem Orchideenfach, das war ein Wahlfach, das man dazunehmen konnte, um ein anderes Fach auszugleichen. Und das war Literatur. Da sollten wir ein Gedicht schreiben, über Stuttgart, und ich fand das total albern. Dann hab ich eben einen Rap geschrieben und meinen Kassettenrecorder mitgenommen, ein Instrumental laufen lassen und darauf gerappt. Da habe ich gemerkt: Das geht auf Deutsch ja auch.

Track 11: KAHEDI Dub | Zitat: "Ich und Marten"

Nahezu jedes Lied machst du in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Wie kam die Zusammenstellung zustande?
Mit Marten (Marteria, Anm. d. Red.) wollte ich schon unbedingt ein Lied machen, weil ich seine Sachen schon länger ziemlich direkt mitverfolge und ihn einfach großartig finde. Es war relativ schwierig, einen gemeinsamen Sound zu finden. Ich stehe eher für einen analogen, warmen Sound, er steht für einen düsteren, elektronischen. Ich denke "KAHEDI Dub" trifft das ganz gut. Generell war es so: Die Musik steht zuerst, dann fange ich an zu texten und den Song zu entwickeln, und dann kommt die Idee, wer gut dazu passen würde. Das ist vielleicht meine Produzentenseite. Ich will alle Zutaten, die einen Song gut machen. Und wenn das bedeutet, Philipp (Poisel, Anm. d. Red.) anzurufen, dann rufe ich halt Philipp an. Mit vielen dieser Künstler und Kollegen verbindet mich auch eine Freundschaft.

Track 14: Nicht vorbei | Zitat: "Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist"

Bei dir und Joy Denalane war es offensichtlich noch nicht vorbei. Wann hat Liebe einen zweiten Anlauf verdient?
Liebe hat immer Anläufe verdient. Wenn man das Gefühl hat, man muss es machen, es ist noch nicht vorbei, dann muss man dafür kämpfen. Aber dann ist es ja auch noch Liebe. Ich glaube, dass viele Leute eine Sache falsch verstehen: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Der Punkt, an dem einem Dinge egal werden, da muss man es auch nicht mehr probieren. Aber wenn es einem nicht egal ist, hat es auch immer eine Chance verdient.

Also ist "Aufgewärmte Suppe schmeckt nicht" hinfällig?
Genau das stimmt ja nicht. Jeder, der mal Hühnersuppe selbstgemacht hat, der weiß, am zweiten Tag ist die noch besser.

Letzter Track: Rap Ist | Zitat: "Die Leute haben mich wieder gefragt, warum rappst du nicht mehr"

Warum tust du es denn wieder?
Weil es einfach Spaß macht und weil es aus mir rauskommt. Ich habe gemerkt, dass ich ganz andere Emotionen zu vermitteln habe, und brauchte dafür eine bestimmte Musik. Ich glaube, das ist eine sehr freie Platte. Deshalb ist es nicht unbedingt eine Rückkehr. Das ist für mich das Tolle am HipHop. Im HipHop ist alles möglich und HipHop speist sich aus allen möglichen Einflüssen. Manchmal ist ein Einfluss so stark, dass man dem noch mehr nachgibt. Jan macht 'ne 80er-Funkplatte und ich 'ne Singer-Songwriter Platte.


UNICUM Musik-Tipp

Max Herre

Hallo Welt!

Nesola/Universal Music

Weitere Infos findest du auf www.maxherre.de

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