Brie Larson Raum
Szene aus "Raum": Jack und Ma basteln eine Schlange aus Eierschalen | Foto: © Universal Pictures
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10. Aug 2016

Sandra Ruppel

Filme

Raum

Das fesselnde Drama gibt es ab sofort auf DVD und Blu-ray

Wir stolpern in "Raum" wie Alice in den Kaninchenbau

Dunkelheit. Atmen ist zu hören. Jetzt ein sanftes Klicken, als würde jemand ein Licht an- und wieder ausschalten. Dann erneut Dunkelheit. Ein roter Eimer aus Plastik blitzt auf. Dunkelheit. Ausgefranster Schaumstoff auf der Sitzfläche eines Stuhls. Sanftes Ausatmen jetzt, ein wenig resigniert, ein wenig melancholisch. "Schlaf noch ein bisschen.", flüstert eine Frauenstimme zart.

So zerfetzt wie die eigene Wahrnehmung ist, wenn man sich am frühen Morgen aus dem Tiefschlaf ins Wache kämpfen muss, so zerfetzt beginnt auch "Raum". Während wir als Zuschauer den fünfjährigen Jack dabei begleiten, wie er sich aus seinen Träumen schält, fallen wir hinein, in die Filmwelt, die Regisseur Lenny Abrahamson hier geschaffen hat. Unaufgeregt entfaltet sich die Ausgangssituation von Jack und seiner "Ma" vor uns, das Bild wird mit sparsamen Mitteln nach und nach gezeichnet, bis wir es irgendwann vollständig zusammensetzen und das ganze Ausmaß des Dramas erfassen können.

Die Welt in einem Raum

Jack (Jacob Trembley) lebt mit seiner Mutter Joy (Brie Larson) in einem winzigen Appartement. Es ist ärmlich, verdreckt und rudimentär eingerichtet. Die wenigen Gegenstände, die es gibt, begrüßt Jack nach dem Aufstehen spielerisch und beginnt so seinen Tag: "Guten Morgen Lampe, guten Morgen Waschbecken, guten Morgen Teppich, guten Morgen Fernseher, guten Morgen Schrank".

Für ihn ist es ein Ritual, für uns ist es eine Bestandsaufnahme, ein Überblick über die Wohnsituation von Mutter und Sohn. Schnell sickert uns ins Bewusstsein, dass das Appartement nur ein einziger Raum ist – und es ist kein Zuhause, sondern ein Gefängnis.

Während Jack es nicht als solches erkennt, weil er hier geboren wurde, kämpft seine Mutter Joy täglich mit der Erinnerung an die Welt da draußen, die für sie innerhalb eines Augenblicks auf diesen winzigen Raum zusammengeschnurrt ist, in dem sie nichts kontrolliert. Sie und Jack sind vollständig der Gnade ihres Entführers "Old Nick" (Sean Bridgers) ausgeliefert. Er ist es, der über die Art und Menge der Lebensmittel entscheidet, die die beiden erhalten und er ist es auch, der über die Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung im Raum bestimmt.



Wie geht Freiheit?

Es könnte nicht deutlicher werden, dass Mutter und Sohn unbedingt die Flucht gelingen muss – und die Chance kommt. Doch wie lebt man sein Leben in Freiheit, wenn einem allein die Erinnerung daran geblieben ist? Wie bewältigt man die Tatsache, dass sich die Welt ohne einen weitergedreht hat? Und wie erklärt man seinem fünfjährigen Sohn, der noch nie einen Baum, ein Haus oder einen Grashalm gesehen hat, dass das Leben aus so viel mehr besteht, als nur einem einzigen Raum?

Schnörkellos beeindruckend

"Raum" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Autorin Emma Donoghue, die auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat. Sowohl Donoghue, als auch Regisseur Lenny Abrahamson verzichten auf grelle Effekthascherei, stattdessen setzen sie auf eine zurückgenommene Bildsprache und nüchterne Erzählweise, die gerade wegen ihrer Reduktion auf das Wesentliche den Film umso beeindruckender macht.

Während das Spiel von Brie Larson wunderbar schnörkellos ist – nicht umsonst hat sie 2016 einen Oscar für ihre Rolle als "Ma" abgestaubt – ist der wahre Star des Ganzen aber eindeutig Jungschauspieler Jacob Trembley. Das Zusammenspiel der beiden erzeugt sofort Intensität und macht "Raum" zu einem fesselnden Drama, das einen auch nach der Spielzeit von 120 Minuten noch nicht gleich loslassen wird.


UNICUM Filmtipp

DVD RaumRaum

Drama, Irland/Kanada 2015

Regie: Lenny Abrahamson

Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen

Verleih: Universal Pictures

VÖ: bereits erschienen

Online bestellen (Amazon): Raum

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