Clueso im Interview Handgepäck I
Alle Songs auf "Handgepäck I" hat Clueso auf Reisen aufgenommen. | Foto: Christoph Kostlin
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23. Aug 2018

Marvin Kesper

Musik

Clueso im Interview: “Wenn der Flow gut ist, fühle ich mich zu Hause”

Clueso zeigt sich experimentierfreudig

UNICUM: Dein neues Album "Handgepäck I" ist auf Reisen entstanden und auch aufgebaut wie eine Reise: Es startet mit dem "Aufbruch", führt durch die "Wüste" und endet schließlich in "Paris", der Stadt der Liebe. Wie kam es dazu?
Clueso: Zu dem Album selber kam es durch Songs, die ich aus Lust zum Musikmachen aufgenommen habe, als ich auf Reisen und unterwegs war. Weil ich natürlich nicht alles dabei hatte, wurden Sachen genutzt, die einfach da waren. Ein Salzstreuer wurde zum Shaker, eine mit Reis gefüllte Dose zur Rassel oder die Couch zur Bass Drum. Die Gitarre war sowieso am Start. Dann ist mir aufgefallen: Diese Songs auszuproduzieren tut denen nicht gut und habe sie beiseite gelegt.  Die hatten irgendwie eine eigene Note. Ich bin dann ziemlich schnell auf den Namen "Handgepäck" gekommen, weil ich immer nur mit Handgepäck reise. So habe ich die Songs dann gesammelt und hatte immer ein Ohr dafür, ob es nun ein kleiner, auf Reisen entstandener Song oder wie "Neuanfang" ein großer Pop-Song werden sollte. Die kleinen Songs habe ich gesammelt und hatte plötzlich einen Ordner, der immer voller wurde. Durch dieses Mikro, welches ich zur Verfügung hatte, wirkte alles ein bisschen Vintage und alt und hatte eben eine gewisse Note. Vieles habe ich dann selber ausprobiert und eingespielt und irgendwann war das Album voll. Das Album sollte eigentlich schon früher rauskommen und viele Freunde haben zu mir gesagt: "Hau doch den oder einen anderen Song raus." Aber meine Antwort war immer: "Das wird mein schönes, kleines Handgepäck-Album." Viele haben schon nicht mehr daran geglaubt, weil sieben Jahre verschieben schon echt eine lange Zeit ist, aber jetzt ist es endlich da!

Dass dein neues Album komplett auf Reisen entstanden ist zeigt, wie viel du als Künstler unterwegs bist. Aber wo fühlst du dich denn wirklich zu Hause?
Natürlich in meiner Heimatstadt Erfurt. Mit ihr verbinde ich das meiste Heimatgefühl. Orte an denen man sich zu Hause fühlt, sind vor allem aber Orte an denen man Menschen kennengelernt hat, die eine ähnliche Denkweise haben wie man selber. Man kann sich einfach gehen lassen und sein wie man ist. Wenn der Flow gut ist, fühle ich mich zu Hause. Dann kann es auch gerne Los Angeles sein, wo ich auch Freunde kennengelernt habe.

An welchem Ort sollte jeder deiner Meinung nach mal gewesen sein?
Es ist schwierig da einen hervorzuheben. Auch, wenn ich bislang nur in Äthiopien war: Afrika sollte man auf jeden Fall mal gesehen haben und sich mit den Ländern und den Menschen beschäftigen. Neuseeland ist außerdem echt fett, wenn man von Natur beeindruckt werden möchte! Da stehst du vor Landschaften, die du aus Herr der Ringe kennst und denkst dir "Wow! Das sieht genauso aus wie in den Filmen." Das ist einfach Wahnsinn.

Was war denn deine krasseste Tour Erfahrung?
Das Krasseste war in Erfurt, wo über 20.000 Leute alleine wegen mir da waren. Das war sehr bewegend, extrem beeindruckend und toll. Ich hätte fast geheult als ich gemerkt habe: "Krass, ich spiele hier zwei Minuten von meiner Wohnung entfernt und es ist absoluter Ausnahmezustand!”


Clueso Handgepäck neues Album


Clueso im Interview: "Am Ende mache ich immer mein eigenes Ding.”

