Tierversuche im Studium
Nicht ausgeschlossen, dass du Versuche an Mäusen machen musst | Foto: Thinkstock/anyaivanova
Autorenbild

16. Mär 2016

Nathalie Klüver

Zündstoff

Tierversuche im Studium

Alternativlos?

Zwischen Protesten und Pflicht

Soviel vorneweg: Nein, man muss nicht unbedingt eine Ratte aufgeschnitten haben, um Mediziner und Biologe zu werden. Es gibt heutzutage immer mehr Hochschulen, die ein Studium ganz ohne Tierversuche anbieten. Bei den Medizinstudiengängen sind es mittlerweile mehr als die Hälfte der Universitäten.

An dieser Katzenatrappe wird die Intubation geübt | Foto: Interniche.orgBesonders in den Achtziger und Neunziger Jahren gab es große Studentenproteste gegen Tierversuche – damals gehörten beispielsweise Versuche an lebenden Hunden zu den Pflichtübungen im Medizinstudium. Seit den Protesten gehen die Zahlen zurück. Dennoch sind Versuche an Tieren oft ein fester Bestandteil in naturwissenschaftlichen Studiengängen und Forschungen. Und nicht immer kann man sich die Hochschule aussuchen, an der man studieren möchte.

In 2014 wurden mehr als zwei Millionen Tiere in deutschen Versuchslaboren eingesetzt, so das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Versuche an lebenden oder an toten Tieren

Studiengänge, in denen einen Versuche an Tieren oder das Sezieren erwartet, sind unter anderem Medizin, Tiermedizin, Biologie, aber manchmal auch Agrarwissenschaften, Ernährungswissenschaften, Pharmazie oder Psychologie. Auch bei Ausbildungsberufen können einem solche Versuche begegnen, zum Beispiel bei der Ausbildung zum Tierpfleger oder zu medizinisch- oder biologisch-technischen Assistenten.

Mit Tierversuchen sind nicht nur Versuche an lebenden Tieren gemeint, sondern auch Versuche oder das Sezieren von verstorbenen Tieren – die früher meist extra für die Vorlesung getötet wurden. Das Argument der Befürworter: Durch die Praxis lerne man am besten, selbst Erfahrenes und Durchgeführtes präge sich besser ein als nur Gehörtes oder Gelesenes.

Gerade das komplizierte Handwerk Operieren müsse ja zunächst geübt werden, bevor man die angehenden Mediziner auf Menschen loslässt. Doch mittlerweile wird immer häufiger auf "Tiere aus ethischen Quellen" gesetzt. Damit sind Tiere gemeint, die auf natürliche Weise gestorben sind oder eingeschläfert werden mussten.

Kannst du den Anblick eines plastinierten Froschs ertragen? | Foto: Interniche.org

Welche Alternativen gibt es?

Über 500 Alternativmethoden zu Tierversuchen gibt es mittlerweile. Zum Beispiel Lehrvideos. Um das Innere eines Regenwurmes zu erforschen, wurden früher Regenwürmer zerteilt – heute setzt man mehr und mehr auf Videos. Die bieten zudem den Vorteil, dass man sie beliebig oft wiederholen kann. Einige Experimente können auch gefahrlos an einem selbst durchgeführt werden, heißt es von vielen Hochschulen. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass man sich selbst Blut abnehmen muss! Aber zum Beispiel können mit modernen Methoden ganz einfach und schmerzlos Muskelströme an einem Studentenarm bestimmt werden – ohne dass dafür ein Froschmuskel herhalten muss.

Der Computer ersetzt den Tierkörper

Eine Computersimulation vom Inneren eines Tiers | Foto: Interniche.orgAuch Computersimulationen helfen beim Lernendie neuen Technologien erschließen immer mehr Möglichkeiten im Labor. Wissenschaftler an der Vetmeduni Vienna haben bewiesen, dass ein Training am Simulator ähnlich gute Lernerfolge bringt wie das Lernen am lebenden Tier.

Durch neue Technologien können heute auch Silikonmodelle gebaut werden, an denen sich das Blutabnehmen oder Operieren üben lässt. Eine andere Forschungsmethode, die ohne Tiere auskommt, sind Studien mit Zell- und Gewebekulturen, mit denen man beispielsweise die Wirkung von Medikamenten oder Giften testen kann.

