Mittelerde: Schatten des Krieges
Mittelerde: Schatten des Krieges für PC, PS4 und Xbox One | Foto: Warner Bros. Interactive
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02. Nov 2017

Christopher Lymer

Games

Mittelerde: Schatten des Krieges

Da bleibt kein Ork-Auge trocken!

(Noch) ein Ring sie zu knechten

Es gibt vieles, was den Waldläufer Talion mit dem Elbengeist Celebrimbor verbindet: Nicht nur wurden beide von Sauron betrogen, gewaltsam ihrer Familie beraubt und schließlich ermordet, sondern auch durch einen Fluch im Untod aneinander gebunden. Seither sinnen beide auf Rache! Während sich das ungleiche Paar im ersten Teil "Mittelerde: Schatten von Mordor" dem systematischen Abmurksen der Heermeister Saurons gewidmet hat, soll es nun dem Dunklen Herrscher selbst an den Kragen gehen.

Um hierbei die Chancengleichheit ein wenig auszuloten, wagen die beiden kurzerhand einen Abstecher in das glühende Herz des Schicksalsbergs, um dort einen neuen Ring der Macht zu schmieden. Einen Ring, mit dem ganze Orkarmeen kontrolliert und gegen die Geißel Mittelerdes ins Feld geführt werden können. Und genau das ist unsere Mission!

Epische Reise durch ein gigantisches Mordor

Und so beginnt eine epische Reise, die sich über vier Akte erstreckt und in mehreren Story-Strängen erzählt wird: Jene sind dabei eng verknüpft mit Mordors Fraktionen und Protagonisten wie den zunehmend bedrängten Gondoranern, der von Galadriel entsandten Elbin Eltariel oder der durch die freigesetzten Kräfte des neuen Rings erweckten Naturgewalt Carnán. Entsprechend vielzählig sind auch die Schauplätze: Anstatt nur zwei Gebiete wie im Vorgänger besuchen wir nun fünf Regionen eines gigantischen Mordors. Von den schneebedeckten Gebirgslandschaften Seregosts über die idyllisch grüne Insel Nurnen bis hin zu den von Lavaströmen durchzogenen Vulkanformationen Gorgoroths und den Ruinen der von Ringgeistern besetzten Stadt Minas Morgul – über Abwechslungsreichtum können wir diesmal wirklich nicht klagen. Zumal die gigantischen Karten mit all ihren Festungen, Camps, Höhlen, Türmen und Bergen nicht nur schön anzusehen sind.

Wo wir den Blick auch hinwenden, begegnet uns eine beeindruckend lebendige Welt, in der Trupps verschiedener Ork-Stämme Patrouillen drehen, sich hin und wieder im Streit die Schädel einschlagen, gegen Soldaten Gondors ins Feld ziehen oder von plötzlich auftauchenden Wildtieren auseinandergenommen werden.

Looten, leveln, staunen!

Kein Wunder, dass sich Mordor für uns als üppige Spielwiese entpuppt: Türme erklimmen, Kartenbereiche aufdecken, Artefakte sammeln, Erinnerungen enthüllen, Kampfherausforderungen meistern und vieles mehr stehen auf der Abhakliste. Als Belohnung erfahren wir nicht nur mehr über die Kulturen, Völker und Persönlichkeiten Mittelerdes, sondern dürfen uns auch über Erfahrungspunkte freuen, die uns das Freischalten unzähliger Kräfte ermöglichen, die im Vergleich zum ersten Teil allerdings nur überschaubare Neuerungen bieten.

Komplett neu ist hingegen, dass nun auch Ausrüstungsgegenstände in unser Gepäck wandern, die mit steigendem Seltenheits- und Item-Level immer bessere Werte versprechen. Besonders erlesene Waffen oder Rüstungsteile kommen sogar mit verschiedenen Perks, die sich durch individuelle Herausforderungen freischalten lassen. Zusätzlich dürfen wir alle Objekte mit Edelsteinen ausstatten, um Attribute wie Angriffskraft, Lebensenergie und Co. zu verbessern.

Ob Ork-Schlächter, Ork-Meuchler oder Ork-Flüsterer – wir entscheiden!

Die Fluktuation in unserem Inventar sorgt aber nicht nur für einen motivierenden Sog, der uns nach immer besserer Ausrüstung lechzen lässt. Sie erhöht auch spürbar unsere Überlebenschancen, wenn wir unsere Gegner bei den gewohnt actionreichen Freeflow-Kämpfen mit Ausweich- und Konter-Manövern sowie unter Einsatz unserer Elbenkräfte zu Orkschmalz verarbeiten. Wer es etwas dezenter mag, kann natürlich auch aufs Leisetreten setzen, Gegner lautlos ausschalten oder heimlich unter Gedankenkontrolle bringen, um sie per Fingerzeig auf ihre Kameraden zu hetzen.

Selbstverständlich feiert beim Kampf gegen die Grünhäute auch das Nemesis-System sein Comeback und stattet erneut alle Orkhauptmänner mit individuellen Charakterzügen, Stärken und Schwächen sowie persönlichen Beziehungen zu anderen Orks aus. Und so sammeln wir wieder fleißig Informationen über unsere Ziele, nutzen ihre Schwachstellen zu unserem Vorteil aus, um sie entweder einen Kopf kürzer zu machen oder für unsere Streitmacht zu rekrutieren. Geht eine solche Begegnung einmal zu unseren Ungunsten aus oder gelingt einem angeschlagen Kontrahenten die Flucht, wird sich letzterer bei der nächsten Begegnung an jede zugefügte Wunde oder an seinen Triumph erinnern – eben an jenen Stoff, aus dem Erzfeindschaften fürs Leben entstehen!