Mal trittst du mit einer Big Band auf, mal sitzt du mit deiner Gitarre alleine auf der Bühne. Mal machst du Hip Hop oder mal bist du, wie vor Kurzem auf dem Parookaville, als DJ unterwegs. Wieso legst du dich nie auf eine Musikrichtung und auf einen Stil fest?
Ich hab mich darauf festgelegt, Clueso-Musik zu machen. Ich tanze gerne auf verschiedenen Hochzeiten, weil ich die Musik so mag und mich gar nicht festlegen kann. Wenn ich Songs entdecke, wie vor einiger Zeit den Elektrosong "Cola” von Camelphat, dann kann ich mich da hineinversetzen und finde die Musikrichtung geil. Ich finde verschiedene Sachen geil, aber mache am Ende immer mein eigenes Ding. Es wird immer Clueso-Musik entstehen. Meine Liebe zu Musik ist einfach sehr groß.

Wieso hast du so lange gewartet die Songs zu veröffentlichen? "Dünnes Eis" ist zum Beispiel schon 2007 entstanden. Wann kam der Moment an dem du dir gesagt hast, dass du das Album jetzt rausbringen musst?
Ich habe schon, nachdem ich das Album "Stadtrandlichter” veröffentlicht habe, darüber nachgedacht, "Handgepäck” rauszubringen. Dann kam aber alles anders. Ich habe mich nach 15 Jahren von meiner Band getrennt und danach dann so viele Songs geschrieben, die einfach so eine Kraft hatten, dass ich gemerkt habe: Das ist nicht "Handgepäck”. Aber jetzt nach "Neuanfang” ging wirklich der Vorhang auf und das Album ist abgearbeitet. Deswegen ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt. Hätte ich "Handgepäck” nicht jetzt rausgebracht, dann hätte ich irgendwann ein Doppelalbum machen müssen, weil sich einfach so viele Songs angehäuft haben.

Ein Song auf deinem neuen Album heißt "Zimmer 102", welche Geschichte steckt hinter dem Songtitel?
Als ich den Song geschrieben habe, war ich mit Udo Lindenberg auf Tour und wir waren alle gemeinsam im Hotel. Ich fand es so schön, dass dort niemand an seinem Handy war und alle auf den Betten oder Boden saßen, an der Minibar klebten oder am Balkongeländer lehnten. Es war irgendwie wie in einer alten, schwarz-weiß Bob-Dylan-Doku. Irgendjemand hat Gitarre gespielt, in der Ecke hat jemand gesungen und andere haben einfach nur etwas getrunken. Es war eine ausgelassene, relaxte Stimmung, so wie ich mir das Musikerleben immer in meiner Fantasie ausgemalt habe. So wollte ich immer leben. Ich fand das so toll, dass ich sofort einen Song aufnehmen wollte. Wir haben dann die ganze Nacht aufgenommen, was ich in dem Song mit den Worten ‘Nacht ein – Nacht aus’ beschreibe. Ich bin sowieso ein nachtaktiver Mensch. Es hat eine eigene Dynamik, nachts mobil und aktiv zu sein. Das Ganze verarbeite ich in diesem Song. Der Song heißt "Zimmer 102”, weil eben dieses besagte Zimmer, in dem sich das ganze Szenario abgespielt hat, das Zimmer 102 in einem Leipziger Hotel war.  



Zusammenarbeiten, abgucken und lernen

Mit welchem Künstler möchtest du unbedingt mal zusammenarbeiten?
Ich habe das Glück gehabt mit alten Hasen wie Udo Lindenberg am Start zu sein. Das war natürlich sehr interessant. Aber es würde mir auch gefallen mit jüngeren Künstlern zusammenzuarbeiten, die eine ähnliche Denkweise haben wie ich. Ich kann da jetzt aber keinen speziellen Namen nennen. Es gibt sehr viel Musik, die ich mag. Casper, Marteria oder Bilderbuch sind alles Typen, die coole Mucke machen und es ist gerade ein neues Album von Fynn Kliemann erschienen, das ich sehr gut finde. Es ist aber nicht so, dass ich das höre und denke, dass ich mit denen unbedingt zusammenarbeiten muss. Ich feier es einfach nur ab. Alles andere muss sich ergeben.

