Better Call Saul Staffel 2
Bob Odenkirk als Jimmy McGill alias Saul Goodman in "Better Call Saul" | Foto: Sony Pictures
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16. Feb 2016

Barbara Kotzulla

Filme

"S'all good, man": Better Call Saul geht in die zweite Staffel

UNICUM traf die Serienmacher und Darsteller

Saul Goodman ist einfach überall

Hollywood. Die Sonne scheint. Die Touristen drängen sich am Walk of Fame. Alltag in der größten Metropole an der US-amerikanischen Westküste. Auch im "The London Hotel" herrscht geschäftiges Treiben. Hierhin hat Netflix inmitten der Award-Season – der Zeit in der Auszeichnungen wie der Golden Globe oder die Oscars verliehen werden – zahlreiche Journalisten aus der ganzen Welt eingeladen.

Für den kalifornischen Streaming- und Video-on-Demand-Anbieter ist 2016 ein großes Jahr, immerhin ist der Dienst seit Januar lediglich in China, Nordkorea, Syrien und auf der Krim nicht freigeschaltet. Dies sei die Geburt eines "internationalen Internet-TV-Netzes", ließ Mitgründer Reed Hastings verlauten.

Zum Erfolgskonzept von Netflix gehören seit jeher exklusive Serien, Filme und Dokumentationen. Auch "Better Call Saul", in den USA auf dem Sender AMC ausgestrahlt, wird darüber u.a. in Deutschland seine Zuschauer finden. Wie groß die Hoffnung auf Erfolg für die zweite Staffel des "Breaking Bad"-Spin-offs ist, lässt sich an den unzähligen, riesigen Billboard-Anzeigen ablesen, die so ziemlich jeden Stadtteil von Los Angeles säumen.

Von Druck ist bei Vince Gilligan und Peter Gould nichts zu spüren. Gelassen und auskunftsfreudig stehen die beiden Serienmacher beim ersten Interviewtermin des Tages Rede und Antwort. "Ich bin viel entspannter als noch im letzten Jahr", so Gilligan. "Vor Start der ersten Staffel haben wir noch gedacht: 'Oh Mann, die Leute werden uns hassen!' Aber natürlich bin ich dennoch nervös, schließlich will ich, dass die Zuschauer die neuen Folgen von 'Better Call Saul' mögen."

Ist das Spin-off von Breaking Bad gut genug?

Die Chancen stehen gut. In der ersten Staffel galt es, die Figuren und ihr Umfeld einzuführen. Darauf bauen die Autoren und Produzenten nun auf, geben der Story spürbar weiteren Schwung und den Charakteren noch mehr Tiefe. Oder, wie es Vince Gilligan ausdrückt: "Die lustigen Parts werden noch lustiger, das Drama wird noch dramatischer." Peter Gould an seiner Seite ergänzt: "Es passiert etwas Magisches, wenn man auflockernde Momente in dramatischen Szenen setzt oder etwas Drama mit Comedy verbindet. Jedes Element erhöht das andere. Wir haben uns selbst die Erlaubnis gegeben, mit diesen Zwischentönen zu spielen."

Der Ton ist es auch, der den Unterschied zwischen "Better Call Saul" und dem allzeit präsenten "Breaking Bad" ausmacht. Wie Schatten scheinen Walter White (Bryan Cranston) und Jesse Pinkman (Aaron Paul) über dem Spin-off zu schweben, immer wieder drehen sich die Fragen um die 2013 beendete Show. "Aber das ist, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen", so Vince Gilligan. "Ich genieße die Arbeit an 'Better Call Saul' genauso wie an 'Breaking Bad', aber das Erlebnis ist ein ganz anderes." Dennoch war dem berühmten Showrunner, Produzenten und Regisseur durchaus bewusst, dass er sich mit der Nachfolge-Serie nicht allzu viel Zeit lassen konnte: "Ich hätte eine Pause gebrauchen können, aber dann hätte ich angefangen nachzudenken: Wird das Spin-off überhaupt gut genug werden? Ich hätte Zweifel bekommen."

Saul Goodman und Mike Ehrmantraut in Better Call Saul

Die Kritiker von Better Call Saul? Fuck you!

Zweifel scheint auch Jonathan Banks, Darsteller von Mike Ehrmantraut, zu haben – zumindest am Navigationstalent seines Fahrers, der ihn an diesem sonnigen Morgen zum Hotel bringen sollte. "Wir haben anderthalb Stunden gebraucht, da hätte ich fast laufen können", rumpelt der 69-Jährige los. Ähnlich wie seine Figur wirkt Banks ein wenig einschüchternd. Mit diesem Typen will man sich lieber nicht anlegen. "Vieles was Mike denkt, denkt auch Jonathan", gibt er ohne Umschweife zu. "Die Serienmacher geben meiner Figur ihre Hintergrundgeschichte, ich gebe ihr noch ein wenig mehr. Welche Musik hört Mike? Ich weiß es. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Autoren mir zustimmen würden. Aber die könnten fast meine Enkel sein."