Eine Übersicht über die Hochschulen, die ohne Tierversuche auskommen, gibt zum Beispiel das Ethik-Hochschulrankig des Bundesverbandes der Tierversuchsgegner. Die Zahl der Hochschulen, die auf Alternativen setzen, steigt jedoch immer weiter. Deshalb sollte man sich vorher genau den Lehrplan anschauen oder auch einfach beim Studiengang direkt nachfragen, ob die Versuche ein Pflichtbestandteil sind.


PRO und CONTRA: Tierversuche im Studium

Dr. Matthias Schmidt ist Tierschutzbeauftragter der Ruhr-Universität Bochum. Er berät Forscher bei Tierversuchen über jeweils angemessene Verfahren oder Alternativen, prüft Versuchsanträge und leitet sie an die entsprechenden Behörden weiter. Zudem überwacht er die Versuche und bildet Studenten in speziellen Kursen aus.

"Tierversuche sind Bestandteil einiger Studiengänge, beispielsweise gibt es Präparierkurse in jedem Biologie-Grundstudium. Ich bin zwar kein genereller Gegner von Tierversuchen, Ziel und Zweck müssen aber vernünftig gerechtfertigt sein. Manchmal bieten sich Alternativen an, aber nicht immer. Wenn es Alternativen zum Tierversuch gibt, dann müssen diese auch angewendet werden.

Für manche späteren Berufe ist die Praxis im Rahmen des Studiums wichtig und ich finde es etwas naiv, wenn Studenten so jung schon behaupten, bei ihren zukünftigen Arbeitsstellen müssten sie keine Tierversuche durchführen. Ich warne meine Studenten vor der allgemeinen Rechtfertigung 'Tierversuche dienen der Heilung von Krankheiten'. Damit macht man es sich natürlich leicht, aber das Argument ist schwach, wenn es um Grundlagenforschung geht, da nur ein sehr kleiner Anteil der Versuche wirklich unmittelbar für lebensnotwendige Medikamente verwendet wird."

3 Fragen an Richard David Precht*

Richard David Precht | Foto: Jens KomossaRichard David Precht ist Philosoph und Bestsellerautor. Die Tierethik ist eines seiner Steckenpferde und zieht sich durch all seine Bücher.

UNICUM: Denken Sie, Menschen, die Versuche an Affen durchführen, sind gewissenlos?

Richard David Precht: Ich denke, sie schaffen es, ihr mehr oder weniger schlechtes Gewissen wegzuerklären, indem sie die Sachen so rationalisieren, dass es nicht mehr weh tut. Müsste nur ein einzelner Student dies tun, während alle anderen davon befreit sind, würde er es aus ethischen Gründen verweigern. Aber wenn es ein ideologisches System gibt, das sagt: "Dies ist Wissenschaft, bitte keine falschen Sentimentalitäten, es dient schließlich dem Fortschritt der Menschheit", dann können wir so etwas vor uns rechtfertigen.

Was sagen Sie zu dem Argument, dass es ohne Tierversuche keine lebensrettenden Medikamente gäbe?

Wir müssen zwischen zweierlei unterscheiden. Die Mehrzahl der Tierversuche wird durchgeführt, weil nach den Richtlinien für die Zulassung von Medikamenten Tierversuche vorgeschrieben sind. Also geht es um die Frage, wie verträglich ein Medikament ist. Es gibt aber auch Tierversuche im Sinne des medizinischen Fortschritts. Das ist eine verschwindende Minderheit. Wenn für die Krebs-, Aids- oder Parkinsonforschung Affen gebraucht werden, ist das etwas völlig anderes.

Und Tierversuche in der Lehre?

Ich denke, die moderne Technik macht Tierversuche in der Lehre eigentlich überflüssig. Das ist eher noch so eine Tradition. So wie Burschenschaftler sich noch einen Schmiss verschaffen. Das sollte mehr oder weniger auslaufen.

* Interviewt von Merel Neuheuser

Artikel-Bewertung:

3.26 von 5 Sternen bei 211 Bewertungen.

Deine Meinung: