Selfie
Bitte lächeln fürs Foto – und: "Aaaameisenscheiiiiiße" | Foto: Thinkstock/Patryk Kosmider
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27. Sep 2016

Sebastian Wolking

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4 Dinge, die du schon immer über Selfies wissen wolltest

1. Warum machen Leute immer und überall Selfies?

Lydia Korte: "Meine These ist vor allem, dass Selfies eine wichtige Rolle für die Erinnerung spielen. Sie übernehmen die Funktion, die früher Fotoalben hatten. Außerdem wollen viele Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken generieren. Ein Selfie schreit geradezu: "Ich bin da!" Auch der Neidfaktor spielt eine Rolle. Ich zeige anderen damit, wo ich bin und was ich gerade Schönes mache, um sie neidisch zu machen. Natürlich geht es auch um Anerkennung: zum Beispiel dafür, wie man aussieht. Aber häufig ist es auch so, dass Leute, die mit sich selbst zufrieden sind, das zeigen wollen – per Selfie."

2. Wie unterscheiden sich die Selfies von Frauen und Männern?

"Frauen fotografieren sich sehr häufig von oben, weil es sie verniedlicht. Die Augen wirken größer, der Mund kleiner, das Doppelkinn ist weg. Frauen achten auf Selfies sehr darauf, ihre Schokoladenseite zu zeigen. Männer dagegen, vor allem auch die jüngeren, fotografieren sich häufig von unten. So wirken sie stärker, größer und auch dominanter."

3. Sind Selfie ein rein westliches Phänomen oder gibt es sie überall?

"Selfies sind ein internationales Phänomen. Das sieht man ganz stark am Beispiel von Touristen. Ob man sich Asiaten, Amerikaner oder Europäer anschaut, die meinetwegen in Paris unterwegs sind, dann machen die alle Selfies. Sogar die Art und Weise, wie sie Selfies machen, ist ähnlich. Da gibt es – zumindest auf den ersten Blick – keine gravierenden kulturellen Unterschiede. Ich fahre in den Urlaub, mache am Strand ein Selfie und verschicke das – das ist dann im Prinzip die Postkarte. Mir geht’s gut, das Wetter ist gut, das esse ich, das lese ich, mit dem und dem bin ich da – das alles muss ich nicht mehr auf eine Postkarte und auch nicht in eine SMS schreiben, sondern zeige es einfach auf meinem Selfie."

4. Wie lautet das Erfolgsrezept für ein sympathisches Selfie?

"Es sind vor allem spontane Aufnahmen, die einen Menschen sympathisch wirken lassen. Man sollte eben nicht stundenlang steif posieren, sondern einen Moment einfangen, in dem man lacht oder eine lustige Grimasse zieht. Das ist ja auf den meisten Selfies auch so. Ernste Situationen sind für Selfies sehr ungewöhnlich. Ein Selfie ist das Gegenteil von einem Bewerbungsfoto, bei dem man bestimmte Vorgaben einhalten sollte, wie den Mund leicht öffnen, den Kopf etwas zur Seite drehen und nicht zu nah an der Kamera dran sein.  Man kann aber nicht sagen, dass spontane Selfies erfolgreicher sind als inszenierte."


Lydia Korte

Unsere Expertin

Lydia Korte beschäftigt sich rund um die Uhr mit Selfies – für ihre Doktorarbeit. Auch im Master hat sich die 26-jährige Medienwissenschaftlerin von der Uni Siegen schon mit dem Thema beschäftigt. Sie selbst mag eigentlich keine Selfies und hat nur im letzten Urlaub ausnahmsweise mal eins per Mail verschickt. Besonders gelungen findet sie das Selfie mit Cristiano Ronaldo bei der EM, als dieser Flitzer noch vor dem Spiel auf den Rasen gelaufen ist. (siehe Foto).


InfoWissenswert: Wer hat den Selfie-Stick erfunden?

Das Selfie hat Wayne Fromm zwar nicht erfunden, aber immerhin den Selfie-Stick – vielleicht. Der Kanadier vertreibt die Ego-Stange unter dem Namen Quikpod im Internet, hat nach eigenen Angaben schon Hunderttausende Exemplare verkauft. Anfang der Nuller-Jahre war Fromm mit seiner kleinen Tochter Sage im Italien-Urlaub, stand der Überlieferung nach auf einer Brücke in Florenz, hatte aber die Nase voll davon, ständig fremden Passanten seine Kamera in die Hand zu drücken. Die Geburtsstunde des Selfie-Sticks?

Zwei Jahre lang tüftelte er fortan am Knips-Gadget, bis er mit dem Ergebnis vollends zufrieden war. In Wahrheit geht die Geschichte des Selfie-Sticks aber wohl noch weiter zurück. So geistert ein Ausschnitt aus einem Buch über "sinnlose japanische Erfindungen" aus dem Jahr 1995 durchs Netz. Darauf zu sehen: ein japanisches Pärchen mit Selfie-Stick. Mehr noch, sogar aus den 20er-Jahren gibt es Aufnahmen von Selfie-Fotografen, die Kamera eindeutig an einer Stange befestigt. Reich geworden ist Wayne Fromm ohnehin nicht. Sein Quikpod konnte und kann den Billigkopien, mit denen die Chinesen den Markt fluten, trotz Patents nicht standhalten.

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