Tote Mädchen lügen nicht
Katherine Langford spielt Hannah Baker in "Tote Mädchen lügen nicht" | Foto: Netflix/Beth Dubber

Mobbing

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28. Apr 2017

Nina Weidlich

Zündstoff

"Tote Mädchen lügen nicht": Ist der Hype um die Serie gerechtfertigt?

Hannah Baker – Live und in Stereo

Hannah Baker ist eine ganz normale Schülerin mit ganz normalen Problemen. Doch ihre Probleme werden größer. So groß, dass sie alleine nicht mehr damit fertig wird. Nie hat ihr jemand zugehört, und jetzt ist Hannah tot. Den Weg zu ihrem Suizid hat sie auf Band gesprochen: 13 Kassetten, 13 Geschichten, 13 Menschen, denen Hannah die Schuld daran gibt, dass sie nicht mehr leben wollte.

Eine dieser 13 Personen ist Hannahs Mitschüler Clay. Mit ihm zusammen hören wir Hannahs Stimme über den Walkman: "Hallo zusammen. Hier spricht Hannah Baker. Live und in Stereo." Clay mochte Hannah, sehr sogar. Deshalb kann er sich auch nicht erklären, was er mit ihrem Tod zu tun haben soll. Nie hätte er Hannah wehgetan, ein böses Wort über sie verloren oder sie öffentlich bloßgestellt.

Hannahs Tod kommt schleichend

Ganz im Gegenteil zu allen anderen. Erst sind es Gerüchte, die sie zum Gespött der Stufe machen und ihr den Stempel aufdrücken, eine Schlampe zu sein. Mit dem Ruf kommen die Blicke, die Berührungen, die Übergriffe. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Jeder nimmt sich das Recht heraus, Hannah wie einen toten Gegenstand zu behandeln. Wie sie sich dabei fühlt? Nebensache.

Hannahs Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, war keine Kurzschlussreaktion. Sie gerät in einen Strudel, aber niemand reicht ihr die Hand, um sie rechtzeitig wieder herauszuziehen. Einige der geschilderten Situationen haben wir selbst schon einmal erlebt: Ein peinliches Foto von der letzten Party, ein missglückter Kuss, eine ungewollte Berührung.

Doch die Vorfälle werden heftiger, bis Hannah irgendwann alles gleichgültig ist. Sie zerbricht, aber niemand sieht es – weil niemand es sehen will. 

Mobbing und Suizid sind keine fiktiven Probleme

Die aktuelle Pisa-Studie zeigt, dass Mobbing auch bei uns ein Thema ist: Fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) wird demnach mehrmals im Monat Opfer von Anfeindungen und Gewalt. In den seltensten Fällen (2,3 Prozent) sind physische Übergriffe, sondern soziales und psychologisches Mobbing das Hauptproblem.

Erschreckend sind auch die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Suizidrate der 15- bis 29-Jährigen: Hier wird  Selbstmord als die zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe genannt. Insgesamt begehen weltweit jedes Jahr 800.000 Menschen Suizid, die Zahl der Selbstmordversuche liegt laut WHO noch deutlich höher.



"Tote Mädchen lügen nicht" in der Kritik

Seit dem Serienstart von "Tote Mädchen lügen nicht" im März 2017 haben einige Behörden sich kritisch zu der Netflix-Serie geäußert. Die australische Gesundheitsbehörde "Headspace" zum Beispiel befürchtet, dass Jugendliche durch das Anschauen der Serie deutlich gefährdeter seien, selbst Suizid zu begehen.

Die Organisation SAVE, die sich in Amerika für die Suizidprävention einsetzt, hat eine Liste mit Hinweisen veröffentlicht, welche die Gefahren beim Anschauen der Serie eindämmen sollen. Dabei wird vor allem deutlich gemacht, dass es sich bei der Serie um eine "dramatisierte Hollywoodproduktion" handelt und von der Realität weit entfernt ist – auch wenn einige der behandelten Probleme vor allem den jüngeren Zuschauern sicherlich nicht fremd sind.

Darüber hinaus finden sich nicht nur auf den Internetseiten der kritisierenden Behörden immer wieder Hilfsangebote für Suizidgefährdete. Auch die Macher der Serie haben in den sozialen Netzwerken schon eine Liste mit Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige auf der ganzen Welt veröffentlicht. Jay Asher, der Autor des umstrittenen Romans, hat diese Liste  auch auf seiner eigenen Facebook-Seite geteilt und lobt in seinem Post Hinterbliebene und Unterstützer, die in der Suizid-Prävention tätig sind: "Survivors & helpers, you're doing beautiful things!"

Und? Ist die Netflix-Serie jetzt gefährlich?

Die Sorge, "Tote Mädchen lügen nicht" könne zum Suizid anstiften, mag den Einfluss der Serie auf die jungen Zuschauer ein wenig überdramatisieren. Klar, viele der geschilderten Situationen sind auch an deutschen Schulen Alltag, die Geschichte ist aber immer noch fiktiv und an vielen Stellen auch offensichtlich ein bisschen "drüber".

Trotzdem ist die öffentliche Diskussion wichtig, da sie ein Thema anstößt, über das wir uns bisher viel zu wenig Gedanken gemacht haben. Denn Hannahs Tod hat eine klare Botschaft: Auch Wegschauen ist Mobbing. Nicht nur die, die aktiv Bilder von dem Mitschüler verschicken, der auf der letzten Party in seiner eigenen Kotze eingeschlafen ist, mobben.

Auch du bist irgendwie schuldig, wenn du dir das Bild in der WhatsApp-Gruppe anschaust und den Chat wieder schließt. Ohne Kommentar, dass es nicht okay ist, so mit seinen Mitmenschen umzugehen. Ohne zu der betroffenen Person hinzugehen und zu sagen: "Hey, ist doch halb so wild – das ist echt jedem von uns schon mal passiert. Wenn du reden willst, bin ich für dich da."


InfoFalls du Hilfe brauchst oder mit jemandem reden willst:

Du hast das Gefühl, dass du dich nicht an deine Familie oder deine Freunde mit deinen Sorgen wenden kannst? Im Netz gibt es viele Anlaufstellen, wie etwa die "Nummer gegen Kummer":

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