Es ist eine Mischung aus rauer Schale und weichem Kern, die Jonathan Banks zum Publikumsliebling machen. Auch im Interview wirkt er authentisch, erzählt von seiner Vorliebe für die Sängerin Billie Holiday und ruft allen Kritikern von "Better Call Saul" ein "Fuck you!" zu. Für ihn ist die Serie der beste Abschied aus dem Show-Business: "Ich bin jetzt 49 Jahre dabei, war aber noch nie so glücklich über die Arbeitssituation wie jetzt. Ich kann danach glücklich in Rente gehen, auf einer Parkbank sitzen und Enten füttern."

Ob ihn der späte Ruhm nicht ein wenig überwältigt? Banks denkt kurz nach, atmet schwer und holt aus: "Ich hatte eine wundervolle Mutter, die den ganzen Tag gearbeitet hat und abends zur Schule gegangen ist. Mit 15 fing sie als Hausmädchen an, in Rente ist sie als College-Professorin gegangen. Sie hat mich alleine aufgezogen. Ich wünschte, ich wäre nur halb die Frau, die sie war. Weil sie aber so viel gearbeitet hat, fühlte ich mich als Kind oft verloren – die Schauspielerei, das Theater haben mir Trost gespendet. Daher weiß ich das jetzt alles sehr zu schätzen. Aber ich weiß auch, dass ich mich manchmal daran erinnern muss, dass nicht alle Menschen so gut behandelt werden wie ich."

"Sie werden mir in den Hintern treten!"

Hauptdarsteller Bob Odenkirk sieht das Thema "Ruhm" ähnlich pragmatisch: "Für mich ist es ein Job wie jeder andere auch. Ich bin Schauspieler und versuche, jeden Moment, so ehrlich wie ich kann, vor der Kamera einzufangen." Dennoch fügt er lächelnd hinzu: "Aber, okay – in 'Better Call Saul' habe ich den meisten Text und niemand ist so oft auf dem Bildschirm zu sehen wie ich."

Odenkirk ist Profi, seine berufliche Laufbahn ist gespickt mit Highlights. Als Autor der erfolgreichsten US-amerikanischen Comedy-Show "Saturday Night Live" wurde er etwa 1989 mit dem Emmy ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang dem Multitalent mit deutschen Urahnen (aus Odenkirchen bei Mönchengladbach) jedoch als zwielichtiger Anwalt Saul Goodman in "Breaking Bad". In "Better Call Saul" wird nun die Vorgeschichte erzählt: Saul Goodman heißt eigentlich Jimmy McGill und lebt in Albuquerque als mittelmäßig erfolgreicher Anwalt. Hier hadert er nicht nur mit seiner Karriere und seinem älteren Bruder Chuck, der unter einer vermeintlichen Elektrosensibilität leidet und daher das Haus nicht verlässt, sondern auch mit seinem Schicksal.

In der zweiten Staffel der Serie versucht Jimmy McGill einmal mehr, in einem seriösen Unternehmen Fuß zu fassen, ein ehrliches Leben zu starten. Doch in dem Juristen steckt noch eine andere Seite, die mit Hingabe betrügt, lügt und sich um Kopf und Kragen redet. Bob Odenkirk verkörpert diesen inneren Zwiespalt perfekt, weiß sowohl komödiantisch als auch in dramatischen Szenen zu überzeugen. Die Leadrolle ist ihm auf den Leib geschrieben – und eröffnet dem Schauspieler neue Wege: "Vor 'Better Call Saul' wurde ich kaum für Hauptrollen in Betracht gezogen. Jetzt hat sich das geändert, selbst wenn es nur um kleine Projekte geht. Die Möglichkeiten sind für mich gewachsen."  

Während des Interviews wirkt Bob Odenkirk konzentriert. Er lässt sich oft Zeit, um über die Frage und seine Antwort nachzudenken. Der ganze Trubel um seine Person und "Better Call Saul" rücken im Gespräch immer weiter nach hinten. Doch, ist es nicht dennoch merkwürdig, sein Gesicht auf riesigen Anzeigen in der ganzen Stadt verteilt zu sehen? "Zu Beginn der ersten Staffel dachte ich schon 'Oh, Shit! Ich spiele die Hauptrolle! Überall auf der Welt werden sie mir in den Hintern treten', aber jetzt ist es fast schon Alltag – eine seltsame Erfahrung." Doch es ist keine weltverändernde Erfahrung für Odenkirk: "Ich glaube, ich erlebe das alles und die Leadrolle anders, als es eine Person mit Anfang, Mitte 20 tun würde. Das alles definiert mich nicht so sehr, wie vielleicht viele denken."

Chuck McGill und Kim Wexler in Better Call Saul

Wann ist ein Bösewicht spannend?

Ein leicht gestresst wirkender Mitarbeiter kommt in den Raum und beendet mit kalifornischem Akzent das Interview. Im Flur tönt es in allen möglichen Sprachen – spanisch, englisch, niederländisch. Ein deutscher Kollege kommt irritiert den Gang entlang: "Ich glaube, Jonathan Banks mochte mich nicht. Der hat total kurz und ruppig geantwortet."

Jonathan Banks ist eben ein wenig wie Mike Ehrmantraut, Bob Odenkirk ist so gar nicht wie Jimmy McGill oder Saul Goodman. Das wirkliche Kontrastprogramm wartet aber hinter der nächsten Hoteltür. Rhea Seehorn verkörpert in "Better Call Saul" die zielstrebige wie wortkarge Anwältin Kim Wexler, die für Jimmy mehr als nur ein "Love Interest" ist. Im "echten" Leben ist Seehorn dagegen quirlig, laut, humorvoll. "Meine Mutter ist eine von ungefähr elf Personen auf der Welt, die 'Breaking Bad' nie gesehen haben, sie liebt 'Better Call Saul' daher einfach auf eine ganz andere Art. Das ist toll!", lacht die 43-Jährige direkt zu Beginn los.

An ihrer Seite sitzt mit Michael McKean ein Schauspieler vom alten Schlag und mit mindestens genauso viel Humor. McKean gibt in "Better Call Saul" mit seiner Figur Chuck einen der Antagonisten zu Jimmy. Als dessen Bruder glaubt er nicht an den Erfolg des Jüngeren und sabotiert ihn regelrecht. "Bösewichte sind nur dann spannend, wenn sie eigentlich nicht wissen, dass sie die Schurken sind. Chuck denkt nicht, dass er böse handelt. Er sieht Jimmy einfach nicht in der Rolle eines Anwalts und will auch seinen eigenen Namen nicht mit ihm in Verbindung gebracht sehen."

Das Besondere an Chuck ist seine – möglicherweise nur eingebildete – Elektrosensibilität. Smartphones und andere Elektrogeräte sind tabu, seit Ewigkeiten wagt der ehemalige Starjurist keinen Fuß vor die Tür. "Ich habe dazu einiges im Internet gelesen, es gibt da wirklich körperliche Symptome", so McKean. "Durch die Rolle fällt auch mir verstärkt auf, wie viele Elektrogeräte uns im Alltag umgeben." Und wie ist es, immer nur bei Kerzenschein vor der Kamera zu stehen? "Keine Sorge, ich leuchte von innen. Ich bin ein wenig wie E.T.", lacht der 68-Jährige.

Starke Frauen vor und hinter der Kamera

Der Außerirdische E.T. – ein gutes Stichwort. Schließlich wirkt Rhea Seehorns Figur Kim manchmal auch wie ein Alien, eine Ausnahme in der stark männerdominierten Serie "Better Call Saul". Trübt der Eindruck? In der zweiten Staffel wird es vermehrt weibliche Gaststars geben, auch ist Seehorn stolz auf ihre Rolle, die sie als "stark, sehr authentisch und überhaupt nicht stereotyp" empfindet. Das Wichtigste jedoch: "Es sollte ganz sicher eine Diskussion über mehr Vielfalt vor der Kamera geben, aber mindestens genauso über ein Ungleichgewicht hinter der Kamera. Ich habe aber noch nie erlebt, dass es bei einer Serie so viele starke Frauen im Hintergrund gibt, wie bei 'Better Call Saul'. Ich habe noch nie mit so vielen Autorinnen, Produzentinnen und Regisseurinnen zusammengearbeitet. Selbst wenn man in einer Szene keine Frau sieht, heißt das nicht, dass keine einflussreiche Frau involviert ist."   

Auch Michael McKean nickt zustimmend, der mittlerweile weniger gestresst wirkende Sendermitarbeiter nickt abwiegelnd – der Interview-Marathon ist zu Ende. "In den neuen Folgen können sich die Zuschauer auf eine Menge düsteres und lustiges Zeug freuen", verabschiedet sich Rhea Seehorn.

Aus dem Hotel geht es raus in die kalifornische Sonne. Durchatmen, Kalender zücken:  Ab dem 17. Februar wird wöchentlich die zweite Staffel von "Better Call Saul" auf Netflix ausgestrahlt.
 

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