Willkommensklasse Angekommen in deiner Stadt Dortmund
Die Willkommensklasse eines Dortmunder Berufskollegs | Foto: Moritz Hagedorn
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02. Nov 2015

Merel Neuheuser

News

"Angekommen": Spannendes Projekt für junge Flüchtlinge

UNICUM Abi zu Besuch in Dortmund

Die Schulpflicht gilt auch für Flüchtlinge

Deutschland ist kalt, aber schön. Findet Heilab aus Eritrea. Er sitzt in der ersten Reihe im Klassenraum des Projekts "Angekommen", in dem die "Willkommensklasse" eines Dortmunder Berufskollegs heute Unterricht hat. Ganz einig sind sich die Schüler, die aus den unterschiedlichsten Ländern vor wenigen Wochen hier ankamen, nicht, ob die deutsche Sprache nun schwer oder leicht zu erlernen ist. "Österreich", finden sie, ist ziemlich schwer auszusprechen.

Früher hießen Willkommensklassen noch Auffangklassen, es erklärt sich von selbst, wieso das geändert wurde. In Deutschland gilt die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr. Das gilt auch für Flüchtlinge mit unsicherem Asylstatus. Sobald jugendliche Flüchtlinge aus den Erstunterkünften an die Kommunen weitergeleitet werden, sollen sie auch direkt eine Schule besuchen. Zumindest sehen die meisten Bundesländer das so. Da Bildung Ländersache ist, gibt es ganz unterschiedliche Systeme.

Viele der minderjährigen Flüchtlinge haben keine Schulzeugnisse mehr

Und so sitzen in den Willkommensklassen so unterschiedliche Schüler, wie man sie sonst wohl kaum in einem Raum finden würde. "Da sitzt ein junger Iraker, der bereits zwölf Jahre zur Schule gegangen ist und eine hervorragende Ausbildung hat neben einem Mädchen aus Ghana, die kaum alphabetisiert ist", sagt Berufsschullehrer Markus Bräuer. Erst einmal gilt es aber ohnehin, Deutsch zu lernen, später kann immer noch entschieden werden, welcher weitere Bildungsweg eingeschlagen wird oder ob Einstufungstests die verlorenen Schulnoten und Zeugnisse ersetzen können.

"Die Schüler sind allesamt hochmotiviert, sie wollen lernen, einen Abschluss machen und arbeiten", sagt Wolfgang Euteneuer, der Projektleiter von "Angekommen". Das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen, die Stadt Dortmund, die Walter Blüchert Stiftung und alle Dortmunder Berufskollegs haben sich zusammengetan und ermöglichen jungen Flüchtlingen zwischen 16 und 25 in einer ehemaligen Hauptschule ein ergänzendes Bildungs- und Freizeitangebot zur Schule. Sie sollen leichter lernen und besser in der Gesellschaft ankommen können. Einen Ausbildungsvertrag haben die Schüler noch nicht, auch wenn es viele offene Stellen gibt.

"Deutschland muss sich sofort ändern"

Die neuen Erleichterungen des Zugangs zum Arbeitsmarkt beinhalten zwar zahlreiche Verbesserungen für einen Ausbildungs- und Arbeitsbeginn jugendlicher Flüchtlinge, aber ganz so einfach ist das weder in der Theorie noch in der Praxis. Und vor allem müssen die Jugendlichen erst einmal die Sprache lernen. "Deutschland muss sich sofort ändern", sagt Euteneuer. "Es gibt viele offene Ausbildungsplätze, es gibt junge Leute, die arbeiten möchten. Der Zugang sollte unbürokratischer werden."

Auf dem Wochenkalender von "Angekommen" stehen ganze unterschiedliche Programmpunkte: Deutsch, Schwimmen, Boxen, Kochen oder – wie jetzt gerade in Heilabs Klasse – "Aufbau des Computers". Verschiedene Bestandteile eines Computers sind mit einem Beamer an die Wand projiziert, darunter stehen für Sprachanfänger anspruchsvolle Begriffe wie "Kabel" oder "Prozessor". Für einige unter ihnen sind Computer und ihre Bestandteile bestens vertraut, andere haben vielleicht noch nie mit einem Rechner gearbeitet. Das sind besondere Anforderungen an die Lehrer.


Projektleiter Wolfgang Euteneuer (rechts) und Berufsschullehrer Markus Bräuer |  Foto: Moritz Hagedorn


 "Geflüchtete Schüler nach ihrem letzten Urlaub zu fragen, wäre absurd"

Markus Bräuer arbeitet seit 2014 mit geflüchteten Schülern. Er brennt spürbar für seinen nicht immer leichten Beruf. "Sprechen Sie die Themen Familie, Herkunft oder Flucht besser nicht an", sagt er, bevor wir den Klassenraum betreten. "Viele der Schüler haben ein Trauma, das bei solchen Schlagwörtern jederzeit ausbrechen kann." Auch er kennt die Hintergründe seiner Schüler häufig nicht.

Gerade beim Deutschunterricht sei es nicht immer leicht, diese Themen zu umgehen. Häufig ist es Bestandteil des Sprachunterrichts, mithilfe der neu erlernten Wörter von der Familie oder vom letzten Urlaub zu erzählen. "Geflüchtete Schüler nach ihrem letzten Urlaub zu fragen, wäre absurd", erklärt Bräuer. Aber holt dann nicht auch der Schwimmunterricht bei einigen schlimme Erinnerungen hervor? "Nein, es gibt ein großes Interesse der Schüler, schwimmen zu lernen. Viele von ihnen können das nicht und sind über das Meer geflüchtet. Sie haben ein Bedürfnis, sich auch im Wasser sicher zu fühlen", sagt der Projektleiter.

Allerdings steht eine Vorschrift im Programm: "Burkini nicht erlaubt" (die Badeversion der Burka, Anm. d. Red.). Probleme zwischen den jungen Männern und jungen Frauen gibt es allerdings überhaupt nicht, vom repressiven Rollenbild einiger Herkunftsländer sei hier nichts zu spüren. Im Gegenteil: "Die Jungs würden zu gerne beim Sport der Mädels zuschauen, das ist bei unseren Schülern genau wie bei allen anderen Schülern", sagt Euteneuer lachend.

Ziemlich typisch ist übrigens auch die Antwort, die die Willkommensklasse auf die Frage gibt, was ihnen an Dortmund besonders gut gefällt: der BVB! Fußball ist eben international.


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