Jugend ohne Gott
Zach und Nadesh | Foto: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann

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30. Aug 2017

Nina Weidlich

Filme

Jugend ohne Gott

Die Dystopie kommt am 31. August in die Kinos

Elite oder Substandard: Wozu gehörst du?

Erst wurdest du nicht an deiner Wunsch-Uni angenommen, dann hast du das Stipendium nicht bekommen und die letzte Klausur lief auch nicht so gut. Wie hast du dich dabei gefühlt? Scheiße, natürlich. Vermutlich gab es in solchen Momenten aber immer jemanden, der dir beigestanden hat: Deine Eltern haben dir gut zugeredet und dir gesagt, dass Geld und gute Noten nicht alles im Leben sind. Deine Freunde haben mit dir ein Bierchen getrunken und plötzlich war alles gar nicht mehr so schlimm.

In "Jugend ohne Gott" gibt es keine Freunde, nur Konkurrenten. Es gibt auch keine Eltern, die ihren Kindern sagen, dass sie gut genug sind – weil es "gut genug" nicht gibt. Wir befinden uns in einer Dystopie, die in der nahen Zukunft spielt. Die Gesellschaft ist in zwei Klassen eingeteilt: Die Elite und den Substandard. Die zweite Gruppe ist aber weniger mit dem vergleichbar, was wir heute vielleicht als "Mittelschicht" bezeichnen würden, sondern gleicht eher unserer Vorstellung von einem Ghetto.

Teil der Elite sind nur diejenigen, die ausgezeichnete Leistungs- und Vitalwerte vorweisen können. Dazu geht jeder Schüler morgens durch einen Scanner, wie wir ihn vom Flughafen kennen. Auf einem großen Bildschirm werden dann alle möglichen Infos angezeigt: Konntest du dein Gewicht halten? Hast du deine sportlichen Ziele erreicht? Welchen Platz nimmst du im schulinternen Ranking ein? Die Informationen sind öffentlich, für alle sichtbar und vor allem: vergleichbar.

Jugend ohne Gott Kino

Gehorsam, Konformität und Transparenz

Nur die besten Schüler werden zum Assessment Camp zugelassen, in dem jedes Jahr um die wenigen, begehrten Plätze an der elitären Rowald-Universität gekämpft wird. Wer auf eine staatliche Uni geht, gilt als Versager. In dem Camp geht es allerdings nicht darum, sein Allgemeinwissen oder besondere mathematische und literarische Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Vielmehr sollen die Jugendlichen in sportlichen und strategischen Mutproben zeigen, dass sie belastbar sind und nicht aus der Reihe tanzen.

Einem passt das jedoch gar nicht: Der Außenseiter und Einzelgänger Zach (Jannis Niewöhner) sticht zwar durch ausgesprochen gute Leistungen hervor und wird vom Auswahlkomitee als vielverprechender Kandidat auf einen Studienplatz gehandelt. Trotzdem haben die Verantwortlichen Sorge, dass Zach nach dem Tod seines Vaters psychisch labil sein könnte. Und tatsächlich wird sein Tagebuch gleich bei seinem Einzug ins Camp zum Problem. Da es ihm bei seiner Trauerbewältigung helfen soll, darf er es trotzdem mit ins Camp nehmen. Gern gesehen wird das aber nicht: Geheimnisse sind hier eigentlich unerwünscht, denn fehlende Transparenz führt zu Konflikten, heißt es. Deshalb wird auch jedem Teilnehmer ein Chip unter die Haut gepflanzt, mit dem sie à la "Big Brother is watching you" jederzeit geortet werden können.

Obwohl am Ende eigentlich jeder nur für sich selbst kämpft, wird von den Jugendlichen erwartet, dass sie auch in der Gruppe gut funktionieren. Bei der Aufgabe, die Zach mit seiner Mitstreiterin und Zeltmitbewohnerin Nadesh (Alicia von Rittberg) bewältigen soll, lautet die wichtigste Vorgabe deshalb: Immer schön zusammen bleiben. Nadesh, die nicht wie Zach aus reichem Hause kommt und für die ein Platz an der Elite-Uni alles bedeutet, fühlt sich von dem verschwiegenen Jungen offensichtlich angezogen. Vielleicht weil er es schafft, trotz der Entwicklung zur gläsernen Gesellschaft so undurchsichtig und geheimnisvoll zu bleiben.