Krieg ohne Belagerung? Nicht in Mordor!

Während wir uns also durch die Hierarchien der Orkarmeen arbeiten, die einen ausschalten, die anderen per Gedankenkraft unter unsere Kontrolle bringen, bauen wir uns allmählich unsere eigene Streitmacht auf. Und die benötigen wir für die wohl größte Innovation, die "Mordor: Schatten des Krieges" für uns bereithält: Belagerungen.

Hierfür wählen wir eine feindliche Festung, befördern eine Handvoll unserer treuesten Anhänger zu Speerspitzen unserer Armee, statten diese auf Wunsch mit Unterstützungstrupps aus und erteilen den Befehl zum Vorrücken. Anschließend dürfen wir uns Seite an Seite mit ihnen ins Kampfgetümmel stürzen, Mauern niederreißen, Verteidigungsanlagen überwinden, strategisch bedeutsame Posten einnehmen und den Verteidigern die Stirn bieten. Wollen wir bei einer Belagerung möglichst wenig dem Zufall überlassen, können wir die feindliche Festung vor dem Angriff auch infiltrieren, indem wir einen oder mehrere Gefolgsleute über Rangkämpfe mit anderen Orks dort einschleusen. Jene werden sich dann während unseres Ansturms auf unsere Seite schlagen und gegebenenfalls das Schlachtenglück wenden. Haben wir die Festung erfolgreich eingenommen, gilt es nur noch den Ork-Warlord in einem Showdown zu eliminieren und somit die hiesige Region Mordors zu befrieden.

Mit den Belagerungen integriert "Mordor: Schatten des Krieges" nicht nur ein actionreiches und effektgeladenes Spielelement, sondern bindet jenes auch an ein asymmetrisches Multiplayer-Feature an, über das wir besetzte Festungen anderer Spieler angreifen können und umgekehrt.

So oder so – ein wenig mehr taktischer Handlungsfreiraum sowie Möglichkeiten zur Angriffsplanung und -Koordination unserer Armee hätten aus dem guten Feature ein grandioses gemacht.

Bittere Pille: Das Endgame

Achtung: leichte Spoiler bezüglich Spielstruktur.

Es gibt viele Dinge, die "Mittelerde: Schatten des Krieges" zu einem fantastischen Spielerlebnis machen. Das Endgame gehört leider nicht dazu!

Während die eigentliche Story-Kampagne nach dem dritten Akt förmlich abbricht, wird mit dem vierten Akt eine Art Herausforderungsmodus nachgeschoben, der uns hintereinander unzählige Festungsbelagerungen und -verteidigungen absolvieren lässt – mit spürbar steigendem Schwierigkeitsgrad versteht sich. Wer sich dem stundenlangen repetitiven Grind aus Leveln, Rekrutieren und Hochzüchten von Orks nicht unterwerfen will – alles übrigens komplett ohne narrative Einbettung –, bekommt weder den Abspann zu Gesicht noch das Outro-Cinematic, welches Talions Geschichte erst zu einem würdigen Abschluss bringt.

Diese Designentscheidung ist nicht nur unfassbar nervtötend und wird dem übrigen Spiel zudem an keiner Stelle gerecht, sondern wirkt darüber hinaus noch unsympathisch kalkuliert: Wer nämlich mit sich hadert, so viel Zeit in das nur bedingt unterhaltsame Endgame zu investieren, dem funkeln an dieser Stelle verführerisch die Lootcrates aus dem Ingame-Shop entgegen, die gegen Echtgeld hochrangige Orks sowie Ausrüstung und somit ein bedeutend schnelleres Vorankommen versprechen.

Ein niederträchtiges Konzept, das eines Dunklen Herrschers würdig ist!

Fazit zu "Mittelerde: Schatten des Krieges"

"Mittelerde: Schatten des Krieges" schlägt ein wie Höhlentroll und schafft es, seinen bereits sehr guten Vorgänger zu übertrumpfen! Mit einer überwältigenden Fülle an Content, einer riesigen Spielwelt sowie einem ausgeklügelten Spieldesign, bei dem jede Aufgabe motiviert und mit verheißungsvollen Belohnungen reizt, hat Langeweile – abgesehen vom unmotiviert angeflanschten Endgame – in Mordor schlechte Karten.

Und auch wenn das Action-Adventure in Sachen Storytelling und optischer Präsentation keine neuen Maßstäbe setzen kann, lohnt es sich ohne Zweifel, dem Ruf des dunklen Herrschers gen Mordor zu folgen.


Mittelerde: Schatten des Krieges Packshot XBox OneUNICUM Games-Tipp

Mittelerde: Schatten des Krieges

Monolith/Warner Bros. Interactive Entertainment

Erhältlich für: PC, PS4, XboxOne

Ab 16 Jahren

Artikel-Bewertung:

4 von 5 Sternen bei 6 Bewertungen.

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