To the Bone
Wenn jedes Gramm zur Qual wird: "To the Bone" zeigt, wie Magersucht-Patienten leiden | Foto: Netflix

Zündstoff

28.04.2017

Tote Mädchen lügen nicht

"Tote Mädchen lügen nicht": Ist der Hype um die Serie gerechtfertigt?

Den Roman "Tote Mädchen lügen nicht" (Originaltitel: "13 Reasons Why") von Jay Asher gibt es eigentlich schon seit 2007. Mit dem Start der gleichnamigen Netflix-Serie im ... mehr »

Autorenbild

11. Aug 2017

Nina Weidlich

Zündstoff

"To the Bone": Ist der Netflix-Film über Magersucht wirklich gefährlich?

"To the Bone" in der Kritik

"To the Bone" romantisiert Magersucht, verharmlost die Krankheit und animiert dazu, selbst zu hungern. All diese Kritik traf den Film, eine Netflix-Eigenproduktion, bereits vor seiner Veröffentlichung. Nicht zuletzt wegen der Besetzung der Hauptfigur Ellen: Lily Collins, die Tochter von Sänger Phil Collins, war selbst einmal magersüchtig. Für den Film hungerte sie sich erneut herunter, sieht eingefallen, knochig, krank aus. Und das soll sie in ihrer Rolle als Ellen ja auch.

Die Diät ist laut Angaben der Schauspielerin unter ärztlicher Aufsicht erfolgt – auf eine gesunde Art und Weise. Gesund sieht an Lilly Collins' Körper allerdings nichts mehr aus. In einer der letzten Einstellungen des Films liegt sie nackt auf dem Boden – und dieser Anblick kann einem schon kurz den Atem rauben. Zerbrechlich wie sie ist, erinnert sie fast an ein kleines Vögelchen, das gerade aus dem Nest gefallen ist. Und das soll sie in ihrer Rolle als Ellen ja auch.

Wo also ist das Problem? Filme werden von Menschen gespielt. Werden menschliche Schicksale thematisiert, müssen Menschen diese Schicksale möglichst realitätsnah darstellen. Eine Ellen, die wohlgenährt und gesund aussieht, wäre eine ziemlich schlechte Magersüchtige. Trotzdem darf man sich fragen, ob ein Film es wert ist, die Gesundheit einer jungen Frau aufs Spiel zu setzen. Oder lohnt sich der ganze Trubel vielleicht sogar, um die Gesellschaft über die Krankheit "Anorexia nervosa" aufzuklären und Jugendliche davor zu schützen?

"Bei 'To the Bone' fällt es schwer, die Linie zwischen dem Cineasten auf der einen und dem ärztlichen Psychotherapeuten auf der anderen Seite zu ziehen", meint Dr. Sebastian Jongen. Als Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum hat er täglich mit realen Magersucht-Patienten zu tun. Grundsätzlich bewertet der praktizierende Arzt die zunehmende mediale Befassung mit psychischen Erkrankungen erst einmal als positiv: "Ich glaube, dass die hieraus entstehende Aufmerksamkeit als 'Funke' dienen kann, die Thematik präsenter zu machen und ein Stück weit zu enttabuisieren."

To the Bone Netflix

Wie realistisch ist "To the Bone" wirklich?

Mit ihren rotzigen Sprüchen und ihrer störrischen Art erinnert Hauptfigur Ellen manchmal eher an einen Teenager als an eine 20-jährige junge Erwachsene. Ihre Allüren sind die eines klassischen "Bad Girls", wie wir es schon in zahlreichen Filmen gesehen haben. Mit einer Ausnahme: Ellen will nicht vor ihren Freunden cool wirken oder einen auf Rebellin machen. Vielmehr versucht sie zu überspielen, dass sie todkrank ist. "Diese Zerrissenheit spielt sie großartig und stellt dabei auch den Punkt heraus, dass die Magersucht eben keine 'Lifestyle'-Entscheidung ist, sondern eine lebensbedrohliche Krankheit", meint der Experte.   

Und tatsächlich zeigt Ellen in ihren schwachen Momenten, wie verletzlich sie eigentlich ist, wie sehr sie die Hilfe von außen benötigt. Ihre schwierigen Familienverhältnisse werden dem Zuschauer dabei als Ursache des Magersucht-Problems quasi aufgedrängt: Die Mutter lebt weit weg in einer lesbischen Beziehung, der Vater lässt sich nie blicken, die Stiefmutter tritt bei jedem Versuch, Ellen zu helfen, in ein riesiges Fettnäpfchen. Auch Dr. Jongen sieht den Film in diesem Punkt kritisch: "Durch die eindimensionale Darstellung der Familiensituation wird diese von Ellens Therapeuten als 'Problem, das es zu entfernen gilt' dargestellt und weniger als die Ressource, die es sein kann."

