A War Kinofilm
Pilou Asbæk als Claus Michael Pedersen in "A War" | Foto: STUDIOCANAL
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13. Apr 2016

Barbara Kotzulla

Filme

A War: Wie realistisch sind Kriegsfilme?

Ein Bundeswehrsoldat im Interview

Darum geht's in "A War"

Wie weit darf man im Kampf gegen Terrorismus gehen? "A War" verknüpft den ersten Auslandseinsatz des dänischen Militärs mit hochbrisanten, moralischen Fragen: Als die Kompanie von Claus Pedersen (Pilou Asbæk) unter Beschuss der Taliban gerät, fordert der Kommandant Luftverstärkung an. Bei diesem Gefecht werden allerdings auch unbeteiligte Zivilisten getötet. Wieder daheim in Dänemark muss sich der Familienvater Pedersen vor Gericht verantworten – ein zermürbender Prozess beginnt.

"A War" von Regisseur Tobias Lindholm ("R", "Borgen") war als "Bester fremdsprachiger Film" bei den Oscars 2016 nominiert und wurde mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" von der Filmbewertungsstelle FBW ausgezeichnet.
 


Die Kriegsrealität in Afghanistan

Hauptfeldwebel Philipp Hoffmann im Gespräch

UNICUM: In den vergangenen Jahren gab es neben "A War" weitere Filme, die sich mit dem Krieg in Afghanistan beschäftigt haben. Wird der Krieg darin realistisch dargestellt?
Philipp Hoffmann: Man findet viele Dinge wieder, die realistisch sind – etwa die Konfliktlinie zwischen den Vorgesetzten. Da fällt der Kompaniechef an der Front eine Entscheidung, die im Hauptquartier anders gesehen wird. Daraus ergeben sich Reibungen. Auch die Bewaffnung und Ausrüstung ist in modernen Filmen gut dargestellt. Als militärischer Vorgesetzter würde ich höchstens hier und da Anzugsmängel erkennen: Aber natürlich rennen die Soldaten im Film ohne Helm herum, damit sie für den Zuschauer besser zu erkennen sind. In echt hätten sie ihn auf.

Kriegsfilme leben ja vor allem vom Drama …
Natürlich kommen in einer dramatisch aufgebauten Geschichte Elemente vor, die es so nicht gibt – etwa eine herzzerreißende Liebesgeschichte oder einen tränenreichen Abschied. Der echte Alltag eines Soldaten würde sich ansonsten nicht unbedingt für einen Film eignen. Nehmen wir als Beispiel einen Bereitschaftszug von der Logistikkompanie. Diese Soldaten stehen immer auf Abruf bereit, wenn ein Fahrzeug draußen Probleme hat. Kommt ein Anruf, dann müssen sie raus und dieses Fahrzeug bergen. Es kann aber sein, das wochenlang nichts passiert. Wir können dann nur sagen: Gott sei Dank! Denn wenn wir nicht abgerufen werden, ist alles gut. So ein Einsatz passiert in der Realität vielleicht einmal in sechs, sieben Monaten. Es wäre nicht gerade spannend einen Soldaten dabei zu beobachten, wie er monatelang in Bereitschaft sitzt und nichts geschieht.

Zumindest gäbe es tolle Landschaftsaufnahmen – oder wie haben Sie das Land Afghanistan erlebt?
Ich rate jedem, der das Afghanistan-Feeling haben will: Bohr am besten einmal kopfüber in einem Altbau ein Loch in die Wand. Wenn es dann so richtig in den Zähnen knirscht, kniest du dich vor einem auf volle Leistung vorgeheizten Ofen und öffnest die Klappe. Wenn dir dann dieser Hitzeschwall entgegenkommt: Das ist es. Die meisten Soldaten verbringen ihren Einsatz in einem Camp in der Wüste. Sie arbeiten und leben in klimatisierten Containern, wenn sie rausgehen, herrschen auf einmal über 40 Grad. Daran muss sich der Körper erst einmal gewöhnen. Je nachdem, wie fit man ist, kann das vier Tage bis zwei Wochen dauern. Manchmal gibt es Tage, da kann man nur 100 Meter weit gucken, weil es so staubig ist. Und dieser Staub hat einen ganz eigenen Geruch.

Sieht es in Städten wie Kabul besser aus?
In Kabul wird mit allem geheizt, was man verbrennen kann: Dung, lackiertes Holz, Gummireifen. So einen Smog kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen. In den ersten Tagen hat man als Soldat dort erst einmal mit Nasenbluten und brennenden Augen zu kämpfen. Dadurch verändert sich auch die Stimme und man entwickelt einen Husten. Aber zumindest die Menschen sind sehr nett und freundlich, wobei ich jetzt nur für den Norden des Landes sprechen kann. Die Erwachsenen wie Kinder haben keine Angst vor uns – trotz der ganzen Ausrüstung und Montur. Ich bin mir eher wie ein Alien vorgekommen, dass in eine ganz normale Welt gesetzt wurde. Für die Leute dort gehören wir zum Stadtbild und werden gar nicht mehr richtig wahrgenommen.


