Taylor Swift Reputation
"reputation" ist ab dem 10. November 2017 erhältlich | Foto: Universal Music GmbH
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10. Nov 2017

Steffen Rüth

Musik

"reputation": Taylor Swifts neues Album überrascht (ein bisschen)

Düstere Zeiten für Tay Tay

Sie konnte einem ja fast schon leidtun in den zurückliegenden Wochen. Plötzlich schien Taylor Swift, der bis dato lupenreine, skandal- und durchdrehfreie, schwiegertochter-taugliche, mit 40 Millionen verkauften Alben und zehn Grammys erfolgreichste Popstar auf Erden, so gut wie alles falsch zu machen: Die grimmige erste Vorabsingle "Look What You Made Me Do", eine recht plakative Replik auf einen Streit um Songzeilen, den Swift mit ihrem Erzrivalen Kanye West und dessen Gattin Kim Kardashian im Sommer 2016 ausfocht und der außer den Beteiligten niemanden wirklich juckte, roch nach beleidigtem Nachtreten – immerhin mit recht knackigen Beats.

Aus den Toplagen der Charts war der Song dann auch recht schnell wieder verschwunden. Swift schoss währenddessen Singles im Wochentakt nach, gab weltweit keinerlei Vorab-Interviews zum Album und steht vor allem in den USA in der Kritik, weil sie sich nicht deutlich gegen den Rechtsextremismus im Land ausspreche, wo sie doch von Nazi-Hetzseiten wie "Breitbart" oder "The Daily Stormer" als Gesinnungsgenossin vereinnahmt oder gar als "pure, arische Göttin" bezeichnet wird. 

Vor diesem Hintergrund hätte also eine Menge schiefgehen können mit dem wohl am sehnlichsten erwarteten Pop-Album der Saison, aber Taylor Swift, Ende 1989 auf einer Weihnachtsbaumfarm in Pennsylvania zur Welt gekommen, hat ganz einfach wieder das getan, was sie seit ihrem Debüt 2006 immer tut: Sie lässt ihre Songs sprechen. Und ringt selbst den messerwetzenden Kritikern, die darauf setzen, dass die vermeintliche Miss Überperfekt endlich strauchelt, Respekt ab. Denn Taylor Swift strauchelt nicht auf "reputation", sie hält Kurs. Und wenn sie mal stolpert, dann "nach Hause zu meinen Katzen, allein…außer, du willst mitkommen", wie sie in "Gorgeous", dem ohrwurmigsten, aber auch flachsten der fünfzehn Songs, einem Nachtclubaufriss zuraunt. 



"I don´t love drama, it loves me"

Klar, sauer ist sie schon, das ist in dieser Bissigkeit tatsächlich eine neue Facette in ihrer Musik, insbesondere den Texten. "All the liars are calling me one", schimpft Swift in "Call It What You Want", wohl eine weitere Attacke Richtung Camp Kanye, und in "I Did Something Bad”, einer kraftvoll-elektronischen Nummer im Stile von "Bad Blood” vom vorherigen "1989”-Album, ruft sie sarkastisch zur eigenen Hexenverbrennung auf : "They’re burning all the witches even if you aren’t one/So light me up, light me up.”

Über ihre eigene "reputation”, ihren Ruf, lässt sie sich gleich zweimal auf dem Album aus. In "End Game", einer lässig-souveränen R&B-Pop-Nummer mit einer der schönsten, ganz vielleicht etwas geflunkerten, Zeilen ("I swear I don’t love drama, it loves me"), singt Swift über die Donnerhall-Reputation, die sie selbst bei ihren "großen Feinden" genießt. Rapper Future und Kumpelfreund Ed Sheeran singen auch mit, Botschaft: Leg‘ dich nicht mit Taylor an. Das lieblich-sinnliche "Delicate" verhandelt indes ihren Ruf als Herzensbrecherin.

Der Kern von "reputation" ist nämlich nicht zwischenmenschlicher Krawall, sondern die Liebe. Taylor Swift ist seit geraumer Zeit mit dem englischen Schauspieler Joe Alwyn zusammen, und im Gegensatz zum bisherigen Schaffen, das sehr häufig um Ex-Freunde und eher unglückselig verlaufende Romanzen rotierte, schüttet sie nun kübelweise erfüllte Liebeslyrik über ihren Hörern aus. Swift, bislang notorisch männerhüpfend, verspricht gar ewige Liebe in "Don’t Blame Me"("My drug is my baby/ I’ll be using for the rest of my life"), sie wird regelrecht unartig ("I’m not a bad girl, but I did bad things with you” säuselt sie in "So It Goes…”) und, ja, geil. Von "Kratzern auf dem Rücken” des Partners ist die Rede, und auf "Dress” hört man Swift tatsächlich angedeutet stöhnen. "Ich habe dieses Kleid nur gekauft, damit du es mir ausziehst", behauptet sie noch, danach geht es gemeinsam in die Wanne. 27 Jahre alt musste Taylor Swift also werden, bis sie das erste Mal über Sex singt.

Ein kleiner Einblick in das Leben der Taylor Swift

Es sind die scheinbar kleineren Songs, die das größte Vergnügen bereiten. "Dancing With Our Hands Tied" klingt cool und - verglichen mit so vielen aktuellen Großpop-Produktionen - hübsch unaufdringlich. "Getaway Car" erzählt die Geschichte einer Bonnie &Clyde-mäßigen Nacht, die Musik dazu ist ultrapoppig und melodisch. Man ist beim Hören letztlich von sich selbst überrascht, wie emsig man ihren Worten lauscht, wie sehr Taylor Swift es also schafft, den Hörer in ihre Geschichten, in ihr Album, ja in ihr Leben mitreinzubeziehen. Hier haut nicht jemand einfach ein Dutzend Songs ohne Sinn und Verstand raus, hier hat sich eine Künstlerin Gedanken über Substanz, Inhalt und Außenwirkung ihres Werks gemacht (im 72-seitigen Booklet schreibt sie quasi eine Anleitung, wie man als junger Mensch einigermaßen heil durch die Social-Media-Welt navigiert).

Die Musik dazu wirkt fokussiert und stimmig, man bedient sich an HipHop-Einflüssen und EDM, kleistert die Songs aber nicht mit Effekthascherei zu, sondern lässt sie atmen. Es tut "reputation" auch fraglos gut, dass mit Max Martin & Shellback sowie Jack Antonoff nur zwei Produzenten (die natürlich zu den Meistern ihres Fachs gehören) am Album beteiligt sind.

Am Schluss entzückt Taylor, die ja mal als Country-Sängerin angefangen hat, mit der einzigen Pianoballade des Albums, dem wunderschönen "Wir machen Fehler, aber wir bleiben zusammen"-Song "New Year’s Day". Die Szenerie: Am Ende der Silvesterparty räumt sie mit ihrem Freund die leeren Flaschen weg. Nein, um Taylor Swift muss sich auch in Zukunft niemand Sorgen machen.


UNICUM Musik-Tipp:

reputation

Taylor Swift

Big Machine Records

VÖ: 10. November 2017

Artikel-Bewertung:

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