Eine Gesellschaft, die über Leichen geht

Zach lassen Nadeshs Annäherungsversuche aber kalt, Fragen über sein Privatleben nerven ihn nur. Er pfeift auf die Regeln und lässt seine Partnerin allein im Wald zurück. Anstatt sich an die strikten Vorgaben zu halten ist Zach eher daran interessiert, sich gegen das System aufzulehnen und den Schwachen zu helfen. In seinen einsamen Streifzügen durch die Natur trifft er auf Ewa (Emilia Schüle), die sich illegal im Wald aufhält und sich mit Diebstählen über Wasser hält.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung, denn in Ewas fremder Welt findet Zach alles, was er sich mit Geld nicht kaufen kann: Freiheit, Mitgefühl und Liebe. Klingt theatralisch, tatsächlich sind solche menschlichen Werte in "Jugend ohne Gott" aber bereits vollkommen abhanden gekommen. Als Zuschauer verstehen wir also Zachs Sehnsüchte – trotzdem hätte es statt der Lovestory zwischen ihm und Ewa hier vielleicht auch eine authentische, innige Freundschaft getan.

Der dramatische Höhepunkt ist erreicht, als eine der Camp-Teilnehmerinnen tot im Wald aufgefunden wird. Wer denkt, dass die Verantwortlichen durch den Todesfall einsehen, in ihrem Leistungswahn zu weit gegangen zu sein, irrt. Vielmehr löst der Mord eine noch größere Welle der Lügen und Verstrickungen aus, in denen sogar der Lehrer (Fahri Yardim) einzuknicken droht, der bislang immer für den Erhalt der Menschlichkeit gekämpft hat.

Vergangenheit trifft Zukunft: Die Story

Mit der Verfilmung von "Jugend ohne Gott" geben die Regisseure dem 80 Jahre alten gleichnamigen Roman des österreichisch-ungarischen Autors Ödön von Horváth ein neues Gesicht. In seiner Geschichte verarbeitete der Schriftsteller die gesellschaftlichen Entwicklungen zur Zeit des Faschismus in Deutschland – unter der Führung der Nazis ist sein Werk sogar auf der Liste des "schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gelandet.

Um der Story einen modernen Anstrich zu verleihen, haben die Macher des Films sich entschieden, das Geschehen in die nahe Zukunft zu legen. Und das hat funktioniert: Nichts ist so unwirklich, dass es unsere Vorstellungskraft sprengen würde, sondern gerade so futuristisch, dass wir merken, dass wir uns nicht im Hier und Jetzt befinden.

Jugend ohne Gott Rezension

Fazit zu "Jugend ohne Gott"

Natürlich ist die Entwicklung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, wie wir sie in "Jugend ohne Gott" finden, überspitzt. Genau dadurch schafft der Film es aber, uns zum Nachdenken zu bewegen und uns vor Augen zu halten, wie nah wir der dargestellten Dystopie eigentlich schon sind. Einen Ortungschip würde sich vermutlich niemand von uns einpflanzen lassen – aber sind wir durch das Smartphone in unserer Tasche nicht auch überall und jederzeit auffindbar?

Ein schönes gestalterisches Mittel ist, dass die Schlüsselszenen des Films mehrfach gezeigt werden – jedes Mal aus der Perspektive einer anderen Person. Dadurch erfahren wir nicht nur immer mehr Details von der Story, sondern lernen auch die einzelnen Charaktere besser kennen und können uns in ihre Lage hineinversetzen. Auch, wenn wir uns mit ihrer Ideologie vielleicht ganz und gar nicht identifizieren können.

Ähnlich wie das Drama "Die Welle", das in vielen Klassenzimmern ja schon zum Pflichtprogramm gehört, bietet also auch "Jugend ohne Gott" einen guten Grund, einen Schulausflug ins Kino zu machen. Denn dass gute Noten, Elite-Unis und Stipendien immer wichtiger werden, merken wir auch heute schon. Im Film finden wir das alles wieder: ein bisschen krasser, ein bisschen extremer, aber leider durchaus vorstellbar.


UNICUM Filmtipp:

Jugend ohne Gott FilmplakatJugend ohne Gott

Drama / Thriller, Deutschland 2017

Regie: Alain Gsponer

Darsteller u.a.: Jannis Niewöhner, Alicia von Rittberg, Emilia Schüle, Fahri Yardim

Verleih: Constantin Film

Laufzeit: 114 Minuten

Kinostart: 31. August 2017

Mehr unter www.constantin-film.de/kino/jugend-ohne-gott

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