Filmszene aus A War


Das Image der Bundeswehr in der Öffentlichkeit

Waren es die Auslandseinsätze, die Sie an dem Beruf des Soldaten gereizt haben?
Auslandseinsätze gehören zum Beruf dazu. Wer Soldat werden, aber nicht ins Ausland gehen will, der wird es sicherlich schwer haben, in der Bundeswehr eingestellt zu werden. Umgekehrt kenne ich niemanden, der unbedingt ins Ausland will und deswegen Soldat wird. Das halte ich persönlich für die falsche Herangehensweise. Ein Auslandseinsatz ist, auch wenn man nicht täglich im Gefecht steht, keine schöne Sache, aber eine notwendige. Ich glaube aber auch nicht, dass Leute zur Polizei gehen, weil sie dann Strafzettel verteilen dürfen. 

Warum haben Sie sich damals für eine Laufbahn bei der Bundeswehr entschieden?
Ich bin vor 20 Jahren Soldat geworden, damals gab es solche Auslandseinsätze wie heute noch nicht. Ich war damals ziemlich idealistisch und bin als Grundwehrdienstleistender eingetreten. Ich habe dann schnell festgestellt, dass die Bundeswehr ein Arbeitgeber ist, bei dem ich Karriere machen und mich weiterbilden kann. Außerdem: Ich war in Schleswig-Holstein, in Bayern und bin nun in Berlin. In welcher anderen Firma habe ich die Möglichkeit, in ganz Deutschland zu arbeiten? Die Bundeswehr bildet auch viele Berufe ab: Man ist ja immer Soldat und Presse-Fachmann, Soldat und Personalmanager oder Soldat und KFZ-Mechatroniker.

So richtig gut ist die Stimmung in Deutschland gegenüber dem Berufstandes des Soldaten allerdings nicht.
Der Begriff des freundlichen Desinteresses beschreibt es eigentlich ganz gut. Zu Grundwehrzeiten war die Bundeswehr ein Ort, an den man hinmusste, angebrüllt wurde und nicht unbedingt in seiner Selbstständigkeit gefördert wurde. Die Bundeswehr war nicht besonders populär, aber irgendwie unvermeidbar. "Da lernst du immerhin, wie man Betten macht", wurde gerne gesagt. Heute ist es anders. Die deutsche Bevölkerung ist durchaus der Meinung, dass der Einsatz in Afghanistan falsch und politisch nicht richtig ist, dennoch hat man Respekt vor den einzelnen Soldaten, die dorthin gehen. Wir können nicht damit zufrieden sein, wie die Bundeswehr von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, aber es ist besser geworden.

Es gibt keine moralischen Diskussionen

Filme wie "A War" stellen ja die Frage, inwiefern man Einsätze, bei denen Zivilisten getötet werden, moralisch vertreten kann. Ist das eine Frage, über die bei Bundeswehr-Einsätzen diskutiert wird?
Nein, in keinem der Einsätze haben moralische Diskussionen stattgefunden. Sicherlich ist es aber so, dass der ein oder andere anfängt zu grübeln – vor allem, je mehr er über das Land und den Einsatz weiß. Ich kann aus eigener Beobachtung sagen, dass wir mit einigen Projekten heute dort sind, wo wir schon vor einem Jahr waren.

Woran liegt das?
Zum einen daran, dass alle vier Monate das Personal ausgewechselt wird und dadurch Wissen verloren geht. Zum anderen an den unterschiedlichen Vorstellungen. Wir als Deutsche oder als Nato gehen nach Afghanistan mit dem Glauben an einen Fortschritt, der einfach nicht vorhanden ist. Unsere Moralvorstellungen decken sich nicht mit den dortigen. Ein Beispiel: Wird bei uns ein Politiker dafür bezahlt, dass er etwas möglich macht, dann ist das Korruption. Der Politiker verliert in Deutschland sein Amt. In Afghanistan hat das aber Tradition. Und dadurch hindert sich das Land aber wiederum selber daran, die Fortschritte zu machen, zu denen wir dem Land verhelfen wollen.


UNICUM Filmtipp

Kinoplakat zu A WarA War

Kriegsdrama, DNK 2015

Regie: Tobias Lindholm

Darsteller u.a.: Pilou Asbæk, Tuva Novotny, Dar Salim

Verleih: STUDIOCANAL

Kinostart: 14. April 2016

Mehr Infos unter www.facebook.com/ARTHAUS

Artikel-Bewertung:

3.62 von 5 Sternen bei 107 Bewertungen.

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 14. Apr 2016 um 17:48 Uhr von Meyer Gerhard
Soll ja ein guter Film sein. Ziemlich echte Kameraführung
Veröffentlicht am 14. Apr 2016 um 20:44 Uhr von Elke Höppner
Schön!
Veröffentlicht am 15. Apr 2016 um 13:11 Uhr von Wilhelm Krichbaum
Geht so
Veröffentlicht am 16. Apr 2016 um 14:48 Uhr von Zirpel
ist in Ordnung