In Ellens Therapiegruppe lernen wir verschiedene Charaktere kennen, die ihr Potential im Laufe des Films leider nicht wirklich entfalten können. Hier wurde versucht, eine möglichst große Bandbreite an Einzelschicksalen unterzubekommen: Vom gescheiterten, extravaganten Tänzer bis zur Schwangeren, die aufgrund ihrer Essstörung um das Leben ihres Babys bangen muss. In der Therapie-Situation sieht der Experte eine der großen Schwachstellen des Films: "Die schauspielerische Leistung fällt immer wieder hinter Stereotypen zurück und zeigt nur bruchstückhaft die Komplexität und Vielschichtigkeit des Leidensweges und der Therapie."

In "To the Bone" schafft die Krankheit es, Ellen und die anderen Patienten zusammenzuschweißen, sodass während der Therapie fast eine Art Ferienlager-Atmosphäre aufkommt. "Den Charakteren im Film fällt es eher leicht, Bindungen aufzubauen und zu halten. Die Einsamkeit und Isolation von Menschen mit Essstörungen zeigt sich daher nur bedingt", bemängelt Dr. Sebastian Jongen. Trotz allem erscheint ihm die Darstellung zu keinem Zeitpunkt so weit weg von der Realität, dass sie ein riskantes und romantisiertes Bild zeige.



Ein Film über Magersucht: Fluch oder Segen?

Für gefährdete Jugendliche birgt eine realitätsnahe Darstellung der Magersucht immer die Gefahr, sich krankhafte Verhaltensweisen abzuschauen und sich daraus Tipps für ihre eigene Diät abzuleiten. Ein paar Beispiele: Ellen riecht lediglich an der Verpackung ihrer liebsten Süßigkeit, anstatt zumindest ein kleines Stück davon abzubeißen. Im Restaurant kaut sie ihr Essen genüsslich, um es dann in eine Serviette zu spucken, anstatt es herunter zu schlucken. Von Menschen, die bereits Anzeichen von Magersucht zeigen oder sich gerade einen Weg aus der Krankheit bahnen wollen, kann so etwas durchaus als Handlungsempfehlung verstanden werden.

Eine weitere Eigenart Ellens ist, mit Daumen und Zeigefinger um ihren Arm zu greifen – in der Hoffnung, dass er irgendwann dünn genug ist, um ihn ganz umschließen zu können. Auch solche Gewohnheiten werden Betroffene wiedererkennen. Genauso wie den Drang, nach jeder Mahlzeit unzählige Sit-Ups zu machen. Oder immer wieder die Treppen auf und ab zu laufen, bis man kurz vor der Ohnmacht steht. Auch wenn die eine oder andere Darstellung in "To the Bone" nicht differenziert genug sein mag: Dieser Film ist gespickt mit Triggern.

In den Beiträgen in Pro-Ana-Foren im Internet wird das deutlich. Hier tauschen sich Magersüchtige aus, die die Krankheit verherrlichen und sich über Diät-Methoden austauschen, anstatt gegen ihre Krankheit zu kämpfen. Zu "To the Bone” schreibt eine Nutzerin:  "I really enjoyed [the movie], but it was extremely triggering. […] if you are in recovery I feel like it might make you miss unhealthy habits."

Der Experte findet es schwierig, vorherzusehen, ob der Film Gefährdete eher abschrecken oder sie animieren kann. In der möglichen Identifikation mit der Hauptfigur Ellen sieht er jedenfalls auch etwas Positives: "Ich glaube, dass Patienten sich dadurch entlastet fühlen können. Sie können sich in einigen Teilaspekten in den Darstellungen wiederfinden und müssen nicht mehr das 'Schattenleben' führen, in dem sie leiden."

Eine Triggerwarnung mit einem Hinweis auf landesabhängige Hilfestellen hält Dr. Jongen aber trotzdem für sinnvoll. "Dann kann der Film sicher – auch im therapeutischen Kontext – hilfreich sein und eine Plattform bieten."


TippFalls du Hilfe brauchst oder mit jemandem reden willst:

Wenn du befürchtest dass dein Essverhalten krankhaft sein könnte und du dich trotz zahlreicher Diäten zu dick fühlst, kann ein unverfängliches Gespräch mit geschulten Psychologen dir helfen. Hilfe findest du zum Beispiel auf den Seiten des Bundesamtes für gesundheitliche Aufklärung oder der Cinderella Beratunggstelle für Essstörungen. Beide Stellen bieten auch eine Beratungs-Hotline an:

Artikel-Bewertung:

3.43 von 5 Sternen bei 23 Bewertungen.

Deine Meinung: