Cover von Christos Tsiolkas Roman
Der Schwimmer Danny Kelly hat einen beschwerlichen Weg vor sich | Foto: Klett-Cotta
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20. Feb 2015

Heike Kruse

Bücher

UNICUM ABI Buchtipp: Barrakuda

"Barrakuda" von Christos Tsiolkas spielt in der Welt des Schwimmens

Die Story

Danny Kelly erhält ein Schwimm-Stipendium für das von ihm umbenannte "Cunts College". Die australische Schule ist in fester Hand von stinkreichen, gutaussehenden Jungen. In dieser fremden Welt wird Danny, Sohn einer griechischen Arbeiterfamilie, nur belächelt. Als Neuer an der Schule erkämpft er sich seinen Platz und bekommt den Spitznamen Barrakuda. Mit seinen Leistungen lässt er die "golden boys" weit hinter sich. Der Druck wächst. Nicht zuletzt, weil seine Familie auf ihn baut. Doch dann verliert Danny den entscheidenden Wettkampf und seine Welt läuft komplett aus dem Ruder …

"Als der Regen aus den Eischneewolken strömt, die zu zart scheinen für solch einen Wolkenbruch, erstarre ich." Das ist der erste Satz. Tsiolkas schubst den Leser direkt ins kalte Wasser. Bietet ihm keinen Anknüpfungspunkt, um zu verstehen. Das ist ebenso verstörend wie genial. Als Leser sind wir ständig der Frage ausgesetzt: Warum? Wieso? Wie jetzt? Dazu kommt, dass die Geschichte zwei Zeitebenen verfolgt. Zum einen den Aufstieg des jungen, ehrgeizigen Dannys in den 1990er Jahren und zum anderen den Kampf des bestraften, orientierungslosen Dans zurück an die Oberfläche.

Die einzigartige Verbindung von Wasser und Literatur

Unheimliche Sogkraft, Strudel der Gefühle, wellenartige Wiederholungen – die Literatur ist voll mit Motiven des Wassers. Tsiolkas lässt uns direkt nachempfinden, wie es wäre, selbst so gut schwimmen zu können. Das Wasser wird spürbar, die Anstrengung, die Gleichförmigkeit der Bewegung, die mentale Stärke, die es dazu braucht. Wenn Danny schwimmt, schwimmen wir mit ihm. Das sind die Stellen, die die Geschichte schwerelos erscheinen lassen. Dabei geht es um kein leichtes Thema. Der erste Rat, den Dannys Schwimmtrainer Frank Torma ihm gibt, stellt sich als fatal heraus: "Du musst dich wehren, wenn dich jemand beleidigt, Junge. […] Du musst zurückschlagen." Diese Worte prägt sich Danny ein, zu gut. Er sammelt auf der Jagd nach Erfolg einen unglaublichen Wust an Hass und Wut an. Und schlägt zurück.

Das macht den Roman so großartig!

Tsiolkas Roman "Nur eine Ohrfeige" spielt in ähnlichem Fahrwasser wie "Barrakuda". Es geht um den Verlust von Kontrolle und um die Moral. Tsiolkas spielt in "Barrakuda" mit der Neugier des Lesers auf beeindruckende Weise: Wir wissen zunächst nicht, was Danny Schlimmes nach seiner Niederlage getan hat. Uns werden Hinweise gegeben, aber erst relativ spät erfahren wir die ganze Geschichte. Dazu benutzt Tsiolkas ein simples, aber wirkungsvolles Mittel, den ständigen Wechsel von der Ich-Perspektive zur personalen Erzählsituation und damit vom jungen zum alten Dan.

Es ist schier unglaublich, welche emotionale Bandbreite Tsiolkas ausschöpft. Wir schmecken die Süße des Erfolgs, als Danny gewinnt. Wir fühlen niederschmetternde Verzweiflung, als er verliert. Wir erleben rasende Wut, wenn sich seine Mitschüler über seine Mutter lustig machen. Wir durchleben den Drang nach Geltungssucht bei der Familie Taylor. Wir erleben die Scham vom erwachsenen Dan über seine Tat, als wäre sie unsere eigene. Wir lernen richtige Charaktere kennen, jeder mit seinen Eigenheiten. Es kommt einem beim Lesen vor, als würden wir sie auf der Straße wiedererkennen können. Das macht diesen Roman so großartig!

Sehr früh wird klar: Der Roman von Christos Tsiolkas ist ein feinfühliges, subtiles Werk, dass vordergründig unsere Leistungsgesellschaft problematisiert. Aber auf einer zweiten, tieferen Ebene und die ist viel wichtiger, beschreibt Tsiolkas, wie wirnach dem Scheitern daraus hervorgehen können: verändert, geschwächt, aber doch wieder zum Leben bereit und bereit, uns neu zu finden. "Barrakuda" lässt uns als Menschen reifen.


Die Infos zum Buch

Barrakuda
Christos Tsiolkas
Klett-Cotta, Februar 2014
Preis: 22,95 €

Homepage zum Roman: www.barrakuda-roman.de

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