Gibt es bestimmte Dinge, die du gelernt hast, als du mit Personen wie Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer zusammengearbeitet hast?
Ja, ich kann mir vieles abgucken: wie die Leute funktionieren, wie sie ihre Prioritäten setzen, wie viel sie selber regeln und was sie regeln lassen. Wie sie sich höflich oder auch mal unhöflich aus der Affäre ziehen, wie punkig oder cool sie sind. Das sind alles Sachen mit denen man als Musiker zu tun hat. Man muss eben nicht zu jedem freundlich sein und jedem ständig die Tür öffnen. Man kann auch mal sagen: "Du ich habe gerade keinen Bock, hau ab!” Leute wie Udo haben einfach viel mehr Erfahrung in solchen Dingen. Auf der anderen Seite sind sie dann sehr einladend und entwaffnend. Udo hat zum Beispiel eine sehr entwaffnende Art. Vor ihm hat man einfach Respekt. Dann kommt er auf dich zu und alles ist easy. Du merkst, der nimmt dich gerade auf und nimmt dir die Angst. Auch, was das Musik machen angeht, kann man von erfahrenen Künstlern ganz viel lernen.

"Wenn ein Mensch lebt" ist der einzige Song auf dem Album, der nicht ursprünglich von dir stammt. Du hast ihn auch schon öfters auf deinen Konzerten gespielt. Wieso hast du dich ausgerechnet dazu entschieden, diesen Song zu covern?
Damals in der DDR hatte jeder eine Plattensammlung. Mein Papa hatte in seiner Sammlung auch die Puhdys, von denen der Song im Original ist. Die habe ich als Kind oft gehört. Später wurde ich dann für eine Filmmusik angefragt und habe mir die Puhdys rausgesucht und das Ganze durch andere Akkorde etwas ruhiger gehalten. Auch wenn der Song für den Film letztendlich gar nicht verwendet wurde: Ich habe den Puhdys-Song lieben gelernt und ihn von da an immer live gespielt. Es ist schon fast wieder ein Clueso-Song geworden, weil ich ihn so vercluest habe.

Was meinst du mit vercluest?
Ich spiele den Song ja nicht so wie das Original. Wenn ich ihn spiele, beinhaltet er immer etwas Melancholisches, aber auch immer Sonne am Ende. Das ist so ein typisches Clueso-Ding. Das Original ist ja schon fast eine Stadion-Nummer. Ich habe den Song aber etwas kleiner gehalten. Ich mag persönlich immer die Mischung aus Proberaum und großem Konzert. Das findet man auf meinen Alben immer wieder. Den Sänger der Puhdys durfte ich auch schon kennenlernen und er fand meine Version sehr schön.



Ohne Gitarre geht bei Clueso nichts

Nun spielst du nicht nur eigene Konzerte, sondern trittst auch auf Festivals auf. Was gefällt dir besser?
Ein besser gibt es da nicht! Ich möchte nicht nur auf Festivals spielen und ich möchte nicht nur im Club rumdümpeln. Ich finde beides geil und die Abwechslung ist das Coole. Für mich macht ein Festival aus, dass man viele verschiedene Menschen hat. Da ist eine wahnsinnige Energie und man merkt, dass man da mit einem ruhigen Set nicht so weit kommt. Man muss einfach Power lassen und fette Sachen raushauen. Das Geile ist: Du kannst Leute erspielen. Wenn ich in einem Club spiele und Tickets verkaufe, kommen ja nur Leute, die mich kennen und nur wegen mir da sind. Auf einem Festival eben nicht. Da kommt dann ein wenig der Kampfgeist durch und du kannst neue Fans für dich gewinnen.

Die eins im Titel "Handgepäck I" lässt auf ein weiteres Album schließen. Wie weit sind da schon deine Planungen? Hast du noch so viele Songs auf Lager?
Genauso sieht es aus! Ich habe noch weitere Songs beiseite gelegt. Ich merke auch, dass mir die Country- und Folk-Musik auf diesem Album sehr liegt und ich Bock darauf habe, noch mehr in dieser Richtung zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass das eine eigene Marke wird, wie mein Unplugged, wo ich viel mit Akustik-Gitarre arbeite. Die Gitarre wird nie weg sein, denn das ist das, was ich am Besten beherrsche. Deswegen werde ich immer auch solche Songs schreiben und es werden immer neue Handgepäck-Songs kommen.

Wenn du ein Album nennen müsstest, deine eigenen ausgeschlossen, welches jeder Mal gehört haben muss, welches wäre das?
Für jemanden der Musik so sehr liebt wie ich, ist das eine sehr harte Frage! Aber ich würde sagen, "Nevermind” von Nirvana ist ein Album, welches man auf jeden Fall mal gehört haben muss.


Hier kannst du dir Cluesos Album "Handgepäck I" anhören:


UNICUM Musik-Tipp

Clueso Handgepäck I CoverClueso 

"Handgepäck I"

VÖ: 24.08.2018

Online bestellen (Amazon): "Handgepäck I"

Mehr Infos findest du auf der Website von Clueso

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